Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ich weiß schon, wieso ich den Oskar damals prima fand …

„Haben alle schon den ganzen Unsinn vergessen, den Lafontaine und seine Anhänger in den entscheidenden Monaten verbreiteten? Erst forderte der damalige SPD-Politiker zusätzliche Wirtschaftshilfen, um die DDR zu stabilisieren. Noch im November 1989 wollte er die Übersiedlung von Ostdeutschen in die Bundesrepublik administrativ begrenzen. Im Dezember warnte er unter dem großen Beifall seiner Genossen vor „nationaler Besoffenheit“. Lafontaine sperrte sich vehement gegen die Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands in der Nato. Und im Sommer 1990 stimmte das Saarland unter seiner Führung als einziges Bundesland gegen die Währungsunion.“

Und Bernd Ziesemer war vermutlich schon immer ein „Pygmäe“ unter den Chefredakteuren und erreicht noch nicht mal den Status einer Fußnote in der Geschichte des Journalismus. Sonst würde er wohl kaum ein Bild wie „Pygmäe“ wählen. Demnächst unkt er gegen jene, die was gegen „Zwergenwerfen“ haben und gründet eine Initiative zur Rehabilitierung der „Völkerschau“-Betreiber. So als groß gewachsener Vertreter der weißen, nordischen Rasse, wie auch Helmut Kohl einer ist. An dem Punkt, wo Deutschland einen Bambuti als Bundeskanzler akzeptieren würde, wäre dieses Land vielleicht wirklich jenseits des Rassismus angekommen. Was hat „Pygmäe“ eigentlich für eine Begriffsgeschichte? (Hat Che in der Kommentarsektion“ erläutert.)

Zum heiklen Punkt der retrospektiv plausiblen Forderungen Lafontaines, deren Richtigkeit übrigens selbst ein Wolfgang Schäuble einräumte, so weit es die Kritik am Umtausch Ostmark-Westmark 1 zu 1 betraf, gibt es jedoch mehr zu sagen: Eben zur administrativen Begrenzung der Umsiedlung von Ostdeutschen in den Westen. Helmut Kohl hat damals, kurz nach der „Wieder“-Vereinigung, den Schlägern und Steinewerfern in Hoyersverda und Lichtenhagen de facto in deren Anliegen zugestimmt und zusammen mit der SPD wenig Probleme gehabt, den Slogan „Das Boot ist voll!“ durch eine Grundgesetzänderung, die des Asylrechtsparagraphen, in Regierungshandeln umzusetzen – um so eben jenen völkischen Einschlag, der die „Wieder“vereinigung antrieb, auch weiterhin zu forcieren. Über diese „administrative Begrenzung“ empört sich selbstverständlich keiner, der von „Pygmäen“ schreibt. Eine Horror-Story, die sich in Kochs Kampagne gegen die Abschaffung des Abstammungs-Staatsbürgerrechts dann fort  schrieb und in Abschiebeknästen alltäglich wiederholt. Die retrospektive Empörung angesichts der damaligen Forderungen Lafontaines kann ich insofern nicht nachvollziehen, „administrative Beschränkung von Umsiedlungen“ ist doch auch weiterhin Staatszweck – daß Lafontaine mit dem unverzeihlichen „Fremdarbeiter“-Spruch ins selbe Horn stieß, zeigt nur, wie durch immer neue Exklusionsdebatten manche in diesem Land sich ihrer „Identität“ versichern.

Es gab Zeiten, da war es Habermas‘ „Postnationale Konstellationen“ noch möglich, Diskussionen anzustoßen. Jetzt lobt sogar Heribert Prantl, wohl ein „Hottentotte“ unter den Kommentatoren, sogar die Rede von Herrn Wullf. Armes Deutschland.

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9 Antworten zu “Ich weiß schon, wieso ich den Oskar damals prima fand …

  1. che2001 Oktober 4, 2010 um 11:34 am

    Pygmäe ist eigentlich die griechische Bezeichnung für Zwerg, die entsprechende ethnische afrikanische Gruppe selbst bezeichnet sich als Bambuti.

  2. momorulez Oktober 4, 2010 um 11:36 am

    Ah, gut! Das ändere ich prompt noch mal im Text und nehme an, daß der Herr Ziesemer nicht die griechische Urspungsbedeutung meinte, die gegenüber Kleinwüchsigen auch nicht wäre.

  3. che2001 Oktober 4, 2010 um 11:45 am

    Aus Bambuti und Bambus, was schon an sich eine Verballhornung ist weil beides etymologisch nicht miteinander zu tun hat leiteten die deutschen Kolonialrassisten übrigens den Begriff „Bimbo“ im Sinne von im Bambusdickicht siedelnde Wilde ab.

  4. momorulez Oktober 4, 2010 um 11:49 am

    Da gibt es auch nix, was nicht gruselig konnotiert wäre – das ist ja das Hundsgemeine an alle Formen des Kolonisierens, daß die Sprache, in der man sich auch selbst versteht, schlicht verseucht ist durch die Kolonisatoren.

  5. Loellie Oktober 4, 2010 um 1:23 pm

    Bist du mit dem „Bimbo“ sicher? Die Bedeutung im deutschen ist ja unzweifelhaft, nur gibts das auch im englischen. Ist nicht einfach zu übersetzen, vllt das Gegenteil einer grauen Maus, junges Mädel, hübsch, sexy, aufgebretzelt und setzt gezielt ihre weiblichen Reize unfair ein … oder sowas in der Art. Vllt ja auch nur „junges Ding“.

  6. Loellie Oktober 4, 2010 um 1:28 pm

    Warum guck ich nicht gleich auf Wikipedia

    http://en.wikipedia.org/wiki/Bimbo

    Bimbo is a term that in popular English language usage describes a woman who is physically attractive but has a low intelligence or poor education. The terms can also be used to describe a woman who acts in a sexually promiscuous manner. The term itself is not explicitly negative, but can be used as a derogative insult towards a woman.

    Use of this term began in the United States as early as 1919, where it was used as a slang term for an unintelligent or brutish male[1]. Its first inclusion in a official dictionary for its female meaning was in 1929, where the definition was given simply as „a woman“[2].

    The term Bimbo is often associated with, but is separate from, the stereotypes of „Dumb Blonde“ and „Valley Girl“ or the New Zealand „Shore Girl“.

    Und auf deutsch:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bimbo_%28Stadt%29

    Bimbo ist die Hauptstadt der Präfektur Ombella-Mpoko in der Zentralafrikanischen Republik.

    Und natürlich als Beleidigung gegen Schwarze.

  7. che2001 Oktober 4, 2010 um 2:04 pm

    Also das habe ich komplett anders gelesen, als Kunstwort aus „Bambuti“ und „Bamboo“, und zwar in einer Kolonialgeschichte der Deutschen in Afrika.

  8. Loellie Oktober 4, 2010 um 3:44 pm

    Das muss ja alles nicht mal ein Widerspruch sein.

  9. che2001 Oktober 4, 2010 um 5:07 pm

    Nein, natürlich, zumal das eine sehr elementare Lautbildung ist. In Italien z.B. heißt Bimbo ganz einfach Baby, und viele Clowns nannten sich früher Bimbo, weil sie das Wort als solches lustig fanden.

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