Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: September 29, 2010

Ohne Worte

Verstand, Vernunft, Dialektik

“Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest; die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstands in Nichts auflöst; sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt, und das Besondere darin begreift. Wie der Verstand als etwas Getrenntes von der Vernunft überhaupt, so pflegt auch die dialektische Vernunft als etwas Getrenntes von der positiven Vernunft genommen zu werden. Aber in ihrer Wahrheit ist die Vernunft Geist, der höher als Beides, verständige Vernunft, oder vernünftiger Verstand ist. Er ist das Negative, dasjenige, welches die Qualität sowohl, der dialektischen Vernunft, als des Verstandes ausmacht;—er negirt das Einfache, so setzt er den bestimmten Unterschied des Verstandes, er löst ihn eben so sehr auf, so ist er dialektisch. Er hält sich aber nicht im Nichts dieses Resultates, sondern ist darin ebenso positiv, und hat so das erste Einfache damit hergestellt, aber als Allgemeines, das in sich konkret ist; unter dieses wird nicht ein gegebenes Besonderes subsumirt, sondern in jenem Bestimmen und in der Auflösung desselben hat sich das Besondere schon mit bestimmt. Diese geistige Bewegung, die sich in ihrer Einfachheit ihre Bestimmtheit, und in dieser ihre Gleichheit mit sich selbst giebt, die somit die immanente Entwickelung des Begriffes ist, ist die absolute Methode des Erkennens, und zugleich die immanente Seele des Inhalts selbst. —Auf diesem sich selbst konstruirenden Wege allein, behaupte ich, ist die Philosophie fähig, objektive, demonstrirte Wissenschaft zu seyn.”

Hegel, Wissenschaft der Logik, Band 1, S. 22 – 24

So ein iPad ist schon prima – da schleppt man ständig die “Wissenschaft der Logik” mit sich herum, hat es schon fast vergessen, liest bei Hartmut (im iPad-App verlinken, dazu bin ich zu doof, sorry), denkt sich: Irgendwas stimmt da nicht, liest beim ollen Hegel nach und staunt.

Weil die, wenn ich das richtig verstehe, Frage der Prädikation – “x ist rot” – gekoppelt bleibt an die Bewegung zwischen Verstand und Vernunft als zweier zu vermittelnder Ebenen des Geistes, wobei Vernunft das Allgemeine fasst, Verstand die Konkretion, ganz wie bei Kant, wo Verstand die Sinnesdaten “sortiert” nach vorgebenen Regeln, Vernunft jedoch, der Sinnlichkeit enthoben, daraus die Schlüsse zieht. Nur so kann Freiheit sein.

Indem jedoch Vernunft als das Allgemeine das verstandesgemäß begrifflich Bestimmte, das Einzelding, das rot ist, als Einzelding aufhebt in dem Begriff allgemeiner Röte, negiert sie das Besondere ALS Besonderes, um dennoch freilich über es etwas auszusagen.

Pointe wäre dann freilich nicht, daß ein Aspekt hervor gehoben würde, ein Anderer ignoriert, sondern daß die Relation singulärer Termini – “das Heidelberger Schloß” – und Genereller Termini – “rot” als ein zweistufiges, das die Relation Allgemeines und Besonderes dynamisiert, verstanden wird. Wie “singulär” und “generell” ja schon besagen. Nur daß die singulären Termini Verstandesbegriffe, die generellen Vernunftbegriffe wären, mal bauernschlau sortiert.

Im Forschreiten dieser Bewegung in der Relation besonders/allgemein, Verstand/ Vernunft, auch historisch dynamisiert, von all dem Besonderen, es aufhebend im Allgemeinen, vollzieht sich dann der Weg zum immer Allgemeineren, das, das Besondere umfassend und enthaltend, somit eine Annäherung an das Absolute bedeutet als Bewegung des Geistes selbst. Da zudem von Anbeginn an das Ganze, die Totalität, voraus gesetzt und alles Besondere nur als ein Ausschnitt daraus gedacht wird.

Ein Adorno dann, dem das Ganze das Unwahre war, der dennoch die Brutalität des Subsummierens unter das Allgemeine philosophisch so intensiv spürte wie kein Anderer und an der Sehnsucht nach dem ganz individuellen Namen für jedes Einzelding fest hielt, dynamisierte dahingehend, daß das falsche Allgemeine nie das Besondere in sich aufheben konnte. Begriffe sind notwendig allgemein und umfassen, wie Mengenlehre demonstriert, die Einzeldinge; im Denken Adornos vermögen diese unbenannt und negativ, also unbestimmt und sich der Bestimmung widersetzend zu widerstehen und gehen im Allgemeinen nicht auf. Indem die Philosophie bei der Kritik, dem Negativen, verbleibt, tut sie den Dingen die Gewalt des Bestimmtseins, des Subsummiertseins unter ein Allgemeines, nicht an.

So, Hegelanianer und Adorniten, nun zerfetzt mich und helft bei der Klärung.

NACHTRAG: Hier und hier die Texte Harmuts, auf die ich indirekt Bezug nehme.

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