Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schopenhauer-Missbrauch und -Gebrauch

Auch wenn ich auf solch meiner Ansicht nach rechtsradikale Schwulenhasser normalerweise nicht verlinken würde, dieser Text ist schon für philosophisch Halbgebildete so lustig in seinem Verfahren, dogmatisierte Grundbegriffe in ihm fremd bleibendes Denken hinein zu lesen und Namen wie Hegel und Marx nur als Chiffre von allerlei Projiziertem wahrzunehmen, daß es schon deshalb lohnt, sich über ihn zu amüsieren. Klarer Fall von Diskursvermengung und dem Umschlagen von Aufklärung in pseudoliberale Mythologie.

Als Gegenbeispiele seien viel zu spät verlinkt die Würdigungen Schopenhauers durch Bersarin und Hartmut. Für die, die sie nicht eh schon gelesen haben.

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65 Antworten zu “Schopenhauer-Missbrauch und -Gebrauch

  1. hf99 September 24, 2010 um 3:30 pm

    Das hier finde ich am geilsten:

    Literatur:

    Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung

    Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

    Arthur Schopenhauer: Pareiga und Paralipomena

    Erstens: Parerga und… aber gut, vertippt! Nur: Die Aph. zur Lebensweisheit sind ja Teil der Parerga, hätten also nicht gesondert aufgeführt werden müssen 😉

  2. momorulez September 24, 2010 um 4:34 pm

    Jetzt mußte ich ja erst mal kurz identifizieren, wer Du bist 😉 – das ist auch sonst wirklich Wirrwarr. Ganz gute Passagen wechseln gerade hinsichtlich dessen, was Du zur „Zerstörung des moralischen Subjekts Kants“ schreibst, mit totalem Unsinn ab – Liberalismus ohne ein vernünftig handelndes Subjekt ist eben Quatsch. Weil der Herr Leid statt Freiheit als Universalie verkündet, um ökonomische Schweinereien zu legitimieren. Auch die Mitleidsethik ist nun exakt das Gegenteil dessen, was die Rechtsliberalen verkünden. Das verbuchen die normalerweise unter „Gutmensch“. Auch die Attacken auf die Geschichtsphilosophie treffen genau so auch jeden kapitalistischen Fortschrittsglauben.

  3. che2001 September 26, 2010 um 12:34 pm

    Jaja, und Schopenhauer war zugleich Minarchist und Monarchist – wohl ein früher Hoppe – der Buddhismus ist kindlich wegen seiner Reinkarnationslehre, die nur ein Bäumchen-wechsel-dich ist und Schopenhauer wahrscheinlich schon deswegen gut, weil er Hegel nicht mochte und ohne diesen Marx nicht denkbar war. Auf diesen letzten Halbsatz kann dieser ganze Gallimatthias, um mal mit Schopenhauer zu sprechen nämlich eingedampft werden.

  4. che2001 September 26, 2010 um 2:11 pm

    Wieso das ein Schwulenhasser ist erschließt sich mir aus dem Text allerdings nicht.

  5. momorulez September 26, 2010 um 3:28 pm

    Ich meinte die „Eifrei“ im Allgemeinen. Da sind schon Texte erschienen, über die selbst Gaywest sich aufregen mußten.

  6. che2001 September 26, 2010 um 3:35 pm

    Gut, das verwundert bei der Sammlung kleinbürgerlicher Neurosen auch nicht weiter, die die sonst so mit sich rumtragen.

  7. David September 26, 2010 um 4:59 pm

    der Buddhismus ist kindlich wegen seiner Reinkarnationslehre, die nur ein Bäumchen-wechsel-dich ist

    Qualifizieren Sie sich erst einmal, Herr Che, bevor sie gegen diesen großen Kenner ‚des‘ Buddhismus in am Ende noch überheblicher Weise ulken!

  8. momorulez September 26, 2010 um 5:06 pm

    Ich weiß übrigens gar nicht so recht, ob der Buddhismus-Bezug bei Schopenhauer das Entscheidene war, waren das nicht eher die Urtexte des Hunduismus (auf denen der Buddhismus selbstverständlich auch aufbaut), Upanishaden und so?

  9. che2001 September 26, 2010 um 5:23 pm

    Doch, Schopenhauer begründete eine Richtung, die er selbst Neubuddhismus nannte. Unterscheidet sich vom vedischen Brahmanismus, mit dem Schopenhauer sich intensiv auseinandergesetzt hat durch seine Mitleidsethik. Hat übrigens auch etwas Esoterikähnliches: Der Satz „Tat twam asi“ bedeutet „Das bist Du“, was sich als „Das All bist Du“ und als Das bist DU“ deuten lässt und sinngemäß meint, das alles Seiende in allem anderen Seienden angelegt sei. So ging er davon aus, dass jeder seiner Pudel eine Reinkarnation des früheren, verstorbenen Hundes sei, bzw. zumindest das Wesen dieses Hundes in dem anderen Hund angelegt sei, wie auch der Tod jedes Menschen ihn anginge weil er an der Menschheit teilhabe, die Menschheit insgesamt aber immer die Gleiche bleibe, egal wieviele sterben, weil die Anzahl an unsterblichen Seelen immer gleich bleibe.Schopenhauer hielt den Buddhismus gegenüber Christentum, Islam und Judentum für die vernünftigere und rationalere Religion.

  10. momorulez September 26, 2010 um 6:05 pm

    Ich muss das jetzt alles eh noch mal nachlesen; ich erinnere mich eher an die Auseinandersetzung mit dem Brahmanismus, was eine unglaublich faszinierende Geschichte ist.

  11. che2001 September 26, 2010 um 6:21 pm

    Ähem, Brahmanismus ist nicht identisch mit Hinduismus, und sowohl dieser als auch der ursprüngliche Buddhismus wurzeln beide im Brahmanismus. Zentral sind die Vorstellungen einer Weltseele (Brahman) und einer Individualseele (Athman) sowie des ewigen Kreises aus Tod und Wiedergeburt, und zwar wie oben so unten, wie im Großen so im Kleinen. Dem Sterben und Wiedergeborenwerden der Einzelseele entspricht ein Wachsen und Schrumpfen derWeltseele, der „Atem Brahmans“. Es gibt Physiker, die die Meinung vertreten, dies beschreibe ein pulsierendes Universum mit Urknall, Ausdehnung, Kontraktion und Zusammenbruch als ewigen Zyklus.

  12. hf99 September 26, 2010 um 6:54 pm

    Hi,

    es war bei Schopenhauer – zumindest kann man ihn so lesen – vielleicht noch etwas anders gemeint: Indem ich mich ENTindividualisiere, indem ich erkenne, dass „mein“ Wille „der“ Wille ist, und zwar derselbe, der bei „dir“ wirkt und in aller Kreatur wirkt, kommt es zur Entgrenzung und zum Mitleid, nämlich zum ineinssetzen zwischen „du“ und „ich“.

  13. momorulez September 26, 2010 um 7:41 pm

    @Che:

    Das sind meinen religionskundlichen Büchern zufolge aber sehr wohl zugleich die Urtexte des Hinduismus. Zudem, wie war das noch mit Vishnu, der eine Raum, der andere Zeit? Einer atmet doch die ganze Zeit die Welt ein und wieder aus, und dann haben sie noch das Milchmeer gebuttert und Shiva trat als Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“ hinzu, so eine Art Schumpeter ;-), und zugleich Weltentänzer mit auf den Plan?

    @Hartmut:

    Danke für die Ergänzung! Ich muss jetzt echt erst mal nachsitzen, das ist alles so lange her …

  14. che2001 September 26, 2010 um 9:13 pm

    Also, der Unterschied zwischen Brahmanismus, Hinduismus und Buddhismus ist grob gefasst der: Buddhismus und Hinduismus sind beides Heilsreligionen, wobei der Buddhismus eine Erlösungsreligion ist, der Hinduismus hingegen läutern, aber nicht erlösen will. Dem Budhismus geht es darum, das Rad des Karmas zu überwinden und nicht mehr wiedergeboren zu werden und ins Nirwana einzugehen, dem Hindiiusmus geht es darum, durch gute Taten im nächsten Leben als ein glücklicherer, privilegierter Mensch wiedergeboren zu werden. Dazwischen gibt es auch noch den Jainismus, der Erlösung durch härteste Askese und Selbstpeinigung, nicht wie der Buddhismus durch maßvolles Leben, gute Taten und meditative Versenkung erreichen will. Der vedische Brahmanismus, der mit Jainismus und Hinduismus die gleichen Götter teilt (im Buddhismus sind Götter minder wichtig und von Region zu Region unterschiedlich, in China oder Japan z.B. übernommene Götter vorbuddhistischer Zeiten, in Tibet Götter der Bon-Religion) war keine Heilsreligion, sondern bot lediglich eine Welterklärung. Wie bei den Hellenen auch wurden Götter angebetet, um für sich selber Vorteile zu erreichen oder Unheil zu verhindern, es gab aber kein Heilsversprechen im engeren Sinne.

  15. momorulez September 26, 2010 um 9:35 pm

    Ich lese das noch mal nach – meines Wissens ist es auch im Hinduismus so, daß Ziel ist, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen und das Gesetz des Karma, also Ursache und Wirkung, ebenso gilt, so dass das beste ist, so wenig wie möglich zu tun, weil man damit auch keine Karma verursacht. Will hier aber auch gar nicht dumm rumschwätzen, das ist nun auch 10 Jahre her, daß ich da mal mehr drüber gelesen habe. Bei Schopenhauer mehr als 20.

  16. che2001 September 26, 2010 um 9:49 pm

    Lies mal, bin gespannt, was Du ausgräbst! Bei mir ist das über 25 Jahre her.

  17. hf99 September 26, 2010 um 10:21 pm

    Hi

    ich kann jetzt mal nur n kleines Detail beisteuern.

    Was mich an der Fernostheilslehrenbesoffenheit immer so geärgert hat war das Gelalle a la „Der Bhuddismus ist die einzige Religion, die noch nie einen Krieg vom Zaun gebrochen hat!“ Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem sehr nahen Freund, Buddhist, der endlich einmal einräumte: „natürlich hats auch im Buddhismus Kriege gegeben. Idioten, die sich gegenseitig wegen der reinen Lehre die Tempel kaputt gemacht haben! Idioten gibts immer und überall!“ etc. Da kann man weitermachen!

    Mich hat – siehe die Esoterik-Debatte beim che – genau diese Selbstgefälligkeit immer geärgert: „Wir Fernöstler, das war die Metapher, die transportiert wurde, sind bessere Menschen. Denn wir üben keine Gewalt aus. Im Gegensatz zu Euch. Ob Ihr nun Monotheisten seid oder Agnostiker („Hier!“) oder Atheisten. Ihr Westler! Ihr habt die Gewalt in die Welt getragen!“

    Das ist, dummdialektisch gesprochen, die schlechte Negation gegen die westliche Gewalt und weiter gar nichts.

  18. che2001 September 26, 2010 um 10:28 pm

    Es gibt ja gar nicht DEN Buddhismus. Die Unterschiede zwischen Mahayana, Hinayanah, Samadhi, Tibetischem Buddhismus und Zen sind so groß wie die zwischen Katholizismus, Orthodoxie, Protestantismus, Freikirchen und Evangelikalen oder zwischen Sunnismus, Schiismus, Aleviten und Ismaeliten.

  19. hf99 September 26, 2010 um 10:33 pm

    richtig che, aber um mal nur aufs christentum zu sprechen zu kommen: Alle von Dir benannten christlichen S e k t e n (ätsch!) glauben eben irgendwie an Jesus.

    Und genau so glauben alle Buddhisten an die Kerntexte. Etwa an die vom Pali-Kanon, in irgend einer Form. http://de.wikipedia.org/wiki/Pali-Kanon

  20. momorulez September 26, 2010 um 11:04 pm

    Ja, aber was sagt uns das jetzt, daß alle „Sekten“ an Jesus glauben und es Gewalt nicht als westliches Spezifikum nur gegeben hat?

  21. che2001 September 26, 2010 um 11:04 pm

    Ja und? Der Islam sagt, dass Juden, Christen und Muslime an die Bibel (d.h. Altes Testament) glauben. Die Jeziden halten das Neue Testament für eine Fehlinterpretation tatsächlicher Ereignisse, Jesus für einen Betrüger und Johannes den Täufer für den Messias. Und so haben eben auch Hinduismus, Jainismus und Buddhismus im Brahmanismus eine gemeinsame Quelle, es gibt sogar Überschneidungen, zum Beispiel halten Muslime auf Sumatra ein altes Krokodil für eine Reinkarnation von Mohamed. Deren Islamvorstellung ist ein Synkretismus aus Hinduismus und Islam. Auf Bali pflegt man Göttertstatuen zu bestrafen, wenn Gebete nicht erfüllt wurden und verknüpft sicherheitshalber Hinduismus, Buddhismus und Islam, man muss sich ja nach allen Seiten absichern.

  22. che2001 September 26, 2010 um 11:07 pm

    Rabbi Meyr sprach übrigens zu Gott: „Adonei, mein Sohn issich geworden a Christ.“ Gott antwortete: „Meiner auch.“ „Und was habbet Du gemacht?“ „Habbe ich gemacht a neues Testament.“

  23. hf99 September 26, 2010 um 11:28 pm

    yep, ihr beiden, aber wo widerlegt mich das?

    che: „Der Islam sagt, dass Juden, Christen und Muslime an die Bibel (d.h. Altes Testament) glauben“

    Ja! Eben! Hab ich nicht nur nie bestritten, sondern im Gegenteil immer unterschrieben. Und nun?

  24. momorulez September 26, 2010 um 11:34 pm

    Es geht doch gar nicht um Widerlegung, sondern den Sinn der Fragestellung. Wir leben ja auch alle auf der Erde, so what? Was soll man mehr über das Leben dort berichten? Auch In Afrika hat es Kriege gegeben, ja und? Auch Madame Butterfly thematsiert Fernost, achwas!

    Ich verstehe nicht, worum es Dir geht.

  25. hf99 September 27, 2010 um 12:05 am

    ggfls um genau das, was du für dich reklamierst?

  26. momorulez September 27, 2010 um 12:08 am

    Was reklamiere ich denn für mich?

  27. hf99 September 27, 2010 um 1:11 am

    „Auch In Afrika hat es Kriege gegeben, ja und?“
    eben! so meinte ich es!

  28. David September 27, 2010 um 4:00 am

    meines Wissens ist es auch im Hinduismus so, daß Ziel ist, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen und das Gesetz des Karma, also Ursache und Wirkung, ebenso gilt, so dass das beste ist, so wenig wie möglich zu tun, weil man damit auch keine Karma verursacht.

    Bezogen auf den Hinduismus weiß ich’s nicht; im Jainismus ist es wohl so. Im Buddhismus nicht, denn dort konstituiert sich Kamma nur durch willentliche Handlungen. Ein Standardbeispiel ist der versehentliche Tritt auf ein Insekt. Er erzeugt nach Auffassung des Jainismus schlechtes Kamma, nach Auffassung des Buddhismus aber gar keines.

  29. David September 27, 2010 um 4:01 am

    (Mit Buddhismus beziehe ich mich hier auf den Theravada, gehe aber davon aus, daß die anderen Schulen sich in dieser Hinsicht im Wesentlichen nicht davon unterscheiden.)

  30. momorulez September 27, 2010 um 9:23 am

    @Hartmut:

    Na, da wollte ich Dich doch eigentlich nur ein wenig persiflieren 😉 … diese „die Anderen aber auch!“-Argumente finde ich immer seltsam.

  31. momorulez September 27, 2010 um 9:27 am

    @David:

    Das Beispiel, an das ich mich aus dem Buch erinnere, das bemerkenswertweise einen heideggerrianischen Ansatz verfolgte und Religion als Frage nach dem „Sein des Seienden behandelte“, war das Beispiel, daß jemand eine Uhrendieb nicht denuzieren wollte, um kein schlechtes Karma zu erzeugen. Und der Dieb sei ja automatisch genug gestraft.

  32. che2001 September 27, 2010 um 12:32 pm

    Zu der in dem verlinkten Artikel geschilderten Überheblichkeit und Egozentriertheit Schopenhauers passt, dass er einmal gesagt hatte, Kant wäre notwendig und überhaupt dazu da gewesen, die Welt auf Schopenhauer vorzubereiten.

  33. David September 27, 2010 um 1:46 pm

    Auch die Lehre vom Kamma hat bisweilen seltsame Blüten getrieben. Ein guter Freund hat mir mal eine Geschichte erzählt: Ein Mönch war auf der Reise durch eine gefährliche Gegend. Er war auch schon, ohne es zu wissen, ins Visier von Banditen geraten, die ihn zu überfallen planten. Einer von diesen kannte den Mönch von früher und mochte ihn, deshalb schlich er nachts zu ihm, um ihn zu warnen. Unmittelbar nachdem er ihn gewarnt hatte tötete ihn der Mönch – in bester Absicht, denn wenn die letzte Tat oder der letzte Geisteszustand vor dem Tod von herausragender Güte ist, dann kann er alles in der Vergangenheit (von einem Banditen vermutlich) gewohntheitsmäßig angehäufte schlechte Kamma gleichsam überdecken und somit zu einer vorteilhafteren Reinkarnation führen, als anders je denkbar gewesen wäre (die Umkehrung gilt ebenfalls). Der Mönch war also durchaus der Meinung, seinem Retter einen großen Gefallen getan zu haben.

  34. Nörgler September 27, 2010 um 2:19 pm

    Schopenhauer hat nur die Seite der Produktivkräfte gesehen; darauf reitet der Eifrei dann rum. Es sind jene Produktivkräfte, deren bürgerliche Entfesselung zu loben Marx nicht müde wurde (was von Robert Kurz dann ständig bemäkelt wird).
    Einmal mehr zeigt sich die völlig Absenz jeglicher Sensibilität für historische Valeurs bei den Liberallalas. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob ich Anfang des 19. Jahrhunderts die Produktivkraftentwicklung abfeiere, dies also zu einer Zeit tue, in der an der von Walter Benjamin so luzide destruierten Ideologie des Fortschritts tatsächlich noch was dran war, oder ob ich das im Jahr 2010 mache.

    Schopenhauer ist bedeutend als Bewahrer und Verteidiger der Sprache. Als Erkenntniskritiker und Ästhetiker ist er nicht erstligafähig. Seine Äußerungen zur Musik etwa sind bizarr.
    Auch ich hätte als Student seinerzeit nicht lange nachdenken müssen, wessen Vorlesung ich besuche. „Der große Antipode Hegels“ ist eine Albernheit, die der inflationären Selbstbewertung Schopenhauers aufsitzt.

    Ihm allerdings, wie der von entdinglichung verlinkte Text es tut, vorzuwerfen, daß er einer Bank die Hammelbeine langzog, die ihn offensichtlich über den Löffel balbieren wollte, das ist dann auch nicht wirklich gelungen.

  35. momorulez September 27, 2010 um 2:46 pm

    @Che:

    Ich bekenne ja, daß diese eher aus Frust und Misanthropie im real life bei Schopenhauer entspringende Exzentrik und der Größenwahn, der durchaus auch mit Respektlosigkeit gepaart war, mir irgendwie sympathisch ist 😉 – diese Biographie von Safranski, auf die auch bersarin verwirft, ist wirklich herrlich zu lesen!

    @David:

    Das liest sich echt wie Bilanzierungsregeln oder irgendsowas BWL-mäßiges.

    @Nörgler:

    Das ist ja die Groteske bei Eifrei, wie sie ihre anthropologischen Konstanten pflegen und zugleich völlig unvermittelt kapitalistischen Geschichtsoptimismus pflegen. Was Staat sei, daß da nämlich vor allem liberaler Eigentumsschutz institutionalisiert wird, bliebt wie üblich ebenso unterbelichtet wie die Entwicklung Hegelschen Denkens, der „preußische Staatsphilosoph“ war er ja nun auch nicht immer schon. Marx wird einigermaßen blöde dem Etatismus zugeschlagen und die Schopenhauersche Metaphysik als Metaphysik des Irrationalen mal eben der wirtschaftlichen Konkretion zugeschlagen bei Ignoranz dessen, daß es eine Metaphaysik des Irrationalen ist – ach, was soll man sich überhaupt drüber aufregen.

    Ich muß jetzt aber tatsächlich nachsitzen; die Schopenhauersche Ästhetik im Falle der Musik habe ich als recht prima in Erinnerung. Aber wie gesagt, das ist 20 Jahre her, daß ich das und darüber gelesen habe.

  36. ziggev September 27, 2010 um 3:00 pm

    Was Schopenhauer in Sachen Buddhismus angeht, bin ich etwas skeptisch. Wie steht´s da eigentlich mit den Übersetzungen, die ihm zur Verfügung standen?

    Überhaupt nervt mich nicht nur dieses „eso“-Rumgehampel somdern auch die (bildungs)bürgerilchen, verdrucksten „Annäherungs“- wenn nicht Vereinnahmungsversuche. Was ist da nicht alles für Schmarrn zusammengeschrieben worden. Wenn die westliche Kultur schon nicht der östlichen überlegen ist, dann doch zumindest gleichwertig. „Spirituelle“ Erlebnisse könne man ja auch beim Singen in der Kirche, beim Beten, beim Hören z.B. von Bach haben. Dann wäre da außerdem noch Meister Eckhart … In dieser Richtung z. B. Schirrmacher vor einiger Zeit, als es um das Gehirn und Meditation ging. Warum scheinen sie denn alle diese Selbstvergewisserung nötig zu haben, frage ich mich. Meine Antwort: Man kennt sich einfach nicht aus, das ist auch schon fast alles. Als gebildeter Abendländer sieht man nunmal die Religiösität durch die westliche Brille, nix zu machen. Ich weiß, dieses Argument ist alt, und es ist mir auch klar, wo dieser Allgemeinplatz herkommt, bzw. wie er populär geworden ist. Aber darum kommen wir m.E. nicht herum: Um den Einfluss von Baghwan/Osho, der bis heute sich auswirkt. Man bleibt bei einem ungefähren „spirituellen“ Gefühl stehen (damit meine ich nicht das Cliffhangerbeispiel von Che, drüben bei ihm schildert er es), und klaubt sich dann was aus dem abendländischen Bildungsschatz zusammen. Zen-Buddhismus z. B., sehr beliebt unter Intellektuellen, weil da diese Paradoxien vorkommen, man glaubt, damit etwas anfangen zu können, denn schließlich zeigen sie die Grenzen des Denkens auf. Und dann immer diese Unterwerfungsgeste, dieser „große Respekt“, den man dann z.B. dem ZEN gegenüber entgegenbringt (eigentlich ist der eigene hohe abendländische Bildungsgrad gemeint, und die ehrwürdige abendländische Kultur, denen endlich auch einmal die ihnen angemessene Ehrerbietung entgegengebracht werden müsse, die man, großzügig, wie man ist, der ach so „fremden“ Religiösität erweist).

    Okay, ich bin n i c h t intellektuellenfeindlich. Bitte, bitte hört nicht auf zu theoretisieren, Baghwan/Oshos Einlassungen sind für intellektuell Interessierte wenig reizvoll, ist mir klar; aber mir scheint allein die Tatsache, dass wir über „Spiritualität“ so ganz allgemein sprechen, dem Einfluss B/Os sich zu verdanken (jeder mag sich darunter etwas anderes vorstellen). Natürlich auch die Tatsache, dass es diesen ganzen „Eso“-Markt gibt, es handelt sich dabei lediglich um ein Label, um irgendwelchen, ichweißnichtwelchen, Mist zu verkaufen; es wurde ja (VT?) oft gesagt, da hätten die Osho-Leute ziemlichen Einfluss gehabt auf diese Entwicklung.

    Die Rede vom „Body-Mind“ z.B., damit hat ebenfalls B/O irgendwann, 1976, angefangen, er spricht jedoch vom „bodymind“ bzw. vom „mindbody“ und meint praktisch nichts anderes als Psychosomatik. (Daran lassen sich übrigens ganz nette Gedankenspiele anschließen, denn einerseits wird de Einheit von beidem behauptet, andererseits spricht er vom „bodymind mechanism“, d.h. „mind“, eher im Sinne von Verstand, scheint ganz auf der materiellen Ebene angesiedelt zu sein. Sanyasins reden ja gerne davon, das Ganze beziehe naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit ein; Baghwan/Osho als reduktionistischer Naturalist?)
    Und in der FAZ etwa wird zwar festgestellt, dass Berührungspunkte durchaus fehlen, die Begründung klammert sich jedoch an die gute alte westliche Leib-Seele-Problem-Terminologie.

    http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~EADCD7D6D616C442891EDC20F97552EC3~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Gut, jetzt habe ich mich genug als Baghwanist geoutet, aber nachdem ich auch aus beruflichen Gründen einige Tausend Seiten B/O-Diskurse gelesen habe, hatte ich für die Schirrmacher-Artikelserie nur ein Gähnen übrig. Das Meiste abgestandenes Zeug. Um so schlimmer, wenn man bedenkt, dass Baghwan/Osho selber leider oft nur Allgemeinplätze von sich gibt. Theoretisch ist das alles nicht sehr ergiebig. Mir scheint aber, der Asbach-Uralt-Osho-Ansatz hat sich letztlich durchgesetzt: soll ich etwa erst mir die jahrtausendealte indische religiöse Tradition einverleiben, um dann doch nichts zu verstehen und mir gar noch manches zu Gemüte führen, was mir, westlich Geprägtem, ganz und gar nicht zusagen kann (B/O selbst gibt dafür ebenfalls ein Beispiel ab), oder muss ich es bei abendländisch-unbeholfenem Interpretieren belassen? Ich weiß, das nervt, aber beides scheint mir lange überholt. Der Osho-Ansatz ist ja altbekannt: meditiere, probier´s aus, wirst schon sehen, du brauchst keine Religion, Tradition, nicht genau den und den Meister (mit Meister ist es freilich leichter), gehe spielerisch an die Sache ran, kultiviere Religiösität (vergiss Religionen) … BTW, war das drüben beim Che mit „eklektizistischer Meditation“ gemeint? Es geht also nur um die individuelle Erfahrung, wird ja immer wieder so in der Eso-Branche verlautbart.

    Ich denke da aber auch z.B. an das „Wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Dschuang Dsi. In der Einleitung von Richard Wilhelm (Vorwort zur ersten Auflage ist v. 1912) heißt das dann :“Er ist konzis bis zum Äußersten, so dass er oft nur verständlich wird, wenn man die Anschauung, über die er redet, intuitiv erkannt hat.“ Auch wenn ich dann beinahe ebensowenig verstand, meinte ich dem zustimmen zu können, als ich es, damals meditierend, wieder las.

    Klar, die Sanyas-Bewegung hat nicht die allerbeste Werbung für sich gemacht. Es darf bezweifelt werden, ob B/O erleuchtet war, es scheint, dass er drogenahängig gewesen ist (allerdings, wenn er beides war: Erleuchtet-Sein bleibe, das gehe nicht wieder weg – „I´ve tried every method!“). Die „Lehre“ ist alles andere als konsistent und allein in dem Sinne eine „Lehre“, dass sie eben dies für sich in Anspruch nimmt, B/O ist nicht immer die verlässlichste Quelle, es ist nie klar, ist das nun reines Fabulieren, trotzdem bietet er umfangreich Einblicke z.B. in den Zen-Buddhismus. Diese Liste ist nicht vollständig, ich habe dies aber nicht als Warnung gepostet, derer gibt es genug, vermute ich.

    Der Spiegel scheint das ähnlich zu sehen:
    „Ewigkeit (ist) nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen. Es wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt.“

    und merkt zu diesem Zitat aus der „Spe salvi“, der zweiten Enzyklika Benedikts XVI, S. 23 an: „Wow! Das könnte Baghwan/Osho gesagt haben“. (Deshalb auch bei mir die Namensdopplung 😉 )

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,520634,00.html

    Also bitte: Wer es vermag, im Falle Dschuang Dsi z.B., denselben als „Glied in der großen Kette“ Heraklit, Bruno, Spinoza, Goethe, Schelling, Schopenhauer, Schleiermacher zu erkennen („objetiver Idealismus“, R. Wilhelm in der Einleitung zum o.g. Werk), immer nur zu! Aber wenn wir aus heutiger Sicht dieses ganze Eso-Salbadere einschätzen wollen, kommen wir um Baghwan/Osho nicht herum – und wieder, wie in der Biologismus-Diskussion (3. Kultur), wollen wir das etwa den Schirrmachers und Co. überlassen?

  37. momorulez September 27, 2010 um 3:11 pm

    Ich bekenne ja, von Baghwan/Osha nie auch nur eine Zeile bewußt gelesen zu haben, trotz Tanz in der „Bagghi-Disco“ einst; woraus sich das speist, was ich über Bach oder Sonnenuntergänge hinaus als „Spiritualität“ begreife, habe ich ja drüben zugegeben, und da gibt es schon den einen oder anderen Bezug. Auch das I Ging, von Wilhelm zuerst ins Deutsche übersetzt, ist für mich ganz individuell schon sehr wichtig. Auch das, was ich unter „christlich“ verstehe, hat wohl mehr mit den Mystikern zu tun als mit gängiger Theologie. Ist freilich genau die Art „Brei“, die gemeinhin gegeißelt wird. Herrighels „Zen oder die Kunst des Bogenschießens“ liegt noch ungelesen bei mir zu Hause.

    Insofern um so spannender, was Du schreibst!

  38. che2001 September 27, 2010 um 3:16 pm

    @“Ich bekenne ja, daß diese eher aus Frust und Misanthropie im real life bei Schopenhauer entspringende Exzentrik und der Größenwahn, der durchaus auch mit Respektlosigkeit gepaart war, mir irgendwie sympathisch ist “ —- Na ja, ich würde mal sagen, wunderlicher Zausel, der seinem Hund beim Gassigehen Vorträge in Philosophie hält und der von Passanten belächelt wird.

  39. momorulez September 27, 2010 um 3:18 pm

    Ja, herrlich! Kann ich mich gut mit identifizieren 😉 …

  40. che2001 September 27, 2010 um 3:22 pm

    @Ziggev: Die Esoterik, mit der ich seinerzeit zu tin hatte, hat allerdings mit Bhagwan/Osho überhaupt gar nichts zu schaffen. Eher schon mit dem Spektrum von Steiner bis Crowley und auch mit Raja Yoga und durchaus CG Jung und RR Wilhelm.

  41. Nörgler September 27, 2010 um 3:26 pm

    Schon richtig: Manches (ich sage: manches), was Schopenhauer mit brutalstmöglicher Arroganz überzog, hatte das durchaus verdient. Ebenso hat seine Menschen- und Weltverachtung zwar oft etwas Kleinbürgerlich-Philiströses, aber diese Verachtung geht nicht im Philisterhaften auf. Es gibt ja durchaus Gründe, von der Scheißwelt angekotzt zu sein, und S. hat dafür Formulierungen gefunden, die über ihn selbst hinaus Gültigkeit haben.
    Man kann und muß ihm, beispielsweise, nachrechnen, daß er selber nach der professoral-staatlichen Sekurität strebte, die er dann verbal niedermacht. Aber das macht das, was an diesem Niedermachen objektiv inhaltlich richtig ist, nicht falsch. Diese Differenz sieht Kautsky nicht. Da heißt es nur: Falscher Klassenstandpunkt – weg damit!

    Es gibt Momente, in denen S. durch Arroganz und Verachtung tatsächlich punktet. Karl Kraus war es, der auf diese Momente abhob.
    __________________________

    Zur obigen Esotherik-Debatte wollte ich noch anmerken, daß Esotherik mir bislang nur als gegenaufklärerische Strömung begegnet ist. Esoterik, das sind für mich Geheimlehren, nach rechts abgekippte Frauengruppen, die „energiereiche Plätze“ (Externsteine) aufsuchen, Okkultismus, Aberglaube, Engelseher, Heilsteinverwender und Tischerücker.

  42. momorulez September 27, 2010 um 3:32 pm

    „Es gibt ja durchaus Gründe, von der Scheißwelt angekotzt zu sein, und S. hat dafür Formulierungen gefunden, die über ihn selbst hinaus Gültigkeit haben.“

    Deshalb war er ja für Horkheimer, glaube ich, schon ein sehr wichtiger Bezugspunkt. Und auf seine Art war er eben auch recht unabhängig, was er sich Dank seiner Rente ja auch leisten konnte. Und die Geschichte, als er neben die Fichte-Vorlesungs-Mitschrift-Notizen zu „Das Ich, das sich setzt“ einen Stuhl zeichnete, ist ja auch dieser verdrehte Humor, der in seinen Polemiken immer durch schimmerte.

    Und das gibt es ja alles, was Du bei den Esos schreibst. Gibt aber wirklich auch anderes.

  43. ziggev September 27, 2010 um 4:17 pm

    Ich hab hier „OshoBook“ (fast alles, was von dem aufgezeichnet wurde in Schriftform, mit Suchfunktion etc.) von einer CD bei mir auf dem Rechner installiert. Daher könnte ich endlos versuchen dessen „Lehre“ zu verteidigen. Selbst wen ich jetzt dazu die Zeit hätte, ich fange damit besser gar nicht erst an.

    Aber soviel
    Als Baghwanist stehe ich ja gerade zu diesem „Brei“ – was, oder aus welcher Perspektive wird denn da gegeißelt? Denn wie ich das verstanden habe, geht es, ist eben Mystik, um e i n e Erfahrung, wobei ich es mit Meditation, wie von B/O überliefert, versucht habe. Der Rest ist letztlich ist Schnickschnack und Drumherum … Um zu beurteilen, was davon Müll ist, muss man sich halt auf den (gesunden) Menschenverstand verlassen. Geschulte Verstandeskräfte dabei mit Sicherheit – auch und gerade bei B/O!- nicht von Nachteil!!

    Und wenn ich an meine Erfahrungen denke, ist damit bestimmt nicht das letzte Wort gesprochen … Ich würde empfehlen, w e n n, dann im Original zu lesen, bevorzugt die frühen Sachen (später hat er dann doch etwas abgebaut …), die Sachen, wo er sich auf traditionelle Texte bezieht: ‚Book Of Secrets‘ (Ist auf deutsch jetzt unschön übersetzt erschienen.) Dort schafft er es immerhin auf den ersten ca. 700 Seiten – alles frei gehaltene Vorträge – sich so gut wie kein Mal zu widersprechen, und reagiert dann allerdings etwas angepisst auf die Nachfrage. Danach wird es auch etwas redundant – mehr noch als er sonst ja schon ist. ‚Tantra, die höchste Weisheit‘ (bzw. ‚… The Supreme Understanding‘. Für mich die Einstiegsdroge, freilich alles Geschmackssache.) Die anderen Titel, die sich z.B. mit Zen-Meistern etc. beschäftigen, könnte ich jetzt recherchieren; jetzt ist aber von meiner Seite wirklich genug zum Thema in diesem Blog !

    Der Stoff hat sicherlich ein gewisses Suchtpotential (auch das Meditieren selbst), wenn man das nicht eh schon von Vorneherein etwas zu sehr als langweilig empfindet …

  44. bersarin September 27, 2010 um 4:42 pm

    Der Text von Gérard Bökenkamp auf „ef“ ist absolut unbrauchbar und im Geist eines schwachköpfigen Liberalismus geschrieben, und wenn ich in der Titelzeile lese, „Hegels Antipode“, dann reut es mich fast, daß auch ich diese Wendung gebrauchte. Aus allzu durchsichtigen Gründen wird da eine Konkurrenz aufgebaut. Sie führt zudem etwas Marktschreierisches mit sich. In der Tat beruhte diese Aspekt des Antipodischen auf der Sichtweise Schopenhauers. Im Werk Hegels kommt der Name bzw. die Position Schopenhauers nicht vor. Ihr Gemeinsames ist der Holismus, ihr Trennendes die Konzeption der Vernunft. Dieser völlig unterschiedliche Blick ist allerdings einer ums Ganze. Ich selber habe den Text Schopenhauers (sanftes) als Korrektiv begriffen.

    Schillernd, vielschichtig, skurril und treffend, teils zum Lachen reizend, ist Schopenhauer allerdings in mancher seiner Sentenzen. Freilich findet sich darunter auch vieles an Unfug. Dieses Skurrile setzt sich auf der literarischen Ebene dann ja in einigen Figuren von Thomas Bernhard fort, die in ihrem apodiktischen Gestus, aber auch in der Art des Sprechens und Denkens eben an diesen „alten Zausel“ gemahnen. Eben jener eine Gedanke, der hervorgehoben werden soll und dieses ständig scheiternde Projekt: als pars pro toto hier: „Beton“.

    Allerdings ist vieles an Schopenhauers Philosophie restlos überholt und manches, was er zur Ästhetik schrieb, fällt unter das Verdikt einer (schlechten) Metaphysik der Kunst. Insofern ist der Satz vom Nörgler, daß Schopenhauer nicht die erste Liga ist, nicht ganz falsch. (Aber zuweilen gibt es ja in der zweiten Liga ganz interessante Vereine.) Man wird die Texte Schopenhauers eher als Steinbruch nutzen, und sie sind philosophiehistorisch sowie im Sinne einer Geschichte vom historischen Stand des Bewußtseins von Bedeutung, weil, Horkheimer stellte das ja heraus, ähnlich wie bei de Sade, eine dunkle Seite der Aufklärung zum Vorschein kommt. Dennoch und trotz des Veraltens der Schopenhauerschen Philosophie geht von seinem Denken eine Faszination aus, die sich nicht einfach tilgen läßt; insbesondere für die Ästhetik der Moderne gilt dies: ob das nun die Texte Th. Manns, Becketts oder die Malerei Bacons betrifft. Auch seine Auswirkungen auf die Lebensphilosophie sind zumindest philosophiegeschichtlich und im Rahmen einer Rekonstruktion noch relevant

    Schopenhauers Aktualität besteht sicher in dem Punkt, den man mit der Sentenz „Schwarzes Denken, schwindelfrei“ zusammenfassen könnte. Hier eben lassen sich ganz zu recht auch die Brücken zur Kritischen Theorie insbesondere zu Max Horkheimer schlagen. Ein weiteres (und manchmal leider auch ein weites) Feld ist die Mitleidsethik: daß auf Formen nicht-diskursiver Begründung zurückgegriffen wird, die sicherlich nicht zu verabsolutieren sind, welche jedoch mit den – freilich nötigen Eingriffen – sich in ein Moment des Somatischen transformieren lassen, das bei Adorno dann unter dem Motiv des Impulses läuft.

    Was die indische Philosophie betrifft, zu der ich so gar nichts sagen kann, insofern waren insbesondere Ches Hinweise ganz interessant, so haben Schopenhauer bei der ersten Beschäftigung mit den Texten der Upanishaden keine Originaltexte oder deutsche Übersetzungen vorgelegen. (Die Details lassen sich dem Safranski-Buch entnehmen.)

    Die Geschichte zu Fichte ist in der Tat sehr schön. Eine weitere geht so: Schopenhauer, der in Frankfurt zuweilen auch gerne in Gesellschaft sein Mittagessen einnahm, saß und aß mit einem Manne zusammen. Von der Philosophie besessen, dozierte und dozierte Schopenhauer jedoch, so daß sich die Aufnahme der Mahlzeit mehr und mehr verzögert. Bis schließlich jene Begleitung sagte: Wenn er, Schopenhauer, sich a posteriori das Fleisch auftuen wolle, so würde er es dann a priori machen. Schopenhauer soll wohl erbost aufgestanden sein, ob dieses falschen Gebrauchs der Begriffe. (Von mir aus dem Gedächtnis heraus erzählt.) Ches Aphorismus (oder jüdischer Witz) zum Rabbi Mayr gehört zu meinen Lieblingssentenzen.

  45. che2001 September 27, 2010 um 5:15 pm

    Hängt das „Antipodentum“ denn nicht im Ursprung einfach daran, dass Hegel und Schopenhauer gleichzeitige Vorlesungstermine hatten und zu Hegel viel mehr Hörer kamen, worauf Schopenhauer anfing, regelmäßig auf Hegel zu schimpfen und dessen Lehre u.a. als „ganz unerträglichen Gallimathias“ zu bezeichnen? Kenne ich aus dem Politologiestudium ja auch: Bassam Tibe beschimpft zu Anfang seiner Vorlesung erstmal die Kollegen Euchner, Lösche und Saage;-)

  46. bersarin September 27, 2010 um 5:35 pm

    Ich bin mir da nicht sicher, glaube aber, daß Schopenhauer diese Termine ganz bewußt parallel gelegt hat, um die größte Philosophie seiner Zeit (und die Moderne ragt ja bis heute), in den Schwitzkasten zu nehmen. Dazu hat es dann jedoch nicht so ganz gereicht.

    Diese Mechanismen der Kollegenschelte sind jedoch ansonsten universitärer Diskurs at it’s best.

  47. ziggev September 27, 2010 um 6:23 pm

    nur nebenbei: In Sachen Zauseligkeit, Skurilität. Als ebenfalls etwas lächerlicher Misanthrop ist vielleicht noch Arno Schmidt zu erwähnen.

  48. bersarin September 27, 2010 um 6:59 pm

    @ ziggev
    Ja. Allerdings einer der besten Schriftsteller der Nachkriegsmoderne.

    Im Grunde sind mir diese biographischen Sachen aber eher egal, weil mich die Texte interessieren. Zugeben muß ich jedoch, daß ich bereits im Haus in Barfeld war und wir mit Freunden in dieser wunderbaren norddeutschen Landschaft seine Bücher abgegangen sind. Immer ausreichend Alkoholisches dabei. „Kühe in Halbtrauer“ wurde da Wirklichkeit.

    „Aus dem Leben eines Fauns“, „Brand’s Haide“ ach und so vieles mehr von ihm sind großartige Texte. Seine Ausführungen zur Literatur sind zwar zuweilen eigenwillig, aber doch auch als Einführung durchaus lesenswert.

  49. momorulez September 27, 2010 um 7:15 pm

    @Ziggev:

    Meine Phasen regelmäßigen Meditierens haben bedauerlicherweise selten länger als zwei Wochen angehalten 😦 – bin da nie über die Krabbelgruppe hinaus gekommen …

    @bersarin:

    Danke für die ausführliche Erläuterung!!! Und ich stelle ja auch gerade mal wieder fest, daß Zweitligafussball eigentlich spannender ist 😉

    Und philosophisch ist Schopenhauer schon so was wie Antipode, wenn man Geschichte versus ewige Wahrheiten, „werdende Vernunft“ versus Metaphysik des Irrationalen (wirkungsgeschichtlich Leben versus Rationalität), Sittlichkeit versus Mitleid usw. durchspielt.

    Ich finde die Biographien schon auch immer ganz schön spannend.

  50. bersarin September 27, 2010 um 8:04 pm

    Ja, ich bin manchmal etwas zu ausführlich.

    Ich meinte den Satz zu den Biographien nicht abwertend. Ich lese die zuweilen ja sogar ganz gerne. Und wenn das so wie bei Safranskis Schopenhauerbuch läuft, dann ist das der Idealfall: besser geht es nicht. Ich plädiere also für einen gemäßigten Biographismus. Zuwider ist er mir, wenn das zu einem Reduktionismus gegenüber dem Text führt und es dort nicht mehr auf den Sachgehalt geht.

    Ich versuche deshalb immer, Text und Leben nicht völlig in eins zu setzten. Ich könnte sonst Heidegger nicht lesen. Oder es kommt dann so etwas wie bei Farías heraus. Das ist im Grunde ja nicht falsch, aber man kann sich dadurch eben auch der guten Stellen berauben, die es bei Heidegger, neben dem Schwarzwaldkitsch, halt auch gibt.

  51. momorulez September 27, 2010 um 8:10 pm

    Das war nicht zu ausführlich, das war prima!

    Und so meinte ich das auch gar nicht, diese Rückführung des Werkes auf die Biographie entwertet das Werk ja oft. Und bei Heidegger hast Du auch völlig recht.

  52. che2001 September 27, 2010 um 9:00 pm

    Heidegger ist doch der Martin Walser der Philosophie;-)

  53. ziggev September 27, 2010 um 9:02 pm

    @ Momorulez,

    ach, du warst auch in der Krabbelgruppe …

    … nach drei Wochen wollte ich da erst gar nicht mehr weg, und als ich die dann nach ein oder zwei Jahren nur noch unregelmäßig besuchte und da plötzlich irgendwas kam mit „Vorschulkindergarten“ oder sowas, da hab ich das Handtuch geschmissen 🙂 !! War trotzdem ne gute Zeit. Und falsch machen konnte man da eigentlich gar nichts.

  54. momorulez September 27, 2010 um 9:57 pm

    http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Schopenhauer-Upanishaden/schopenhauer-upanishaden.html

    Mal so als Anfang, um die Verwirrung zu Upanishaden, Hinduismus und Buddhismus allmählich aufzulösen ….

  55. che2001 September 27, 2010 um 10:24 pm

    Ah ja, danke! Zum Sprachunterschied Sanskrit-Altpersisch wäre noch zu sagen, dass diese indoiranischen Sprachen eng beisammen lagen, etwa so wie Althochdeutsch-Altenglisch oder heute Deutsch-Niederländisch. Die Upanishaden waren quasi Kommentare zu den Veden, also den frühesten niedergeschriebenen Lehren des Brahmanismus. Auf diese folgte die Bhagavad-Gita, eine Art Zusammenfassung der Veden, der Upanishaden und der indischen Nationalepen Ramayana (Die mythische Schilderung der Taten Ramas, der Inkarnation des Gottes Vishnu, bedeutsam ist, dass das Motiv der Verkörperung eines Gottes in Menschengestalt als Anführer oder Erlöser der Menschen hier erstmals auftaucht, in der Bhagavad-Gita dann als nächste Inkarnation Krishna, und es gibt Leute, die „Christos“ als Nächstinkarnation Krishnas begreifen) und Mahabaratha, einem Heldenepos, das die indische Frühgeschichte in Kontext mit religiösen Erlösungsvorstellungen setzt. Alle drei Werke, nach der Wirkungszeit Buddhas entstanden, sind die zentralen Texte des Hinduismus.

  56. momorulez September 27, 2010 um 10:49 pm

    Ich habe eben auch noch mal den Wikipedia-Artikel gelesen; man kann wohl Veden/Upanishaden als Urtexte des Hinduismus lesen, viele Indologen unterscheiden trotzdem zwischen dem Brahmanismus und dem darauf folgenden Hinduismus. Die indische Verfassung subsummiert sogar den Buddhismus unter diesen, ansonsten herrscht da äußerst fröhliche Heterogenität. Vereinheitlichungstendenzen hat es wohl, beim Überfliegen jetzt so verstanden, als Reaktion auf die Kolonisatoren gegeben, was ja auch viel über den Islamismus, heute und indirekt, aussagt. Hindu-Nationalisten sind ja auch nicht lustig.

    Brahman scheint jedoch zugunsten von Vishnu, Shiva und der Gattin Brahmans weitestgehend verschwunden zu sein. Mich fasziniert das komischerweise sehr, alles rund um den Hinduismus herum.

  57. ziggev September 28, 2010 um 3:08 am

    @ Link oben: „Zur Zeit, da die Erkenntnis sich einstellte, hob sich die Begierde von dannen.“
    — cool!

  58. che2001 September 28, 2010 um 9:06 am

    Im ethymologisch ursprünglichen Sinne bedeutet „Hindu“ übrigens nur „Gläubiger in Indien“, wobei „Indien“ Pakistan, Indien, Nepal, Bangla Desh und Sri Lanka (Vorderindien), Myanmar, Kampuchea, Laos, Malaysia (Hinterindien) und Indonesien (Inselindien) meint. Noch in meiner Kindheit war die geografische Bezeichnung für Indonesien „Insulinde“.

  59. hf99 September 28, 2010 um 9:35 am

    @ momo:

    „diese „die Anderen aber auch!“-Argumente finde ich immer seltsam.“ nervt mich AN SICH auch, dieses „ihr vielleicht nicht?“, ist aber FÜR SICH betrachtet manchmal notwendig, etwa, wenn die Hans-Globke-Partei bei der Linkspartei Demokratiedefizite sehen möchte. 😉 Der Buddhismus ist schon eine der großen Errungenschaften der Menschheit, keine Frage. Sehr subtiles dialektisches Denken übrigens.

    Danke für die subtilen Annäherungen an Schopenhauer. Ich denke denn doch nicht 2te Liga, eben weil er eigentlich als erster s y s t e m a t i s c h (natürlich mit vielen Vorläufern, die er ja auch geschätzt hat: Shakespeare, Montaigen) die Irratio in den Griff zu kriegen suchte.

    Und entkleidet man ihn seiner kalssisch-metaphysischen begrifflichkeiten, so ist sein Insistieren auf moralische Prinzipien trotz aller festgestellten Brüchigkeiten für mich ein auch heute noch tragfähiges Konzept.

  60. Bob September 28, 2010 um 11:43 am

    Gutes Meditieren ist langweilig. Gute Philosophie ist aufregend. Beides bietet Auswege aus der Langeweile. Beides ergänzt sich. Es gibt aber kaum eine bessere Philosophie als die regelmäßige Meditation! Das gilt auch exakt entgegengesetzt: Regelmäßiges Philosophieren übt eine unglaublich meditative Wirkung aus.

    Für mich war Schopenhauer immer jemand, der das Würzmittel der Paradoxie begeistert nutzte, aber damit so manchen seiner Gedankengänge versalzen hat.

  61. David September 28, 2010 um 1:36 pm

    If you can’t meditate, travel.

  62. momorulez September 28, 2010 um 10:31 pm

    „Schopenhauer nennt das bloße intellektuelle Anschauen die höchste Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege. Als ob Schauen nicht schon Schaffen wäre!“

    Christian Morgenstern

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