Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Muslimifizierung“

„Leider muss man sagen, dass ich in letzter Zeit einen Gutteil meines Geldes damit verdiene, diese Behauptung bis zur Absurditätsgrenze und darüber hinaus zu wiederholen. In Bibliotheken und Akademien halte ich Vorträge und lese aus meinen Büchern. Ein schrecklicher Moment jedes Mal, wenn die Diskussion fürs Publikum freigegeben wird. Mit der geballten Frustration von vierzig Berufsjahren schleudert mir in egal welcher Kleinstadt eine pensionierte Hauptschullehrerin die Kopftuchfrage an meinen (unbedeckten) Kopf. Ein Herr mit einem blauen Sakko zitiert eine Koranstelle, die völlig aus dem Kontext gerissen ist, doch seiner Meinung nach Mohammeds Blutrünstigkeit belegt. Eine Zuhörerin mit weißen Haaren hat eine Tabelle für mich zusammengestellt, die links die Vorzüge des Christentums und rechts die Mängel des Islams aufführt. Wenn sie mir den Zettel überreichen will und ich ihn ablehne, wird sie erst richtig auftrumpfen: »Wusste ich’s doch!« Einerseits würde sie mich gern bekehren, andererseits bereitet es ihr doch auch Befriedigung zu sehen, dass diese Heidin noch nicht so weit ist.

Und es sind ja nicht nur die Verbitterten, die Rentner, die Eiferer, die einen mit diesem Sammelsurium von Vorurteilen konfrontieren. Durch fast alle Milieus zieht sich das, auch bei Leuten mit höherer Bildung ist man davor nicht sicher. In den letzten Monaten riefen mich unabhängig voneinander zwei langjährige, links-liberale Freunde an und verlangten, ich solle mich bitte endlich einmal eindeutig von familiärer Gewalt und Terrorismus distanzieren.“

Arbeitet den Stalinismus auf! Redet über AIDS und Promiskuität und wettert gegen „Bareback-Praktiken! „Wo kommst Du denn her?“, wird der „Dunkelhäutige“ gefragt – daß er „von hier“ ist, ist in völkischen Gesellschaften wohl unvorstellbar, das soll er gestehen!

Ach, was hat die Mehrheitsgesellschaft doch einen Heidenspaß daran, ihre Minderheiten permanent durch inquisitorische Praktiken und die Terrorherrschaft der Statistik erst zu produzieren, dann zu drangsalieren, abzuwerten und einer permanenten Auseinandersetzung mit übelsten Stigmatisierungen auszusetzen! Das ist reiner Sadismus, der sich nicht traut, das im Swinger-Club auszuleben, wo es hin gehört – jener, der den Anderen zum Objekt macht, um sich zu seinem Herrscher aufzuschwingen. Vielleicht ist ja jemand in der Lage, Hegels „Herr und Knecht“-Kapitel zu referieren, das Marx‘ politischer Theorie und Sartres Intersubjektivitätstheorie so viel Input verschaffte?

Die Diskussionen der späten 80er Jahre, in die ich philosophisch hinein sozialisiert wurde, sie bilden gelungen die Pointe des Artikels von Hilal Sezgin:

„Nach meinem katholischen Abitur studierte ich Philosophie in Frankfurt. Jürgen Habermas lehrte dort, er wirkte auf die internationale Philosophengemeinschaft wie ein Magnet. Sämtliche großen Denkerinnen und Denker kamen zu Besuch, und so konnte man mit der gesamten Welt philosophieren, ohne Frankfurt je zu verlassen; wir lebten wie Kant in Königsberg. Mit der Berufung von Axel Honneth hielt ergänzend Hegel Einzug – und der Fußball. Wenn das Honneth-Kolloquium im Park Fußball spielte, gab es zwei Mannschaften: Kant und Hegel. Letztere warf Ersterer »abstrakten Universalismus«, Erstere Letzterer einen »Hang zum Konservativismus« vor. Dieser Streit war ernst, ebenso wie die Begeisterung für den Fußball. Eine Studentin soll sogar vorgeschlagen haben, sich auch im Seminar an Fußball-Ritualen zu orientieren: »Toll, wie die nach dem Spiel ihre Trikots tauschen. Wie wäre es, wenn auch wir unsere T-Shirts auszögen und tauschten, wenn einer von uns ein besonders gutes Argument vorgebracht hat?«

Diese Studentin soll ich gewesen sein. Ich erkenne sie nicht wieder. Oder ist es vielleicht umgekehrt so, dass ich gegenüber der Person fremdele, die ich selber heute bin? Die Diskussionen, in die ich heute verwickelt werde, handeln nicht von der Postmoderne oder von Hegels Rechtsphilosophie. Hier werden nach guten Argumenten keine Trikots getauscht, sondern es liegt Aggressivität in der Luft.“

Exakt die intellektuelle Sozialisierung, die auch ich erfuhr, wenn auch in Hamburg im philosophischen Umfeld von Jürgen Habermas, bei so großartigen Lehrern wie Herbert Schnädelbach, Anke Thyen, Martin Seel und Max Miller. Fast hätte ich geweint, kein Witz, als ich diese Zeilen las, weil mir die Vehemenz der Diskussionen, gerade jene rund um die „Postmoderne“, noch bestens in Erinnerung ist – und sie dennoch mit der existentiellen Schärfe der heutigen nix zu tun hatte, weil die Kontrahenten eigentlich das gleiche wollten. Weil BEIDE Seiten gegen alle Fundamentalismen fighteten, ja, selbst Apel mit seiner Letztbegründung der Diskursethik hatte zum Ziel die POSTKONVENTIONELLE Gesellschaft, eine sich selbst reflexiv werdende Moderne. Auch das Selbstverständnis der Postmodernen war eben dieses – und man freute sich, als Axel Honneths „Kampf um Anerkennung“, auch von Hilal Sezgin erwähnt, oder Jessica Benjamins „Die Fesseln der Liebe“, ein gar nicht zu unterschätzendes Werk, Wege aus der Herr und Knecht-Dialektik wiesen.

Aber, Pustekuchen, erst haben die rechten „Pro-Westler“ all das einfach doktrinär, eben im Sinne von Hegels Konzept der Sittlichkeit strukturell nationalistisch umgedeutet, als „unsere Kultur“, um nun die Jäger und Staatsanwälte zu geben, die diskursiv hierzulande und tatsächlich in Abu Ghraib foltern, alles „Andere“ wieder exkludierend und dessen Verhalten formend ganz, wie Hilal Sezgin es beschreibt.

Damals war allen, wirklich allen klar, daß es die nunmehr wieder ach so gepriesene „westliche“, heterosexuelle, weiße Männerkultur war, die „Indianer“ vernichtete, mittels Kolonisation ganze Kontinente versklavte, Hereros abschlachtete und die singuläre Shoah initiierte.

Zumeist unter dem Banner „kultureller Überlegenheit“, der „Zivilsierungsmission“, die als Schatten der Aufklärung Atombomben erfand und Weltkriege anzettelte.

Das war das zentrale Thema: Wie konnte es sein, daß die so hehren Ideen der Aufklärung bis dato unbekanntes Grauen hervor bringen konnten? Was war realhistorisch, was idealtypisch passiert, das DAS möglich wurde? Die „Dialektik der Aufklärung“ Horkheimers und Adornos hatte die Fragestellung bestmöglich angesichts von Nationalsozialismus und Stalinismus vorbereitet, mit guten Gründen in tiefe Resignation verfallen. Immer wieder rieben sich damals alle an diesem Werk, weil es wohl es so pointiert wie kein anderes das Grauen jener instrumentellen Vernunft, Zweckrationalität, strategischen Vernunft, wie auch immer, zu beschreiben wußte, eben jener Logik, die unserem Wirtschaftssystem und auch so fatalen Denkweisen wie „Bevölkerungspolitik“ zugrunde liegt.

Einzig die Verfassung widersteht aktuell auf wackligen Beinen dem Treiben der vollends Aufgeklärten, die genau diese Denkentwicklungen seit der „Wieder“vereinigung nieder brüllen, denunzieren und von Lehrstühlen verdrängen – das Grundgesetz sitzt wie ein Stachel im Fleische der Sarrazins, Schirrmachers wie auch der Exekutive allerorten; seien wir ehrlich: Genau um die Abschaffung des universalistischen Geistes, der ihr innewohnt und sie an die Menschenrechte aller gleichermaßen bindet, geht es denen doch, die es zugleich „Migranten“ vorwedeln mit dem priesterlichen Gestus der Teufelsaustreibung.

Wieder wollen sie an die Stelle der Rechte die Umerziehung und Regulierung im Sinne der Effizienz setzen, wieder wollen sie von all den ökonomischen Schweinereien wie schon direkt nach der „Wieder“vereinigung ablenken und produzieren stattdessen lieber neue Lichtenhagens, Hoyersverdas, Möllns und Solingens – und alles, was sich der instrumentellen Vernunft nicht unmittelbar beugt, wird baldigst wieder entsorgt werden. DAS meinte Frau Merkel heute, als sie „keine Tabus“ verkündete. Vor so was schrecken die nicht mehr zurück.

Genau die, die ihren Wohlstand genau diesen Praktiken der Freiheitsberaubung, Entrechtung und Ausbeutung verdanken, die Frauen das Wahlrecht nicht zuerkannten, die einen unvergleichlichen Massenmord an Juden begangen haben, die Schwule kastrierten und Elektroschocks aussetzten und Schwarze versklavten und lynchten, die fangen nun wieder von vorne an mit ihrem Drecksdünkel der „kulturellen Überlegenheit“, während sie Abererkennung der Menschenwürde fordern und pflegen, sei es von Hartz VIlern oder „Migranten“.

Daß sie dafür genau jene, die ihnen einst zum Opfer fielen, Frauen, Juden, Schwule, fortwährend instrumentalisieren, das macht ihr Geschäft nur noch verlogener und widerwärtiger. Jetzt sind sie wieder bei Eugenik angekommen – Geschichte wiederholt sich wohl als Farce. Aber zum Glück gibt es Hilal Sezgin, die dagegen anschreibt. Danke für Ihren Text, Frau Sezgin!

36 Antworten zu “„Muslimifizierung“

  1. T. Albert September 4, 2010 um 8:40 pm

    Ja, ich bedanke mich auch schon den ganzen Tag bei Frau Szegin. Bei dem letzten Teil, den Du zitierst, wurde mir auch plötzlich einiges klar, obwohl ich ja ganz woanders war, als Ihr Philosophen. Aber es steht für eine geistige Atmosphäre, die ich erst realisierte, als sie nicht mehr exisitierte, oder als ich sie vermisste; dabei dachte ich, ich wäre halt einfach isoliert. Es steht auch für einen Umgang miteinander, der also doch möglich ist, weil er möglich war. Das ist zerstört worden, und ich vermute ja wirklich, dass die Aggression, die gerade gegen Minderheiten aufgebaut wird, sich gegen ihre Urheber wenden wird. Warum sollte das dann aber „unnatürlich“ sein, wenn sie uns doch ständig in ihre „Natur“ subsummieren?

    Mein Verständnis-„Problem“ bei all dieser Scheisse ist ja, dass ich die einfach in meinem Alltagsleben und in meinen Kontakten mit anderen Menschen einfach nicht wiederfinde.
    Mein Alltag als Nachbar und Lehrer sieht anders aus, passgenau zu dem, wie Frau Szegin ihn ihrerseits beschreibt. Wieso?

  2. momorulez September 4, 2010 um 9:24 pm

    Ich treffe das in letzter Zeit immer häufiger an. Neulich gehe ich mit einem sich links wähnenden jungen Mann durch Berlin, und der erzählt mir auf einmal, wie allergisch er auf arabische Schriften an der Wand reagiert. Ich bin fast umgefallen vor Schreck.

    Hier auf St. Georg, wo „migrantische“ Kulturen und die „schwule Sub“ sich mischt, gab es fast Kulturkämpfe, weil da das „die sind alle homophob“ so funzte. Der Rhizom-Georg wurde dann ja sogar zu einer Diskussion hier an der Uni geladen zu dem Thema und war da ziemlich prima.

    Die ganzen „poststrukturalistischen Schwuppen“ zu meiner Uni-Zeit wären nicht im Traum darauf gekommen, das auch nur zu DENKEN, dabei war das damals nicht weniger „kanackisch“. Und Schwuppesein war wirklich selten ein Thema.

    Wobei wir, glaube ich, auch noch zu einer reinen relativ breiten Schicht von 2 „popkulturellen Generationen“ gehören, die sich halt innerhalb derer ein Umfeld geschaffen hat, in dem man mit Kleinstadtmief und Vortortfrust eher wenig zu tun hat. Bei uns in der Schanze ist das alltäglich auch nicht soooo spürbar, die ist viel zu bunt und „kanackisch“. Aber wenn die „linken“ Bildungsbürger anrücken, dann spürt man, daß der Blick sich gewandelt hat -mißbilligender und kontrollierender. Bei Twitter fangen auf einmal ansonsten ganz witzige Leute an, sich darüber zu echauffieren, daß Özil die Nationalhymne nicht mit singt.

    Wir haben einen Spieler, Deniz Naki, ein echter Rheinländer, der jede Polonaise beim Torjubel anführt und fast schon eine rheinisch-„kanackische“ Kreolsprache spricht, manchmal. Ein echtes Temperament, der dann in Rostock die berühmte „Halsabschneidergeste“ zeigte, als er ein Tor geschossen hatte und übel beschimoft wurde. Plötzlich melden sich dann auch bei uns Forum solche, die ihn mit diesen „typischen, gewalttätigen Migrantenjungs“ in Verbindung bringen und mit den Augen rollen, wenn man sie auf Antirassismus und Homophobie anspricht.

    Die Mehrheitsgesellschaft empfindet das wahrscheinlich als „Zurückschlagen“ nach zu viel „Duldsamkeit“, weil sie ja alle ach so „tolerant“ sind, so als Aufgeklärte angesichts der noch nicht ganz so Zivilisierten. Und, so die BILD heute, man sich doch nicht immer dafür entschuldigen müsse, deutsch zu sein. Dieser ganze Partynationalismus gehört da ja dazu.

    Es lohnt sich dazu ausnahmsweise, die reaktionäre Grütze bei Zettel zu lesen, wem er warum Beifall klatscht, und wie das mit Statiskprofessorenwissen vermeintlich untermauert wird. Wie er schon in der Herleitung statistischer Methoden diese widerliche Gaußsche „Normalverteilung“, ein mathematisches Herrschaftsinstrument im engeren Sinne, so einsetzt, daß Exklusion notwendig folgt. Wie er herunter spielt, wie gering die tatsächliche Aussagekraft der Korrelationskoeffizienten ist – in meiner Statistik-Vorlseung wurde das noch deutlich betont. Da hat man die ganze Scheiße auf einem riesengroßen Haufen.

  3. che2001 September 4, 2010 um 10:31 pm

    Zur Gaußschen Normalverteilung: Die „Glockenkurve“ ist eine Korrelation, die auf Gleichungen zurückgeht, die von Rassenhygienikern entwickelt wurden, um „Vergiftungen im Volkskörper“ und „Juden-und Asozialen-Einfluss“ sowie die „Verteilung von Erbkranken in der deutschen Bevölkerung“ nachzuweisen. Im Rahmen von COINTELPRO, dem Counter-Insurgency-Intelligence-Program von CIA und FBI wurden diese reaktiviert, um gegen Black Power vorzugehen. Eine andere Komponente desselben Programms war die Freilassung von Mafiosi geknüpft an die Bedingung, Heroin in die Schwarzenghettos einzuschleusen. Jensen, Murray und Herrnstein (Herrenstein, der Name sagt alles!) waren Zuträger dieses Programms (oder Pogroms, passt beides). Und in der Tradition bewegt sich halt auch Herrenmensch Sarrazin.

  4. momorulez September 4, 2010 um 10:42 pm

    Ja, das paßt. Das wußte ich nicht. Bei der „Normalverteilung“, die ja auch auf, ich glaube, dem 10Mark-Schein abgedruckt war, hat es mich schon immer gegruselt – uns wurde die als neutrales Analyse-Instrument verkauft in den Methoden-Vorlesungen, was ich tatsächlich immer schon unplausibel fand, nun alles durch so einen Filter zu jagen und damit die Empirie einem visualisierten Extremismus der Mitte (den Begriff hatte ich damals noch nicht) anzupassen, um gestreckte oder steile Kurven zu erhalten.Zudem die Ränder, gerade die, uns eh als Meßfehler-Bereich gelehrt wurden -für mich war das immer das Zentrum der Analyse. Wo der „Messfehler“ wohnt, ist die Wahrheit …

  5. Katzenblogger September 4, 2010 um 11:33 pm

    Mein Statistikwissen hält sich ja in sehr engen Grenzen, aber mir fallen da zwei/drei Punkte ein:

    1. Die Gaußsche Normalverteilung (sowie andere Formen von Normalverteilungen) gab es schon weit vor dem Aufkommen von Rassenhygienikern. Insofern verstehe ich die Anmerkung von Che nicht so recht. Gaußsche Normalverteilung als Erfindung von RAssenhygienikern?? Kapiere ich nicht, pardon.

    2. Korrelationen und Normalverteilungen ersetzen nicht die präzise Analyse von Ursache-Wirkungszusammenhängen. Es ist erstaunlich, wie oft Statistiken bzw. „statistischen Ergebnissen“ vertraut wird, und die eigentlich interessanten Fragen (z.B. wie hängen die Größen zusammen, sind sie gemeinsam abhängig von einer dritten Größe, in welche Richtung und in welcher Komplexität liegen Kausalbeziehungen vor) ganz schnell ignoriert werden, sobald irgend eine statistische Zahl vorliegt. Dies (neben vielen anderen Gründen, u.a. die oft unsauberen Erhebungsmethoden) führt auch dazu, dass ich der quantitativen Sozialforschung gegenüber ein recht großes Misstrauen hege.

    3. Die Anwendung bzw. Behauptung von Normalverteilungen in politischen/sozialen Fragen ist tendenziell biologistisch (bzw. steht in der Gefahr, dies zu werden) – und geht oft genug an der präzisen Analyse sozialer/politischer Verhältnisse vorbei. Anders gesagt: The devil is in the details! Erst nach einer sehr mühseligen Analyse und Durchforschung sozialer Mikroverhältnsisse (wozu z.B. auch im Rahmen von Einstellungsforschung die Fragen nach dem Warum bzw. dem Zustandekommen, der logischen Verknüpfung und der historischen Entwicklung von Einstellungen dazu gehören) können statistische Daten sinnvoll interpretiert werden – und meistens müssen nach den ersten Erhebungen viele weitere Erhebungen und Untersuchungen folgen, will man auf Basis von Statistiken sinnvolle und verlässliche Aussagen treffen.

    Ich bin heilfroh, kein Statistiker in soziopolitischen oder sozioökonomischen Fragen zu sein (die Gefahr ist inzwischen ohnehin sehr gering). Ich bin mir sicher, ich könnte meinen eigenen Ansprüchen nicht genügen.

    Manchmal ist Statistik aber ein hilfreicher Krückstock oder eine Art „milchige Luke“, mit der sich ein ungefährer Blick auf die soziale Wirklichkeit erhaschen lässt, und das auch dann, wenn statistische Ergebnisse scheinbar oder tatsächlich einer Normalverteilung folgen. Mit den Widerwärtigkeiten von Sarrazin (dem Fälscher und lügenhafter Erfinder von Statistiken) und seiner politischen Freunde hat seriöse, statistisch orientierte Sozialforschung ohnehin nichts zu tun (bzw.: sollte nichts mit sowas zu tun haben…).

    Ich denke, das sollte man dabei auch bedenken, bevor man eine allgemeine Methodenschelte formuliert. Nicht zuletzt ist es wohl auch so, dass ein jeder Wissenschaftler seine „Lieblingsmethoden“ hat – und ebendiese Vielfalt benötigt Wissenschaft auch. Also auch – selbstverständlich – Sozialstatistiker.

  6. momorulez September 4, 2010 um 11:47 pm

    Warum auf der Basis von Statistiken irgendwas wissen wollen?

    Und die „Normalverteilung“ kann Empirie gar nicht abbilden können, ohne bereits in den in der Fragestellung verwendeten Begrifflichkeiten das Ergebnis so zu steuern, wie es in den Kram des Fragenden paßt. Statistik ist symbolischer Terrorismus gegen die zu untersuchende Personengruppe.

  7. T. Albert September 5, 2010 um 12:45 am

    Das ist doch alles egal, sagt Broder auch, zu Frau Foroutan. Es geht nur darum, dass jemand seine richtige Meinung äussert, obwohl er das nicht darf, weil alle gegen ihn sind. Und gegen Herrn Broder, obwohl auch der ja nett ist zu schönen muslimischen Frauen ohne Kopftuch.

  8. Karsten September 5, 2010 um 9:12 am

    Die Gaußsche Glockenkurve wurde von Rassehygienikern „erfunden“, auf Basis von Statistiken sollte man sowieso nichts wissen wollen… sorry, aber jetzt wird’s etwas blöd.

    Was schade ist, weil der Beitrag selbst sehr nachdenklich macht.

  9. Pingback: „Identität ist eine Schablone, die man Menschen aufdrückt, mit denen man sich nicht von Mensch zu Mensch unterhalten will“ | MondoPrinte

  10. momorulez September 5, 2010 um 9:42 am

    Na ja, da siehste halt, wo Denkverbote tatsächlich wirken – nämlich da, wo es Dir „zu blöd“ wird. Sich die Diskursmechanismen als Unterdrückungsmechanismus vorzustellen ist ja ein bißchen naiv. Die wirken da, wo Rechte wie Zettel sich gegen die Möglichkeit einer feministischen Wissenschaft wenden, eben da, wo weiße, heterosexuelle Männer bestimmen, was als wahr und was als falsch gelten darf.

    Das ist deshalb passend zu dem Eintrag, weil das die große Diskussion rund um Fohcault war, der als „Postmoderner“ gehandhabt wurde. Würdest Du “ Überwachen und Strafen“ auch mal lesen, dann würdest Du fest stellen, daß das eine Geschichte der Machtwirkungen von mit Statistiken operierender Sozialwissenschaft ist, die permanent die Gegenstände erst hervorbringt, die sie zu untersuchen vorgibt, und so Institutionen wie Schulen und Gefängnisse wie auch eine normalisierende Disziplinargesellschaft mit totalitären Zügen hervor bringt. In so einer leben wir Dank Leuten wie Zettel.

    Deshalb gab es ja damals viele Versuche qualitativer Methoden; daß Du diese Diskussion als Student gar nicht mehr kennst, zeigt, wie Macht funktioniert.

    Daß nun gerade die allerorten Herrschenden in dieser Hinsicht, also Leute wie Zettel, sich indirekt Foucaults „Ordnung des Diskurses“ anzueignen vorgeben, indem sie mit Begriffen wie „Diskurspolizei“ hantieren, das ist eine Frechheit. Und Du gehst denen schon wieder auf den Leim. Schlimm.

  11. Katzenblogger September 5, 2010 um 10:47 am

    Vielleicht könnte man Ches Anmerkung in der Richtung verstehen, dass die Rassenhygieniker die ersten Sozialwissenschaftler waren, welche ihre (pseudo!) sozialwissenschaftlichen Behauptungen und Untersuchungen mit zahlreichen Statistiken verbunden haben.

    Tatsächlich ist das ja eine der größten Gefahren von Statistik schlechthin: Dass sich damit Pseudowissenschaft einen wissenschaftlichen Anstrich geben kann (bzw. dies – leider oft erfolgreich – tut). Es dürfte kein Zufall sein, dass die faschistischen US-Eugeniker, die vom Pioneer Fund gefördert werden (und deren „Diskurs“ Sarrazin imho rezepiert hat), sehr umfangreich Statistik anwenden.

    (ich würde sogar sagen, auch wenn das eine grobe Übertreibung ist: Statistik ist die Sozialwissenschaft der dummen Kerls)

    Gleichzeitig beobachtet man dabei etwas, was ich für sehr entscheidend halte: Während die Fachwissenschaft diesen Mist (z.B. Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und „Rasse“/“Volk“) weitgehend komplett ignoriert, prägt der mit diversen Statistiken aufgeblähte Unfug doch tatsächlich die öffentliche Debatte in den USA. Anders gesagt: Mit Statistik kann man Laien hervorragend täuschen!

    Die Diskurskatastrophe, welche über die USA herein brach wurde von Leuten wie Tatu Vanhanen (ebenfals: Pioneer Fund) ausgelöst. In der Fachwelt verachtet, aber trotzdem in der öffentlichen Debatte diskursbestimmend – auch dank umfangreicher Promotion seitens rechtsgerichteter „Think Tanks“ (das sind die Dinger, welche von pseudoliberalen Bloggern als vorzüglichsterTeil einer pluralistischen Gesellschaft gelobt werden).

    Sarrazin wandelt auf ebendiesen Spuren, und setzt dabei stets auf seinem „Man-darf-doch-darübSer-reden“-Habitus. Ich denke, wenn man den Hobby-Eugeniker Sarrazin erfolgreich politisch bekämpfen will, muss man seine vermeintliche Seriosität stark unter Beschuss nehmen. Was ja nicht schwer fallen sollte, deshalb, weil Sarrazin eben ein dreister Herbeilüger und Fälscher von Statistiken ist.

    (Statistikmanipulationen waren schon immer ein beliebtes Mittel faschistoider oder rechtsextremistischer Autoren, z.B. aus dem Umfeld von „Mankind quarterly“ und auch bei den bevorzugt von rechten Kreisen veranstalteten Zwillingsstudien zur Intelligenz)

    Che, habe ich dich jetzt richtig verstanden – und waren die Rassenhygieniker wirklich die Pioniere bei der Anwendung quantitativer Verfahren?

    (ich stelle mir den durchschnittlichen Rassenhygieniker des 19. Jahrhunderts doch eher wie einen Trottel vor, dessen quantitative Methoden genauso grobschlächtig sind wie seine übrige Denkweise)

    @ Momorulez

    Von F. Schirrmacher gibt es einen ziemlich guten aktuellen Artikel, wo er sich u.a. zu Denkirrtümern von Sozialdarwinisten äußert und sagt, dass auch Darwin den Fehler beging, Modelle von Wirtschaft auf die Natur zu übertragen.

    Darf ich den Artikel hier verlinken?

  12. Katzenblogger September 5, 2010 um 11:02 am

    Bevor ich (ich warte noch auf das Okay bzw. Nicht-Okay von Momorulez) Schirrmacher verlinke, habe ich hier etwas sehr Erfreuliches – und Erhellendes, das meines Erachtens zugleich auf eine allgemeine Problematik aufmerksam macht.

    Es belegt sehr hübsch (finde ich), wie allein schon durch das statististische Design (bzw. die einseitig gewählte Fragestellung) entscheidende Zusammenhänge außer Betracht gelassen werden. Sozialstatistik ist ein wirksames Hilfsmittel für rechte Ideologen – ziemlich schnell sind Ursache-Wirkungszusammehänge einseitig und unzutreffend determiniert und werden dann scheinbar mit Hilfe von Statistik „bewiesen“.

    Nebenbei, mich würde ja ernsthaft interessieren, wie Rayson zum verlinkten Buch Stellung nimmt.

  13. Karsten September 5, 2010 um 11:03 am

    Ich HABE das Buch ja gelesen. Wir haben, glaube ich, auch schon mal drüber diskutiert.

    Was ich lediglich ablehne, ist diese Verabsolutierung.

    Manche Dinge sollte man schon auf Basis von Statistiken erforschen – Verkehrsunfallstatistiken etwa sind schon sehr interessant, auch und gerade, wenn man sie auf bestimmte Kreuzungen bezieht und sich dann fragt, warum die eine sicherer ist und die andere nicht. Wobei hier die Statistik auch nur ein Hilfsmittel und nicht die Forschung an sich ist. Das ist doch wahr, was der Katzenblogger schreibt:

    Erst nach einer sehr mühseligen Analyse (…) können statistische Daten sinnvoll interpretiert werden.

    Und wie soll man die Entscheidungen in der Entwicklungs- oder Bildungspolitik bewerten, wenn nicht (auch!) statistisch? Ein steigender Alphabetisierungsgrad ist etwa ein Erfolgskriterium von Entwicklungspolitik.

    Deshalb gab es ja damals viele Versuche qualitativer Methoden; daß Du diese Diskussion als Student gar nicht mehr kennst, zeigt, wie Macht funktioniert.

    Offenbar nicht so gut, wie du denkst. 🙂
    Denn natürlich wird die Fragestellung nach den Grenzen und dem Sinn quantitativer Sozialforschung erörtert. Was glaubst Du denn, was wir da drei Semester so machen? Grundlagen der Statistik pauken? Nein, eigentlich ist die Diskussion in methodologischer Hinsicht sogar schon weiter, auch wenn die philosophischen Überlegungen da eher keine Rolle spielen. Denn quantitative Sozialforschung ist eben auch fehlerbehaftet, verleitet zu vorschnellen Fehlschlüssen und ist für endgültige Aussagen einfach unzureichend – das wird schon im ersten Semester gelehrt. Aber eben nicht, dass sie nutzlos oder falsch sei. Sondern eben nur ein Instrument, das den Zugang zu einem Forschungsthema erleichtert, dann aber mit anderen Methoden unterfüttert werden muss.

  14. Karsten September 5, 2010 um 11:05 am

    Übersetzt man „Think Tanks“ eigentlich mit „Gedankenpanzer“? 😉

  15. Karsten September 5, 2010 um 11:07 am

    @che:
    Wenn die Katze mit ihren Vermutungen richtig liegt, ist das natürlich nicht mehr so unsinnig, was Du da geschrieben hast – nur missverständlich formuliert.

  16. che2001 September 5, 2010 um 11:18 am

    Was sollte an dem, was ich da geschrieben habe, mißverständlich oder unsinnig sein? Wie verstehst Du das denn?

  17. che2001 September 5, 2010 um 11:26 am

    @katzenblogger: „Ich stelle mir den durchschnittlichen Rassenhygieniker des 19. Jahrhunderts doch eher wie einen Trottel vor, dessen quantitative Methoden genauso grobschlächtig sind wie seine übrige Denkweise“ — Im 19. Jahrhundert gab es gar keine Rassenhygiene, die kam erst im 20. auf. Stell Dir lieber den durchschnittlichen Rassenhygieniker als durchschnittlichen Arzt oder Psychiater vor. In der Weimarer Republik war die „Befreiung des Volkskörpers von Keimvergiftungen“, d.h. die Zwangsssterlisierung von Behinderten, psychisch Kranken, Alkoholikern, Kriminellen und ggf. auch Schwulen und Lesben sowie fahrendem Volk eine mehrheitsfähige Forderung der Schulmedizin an die Politik.

  18. che2001 September 5, 2010 um 11:30 am

    Statistische Methoden wurden aus dieser Ecke sehr gründlich entwickelt, z.B. fusst die heutige Sozial-und Alltagsgeschichte großenteils auf der Kulturraumforschung der deutschen Ostforscher, die entwickelt wurde, um Forderungen nach Siedlungsraum im Osten (Jahaa, „Volk ohne Raum“) eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu verschaffen, und es ist in der Geschichtswissenschaft bis heute fast unmöglich, das zu sagen – die Wehlers, Winklers und Mommsens arbeiten nämlich mit diesem Material und haben bei solchen Leuten studiert.

  19. che2001 September 5, 2010 um 11:32 am

    @“mehrheitsfähige Forderung der Schulmedizin an die Politik.“ Übrigens auch die „Freigabe der Tötung lebensunwerten Lebens“, die ab 1920 gefordert wurde.

  20. momorulez September 5, 2010 um 12:20 pm

    @Karsten:

    Wenn ich frage, „wozu Statistiken“, stelle ich die „Nützlichkeit“ ja nun gerade nicht in Frage, sondern frage, wem sie nützen und was sie bewirken. Und wenn ich die „Normalverteilung“ als statistischen Filter als Ideologie eines Extremismus der Mitte und Vehikel einer freiheitsfeindlichen Normalisierungsmacht betrachte, dann ist das nicht „verabsolutieren“, sondern ziemlich spezifisch kritisch. Ebenso die Rolle, die der Mittelwert spielt, das referiert Herr Professor Zettel ja freundlicherweise, ist in diesem Sinne Ideologie.

    Ebenso hat es mich immer sehr beeindruckt, wie Foucault in „Überwachen und Strafen“ darlegt, wie die Human- und Sozialwissenschaften die moralischen Prinzipien und rechtlichen Vorstellung der Aufklärung UNTERLAUFEN und ein eigenes Disziplinarsystem errichten, das sogar die Justizpraxis annektiert. Che bringt da gut Beispiele, ich glaube ebenso nicht, daß Rassehygieniker Trottel waren, das waren Teile der „intellektuellen Elite“ und keine Radau-Antisemiten. Die Sexualwissenschaften, die Dich für krank erklärten, sind ein anderes Beispiel – das galt bis in die frühen 90er laut Weltgesundheitsdingensbums.

    Was mir immer vorschweben unter aktuellen, nicht etwa utopischen Bedingungen, wäre ein „zurück zum Recht“ im Sinne der Grundrechte, statt „Bevölkerungspolitik“ zu betreiben und ständig einzigartige Individuen mit den Mitteln der Statistik zu stigmatisieren.

    @Katzenblogger:

    Wenn das der Schirrmacher-Artikel ist, über den ich mich so aufregen mußte, dann gibt es dazu befeits eineDiskussion beim Che 😉 – was Du zu dem populärwissenschaftlichen Schindluder und das fatale Wirken der Think Thanks schreibst, das ist völlig richtig.

  21. Katzenblogger September 5, 2010 um 3:18 pm

    @ Momorulez

    Bei Che gab es eine Diskussion zum Artikel „Sarrazins Quellen: Biologismus macht die Gesellschaft dümmer„? Zu den vielen Sätzen, die mir darin gefallen, gehört auch dieser:

    Man muss daran erinnern, dass der Darwinismus in großen Teilen die Rückübertragung ökonomischer Theorien in die Welt der Natur war. Es waren die Wirtschaftskräfte, die ihm die Metaphern für seine Gedanken lieferten, nicht die Natur. Das erklärt, wieso der Ökonom Sarrazin Darwins Schriften liest, als seien sie ein Bericht der Bundesbank.

    Bist du dir sicher, Momorulez, dass du diesen Schirrmacher meinst?

    @ Che

    Eugenik gibt es spätestens seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Malthus und andere (also schon anfangs des 19. Jahrhunderts) könnte man imho ziemlich problemlos als Vorläufer der Eugenik betrachten. Jedenfalls läuft ein brauner Faden von Malthus zu Sarrazin, angefangen damit, dass beide aktive Arbeitsmarktpolitik sowie sozialstaatliche Regelungen als „widernatürlich“ bzw. als schädliche Förderung von Minderleistern auffassten, was zu einer Verarmung und Degeneration einer Gesellschaft führen müsse. Morel, Francis Galton (Mitte des 19. Jahrhunderts) sowie der Alldeutsche Verband von seinen Gründungstagen an (1891) verfolgten eine klar eugenische, rassenhygienische Agenda.

    „Unter den Wilden werden die an Körper und Geist Schwachen bald eliminiert; die Überlebenden sind gewöhnlich von kräftigster Gesundheit. Wir zivilisierten Menschen dagegen tun alles mögliche, um diese Ausscheidung zu verhindern. Wir erbauen Heime für Idioten, Krüppel und Kranke. Wir erlassen Armengesetze, und unsere Ärzte bieten alle Geschicklichkeit auf, um das Leben der Kranken so lange als möglich zu erhalten. […] Infolgedessen können auch die schwachen Individuen der zivilisierten Völker ihre Art fortpflanzen.

    Das wiederum stammt direkt von Charles Darwin.

    Witziger Weise sehe ich gerade, dass der Früh-Eugeniker Francis Galton erhebliche Vorarbeiten bei der Fundierung der Statistik geleistet hat. Er entwickelte zusammen mit einem Freund den Korrelationskoeffizienten und war zwar nicht Erfinder der Normalverteilung, aber einer der Pioniere bei der Anwendung auf sozial“wissenschaftlichen“ Gebiet.

    Insofern lässt sich dann doch so einigermaßen sagen, der heutigen Sozialstatistik und ihren Verfahren hängt der Schmutz der Früh-Eugeniker an…

    (ich hoffe, ich habe nicht nur bei mir selbst zur Aufklärung beigetragen)

  22. che2001 September 5, 2010 um 3:36 pm

    Der Begriff „Rassenhygiene“ geht auf Alfred Ploetz zurück, der die sozialdarwinistische Eugenik verschärfte, indem er 1895 forderte, dass bei der Geburt eines jeden Kindes ein Ärztekollegium dieses zu begutachten und es im Falle von Schwächlichkeit oder einer erblichen Krankheit zu töten habe (2 so wird ihm von dem Ärzte-Collegium, das über den Bürgerbrief der Gesellschaft entscheidet, ein sanfter tod bereitet, sagen wir durch eine kleine Dose Morpium. Die Eltern, erzogen in strenger Achtung vor dem Wohl der Rasse, überlassen sich nicht lange rebellischen Gefühlen, sondern versuchen frisch und fröhlich ein zweites Mal, wenn ihnen dies nach ihrem Zeugnis über Fortpflanzungsbefähigung erlaubt ist. Dieses Ausmerzen der Neugeborenen würde bei Zwillingen so gut wie immer und prinzipiell bei allen Kindern vollzogen, die nach der sechsten Geburt oder nach dem 45. Jahr der Mutter bzw. nach dem 50. Jahr des Vaters überhaupt noch – entgegen einem gesetzlichen Verbot – geboren werden. Die im ersten Examen bestandenen Kinder werden nun gesäugt.“) 1904 gründete Ploetz das „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“, 1905 die „Gesellschaft für Rassenhygiene“. Und erst seitdem spricht man von Rassenhygiene, davor von Eugenik. Die Rassenhygiene ist eine spezifisch deutsche Entwicklung und hatte bald schon zum Ziel, eine imaginerte „Nordische Rasse“ durch Ausschluss jüdischer, slawischer und keltischer „Elemente“ wiederherzustellen. Schon Ploetz hatte einen der heutigen Thule-Gesellschaft ähnliche „Ring der Norda“ gegründet. Ihm selbst war der völkische Antisemitismus in diesem Zusammenhang allerdings fremd. Das sollte sich bei den späteren Hauptvertretern der Rassenhygiene, Fischer, Lenz, Günther und Verschuer gründlich ändern.

  23. che2001 September 5, 2010 um 3:39 pm

    Die Ploetzsche Utopie lieferte eine wesentliche Vorlage für Huxleys Brave New World.

  24. che2001 September 5, 2010 um 3:42 pm

    Ansonsten, Katzenblogger stimme ich Deiner Darstellung völlig zu.

  25. momorulez September 5, 2010 um 4:42 pm

    @Katzenblogger:

    Ich meinte den Schirrmacher, der mit der „demographisch verwundeten Gesellschaft“ endet …

    Und Danke euch allen für diese aktive und kenntnisreiche historische Aufklärung!

  26. che2001 September 5, 2010 um 4:57 pm

    Ja, das macht hier und heute gerade wirklich Freude!

  27. che2001 September 5, 2010 um 5:02 pm

    @Momorulez und Katzenblogger: Das ist eben der Grund, weswegen ich Schirrmacher in der Debatte drüben bei mir als ambivalent und doppelbödig bezeichnete.

  28. Heinrich Mai 10, 2011 um 2:16 pm

    Och menno. Erst regt ihr euch darüber auf, dass Sarrazin rassistisch ist, redet von der „Terrorherrschaft der Statistik“ und davon, dass man die Menschen als Individuen betrachten müsse, und dann tut ihr genau das, worüber ihr euch 2 Zeilen vorher kollektiv aufgeregt habt: GENAU DIE „heterosexuellen Weißen“ proklamieren ihre kulturelle Überlegenheit, die vorher gegen Schwule, indigene Völker und Juden vorgegangen sind. Ich kenne Sarrazins Biographie nicht so gut, aber ich glaube, der hat keine Juden oder Hereros umgebracht, dazu ist er nicht alt genug. Ob man jetzt „die Schwarzen“ oder „die Weißen“ oder „die Männer“ oder „die Frauen“, „die Christen“, „die Muslime“ oder „die Juden“ als das große Übel ansieht, ist doch völlig egal. Es ist immer Rassismus, Chauvinismus oder, ähm, Religionismus.
    Also ganz weg mit der bösen Statistik? Wieso? Weil sie von pösen Sozialdarwinisten benutzt wird/wurde? Das ist ungefähr so logisch, wie Hunde zu verbieten, weil Hitler Hunde mochte. Wenn ich auf der Straße entlanglaufe und da kommen mir 5 Leute entgegen, darf ich dann nicht mehr sagen „das sind 5 Leute“, weil ich sie damit gleichsetze und zur Statistik degradiere? Zählen ist Statistik, und Lernen ist auch nichts anderes als angewandte Statistik (ohne dass man dazu die entsprechende Mathematik kennen müsste).
    Nein, ich bin dafür, weiter Menschen in Gruppen einzuteilen. Aufpassen muss man nur bei der Suche nach Korrellationen. „Alle Frauen sind weiblich“ passt, „Wer Muslime verunglimpft, zündet auch Häuser an“ passt eben nicht.

  29. momorulez Mai 10, 2011 um 6:52 pm

    Wenn man zu den Profiteuren dessen zählt, kann man Wahrheitsfragen selbstverständlich zugunsten von Machtverhältnissen auflösen, passiert ja allerorten. Richtig isses nicht.

  30. bersarin Mai 10, 2011 um 11:13 pm

    Was soll man dazu nun sagen: Heinrich, mir graut vor Dir?

    Aber mit dem Einteilen in Gruppen gibt es hierzulande durchaus gute Erfahrungen: dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith.

  31. momorulez Mai 11, 2011 um 8:15 am

    Ob der Heinrich die Anspielung wohl versteht …

  32. David Mai 11, 2011 um 9:38 am

    „Alle Frauen sind weiblich“

    Aus welcher Statistik kann man denn dieses entnehmen?

  33. momorulez Mai 11, 2011 um 10:22 am

    Da musste ich auch sehr grinsen, weil das wie dieses Standard-Beispiel für analytische Urteile ist, also der unverheiratete Junggeselle, und der Zusammenhang insofern ein rein sprachlich-definitorischer ist. Was ja exakt meine These ist, dass diese jeder Wissenschaft vorgängigen, sozial situierten, auf institutionelle Regelungen rückverweisenden und wirksamen Begriffsverwendungen die Ergebnisse der quantitativen Sozialforschung, soweit sie Quasi-Eigenschaften von Personengruppen erheben, gewissermaßen prädestinieren. „deutsch“ entspricht eben auch keine Eigenschaft von Personen, sondern esist das Ergebnis von Regelungen zur Staatsbürgerschaft.

  34. David Mai 11, 2011 um 2:52 pm

    Da musste ich auch sehr grinsen, weil das wie dieses Standard-Beispiel für analytische Urteile ist, also der unverheiratete Junggeselle, und der Zusammenhang insofern ein rein sprachlich-definitorischer ist.

    Ja, naheliegenderweise. Selbst da gibt es aber Komplikationen: Geht „Frau“, geht „weiblich“ auf das biologische Geschlecht oder auf die Geschlechtsidentität? Nimmt man für beides das eine oder das andere an, so ist der Satz in der Tat analytisch. Läßt man es aber auseinanderfallen, sodaß „Frau“ auf die Geschlechtsidentität geht, „weiblich“ aber auf das biologische Geschlecht (hier mal annehmend, dieses gehe vollständig in der binären Unterscheidung auf, was ja auch schon nicht so richtig stimmt), so ist der Satz plötzlich falsch, weil es dann durchaus Frauen gibt, die nicht weiblich sind. Damit will ich nicht sagen, daß es sinnvoll sei, „Frau“ und „weiblich“ so auseinanderfallen zu lassen, aber es wäre denkbar. Fazit also: Erst die Begriffe klären, dann vielleicht Statistik treiben.

  35. momorulez Mai 11, 2011 um 2:57 pm

    Als Foucault-Geschulter guckt man im Grunde genommen immer zuerst, wie die Begriffe entstanden sind, woher sie kommen und welche Institutionen dafür sorgen, dass die in ihnen artikulierte Weltsicht erhalten bleibt. Was auch für die binäre Geschechterordnung gilt. Und in der Regel weit erhellender ist als die Statistiken, die so kursieren.

  36. David Mai 11, 2011 um 4:44 pm

    Das muß ja kein Entweder-Oder sein.

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