Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Abstrakt expressiv die Schriftvergessenheit bekämpfen

Ja, ist Schmiererei. Produktivkraftentwicklung. Das Spiel mit neuen Programmen auf neuen Geräten. Und doch eine Reflexion auf Worte. Auf das Suchen, das Sehnen, das Fallen. Auf, das was passiert, wenn ich Dich lese. Wenn multidimensional eine Kartierung sich aus Emotionen bildet.

Bei mancher Lektüre, Deiner, Deiner oder seiner vielleicht, ist da einfach nur ein schwarzes Quadrat. Ja, imaginieret, welche Farben, welche Formen ihr seht, wenn von wem ihr „Du“ lest. Das versuchen all die politischen Arschgesichter ja zu vermeiden: Das Du. Sie zelebrieren die Mans, die Daß, nur, um auch ja nie Du sagen zu müssen …

Bei anderer Lektüre entsteht eine mal graue, mal eine feuerrote Gliederung und mal ein schwarzer Strich, wie Edding, wütend, einmal quer über das Bild. Bei klarer Poesie blühen sanfte Aquarelle, buchstäblich und grauenhaft exakt hingegen zeichnet Benn die kleine Aster und läßt zwischen brutalen Federstrichen mit sanftem Ausklang – „Ruhe sanft, kleine Aster!“ – viel Raum für den Schrecken des Kreatürlichen und doch der Zärtlichkeit des Anatomen.

Krimis zerreiben dramatische Kontraste in suggerierter Innenschau, das Abbild klebt in meiner Seele und hält mich doch in Bann. Foucault schafft mehrdimensionale Mosaike, ein Sartre atmet die schwarzen Zwischenräume, wenn das Radiergummi durch Bleistiftflächen fährt, schafft so Gucklöcher auf eine Welt von Sinnlichkeit. Man kann hindurch greifen und spürt so Haut an Haut, während das Hemd am Rücken klebt.

Weil eben Schrift die Sinnlichkeit der Imagination beschwört. Die blauen Klekse oben, sie sind der Widerstand, den eigene Wünsche herauf beschwören, die man sich niemals aufzuschreiben wagte …

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32 Antworten zu “Abstrakt expressiv die Schriftvergessenheit bekämpfen

  1. T. Albert August 13, 2010 um 9:59 pm

    Wieso ist das aber Schmiererei?

    „einfach nur ein schwarzes Quadrat“ ist in Malereidingen andererseits eine ziemlich schnelle, ausgesprochen sehr schnelle Beschreibung – dessen was jemand sich unter DEM schwarzen Quadrat und den Psychen seiner Urheber so vorstellt.
    Dabei ist DAS Schwarze Quadrat der Malereigeschichte nicht nur die Absorbtion der russischen Ikonen durch eine Fläche, die schwebt, sondern auch ein Schritt zur formalen Transzendierung dieser Tradition und damit ein immer noch sprudelnder Quell des „befreiten Raumes“, in dem ich und das Du denken können. Malewitschs Quadrat war der Urknall einer Welt, ohne den ein Bild wie Deines, mit diesen farbräumlichen Umkehrungen und Unbestimmtheiten durch Unschärfe (in der Perspektive wird ja nix unschärfer, es gibt auch keine sich durchdringenden Ebenen, wie bei Dir) nicht zu denken möglich wäre. Ist ja so eine Art zeichnerischer Suprematie, die Du da betreibst, die lustigerweise auf den mimetischen Fähigkeiten von Computerprogrammen beruht – oder wie ich das ausdrücken soll. Die PRogramme ihrerseits sind ja Mimesis-Machinen, weil sie die Fähigkeiten der Hand und des Auges nachvollziehen, damit meine ich die Zeichnung und die Farbe, logisch. Also, diese Art eines virtuellen Raumes, wie Du den da entwirfst, wäre ohne schwarze Quadrate unmöglich. Die stehen eben nicht einfach für statisches Sein.

    Si e können sogar ihre Identität öndern, da muss man sich mal suprematistische Bilder von Malewitsch oder El Lissitzky ansehen. Und das schöne in diesen Räumen ist, das die Gegenstände dort nie Identitäten befragen, sondern interagierende Formen sind, ohne die kein neuer Raum existent wäre. Also, es gibt zwischen ihnen keine Diskussionen darüber, ob sich hinter einer Form oder Identität nicht eine andere verbergen könnte, sondern sie wird gesehen und angesprochen von den anderen Formen wie sie gerade erscheint und
    nicht als etwas „eigentliches“, dass dann toll oder doof ist, weil das unterschoben Eigentliche den Informationsgehalt einer Form definieren würde.
    Was ich damit sagen will ist, dass es mies ist, wenn in einer ganz anderen Diskussion an anderem Ort die Worte eines Diskutanten danach beurteilt werden, dass dort jemand eine andere seiner „Netzidentitäten“ irgendwo hervorzerrt und lauthals rumzeigt, und dieser eklige Wühlvorgang dann hier zur Grundlage von Weiterem wird. An liberalem Ort ist sowas üblich, aber hier?
    Ansonsten hat Nörgler bei Netbitch alles gesagt.

  2. momorulez August 13, 2010 um 10:32 pm

    Ich wollte ja auch gar nicht den Malewitsch als „nur“ bezeichnen. Im Grunde genommen wollte ich – oder habe ich nun mehrfach – versucht, drüber zu grübeln, was passiert, wenn man Texte von jemandem liest, den man nicht kennt. Und das „nur“ schwarze Quadrat würde in dem Fall auch Selbstreferenz und Undurchdringlichkeit bedeuten können.

    Das „nur“ war dennoch illegitim, ebenso die Ignoranz der, ja, inneren Bezüge des Bildes da oben, dass ich ja mittlerweile auch gar nicht mehr als Schmiererei betrachte, insofern ganz herzlichen Dank für Deine Erläuterungen, wirklich.

    Weil ich ja mein Rumgeforsche hier rund um die Kombi von 1-2 Computerprogrammen für das iPad zunehmend -für mich selbst zumindest – spannend finde, weil man da um irgendwas herum spielt, was einen wieder anders hingucken läßt, auch hinsichtlich solcher ganz alten Fragen wie Vordergrund und Hintergrund, Vorzeichnung und Koloration, die sich beim Spielen dann plötzlich einfach durch die Programme neu stellen, und sich mir, Du weißt ja, was ich mache, noch mal in einem anderen Kosmos stellen, weil z.B. Photoshop, auch After Effects und so was schon so dermaßen üblich sind, daß sie gar keiner mehr befragt in dem, was sie tun. Was gleichzeitig auch heißt, daß für mich kunsthandwerkliche Aneignungen, das VerhältnisSprache und Text wie auch Inhalte nicht äußerlich bleiben. Als mir z.B. weiter oben dieses grelle, na übertrieben gesagt, Rothko trifft Warhol passierte beim Rumprobieren bei der Verqueerung Beckhams und zugleich diese Aggression und Verdrehung und Stigmatisierung von z.B. G-Punkt und dessen seltsame Behauptungen da eindrangen, da schwirrte es mir dann schon im Schädel, in dem Fall, weil ich was gesagt hatte, was mir beim Umkreisen von Beckhams Beinen gar nicht klar war. Und dann kann das Ausprobieren ja gar nicht so falsch sein. Wenn auch die Herangehensweise eine andere ist als die Interaktion von Formen. Ist auf jeden Fall sehr spannend. Ich mach da auch einfach weiter.

    Deine finalen Anspielungen habe ich nur halb verstanden; ich finde aber auch, dass Netbitch und Noergler da alles Wichtige zu gesagt haben 😉 …

  3. che2001 August 13, 2010 um 10:45 pm

    Wow, tolle Synopse, das (ohne Ironie gemeint und bitte wörtlich zu nehmen). Mir wäre jetzt Kandinsky eingefallen. „Einfach nur ein schwarzes Quadrat“ ist im Kontext des Bildes, das ich mir übrigens an die Wand hängen würde so, wie wenn jemand zu meinen Kletterbildern sagen würde „hoch und steil“. Im ersten Fall geht es um die Expressivität eines sehr schönen abstrakten Bildes, das eben nicht „Schmiererei“ ist, sondern außer den Assoziationen von Momorulez noch sehr viele Andere zulässt und genau darum Kunst ist, denn Kunst bedeutet nichts Weniger als Erzeugung neuer Perspektiven. Das Butterbild bei Netbitch fand ich in dem Kontext (den ich jetzt selbst erst erzeuge) auch sehr spannend- Ein Foto einer Plastik, die es schon nicht mehr gibt, weil sie dahinschmolz. Von meinen Kletterfotos hätte niemand etwas verstanden, der nicht wüsste, mit was für extremen Körpererfahrungen und nicht so ohne Weiteres vermittelbaren Lichterlebnissen (das weiß Du als Schweizer vielleicht ganz gut), dass die Farben da oben aufgrund des ultravioletten Lichts und der reinen Luft anders und besser sind als unten, Dalí hatte mal, als er gefragt wurde, ob seine Bilder durch Bosch inspiriert worden seien geantwortet „Hieronymus Bosch wurde durch die Nebel des Nordens und die furchtbaren Verdauungsstörungen des Mittelalters geprägt, ich durch die Sonne Spaniens“.

    Ansonsten Prost auf den Nörgler, er war mal wieder sehr gut.

  4. T. Albert August 14, 2010 um 12:37 am

    Ja, die Lichterlebnisse, die ich jetzt eine Woche lang in den Glarner Alpen hatte, waren unglaublich. Wolken und Nebel wie die flüchtige Butterplastik, nur so „schön“, dass ich mich fragte, wie diese Erfahrung mit plastischen Mitteln hervorgerufen werden könnte, also von mir, andere können das ja vielleicht schon. Robert Morris hat ja mal so eine Arbeit mit Nebel in Mönchengladbach gemacht, und dann wirds natürlich was anderes, man macht eine andere Erfahrung an einem Gegenstand, der isolierend der Wirklichkeit entnommen wurde, wie Morris` Nebelschwade, als an einer Abbildung einer wirklichen Nebelwolke, wieder eine andere an einer Abbildung einer Nebelwolke als Kunstwerk. Das Wort Wirklichkeit ist ja ein kluges Ding. Alles wirkt. (HA!)

    „Und das „nur“ schwarze Quadrat würde in dem Fall auch Selbstreferenz und Undurchdringlichkeit bedeuten können.“
    Das habe ich ja verstanden. Ich habe mich etwas gegen das Bild gewehrt, weil ich dachte, Du vergleichst Deine eigene Arbeit mit den schwarzen Quadraten der Malereigeschichte. DAs ist ja nebenbei eine sehr spannende Frage, ab wann ist denn ein reales schwarzes Quadrat auf eine Weise schwarz, dass es undurchdringlich und selbstreferenziell IST. Also, das ist ja keine malerische Fragestellung, weil es in der Malerei sehr schwierig ist, Information wegzunehmen, schliesslich arbeiten wir mit additiven Verfahren und jeder Pinselstrich bedeutet ja sofortige Veränderung des jeweiligen Zustandes einer Fläche. Aber ich kann plastische Verdichtung natürlich so weit treiben, dass ich in die Schichten nicht mehr hineinsehen kann, dann darf nur überhaupt keine Abweichung des Farbwertes existieren, und auch keine Unebenheit der Oberfläche. Ausserdem darf eigentlich gar keine Farbigkeit erkennbar sein, also, Farbwert ist nicht der richtige Ausdruck.
    Jetzt merk ich gerade, doch, wenn es sprachlich bleibt, ist es ein gutes Modell für Nichts, wie diese Illustration von Robert Fludd. Interessantes Thema.

  5. momorulez August 14, 2010 um 9:15 am

    Ihr Bergbewohner 😉 … Ich mache ja weit oben vor allem die Erfahrung des Schwindels. Kann mir dann analog immer nur die Erfahrung am Meer herauf beschwören.

    Und die Hybris, irgendwas von mir mit einem Malewitsch zu vergleichen, die besitze ich nun wirklich nicht. Und die Eindringlichkeit, mit der Du Dich mit Fragen der Malerei beschäftigst, kann ich immer nur sehr bewundern. Bin immer wieder fasziniert, wenn Du darüber schreibst. Und lerne da wahnsinnig viel bei.

    Lack? Früher, als ich mit diesen schlichten Abdeck-Wandfarben gemalt habe, bevor mir Öl dann neue Welten eröffnete, da musste ich immer irgendwann noch mit Lackflächen ergänzen.

    Und ich hoffe, daß ich mit diesem ganzen intermedialen, intertextuellen Foto- und Computergedöhns nicht mitten in den Mist tappe, der Dir als Deppenmode das Leben schwer macht. Ich brauche ja das Blog hier, um ganz öffentlich wieder privat zu werden, diesen ganzen alltäglichen Schnickschnack aufzubrechen und zu irgendwas dahinter liegendem vorzudringen, gewissermaßen mich wieder zu gewinnen durch Rumprobieren, das nun gerade nicht dem Gelderwerb dient. Und da sind dann diese Themen wichtig.

  6. che2001 August 14, 2010 um 2:30 pm

    @“Ich mache ja weit oben vor allem die Erfahrung des Schwindels“ —– Der lässt sich wegtrainieren. Meist hilft da, wie auch bei Phobien Flooding, also sich dem Negativreiz auszuliefern, bis man drüber hinweg ist. Ich hatte mal eine Bekannte, die entsetzliche Höhenangst hatte und genau aus diesem Grund einen Kletterkurs mitgemacht hat. Nach 50m Klettern am Seil war die Höhenangst überwunden. Eine gute Übung sind auch Hochseilgärten. Das sind Abenteuerspielplätze für Erwachsene, wo man in Höhen zwischen 5 und 15 Metern über Seilbrücken mit untereinander unverbundenen, lose pendelnden Holzsprossen, pendelnden Baumstümpfen, Slacklines und sogar zirkuskuppellike Drahtseile gehen muss. Der Trick ist, dass man gar keine Zeit hat nachzudenken und zurück zum Instinkt findet, sich instinktiv bewegt. Denn an sich steht Klettern in unserem genetischen Programm, ist dieses doch zu 95% mit dem von Menschenaffen identisch.

  7. momorulez August 14, 2010 um 2:36 pm

    Ja, dieser verhaltenstherapeutische Ansatz ist ja bekannt. Aber warum sollte ich das machen?

  8. che2001 August 14, 2010 um 2:50 pm

    Wenn Dir Berge wurscht sind wäre es Unsinn. Wenn Du Höhenschwindel hast und dieser stört oder beeinträchtigt Dich wäre es Sinn. Es kommt halt immer drauf an wo man hinwill.

  9. che2001 August 14, 2010 um 2:58 pm

    Überlege gerade, ob es auch Meeresangst gibt, z.B. die fixe Idee zu ertrinken….

    Und wird man Seekrankheit los, wenn man viel auf Schiffen ist?

  10. momorulez August 14, 2010 um 3:00 pm

    Keine Ahnung, ich hatte tatsächlich nie welche …

  11. momorulez August 14, 2010 um 5:10 pm

    Kleiner Literaturtipp noch – in der „Fundus“-Reihe ist, herausgegeben von Anke Hennig, gerade eine Sammlung von Texten der russischen Avantgarde bis ca. 1931 erschienen, unter dem Titel „Über die Dinge“. Der erste Text ist prompt von Malevič und trägt den Titel „Der Kubismus – Zerstörer der Idee des Dings“ 😉 – weiß jetzt nicht, ob das ein gefundenes Fressen für Verdinglichungskritiker ist, habe da noch nix gelesen, und die Texte jener Zeit, gerade die programmatischen, sind ja oft doofer als die Werke. Will mich aber langsam mal ran machen …

  12. che2001 August 14, 2010 um 5:48 pm

    Ich lese derweil das Resümé über Kulturindustrie von Adorno.

  13. momorulez August 14, 2010 um 5:51 pm

    In diesem „Ohne Leitbild“-Band? Der Text über „Filmplakate“ ist prima …

  14. ziggev August 14, 2010 um 7:37 pm

    An der Küste ist der Respekt vor dem „Blanken Hans“ tief verwurzelt. Da macht man keine Witze, unnachahmlich: Nordsee ist Mordsee! Die 15 m hohen Wellen im Kanal, den ich einmal mit einem Luftkissenboot überquerte, haben bei mir damals alles andere als HÖHENangst ausgelöst.

    Von dem Text oben hab ich zugegemendermaßen kein Wort verstanden. Dachte aber auch gleich an die Suprematisten, dies aber, weil der Text in Verbindung mit den vom Bildschirm herleuchtenden Farben mich daran erinnerte, dass ich doch recht erstaunt war, als ich erfuhr, dass am Anfang der Moderne (entschuldigt bitte, dass ich mich so ungenau-laienhaft ausdrücke, kann da theoretisch mit euch einfach nicht mithalten) auch mystische Ideen standen, bei einigen Suprematisten, wenn ich mich nicht täusche, so etwas wie „Farbmystik“. Bei dir jetzt eine eigentümliche Synästhesie? Wie du das machst, ist für mich jedenfalls auf wundervolle Weiser inkommensurabel, ja, sowas gefällt mir wieder.

    Übrigens, das schwarze Quadrat (hatte das überhaupt quadratische Form?) hab ich mal gesehen (weiß nicht, welche Version). Mein Eindruck war aber eher vergleichbar mit jenem, den Cage mit „4.33“ erzielen wollte: Allesmögliche war zu sehen, nur kein undurchdringliches „Nichts“. Es sah aus, wie irgendwo aus eine verstaubten Archiv geklaubt (habe eben nach Fludd gegoogelt, da drängte sich mir ein etwas anderer Vergleich auf), oder als hätte es jahrelang auf einem unaufgeräumten Schreibtisch herumgelegen, übersät von Spuren längst vergangener Unachtsamkeiten. Und das „Schwarz“ war irgendwie schmutzig, an einigen Stellen aufgeplatzt, der angegilbte Grund hatte durchaus eine unregelmäßige Färbung angenommen, so dass ich glaubte Kaffee- oder Teeflecken zu erkennen, die Rahmung wirkte stümperhaft, am Rande schien es mir eingerissen … Es hätte nur noch gefehlt, dass man es an einigen Stellen mit Tesa-Film geflickt hätte.

  15. momorulez August 14, 2010 um 8:12 pm

    An Malevič hatte ich, als das Bild passierte, zunächst auch nicht gedacht, wenn, dann eher an Kandinsky, ohne das jetzt als Vergleich zu meinen, natürlich ist eine Computerspielerei kein Kandinsky. Und das, weil der, glaube ich, stimmt das, T. Albert, ja auch „Musiken gemalt“ hat.

    Der Text oben ist ja auch, na, etwas vollgepropft mit nicht aufgelösten Anspielungen. „Kleine Aster“ von Benn hätte ich ja wenigstens googlen können. Was mich aber seit einer sehr oberflächlichen Beschäftigung mit Merleau-Ponty und Dewey fasziniert, ist, Gott, das Wort ist abgeschmackt, ist der Versuch, Wahrnehmung „ganzheitlich“ in den Text zu bekommen. Das ist ja noch keine Synästhesie, aber Musik, Text, Gefühle, Farben, Gedanken bilden ja ein komplexes Gewebe, das eben was ganz anderes ist als „Rot ist die Liebe“ oder Smetanas Moldau. Und da war das oben ein, na, Auswurf, weil ich gerade die Erfahrung gemacht hatte, dass reine Schriftstücke, an mich gerichtet, mich emotional komplett durcheinander brachten und ich dann so eine Computermalerei treffend fand, zunächst auch die gefühlten Leerräume, na, zu umkreisen 😉 .. Der Text mit dem „Ausmalen“ weiter oben schildert in Ansätzen die Konfrontation mit der Realität hinter dem Text.

    Das Großartige an T. Alberts Herangehenweise ist dann ja, daß er durch eine Perspektivenwechsel die eigentliche Intention aufhebt und dadurch lauter andere, spannende Sachen sagt, die genau so viel mit dem Bild zu tun haben.

    Ich habe das schwarze Quadrat in irgendeiner Version auch mal gesehen, und das war dann auch nicht Undurchdringlichkeit, aber die Farbe als Farbe bei einer Nicht-Farbe wie schwarz, die dann gleichzeitig als „Idee schwarz“, ganz platonisch, und facettenreiche Ausführung der Selbstreferenz einer konkreten Materialität zeigte durch die Schlieren und Transparenzen. Das empfand ich als einen hochphilosophischen Eindruck.

  16. ziggev August 14, 2010 um 8:52 pm

    doch, doch, natürlich war das Kandinsky mit dem „Musik-Malen“, bin mir ziemlich sicher. In dem Zusammenhang natürlich Skrjabin und dessen Lichtklavier. Irgendwann dann Lichtorgeln, bis zu diesen etwas banalen Spielereien bei Windows Media-Player etc. Ob jemand die Idee endlich einmal durch direkte Farb- Tonschwingung-Koppelung verwirklicht hat, ist mir unbekannt. Klar, es müsste hier und da um ein paar Oktaven transponiert werden. Wie bei Kepler, für dessen Version der Sphärenharmonie gibt´s ja schon Klangbeispiele. Das ganze dann in Echtzeit die aktuellen Planetenbewegungen wiedergebend … War doch damals zu Techno-Zeiten naheliegend, hat aber bisher keiner gemacht, soweit ich weiß … Naja, dieser technische Kram ist vielleicht doch nicht so ganz das Wahre.

  17. momorulez August 14, 2010 um 9:14 pm

    Und interessant finde ich dann eben auch, nur als Beispiel, wie korrespondiert denn nun die Melodie eines Liebesliedes, wenn sie den umschmeicheln soll, ganz genau den, den sie meint, ohne daß Kitsch dabei raus kommt? Welche Worte, welche Farben sind dann spezifisch? Bei Techno und Windows Media Player ist das ja sehr allgemein und ergibt nicht diese Bewegung z.B. auf einen ganz konkreten Mensch zu … Das ist natürlich eine ganz ganz andere Herangehensweise als die großen Theorien und Praktiker der ästhetischen Moderne – mal ab von manchem in der Literatur. Die natürlich alle viel größer sind als das, was ich mir hier so ergrüble; das ist aber das, was mich gerade interessiert, sozusagen. Und da sind gerade so programmierte Kreise wie oben interessant.

  18. che2001 August 14, 2010 um 9:36 pm

    Ja, aus „Ohne Leitbild“.

  19. T. Albert August 15, 2010 um 12:53 am

    Ja, das Malewitsch-Quadrat, also das Bild, das ganze Objekt meine ich, Maltuch, Farbe, Malmittel, Keilrahmen, sieht materiell nicht so chic aus. Ich vermute auch, obwohl ich kein Restaurator oder Maltechniker bin, dass die Risse, die das Quadrat, das geometrisch keines ist, durch maltechnische Fehler entstanden sind; der Malewitsch hat die Schichtenfolge nicht eingehalten und dann ist der ganze Farbauftrag von aussen nach innen getrocknet – da reisst er halt. Ich weiss das aber nicht wirklich, ist auch lange her, dass ich ein Malewitsch-Bild gesehen habe, in der ziemlich unverschämt betexteten Ausstellung in der Berliner Guggenheim-Filiale. Jedenfalls sieht das alles technologisch gesehen nicht sonderlich attraktiv aus, das muss man ja mal sehen, alles sehr sparsam, nicht vergleichbar mit diesen eleganten Oberflächen, die in Frankreich entstanden, auf denen sich schlicht mehr Material findet. Eine Kunsthistorikerin, der ich mal von meiner visuellen Enttäuschung erzählt habe, als sehr Junger, verwies mich dann richtigerweise auf die wirtschaftliche Situation, in der die damals in Russland ihre Farben auftrugen.
    Bei Malewitsch kenne ich mich nicht so aus, aber wenn ich mich mit Rodschenko beschäftige, der mir näher ist, weil faktischer denkend, finde ich das bestätigt.
    Die waren vor und während und nach der Revolution sauarme Schweine. Und das spielt eine grosse Rolle.
    Die lebten ja in unzumutbaren Umständen, ab 1927 auch politisch.
    (Nebenbei: Jetzt müssen wir für die Kollegen, die so offenbarende Sachen erfunden haben, wieder den Stalin aufarbeiten?Ich versteh das alles nicht. Jeder Blick in der Kölner Kunsthalle, als Breschenjew 72(?) ein paar Sachen aus den Kellern der Eremitage gleichgültig-gnädig dorthin schickte, „Kunst in der Revolution“ hiess die Ausstellung, war antistalinistisch. Mich hat das sehr beeindruckt, mit 13 oder 14, als mein Vater mich da rein schleppte, weil er dachte, das kriegt der Bub sein ganzes Leben lang eben nicht mehr zu sehen, obwohl ich nicht allzu viel begriff; den historischen Moment aber doch.)

    Wenn ich Malewitsch-Texte mal zufällig gelesen habe, dann hats mich ja meistens gegraust, wie bei Mondrian auch, der ja echt schlechte Philosophie betrieben hat, weil er dieses messianische Bedürfnis hatte, Malewitsch auch. Aber die Idee von Malewitsch, dass Malerei eine Welt erforschen kann, die nur sie sichtbar werden lassen kann, analog dem Mathematiker, ist ja schon grandios. Das ist ein Sprung hinaus in einen unendlichen Raum, in dem die Formen an einem vorbeischweben. Und das schwarze Quadrat, das Weisse auch, war das Tor dazu, und dann ist es eben kein Diagramm von einem kosmologischen Nichts oder sowas, wie diese Zeichnung aus Kreuzschraffuren von Fludd, die das angeblich alles schon vorwegnimmt, wie man manchmal lesen kann.
    Bei MAlewitsch und Lissitzky usw. gibts in, wenn man das Quadrat als Raum auffasst, in den man hineinsieht, oder in dem man sich befindet, gibts in dem Qudrat einen unerforschten Formenvorrat und seine Kombinationen; wenn man es als Fläche sieht, dann ist der Formenvorrat dahinter. Und der wird dann dargestellt.

    In USA hatte das ja mehr Erfolg als bei uns. Dort hat man die Formen dann wieder auf die Erde geholt und der abstrakten Erfahrung, wie Morton Feldman das nennt, zur Verfügung gestellt.
    (Was Diderichsen nicht gecheckt hat in seinem Minimalismus-Artikel.)
    Bis morgen.

  20. Katzenblogger August 15, 2010 um 8:41 am

    Ob jemand die Idee endlich einmal durch direkte Farb- Tonschwingung-Koppelung verwirklicht hat, ist mir unbekannt. Klar, es müsste hier und da um ein paar Oktaven transponiert werden.

    Doch, das gibt es dutzendfach – in den unterschiedlichsten Formen, mit unterschiedlichen Ansätzen. Es gibt diverse Programme, beispielsweise, wo Bilder in Töne und/oder Tonfolgen umgerechnet werden, teils kann das dann vom Nutzer nach eigenen Vorstellungen parametrisiert werden. Es gibt Programme, wo Musik malend komponiert wird – und das klappt sogar auch (vorausgesetzt, der malende Komponist lässt sich auf die innere Logik der Sache ein – es klappt also nicht von alleine). Die rein automatisierten Ansätze bringen eher wenig, vielleicht ein paar interessante Töne und Tonentwicklungen. Ich kann mich erinnern, dass ein Bild von Helmut Kohl wirklich böse geklungen hat.

    Wie gesagt: Bei den meisten dieser Ansätze regiert der Zufall. Das ist nicht entfernt so ergiebig, wie man es sich in seiner Fantasie vielleicht vorstellt. Man muss, damit aus solchen Systemen etwas wirklich musikähnliches heraus kommt, eine Menge Grips hineinstecken, oder aber diese automatisierten Bild-Ton-Übersetzungen mit algebraischer Musikkomposition verbinden (im Prinzip würde dafür sogar die Logik eines Programmes wie Band-in-the-Box genügen) – dann ließe sich mit derartigen Methoden sogar gezielt Musik erstellen, z.B. Tangos, deren Abfolge und Komposition aus Bildmaterial herrührt. Oft sogar beeindruckend sind Ansätze (die es hundertfach gibt), wo aus Bildmaterial wesentliche Impulse für akustische Installationen generiert wird.

    Letzlich aber verlieren sich beim automatisierten Sprung vom Bild in den Ton bzw. in die Komposition Substanz und Motive. Das erhaltene Ergebnis mag dann zwar interessant wirken, ist aber in jedem Fall eigentümlich und von einer stark zufälligen Gestalt – es sei denn, das im Übersetzungsvorgang erhaltene wird inoch einmal gezielt nachbearbeitet. Das wäre dann auch der Ansatz, den ich für künstlerisch wertvoll und sinnvoll halte – alles Übrige halte ich eher für [schlimmes Schimpfwort einsetzen].

  21. momorulez August 15, 2010 um 11:11 am

    @T. Albert:

    Ich bin mir immer gar nicht SOOO sicher, ob die Texte der russischen Avantgarde, der Futuristen USW. Ihrer Kunst völlig äußerlich sind. Jetzt kommt fast eine liberale These, egal, das beschäftigt mich schon, seitdem ich Texte russischer Dokumentarfilmer so um 1920 rum gelesen habe, die ganz auf Funktionalismus und Überindividuelles setzen, ganz ähnlich wie Jünger in „Der Arbeiter“. Und ich hatte z.B. Adorno schon immer so verstanden, daß bei ihm der Hoffnungsschimmer der Restbestand von -Tabuwort – Menschlichkeit und Mündigkeit im bürgerlichen Subjekt auch in der Ästhetischen Theorie maßgeblich sei, etwas, daß Du ja auch oft betonst, das Künstlersubjekt als Künstlersubjekt. Mit anderen Worten: Ist dieser Möglichkeitsraum der Formen nicht dem Ich und Du entgegen gesetzt? Was ja um so seltsamer ist, wenn man sich wirklich stalinistische Kunst mal anguckt, diesen realistischen Kitsch, der Konkretion vorgaukelt und viel in diesem Sinne abstrakter ist als Kandinsky.

    Was zu einem anderen Thema überleitet – ich käme ja nicht auf die Idee, die Gedanken der russischen Avantgarde nun als ursächlich für den stalinistischen Terror anzusehen, wie diese seltsame Form der Ideologiekritik in Blogs, die aus einem Marx-Zitat, einer Kuransure oder wasweißich gleich komplexe gesellschaftliche Prozesse ableiten will und dabei insbesondere die klassische Frage der Relation von Produktionsverhältnissen und Produktivkraftentwicklung, die unter Stalin wie auch im Iran die maßgebliche ist, auszublenden.

    Aber: Wo ist denn bei Malevič das Subjekt, um das es letztlich gehen muß?

  22. ziggev August 15, 2010 um 12:33 pm

    Hm, ok, ich weiß aber nicht, ob du verstanden hast, was ich meine: Einem gewissen Farbwert entspricht eine gewisse Schwingung. Also müssten sich so mehr oder weniger psychedelische Bilder erzeugen lassen. Die entsprechenden Programme würden mich tatsächlich interessieren.

    Und graphische Notation ist ja bereits lange da. In Hamburg gibt´s oder gab´s? einen Verein TonArt und die Projektgruppe Hören und Sehen. Da geht es aber auch viel um Improvisation. Und die Leute stehen mehr in Verbindung mit der Kunsthochschule. Eine musikalische Partitur hat für mich jedenfalls einen ästhetischen Wert. Und Noten zu schreiben hat eine eigenartige Magie. Ich selbst habe mal versucht, nach mit Hilfe von Permutationen Patterns zu entwickeln. Darfst dir darunter gern solche Kritzeleien vorstellen, wie sie Seiten von Schulheften zieren. Was dabei rein musikalisch herauskam, verrate ich dir gern: 65432(1) 🙂 leicht zu merken, den Zettel habe ich dennoch aufbewahrt. Was die Leute da so machen, finde ich schon reizvoll; ich komme da irgendwie in Träumen, wenn ich mir die Sachen ansehne. Z. B. „Etüde in Haar Moll, Variationen zu Rosenkavalier“ (wahrscheinlich ging von dem Notenblatt ein entsprechender Duft aus) von Hannes Wienert. Die Frage s/w — farbig betreffend wären allerdings noch einige formale Fragen zu klären, soweit ich sehe. Die Sachen, die mir hier vorliegen sind alle s/w. Aber gegen Zufallsmusik habe ich selbstverständlich rein gar nichts.

    Ich habe selbst ein Programm für den Atar/Midii: „Kandinsky Music Painter“. Leider nur für Stücke von wenigen Minuten ausgelegt. Mit dem ließ sich herrlich experimentieren. Wie bei Paintbrush Formen in ein Koordinatensystem Formen eintragen. Wolle über die Erfahrungen schon hier berichten. Mal sehen. Will vorher noch ein bisserl über die vorgetragenen theoretischen Ansätze meditieren.

  23. momorulez August 15, 2010 um 1:11 pm

    PS: Die Frage nach dem Subjekt habe ich weiter oben wohl schon selbst mit dem Zitat beantwortet … lebensphilosophische Auflösung mit Mitteln der Abstraktion. Hat wirklich viel mit der Phänomenologie zu tun, der zitierte Malewitsch-Absatz.

    @Ziggev:

    Spannend! Und Kritzeleien finde ich ja prima.

  24. Katzenblogger August 15, 2010 um 1:25 pm

    Ziggev, wenn du Interesse an PC-Programmen in diesem Bereich hast, lass es mich wissen. Schön wär auch, wenn du angibst, wie „tief“ bzw. komplex du in ein derartiges Programm hinein gehen möchtest – es gibt da die dollsten Sachen.

  25. T. Albert August 15, 2010 um 1:49 pm

    @MR

    Die Frage nach dem Subjekt haste ja Malewitsch jetzt beantworten lassen.
    Ich muss auch mal einige Vorurteile revidieren, und kaufe mir das Hennig-Buch.

    Es gibt ja so ein Missverständnis, wie ich immer öfter feststelle, und das wird von schlechten Künstlern, die immer wissen wie Kunst auszusehen habe und was Kunst ist und das auch lauthals verkünden, polemisch gepflegt, nämlich dass Malerei-Schulen oder einzelne Autoren wollten, dass die Welt auszusehen habe wie ihre Arbeiten, angefangen bei der Kunst. Das ist ja eben Quatsch, die schlechten Künstler wollen das, die guten nicht. Die sehen sich eben als Subjekte, die heterogenes und differentes in Freiheit vortragen wollen. Und bei Malewitsch und anderen geht es genau um diese Freiheit. Es ist ja niemand dazu verpflichtet, den suprematistischen Raum zu erforschen, man kann sich ja auch um andere Fragestellungen kümmern, man kann auch den suprematistischen Raum für Blödsinn halten und darf dem Malewitsch das auch sagen. Aber endlich sagten diese Leute, mit dem ganzen Ilja-Repin-Reklame-Realismus haben wir nix am Hut, wie überhaupt mit eurer gegen den Einzelnen gerichteten Staats- und Kirchen- und Polizei-Propaganda mit ihrer erdrückenden ästhetischen Syntax an vorgeschriebenen Objekten. die wie längst definierte Kunstwerke auszusehen haben.

    Donald Judd ist ein gutes Beispiel für dieses Missverständnis. Es laufen ja viele rum, die meinen, der hätte so eine Art ästhetischer Weltformel gefunden, und die Dinge sollten so aussehen, wie Judd das gewollt hätte. Er hat das aber eben nicht gewollt und nie gemeint und nie gesagt. Er hat immer darauf bestanden, dass seine Sachen SEINEN Standpunkt definieren, und keine Forderung nach Weltumbau enthalten.
    Es ging auch um was anderes als die Objekte, nämlich die Erfahrung, die der Betrachter oder Benutzer an ihnen macht, und zwar jeder für sich in der Trias Objekt – Umgebung – Ich. Und Du. Das hatte bei diesen Russen und den Kubisten und schon den Impressionisten begonnen.

  26. ziggev August 15, 2010 um 2:14 pm

    das sind für mich jetzt Erinnerungsbruchstücke, die irgendwo herumliegen. Z.B. das mit dem Kandinskyprogramm hatte ich vollkommen vergessen. Um Melodien, die jemanden umschmeicheln, entstehen zu lassen, ist das allerdings weniger geeignet. Willst du jedoch Kitsch vermeiden … das geht damit recht leicht. Auch dass ich den Katalog einer Ausstellung und Aufführung Graphischer Notation aus dem Jahre 1993 KX Kampnagel besitze, war mir vollkommen entfallen. Den habe ich mal bei anderer Gelegenheit zum Verkauf angeboten gesehen, und musste ihn dann unbedingt gleich haben. Schemazeichnungen, Fotomontagen, buchstäbliche Kritzeleien, z.B. mit dem Titel: IMAGINABEL Fassung für großes Orchester. 🙂 von Otto Neumann. Das sind alles noch Analogien zum Thema. Hier ist jedenfalls den Werken eine gewisse persönliche Note eigen. Vielleicht, weil sie wirken, als wäre ihr Entstehen einem Zufall oder einer gewissen Willkür geschuldet, aber von jemandem bewusst einem ebensolchem Prozess ausgeliefert werden.
    Dass es aber in die Hose gehen kann, denkt man allzu platt in Analogien bei dem Thema, das ich für mich noch unter der Überschrift Synästhesie ablege, zeigt vielleicht dieses Beispiel:
    1997 wurde bei einer Veranstaltung zum Thema: „Visuelle Zeitwende? Bilder – Technik – Reflexionen“, zu dem die Körber-Stiftung einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte, u. A. eine sich bewegende Visualisierung von bestimmten Algorithmen (oder wie das Ding jetzt mathematisch heißt) gezeigt. Sah fraktal-ähnlich aus und stammte von einem, glaube ich, russischen Mathematiker. Dazu wurde – offensichtlich assoziierte man Mathematik mit Bach mit – die Musik des letzteren gespielt. Und jetzt seltsam: Mich erfasste eine unbestimmte Traurigkeit und tiefes Mitleid. Dies hatte jedoch nichts mit Bach zu tun, bin mior ziemlich sicher; es war eher der beinahe spürbare allgegenwärtige ‚Tod in einer todlosen, von Menschen geschaffenen Welt‘. Diese sich bewegenden Formen taten mir leid! Eigentlich komisch. (Die Geschichte k l i n g t bloß traurig.)
    Wie dem auch sei, jetzt muss ich unbedingt mich schlafen legen. Die Nacht durchgearbeitet …

  27. momorulez August 15, 2010 um 2:21 pm

    @T. Albert:

    Um genau diesen Erfahrungsraum geht es mir ja auch die ganze Zeit. Deshalb erstaunt es mich dann aber trotzdem, dass, nicht bei Malewitsch oder Deiner künstlerischen Praxis, wohl aber in Diskussion wie dieser Sprache einerseits, Erfahrung und Sinnlichkeit einander äußerlich scheinen. Und wenn, dann zumeist in der von Dir beschriebenen, imperativischen Form wahr genommen, am liebsten freilich von jenen, die andere grammatische Formen gar nicht kennen, wie unsere wirtschaftsliberalen Gegenspieler z.B. oder stalinistisch-tribunalistische G.-Punkte, die glauben, ein Text sei relevanter als reale Machtkämpfe in einem Parteiapparat oder in der Nomenclatura. Was dann ja auch Nonsens ist.

    Wieso aber bleibt Sprache da immer außen vor, bei der Erfahrung?

  28. momorulez August 15, 2010 um 2:23 pm

    @ziggev:

    Schlaf gut!

  29. T. Albert August 15, 2010 um 7:21 pm

    Wieso aber bleibt Sprache da immer außen vor, bei der Erfahrung?

    Weiss nicht, ist das so?
    Wir sehen vielleicht Sprache ihrerseits nicht als Erfahrung(?),
    als unkörperlich, deren Träger, der Körper, gegen sie als geistiges oder als „reine Kommunikation“, wir vernachlässigen? Kommt mir oft so vor.
    Ist das so?
    U. Eco sagt, wir würden nach Roman-Schemata des 19.Jhdts. leben wollen, weil wir dann das Gefühl von Ordnung im Leben hätten. Weil das Leben aber unkomponiert ist, käme ihm eine Struktur wie „Ullysses“ viel näher. Weil das aber Konsequenzen für unsere Erfahrungs- und Sprechbereitschaft hätte in seiner Offenheit, würden wir den Ullysses nicht leben, überhaupt das offene Kunstwerk nicht mögen.

  30. T. Albert August 15, 2010 um 7:27 pm

    Ich mein, man müsste sich ja dem Leben ausliefern. Das ist beängstigend, wie ein Kunstwerk, das nicht wie ein sogenanntes Kunstwerk aussieht. Die Idee des Zufalls, den es als solchen ja nicht gibt, wenn ich ihn einmal im Arbeitsprozess akzeptiert habe, ist ja für viele Leute erschreckend. Dabei ist er im Lebensprozess eben der Lebensprozess.

    Oben muss es natürlich heissen „den Ulysses nicht lesen“.

  31. momorulez August 15, 2010 um 7:42 pm

    Ich bin da ja immer hin- und her gerissen, was diese „Skripte“ betrifft, die narrativen Strukturen, die „Heldenreise“ in Hollywood usw. Gerade als jemand, der riesige Schwierigkeiten hat, im fiktionalen Bereich irgendetwas anderes als Krimis zu lesen. Braucht man da nicht auch irgendwas reflexiv-rekonstruktives, was die Erfahrungen zusammen hält? Umgekehrt sind die existenten Skripte zumeist auch ziemlich blöde.

    Habe ja in meinen kreativen Erzeugnissen wenig Probleme mit Offenheit, Rumprobieren, Spielen, okay, im beruflichen Bereich „schließen“ wir dann auch an irgendeinem Punkt. Aber ansonsten haben wir da schon den Ruf, auch immer neue Zeichen zu setzen.

    Im Privaten bin ich aber eigentlich immer frontal gegen Wände gelaufen, wenn ich mich mal öffnete. Das ist ja nicht nur selbstbezüglich problematisch, weil es halt auch immer die Anderen gibt. Na ja, ist jetzt vielleicht etwas ab vom bisherigen Thema.

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