Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: August 2010

Stimmung und Erregung als Welterschließung

Was ist das eigentlich für eine abstruse Welt, in der Emotionausdruck allseits als Affront wahr genommen wird?

In der seltsame Gebote nach „Sachlichkeit“ und „Argumentation“, manchmal freilich auch angemessen, in alle Kommunikationen sich einschleichen und den Deckel auf den Topf drücken, die eiskalt Kalkulierenden als „erfolgreich“ gelten und jede spontane Erregung als Affront und Grenzverletzung wahr genommen wird?

Wieso lernt eigentlich kein Schwein mehr, daß sich wechselseitiges Beschimpfen und Anbrüllen temporär völlig in Ordnung ist? Viel fieser sind doch die, die mit Lawrence-Olivier-als-Mengele-Lächeln trotzdem mit „herzlich“ unterschreiben.

Stimmungen und Erregungen, Gefühle und Neigungen sind, da hatten so unterschiedliche Denker wie Adam Smith, Martin Heidegger und Gilbert Ryle einfach recht, AUCH Formen, Welt zu verstehen, und selbst die einst so verlachte „Urschrei“-Therapie hatte wahrscheinlich mehr Sinn als diese allseits erzwungene Selbstkontrolle, die angesichts der realökonomischen Verhältnisse doch kaum noch möglich ist.

Selbst wenn ich mir Welt so erschließe, das Frustration als Gegenstand in ihr Allgegenwart zeigt, ist doch der Ausdruck dessen nicht minder zu befreien als diese allseits proklamierte Freiheit, seine „Meinung“ zu äußern – bei der ich immer weniger weiß, was sie eigentlich ist.

Wie immer landet man in den frühen 80ern, als Punk, Spontis und selbst die so aggressionsgehemmte Roncalli-Welt mit Rotzen, Pöbeln, Witz und Seifenblasen zumindest Möglichkeiten des Emotionshaushaltes auf der Lebensstil-Ebene andeuteten.

Und jetzt fallen sich kuschelnd und heulend Konkurrenten bei „Deutschland sucht den Superstar“ in die Arme, als sei die Inszenierung des Liebevollen Trostpflaster für Druckverhältnisse, daß man sich schon fast fragt, ob die martialischen Hip Hop-Varianten und manche Hool-Kulturen nicht näher an der Wahrheit sind.

Nein, die sind natürlich auch nicht in Ordnung – aber was zum Teufel ist denn dann der Weg?

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Verstehe immer gar nicht, wieso …

… gerade die Broder-Fans bei Twitter und anderswo sich aktuell über den ideologischen Wiedergänger aus der Bundesbank empören – genau das folgende sagt nämlich genau der auch seit Jahren:

„Die Frage muss zunächst lauten: Warum gibt es in fast jedem europäischen Land eine wachsende muslimische Minderheit, die wesentlich größere Integrationsprobleme hat als andere Minderheiten? Und dann ist die Frage, warum es in keinem Land auf dieses sich seit 30 Jahren abzeichnenden Problem eine zukunftsweisende Antwort gibt. Erst die dritte Frage sind die sich daraus ergebenden politischen Bewegungen.“

Dabei muss doch Frage eigentlich lauten, wieso gerade Deutschland immer wieder so unerträglich rassistische, faschistoide, dummdreiste Besserwisser, pseudowissenschaftliche Scheinpositivisten, gemeingefährliche Quatschtreiber und unerträgliche Hetzer hervor bringt. Dabei ist dem folgenden in jeder Hinsicht zuzustimmen:

„Aber um Sarrazin als Person geht es auch gar nicht. Die Debatte über die Themen, die er nicht erfunden hat, sondern bloß gewinntüchtig zuspitzt, läuft schon viel länger und wird am Stammtisch wie im Feuilleton geführt. Er spricht damit einer Öffentlichkeit aus dem Herzen, die gern «Ausländer_innen», «Migrant_innen» oder «Muslim_innen» die Schuld für die sozialen Verwerfungen eines krisengeschüttelten Systems geben möchte, um sich das Nachdenken über die wirklichen Ursachen zu ersparen – eine Öffentlichkeit, die sich vom rechten Rand bis in die Mitte der Gesellschaft erstreckt, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.“

Auch Hartmut, mit dem ich mich jüngst so fetzte, kann ich diesem Fall nur zustimmend applaudieren. So gar nicht einverstanden bin ich mit den Analysen Karstens, was freilich eine eingehenden Diskussion erfordern würde, zu der ich aber gerade zu faul bin 😀 – insofern lasse ich das in jeder Hinsicht unfair erstmal einfach so stehen.

Nichtsdestotrotz sei sein neues Blog hiermit und auf diesem Wege ausdrücklich beworben!

Bildnerischer Nachschlag noch zu gestern …

… ich arbeite dann mal allmählich auf eine Florian-Bruns-Ausstellung hin 😉 …

Klassenkampf ist möglich!

Nee, ich meine nicht den Hopp. Diese schnurrbärtigen Neckargewächse, die sich nach dem Spiel inmitten unserer crowd vor der Domschänke vergnügten, gänzlich unbehelligt, wir haben ihnen noch bei den Fotoerinnerungen geholfen, Karsten, also keine Sorge, die sollen ja auch ihren Spaß haben. Wo sonst sie die satte Lieblichkeit ihres Landstrichs vermutlich täglich mit Dumpfsinn belegt. Ich weiß ja gar nicht, wie es da aussieht. Habe aber trotzdem tiefes Mitgefühl mit jenen, die da leben müssen … die armen Schweine.

Na ja, als solches sollte ich mich wohl auch fühlen beim Einstieg in ein neues Millerntor-Erleben. Das de facto Dreiklassenwahrecht in diesem wilheminischen Land hat nun auch in unserer Idylle des Zecken-Gesangs erbarmungslos zugeschlagen. In der Mitte eng an dicht das normale Haupttribünen-Volk, eingepfercht zwischen Gattern, rechts etwas lockerer besetzt die Schneise für den Südtribünenzugang, und links an uns vorbei spazierten in häßlich knitternden Leinenanzügen die Buisnes-Seat-Wixer, die das Zehnfache eines Hartz IV-Satzes für ihre peinlichen Plätze bezahlt haben. Ja, ich ja auch ca. 1 1/4, ohne Mietzuschlag. Wahrscheinlich durchfuhr die Inbrunst des Edlen sie beim Kauf, daß sie mit ihrer schmutzig verdienten Kohle – man kann Kohle nicht anders als schmutzig verdienen, wenn man nicht in der Pflege oder so arbeitet – die Finanzierung solcher Parkhausgänge für den Mittelstand eine Etage tiefer ermöglichen würden. Die finstere Seele des Mäzenatentums lebt; ja, während wir anstanden, ließ ich es mir nicht nehmen, „Dem Karl Liebknecht, dem haben wir’s geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand“ anzustimmen. Junge Menschen vor mir guckten verstört extra weg, J. neben mir schämte sich für mich und nahm 3 Schritte Abstand. Ach ja, der ach so revolutionäre FC St. Pauli …

Es tat schon weh, nicht mehr mitten im Spiel auf Holzbänken zu sitzen, sondern draufzuschauen und sich auf zu engen Plastiksitzschalen, Modell „Magdeburg“, zu winden. Die ideologisch situativ fehl geleiteten Südsteher fanden sich wieder witzig, „Aufstehen, Aufstehen“ uns zuzurufen, natürlich blieb ich sitzen, ich bin ja kein Buisness-Seat-Wixer. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß zumindest in HT 8 und 9 die Selbstvergewisserung, sich tatsächlich noch im Millerntorstadion zu befinden, in gesteigerter Supportfreude äußerte. So, als müsse man das leichte Entsetzen darüber, wo man gelandet ist, hinfort gröhlen mittels vertrauter Gesänge. Die Akustik ist sensationell, irrsinnig laut und mächtig hörte es sich an in unserer Stadion-Ecke; trotzdem, dieses ungute Gefühl, beim Umdrehen lächerliche Gestalten mit St. Pauli-Schals über Betonbrüstungen, die entfernt an Diktatoren-Balkone erinnern, sich lehnen und grinsen zu sehen, ja, ich meine die, die sich nicht dafür schämen, Logen zu betreten, das wollte nicht weichen. Natürlich ist es besser, wenn Herrschaft sichtbar ist, als wenn sie sich tarnt – gegen den provinziellen Charme der alten „Sonderblöcke“ ist da trotzdem eine Ekelstufe erklommen, die ich schwer erträglich finde. Nur auf der Süd diese Etablissements wirkten noch fast karrikiert, wie ausgestellt, um sie dann auszulachen – nun die Herrschenden mit ihrem fauligen Atem im Nacken zu spüren, das mag ich nicht.

Gespielt wurde auch, und das prima. Wie ungeheuer gefährlich der Hoffenheimer Sturm sein kann, Bremen durfte es schon erfahren, schnell wurde es deutlich; daß die unseren ihn in den Griff bekamen und in der ersten Halbzeit sogar massiv Druck aufbauen konnten, das hat mir imponiert. Carlos Zambrano ist ja ein derartiger, ja, Fussballübergott, der Junge wird noch Weltstar. Unglaublich. Auch der nicht mit gleichem Eros gesegnete Thorandt, grandios, so ein cooles Verteidigerduo habe ich bei uns noch nicht gesehen. Daß dann irgendwann dieses blöde Tor fiel, geschenkt, kann passieren, und eigentlich war es mir egal – wenn ich an die Spielweise unserer letzten Erstligasaison zurück denke, ist ein Vergleich kaum möglich, so konzentriert, so sortiert, so siegeswillig, wie das aktuelle Team auftritt, ist mir nicht bange, daß wir Köln weghauen werden und auch beim Derby gut aussehen. Zudem dieser van Nistelroy beim Jubeln immer mehr wie der Bösewicht aus einem Splatterfilm aussieht. Das wird sich Pornogott Petric nicht bieten lassen, und bis zum Spiel gegen uns haben die sich eh wieder in Grund und Boden intrigiert …

Was bleibt? Den Wandel am Millerntor aushalten lernen und trotzdem weiter daran zu glauben, daß das mit dem Klassenkampf mal wieder ernster genommen wird …

„Viva con Flora“

Ich liebe meinen FC St. Pauli! Auch wegen solcher Aktionen! Großartig!

Tagesformmodelle

„Die Wirklichkeit, die uns vereint …

… die trennt uns wieder vor der Zeit.“

Tocotronic

„Tierhaft“ und „Regressiv“

Da hat es mir nun doch die Sprache verschlagen, bei diesem Soundfile. Rhizom weiß zu berichten:

„Wie, das zeigt unser Informant Roger B., der, finanziert durch die “Internationale Bauausstellung” (IBA), gentrifizierungskritische Kunst-Projekte und Vernissagen über “Post-Urbanismus” im Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg organisiert. Die IBA ist eine 100%-ige Tochtergesellschaft der freien Hansestadt und widmet sich im Auftrag des Senats der Aufwertung ärmerer Stadteile, um sie architektonisch und sozial für das Bürgertum wieder attraktiv zu machen. Die linke Gentrifizierungskritik wird hier durch ihren bürgerlichen Ästhetizismus ganz unverhohlen zum Bestandteil einer Aufwertungs- und Verdrängungs­strategie, was allen Beteiligten, einschließlich der “linken” Auftrag­nehmer, völlig durchsichtig ist.“

Was insgesamt nur halbwahr ist; die Gentrifzierung Wilhelmsburgs mittels Siedlungsprogrammen für Studenten (auch auf der Veddel), Kunstprogrammen und der IBA wird in Hamburg seit Jahren heftigst kritisiert. Insofern kann pauschal auch keine Rede davon, dass die linke Gentrifizierungskritik selbst Teil der Aufwertungs- und Verdrängungsstrategie würde. Selbst das Bürgerkinder-Selbsterfahrungsgebiet „Gängeviertel“, über das man sich gleichermaßen freuen wie es kritisch beäugen kann, ist auf einem Terrain gelegen, das direkt gegenüber dem Springer-Verlag  und neben dem mit meiner Ansicht nach durch überteuerte Mieten finanzierten und ganz unabhängig davon gebauten „Brahms-Quartier“ nun gerade nicht erst gentrifziert werden bräuchte. Auch der Widerstand gegen IKEA in Altona und der Versuch, das Frappant-Gebäude für Künstler weiter zu bewahren, hatte eine eindeutig entgegen gesetze Stoßrichtung.

Insofern ist die Frage, was denn nun der „bürgerliche Ästhetizismus“ hier für eine Rolle spielt, wenn Herr Roger B. seine unverhohlenen Rassismen aussondert. An der Diagnose, dass die Senatspolitik so bestens umrissen ist, auch, weil sich aus Wilhelmsburg von der hier reagierenden Immobilenmafia „was machen läßt“, Elbinsel, viel schöne Altbausubstanz,  im Falle Hamms, Dulsbergs oder Jenfelds fiele das schwerer, läßt sich freilich nicht rütteln – ebenso daran nicht, dass Künstler sich hierfür instrumentalisieren lassen.

Na, mal dran bleiben, was der Herr Roger B. hier im Rahmen von Kunstprojekten treibt. Es gibt ja noch andere, publizistische Kanäle als dieses Blog.

Light my Fire, Feigling!

Dieser Text über das Rauchen, diese Liebeserklärung an die Zigarette ist so wundervoll, er MUSS einfach zitiert werden:

„sie ist das erste was mir morgens ein freundliches „hallo, wie wärs?“ entgegenposaunt, womit sie selbst den kaffee auf die plätze verwiesen hat. ich finde wirklich, dass das rauchen etwas ganz besonderes hat. ob nachmittags beim gemütlichen plausch oder abends in der kneipe, macht es mir einen heidenspass anderen leuten beim rauchen zuzusehen. deshalb mag ich auch den alkohol, da er die menschen dazu animiert noch mehr zu rauchen, wobei ich sie wiederum beobachten kann. es kann durchaus vorkommen, dass ich jemanden nur deshalb interessant finde, weil er eine unwiederstehliche art hat zigaretten zu rauchen (…).“

Das Foto erklärt sich so, dass ich für das Derby gegen die Rauten schon mal verschiedene Make Up-Varianten ausprobiert habe; man bestaune meine vollen Lippen. Und dass parallel mein iPod einen Donna-Summer -Song ausspuckte,mir auffiel, dass ich selbst immer zu feige war, psychedelische Drogen zu nehmen und ich parallel aus unerfindlichen Gründen an die Zeit denken mußte, als meine Schwester noch die „Mädchen“ las. Ja. An Jugendzentren und Dorfdiscos und außerdem mußte ich den „Glow“ ausprobieren. Rauchend, versteht sich.

Innerer Zwiespalt