Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Judith Butler bringt es auf den Punkt

„Es kann keine starke Bewegung gegen Homophobie geben ohne eine starke Bewegung gegen Rassismus.“

Das gilt freilich auch umgekehrt. Und ohne eine Kritik der politischen Ökonomie driftet beides ab ins Bodenlose und begibt sich in Gefahr, in Kultur-Schnick-Schnack zu enden.

Advertisements

17 Antworten zu “Judith Butler bringt es auf den Punkt

  1. willy Juni 29, 2010 um 8:51 am

    „Das fühle ich nicht nur als jemand mit einem jüdischen Hintergrund, sondern auch als jemand, der glaubt, dass Antisemitismus eine von vielen Formen des Rassismus darstellt. Bekämpfen müssen wir sie alle.“

    Warum eigentlich? Es ist immer so bei Butler und ihrer ganzen Richtung, dass ihre normativen Aussagen wie selbstverständlich vorgebracht werden, auch wenn sie sich garnicht aus ihren theroretischen Voraussetzungen heraus begründen lassen.

    OK., Rassismus und Homophobie sind soziale Konstruktionen (sagt zumindest B.) und können als solche identifiziert, dekonstruiert und bekämpft werden, aber gilt das nicht für ihre eigenen impliziten Annahmen (Rassismus muss bekämpft werden) genauso? Gerechtigkeit ist schließlich auch eine soziale Konstruktion, wie wir seit Aristoteles wissen.

  2. momorulez Juni 29, 2010 um 8:59 am

    Ja, aber eine mit Gründen. Sie diskutiert das sehr intensiv in „Hass spricht“; auch die Frage, ob und inwiefern nun ausgerechnet der Staat und seine Judikative als Hüter der Gerechtigkeit auftreten können – u.a. in der Auseinandersetzung mit Habermas.

    Das ist ja eine gigantische Debatte rund um die „Postmoderne“ gewesen, zu der Butler etwas später hinzu stieß – die meiner Ansicht nach immer darauf hinaus läuft, Moral bzw. Gerechtigkeit in den Beziehungen, Relationen zu verankern und nicht in irgendwelchen Wirklichkeitsvorstellungen. Meistens ploppt dann direkt oder indirekt die hegelsche Anerkennungsdialektik auf.

    Und „soziale Konstruktion“ heißt ja nicht Illusion im Gegensatz zu irgendeiner verborgenen, „eigentlichen Wahrheit“, sondern eben auch wirksame, soziale Realität. das haben die Leute bei Foucault, von dem Butler ja ausgeht, auch immer nicht verstanden. Und eben auch Freiheit.

  3. Nörgler Juni 29, 2010 um 10:36 am

    “ …aber gilt das nicht für ihre eigenen impliziten Annahmen (Rassismus muss bekämpft werden) genauso?“
    Es gibt genügend Leute, die sagen: „Die Annahme, ‚Rassismus muß bekämpft werden‘, muß bekämpft werden.“

  4. willy Juni 30, 2010 um 8:54 am

    Ja und, was würde Frau Butler denen sagen? Welche „Gründe“ für die Ablehnung des Rassismus könnte sie vorbringen, die nicht ihrerseits wieder als soziale Konstruktionen kritisiert werden könnten?

  5. willy Juni 30, 2010 um 9:01 am

    Ich könnte mich z.B. auf den Standpunkt Nietzsches stellen und sagen: Die da zur Bekämpfung des Rassismus aufrufen, sind nur die, die dabei schlecht wegkommen; wenn sie sich einmal durchgesetzt haben, werden sie ihre Ideen genauso allen anderen aufzwingen, wie es die Rassisten tun. Moral ist immer nur Zeichensprache von Affekten, und letzten Endes setzt sich der Stärkere durch,so ist die Natur.

    Und wer fällt, den soll man auch noch stoßen.

  6. momorulez Juni 30, 2010 um 9:05 am

    Na ja, hättest Du das mit der „blonden Bestie“ in der „Genealogie der Moral“ richtig verstanden, könntest Du Dich auf auch Nietzsche hier nicht berufen … diese Umkehr ist in diesem Fall auch klar rechtsradikales Gedankengut, weil die Herstellung von Symetrie, Reziprozität und einem formalen Gleichheitsgrundsatz keine neue Asymetrie herbei führt. Das sind Rassisten-Sprüche.

  7. momorulez Juni 30, 2010 um 9:07 am

    „Welche „Gründe“ für die Ablehnung des Rassismus könnte sie vorbringen, die nicht ihrerseits wieder als soziale Konstruktionen kritisiert werden könnten?“

    Habe eben welche angeführt, die u.a. Grundlage unserer Verfassung sind.

  8. Nörgler Juni 30, 2010 um 10:04 am

    Dann laß uns, Willy, doch ganz entspannt Kinder ficken und Fidschis klatschen. Denn Einwände dagegen sind bloß soziale Konstruktionen.

    Deine Argumentation beruht auf dem Taschenspielertrick, dass eine soziale Konstruktion allein schon qua ihrer Eigenschaft dies zu sein, automatisch der Kritik verfiele. Man kennt das bereits als „Alles ist Ideologie“, womit Ideologiekritik stillgestellt werden soll.

    Deiner Einlassung hier liegt ein argumentativ unzulässiges Schema zugrunde, von dem Du auch sonst gerne Gebrauch machst: nämlich eine Sache soweit zu abstraktifizieren, bis ein Grad der Abstraktheit erreicht ist, auf dem man nur noch feststellen kann: ‚Ja, in der Abstraktion stimmt das.‘

    Das wendest Du immer an, wenn’s ansonsten nicht mehr weitergeht. So behauptest Du bei Bersarin, Aristoteles sei ein „Naturphilosoph“ gewesen. Der Hinweis, daß philosophiegeschichtlich die „Naturphilosophen“ die „Vorsokratiker“ waren, ficht Dich nicht weiter an, denn, so argumentierst Du, da Aristoteles sich auch zu Fragen der Natur geäußert hat, ist er damit ein „Naturphilosoph“. Obzwar Du Dich damit gegen den gut begründeten Konsens gleich dreier Disziplinen stellst – der Philosophie, der Altphilologie und der Altertumswissenschaft – muß man sagen: ‚Ja, in der Abstraktion stimmt das.‘

    Die Konsequenz aus dieser Abstraktifizierung ist allerdings, daß nun jeder Biologe, Zoologe, Geologe, Genetiker, Mediziner, Astronom usw. zum Naturphilosophen mutiert. Zumal wären sämtliche Philosophen, die auch zur Natur sich äußerten, dann „Naturphilosophen“. Und einer, der das nicht tat, fällt mir gerade nicht ein.

    Damit aber wird der Begriff sinnlos, da er jegliche Trennschärfe verloren hat.
    Was Du generell betreibst, ist der Rückfall des Denkens hinter die immanenten Distinktionen seiner Form: Was durch die Naturphilosophen (= Vorsokratiker) über Platon zu Aristoteles mühsam erreicht wurde, wird revoziert, indem die Differenz eingezogen wird, welche die Substanz von Begrifflichkeit selbst ist.

    Würdest Du nicht ständig den längst erreichten Stand der Erkenntniskritik ignorieren, wäre die Diskussion mit Dir etwas einfacher.

  9. Nörgler Juni 30, 2010 um 10:21 am

    „Die da zur Bekämpfung des Rassismus aufrufen, sind nur die, die dabei schlecht wegkommen.“ Nö, ich bin in persona das weiße, heterosexuelle Metropolensubjekt. Ich komme beim Rassismus gut weg und bekämpfe ihn trotzdem. Komisch, gell?
    __________________________

    Zur Verdeutlichung noch eine Ergänzung zu 10:04 am.

    Die schlechte Abstraktheit in 8:54 besteht darin, daß der vergesellschaftete Mensch außerhalb „sozialer Konstruktionen“ sich schwerlich wird bewegen können. Dann ist tatsächlich alles sozial konstruiert und damit alles gleich und gleichgeltend. Doch der Umstand, daß sowohl das Wauwau-Ding wie auch das Miaumiau-Ding aus Molekülen bestehen, läßt uns gleichwohl Hund und Katz unterscheiden.

    Wenn Hegel sagt, die Wahrheit ist konkret, so meint gerade er nicht: Laß die Begriffe fahren, vertraue den Sinnen. Jenes Dictum ziehlt vielmehr auf die Konkretionen der jeweiligen begrifflichen Differenz, von denen nicht abstrahiert werden kann.

  10. willy Juli 2, 2010 um 1:38 pm

    Na gut, dann mal aus berufenerem Munde als aus meinem. Die Philosophin Martha Nussbaum hat eine hervorragende Analyse der Theorien von Judith Butler geschrieben, nachlesbar hier: http://www.akad.se/Nussbaum.pdf

    Darin heißt es:

    „This idea of waiting to see what we get–in a word, this moral passivity–seems plausible in Butler because she tacitly assumes an audience of like-minded readers who agree (sort of) about what the bad things are–discrimination against gays and lesbians, the unequal and hierarchical treatment of women–and who even agree (sort of) about why they are bad (they subordinate some people to others, they deny people freedoms that they ought to have). But take that assumption away, and the absence of a normative dimension becomes a severe problem.”

    Genau das ist es; Butler (und die ganze Richtung) wenden sich immer nur an ein Publikum von Gleichgesinnten, mit denen man natürlich nicht darüber diskutieren muss, dass Rassismus und Homophobie schlecht sind, und auch nicht darüber, was denn Rassismus eigentlich genau ist. Genauso ist das auch in diesem Blog. Weiter:

    „Try teaching Foucault at a contemporary law school, as I have, and you will quickly find that subversion takes many forms, not all of them congenial to Butler and her allies. As a perceptive libertarian student said to me, Why can’t I use these ideas to resist the tax structure, or the antidiscrimination laws, or perhaps even to join the militias? Others, less fond of liberty, might engage in the subversive performances of making fun of feminist remarks in class, or ripping down the posters of the lesbian and gay law students‘ association. These things happen. They are parodic and subversive. Why, then, aren’t they daring and good? Well, there are good answers to those questions, but you won’t find them in Foucault, or in Butler. Answering them requires discussing which liberties and opportunities human beings ought to have, and what it is for social institutions to treat human beings as ends rather than as means–in short, a normative theory of social justice and human dignity.”

    Eben, wenn alles nur soziale Konstruktionen sind, kann man sie auch beliebig dekonstruieren, und das können nicht nur Butler und Foucault, sondern auch Ultraliberale und Neonazis.

    „Come to think of it, justice, understood as a personal virtue, has exactly the structure of gender in the Butlerian analysis: it is not innate or „natural,“ it is produced by repeated performances (or as Aristotle said, we learn it by doing it), it shapes our inclinations and forces the repression of some of them. These ritual performances, and their associated repressions, are enforced by arrangements of social power, as children who won’t share on the playground quickly discover. … Butler cannot explain in any purely structural or procedural way why the subversion of gender norms is a social good while the subversion of justice norms is a social bad. Foucault, we should remember, cheered for the Ayatollah, and why not? That, too, was resistance, and there was indeed nothing in the text to tell us that that struggle was less worthy than a struggle for civil rights and civil liberties. There is a void, then, at the heart of Butler’s notion of politics. This void can look liberating, because the reader fills it implicitly with a normative theory of human equality or dignity. But let there be no mistake: for Butler, as for Foucault, subversion is subversion, and it can in principle go in any direction. Indeed, Butler’s naively empty politics is especially dangerous for the very causes she holds dear. For every friend of Butler, eager to engage in subversive performances that proclaim the repressiveness of heterosexual gender norms, there are dozens who would like to engage in subversive performances that flout the norms of tax compliance, of non-discrimination, of decent treatment of one’s fellow students. To such people we should say, you cannot simply resist as you please, for there are norms of fairness, decency, and dignity that entail that this is bad behavior. But then we have to articulate those norms–and this Butler refuses to do.”

    Genau wie momorulez; dass “die Herstellung von Symmetrie, Reziprozität und einem formalen Gleichheitsgrundsatz keine neue Asymmetrie herbei führt“ kann man wohl kaum als nachvollziehbare Normenbegründung bezeichnen. Und die hinter dem Grundgesetz stehenden Gründe sind mit Sicherheit auch andere als die von Frau Butler.

  11. momorulez Juli 2, 2010 um 1:44 pm

    Ich freue mich jetzt aber, dass Du Martha Nussbaum zitierst! Das ist ja so etwas wie linker Neoaristotelismus, was sie vertritt, auch oft in Zusammenarbeit mitSen. Ihre Auseinandetsetzung mit dem Postrukturalismus, Foucault und Butler gehören allerdings nicht zu ihren Glanzpunkten, das ist bei Habermas ja ähnlich.

    Später gerne mehr, das ist ja eine recht komplexe Thematik.

  12. willy Juli 2, 2010 um 1:53 pm

    Nörgler, du hast eben keine Ahnung, aber wass soll man auch von jemand erwarten, der Metaphysik und Logik nicht auseinanderhalten kann? Hast du mal in die Physik des Aristoteles reingeschaut? Fragen nach der Natur von Zeit und Raum und Bewegung, sowie die Auseinandersetzung mit Parmenides, und das soll keine Naturphilosophie sein?
    Ich habe ausdrücklich gesagt, dass er nicht NUR Naturphilosoph war, aber dass Aristoteles ein wichtiger Naturphilosoph gewesen ist, ist ja wohl Standard der Philosophiegeschichte (http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-natphil/) , aber von der hast du offenbar auch keine Ahnung.

    Typisch dass leute, die viel Adorno gelesen haben, sich sich sogar seine Ausdrucksweise aneignen („der Kritik verfiele“, „Abstraktifizierung“, „Rückfall des Denkens hinter die immanenten Distinktionen seiner Form“), wirklich zum schießen.

    Und natürlich haben die Vorsokratiker auch nicht nur über die Natur geschrieben, aber die kennst du wahrscheinlich auch nur aus Zitaten bei Hegel.

  13. willy Juli 2, 2010 um 1:57 pm

    Übrigens hatte ich gedacht, es wäre klar geworden, dass ich die Position Nietzsches nur ironischerweise eingnommen haben, aber naja.

    Was haltet ihr übrignes hiervon: http://www.utilitarian.net/singer/by/1999—-02.htm?

  14. momorulez Juli 2, 2010 um 2:38 pm

    Nananana, Nörgler hat da schon völlig recht, das „Naturphilosoph“ etwas kurz greift. Damals waren Einzelwissenschaften ja noch gar nicht existent, in dem Klüngel, in dem ich studierte, sprach man jedoch vom „ontologischen Paradigma“ im Falle der Alten Griechen, eben jene, die über Seiende philosphierten (bzw. dem, was hinter ihm steckt, siehe „Höhlengleichnis“ bei Platon), und dass dann da auch Natur Thema war, das ist ja klar. Die Ethik, also die Frage nach dem „höchsten Gut“ und der Tugend im Fallle von Aristoteles, ist aber schon noch was anderes als „Naturphilosophie“ selbst dann, wenn sie die Sein/Sollens-Differenz anders versteht.

    Das ist schon ganz praktisch, diese Unterscheidung „ontologisches“, „mentalistisches“ (Descartes, Hume, Kant, Husserl z.B., aber auch Adorno in bestimmten Hinsichten) und „linguistisches“ (Wittgenstein und die analytische Philosophie, auch die de Saussure-Nachfolger, also Strukturalisten- und Poststrukturalisten) im Kopf zu haben, weil das z.B. die Auseinandersetzung Nussbaum/Butller prägt.

    Gerade im Falle Adornos wiederum ist es auch wichtig, immer im Kopf zu haben, wie da die Kritik-Hegels an Kant, die von Marx an Hegel und die Kantische Perspektive auf Marx NEGATIV gedacht werden, mit anderen Worten: Ohne Philosophiegeschichte kann man auch dann nicht philsophieren, wenn man sich auch Aristoteles bezieht, weil die allesamt schon mal auf den geantwortet haben. Nussbaum gehört zu jenen, die das mit dem Holzhammer trotzdem tun, mit tollen und verblüffenden Ergebnissen, das ist aber eine andere Fragestellung als bei Butler, die ganz andere Denkbewegungen immer schon mit berücksichtigt, mal prima, mal, na etwas verqurilt.

  15. che2001 Juli 2, 2010 um 5:20 pm

    Huhuhu, da lehnt sich ja jemand weit auseinander.

    @“Nörgler, du hast eben keine Ahnung, aber wass soll man auch von jemand erwarten, der Metaphysik und Logik nicht auseinanderhalten kann? Hast du mal in die Physik des Aristoteles reingeschaut?“ — Ich kenne kaum jemanden, der bei sich zu Hause eine so gut sortierte philosophische Bibliothek hat wie der Nörgler. Mit griechischen Philosophen rauf und runter, unter Anderem auch auf Griechisch. Und er hat sie gelesen.

  16. momorulez Juli 2, 2010 um 9:11 pm

    So, Willy, und jetzt noch mal zu den Nussbaum-Zitaten und Deiner Bezugnahme auf meine Aussagen zu Symetrie, Reziprozität und formaler Gleichheit: Was Nussbaum einklagt, das kann z.B. letzteres sein.

    Da geht es nur indirekt um die Frage „soziale Konstruktion oder nicht“, sondern vielmehr um jene, welche sozialen Konstruktionen (bzw.Praxen und Perspektiven, Butler ist ja keine Konstruktivistin) mit welchen Gründen gut oder schlecht gefunden werden können, richtig oder falsch. Subversion zum Selbstzweck oder aber gegen jene Vorstellungen, die Butler in ihrer Rassismuskritik als normativen Masstab implizit voraus setzt, fände Butler selbst ja auch nicht prima.

    Das ist die Standardkritik auch von einem Habermas z. B., der ergänzt freilich noch die historische Perspektive und fragt im Rahmen eines alternativen Begründungsmodus, dem Geltungsanspruch auf normative Gerechtigkeit, der eben anders funktioniert als jener nach Wahrheitsgeltung, aber wahrheitsanalog zu verstehen ist, wieso sich diese oder jener Normen durchgesetzt haben – weil sie vernünftig sind in einem nicht- funktionalen Sinne und bereits im Prozess des Begründens Voraussetzungen notwendig gemacht werden müssen wie zum Beispiel, na was wohl, formale Gleichheit, Reziprozität, Symetrie.

    Butler setzt aber auf einer ganz anderen Ebene an, dass sie fragt, wie konkrete gesellschaftliche Praxen und Sichtweisen sich heraus bilden, die auf das Zentrum hetero-männlich-weiß bezogen sind, und was die faktisch mit Menschen machen. Foucault auch, und der Ayatollah-Spruch ist sehr dämlich, da war Foucault als Journalist in den ersten Wochen der iranischen Revolution dort unterwegs als noch völlig offen war, wohin die sich entwickeln würde.

    An dem Punkt, wo Butler dann analysiert „Hate Speech ist eine Handlung, die Menschen physisch angreift und psychisch vernichtet“, setzt sie natürlich voraus, dass es falsch ist ist, zu verletzen und zu vernichten. Der Einwand ist so gar nicht originell. Ihr Thema ist dann – anders als bei Habermas oder Nussbaum – aber nicht das Entwickeln einer universalistischen Moral, sondern die Zersprengung jener Begrifflichkeiten und Praxen, die Menschen in ihren Freitsspielräumen einschränken und dazu zwingen, immer alles auf Geschlechterpolarität zu beziehen, zum Beispiel. Und dazu kann dann sehr wohl auch mal eine abstrakt ansetzende, universalistische Moral beitragen, die aufgrund falscher, androzentritischer Verallgemeinerungen z.B. spezifisch weibliche Erfahrungen einfach ignoriert.

    Ich versuche seit ca. 1990, beide Positionen zu vermitteln, übrigens. Das war unter anderem Thema meiner Magisterarbeit.

    So, wie Du Nussbaum zitierst, kann man das alles mit Kant/Apel/Habermas beantworten. Nussbaum selbst ist ursprünglich berühmt geworden, weil sie diesen formalen Konzeptionen einen „Essentialismus“ entgegen stellte, natürlich auch, um die Postmodernen und ihre Kulturimperialismus-Kritik abzuwatschen.Sie hat mit Sen in der Entwicklungshilfe praktisch gearbeitet und eben selbst erfahren, dass Frauen in Indien, denen man die Möglichkeit gibt, Lesen und Schreiben zu lernen, das so gar nicht imperial erleben.

    Unter Berufung auf Aristoteles geht sie stattdessen von universellen Grundfunktionen eines jedes Menschen aus – essen, trinken, kommunizieren, lieben, Sex, Bildung, Gesundheit, soziale Teilhabe etc., die jedem gewährleistet sein müssen, damit er menschlich leben könne. Bei Sen heißt das Capibilities, und das sind im Grunde genommen die marxistischen Grundbedürfnisse. Nussbaum hat auch Affinitäten zu Marx, allerdings in einer sehr sozialdemokrtischen Variante. Bei ihr kann man sich aber schon klar machen, wieso manches von Marx und Aristoles so gut zusammen passen, weil ersterer das von letzterem ja zum Teil auch hat. Pointe ist freilich bei Marx wie bei Nussbaum, das zwar so etwas wie eine „Natur“ im Sinne von Bedürfnissen gedacht wird, sie die Lösung jedoch im Sozialen und dem sich von-der-Naturverfallenheit-lösen-suchen.

    Es ist nun aber unsinnig, mit diesen Capibilities Butler kritisieren zu wollen, weil die ganz andere Themen untersucht. Du kannst das Deskriptive, wie z.B. Die Untersuchung, dass ganz anderes normativ wirkt als Freheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der großen Erzählung der Moderne, so etwa der Ansatz von Foucault und Butler, nicht dadurch zu unterbinden versuchen, dass Du ihnen vorhälst, nicht gleich Moralphilosophie betrieben zu haben. Du wirfst ja einem Wirtschaftswissenschaftler nicht vor, keine Religionswissenschaften zu betreiben, obwohl wir seit Weber wissen, das beides zusammen hängt.

    Interessant bei Butler ist zudem, dass sie Staat ganz anders behandelt als ein Habermas. Da hat sie wieder von Foucault gelernt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s