Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Erben der Kolonisatoren …

… na gut, nicht jeder hat eine Villa in Klein-Flottbek, aber staatsrechtlich sind „wir“ Erben, und trotzdem sind manche in ihren Abwehrreflexen ganz weit vorne.

Selbst Guido Knopp sah die Notwendigkeit, eine Dokumentarreihe über deutsche Kolonialgeschichte zu initiieren – St. Paulianern fällt zu dem Thema lediglich ein:

„Alles Nazis, ausser Mutti.“

„Man kann auch auf Krampf ein politisch korrekter Gutmensch sein. (…) Wer bei der Trikot-Kombi ein mulmiges Gefühl hat, sollte seine Komplexe hinterfragen.“

manchmal frage ich mich echt wo ich hier bin. man kann auch so zwanghaft antira sein, dass man selbst zum rassisten wird…..

Danke – hätte schon echt fast wieder den Glauben verloren.“

„Rommel wilhelm afrika icon_smoke.gif

wie verschoben muss man eig. sein sowas zu asoziieren nur weil das trikot kupfern und der spieler farbig ist? hätte der blonde arische timo schultz das trikot präsentiert hättest du dich an die afrikakorps erinnert gefühlt oder was?“

An den Pisa-Studien muss was dran sein, wenn der in Deutschland so geliebte „Wüstenfuchs“ jegliche Wahrnehmung der Zeit davor verdrängt. Und aus reflexhafter Zurückweisung eines gar nicht erhobenen „Nazi“-Vorwurfes nicht zur Kenntnis genommen wird, dass 1897 sich das Kaiserreich auf dem Höhepunkt seiner imperialen Gelüste befand, im wesentlichen in Konkurrenz zu England, wo der „westliche Krämerseelengeist“ wohnte. Nationale Verbände wie der „Flottenverein„, meines Wissens der mitgliederstärkste des damaligen „Reiches“, unterstützen eifrig die Aufrüstung – die pittoresken Bildchen von Kindern in Matrosenanzügen haben u.a. hier ihren Ursprung; der „Ostmarkenverein“ bereitete derweil die „Volk braucht Raum“-Ideologie der Nazis gen Osten vor. Ein in all diesen „nationalen Verbänden“, aber auch der unweit des Millerntors ansässigen Handelsgehilfengewerkschaft (zum Beispiel) grassierender Antisemitismus korrespondierte mit jenen „Untermenschentheorien“, die die aggressive Kolonial-Politik Deutschlands (und nicht nur Deutschlands) auf dem afrikanischen Kontinent befeuerte. Erinnere mich noch dran, wie gegenüber des „Café unter den Linden“ über einer Tür die Schrift „Fritz Fick – Kolonialwaren“ prangte.

In diesem Kontext formulierte Bernhard von Bülow den später durch Udo Jürgens veredelten Slogan:

„Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.«
Bernhard von Bülow in einer Reichtagsdebatte am 6. Dezember 1897

an den stpauli.nu zum Anlass passend erinnert. Nicht um der Fernsehlotterie einen zu verpassen. Auch Udo Jürgens wird dieser Teil der Historie unbekannt gewesen sein.

Es geht darum, Verdrängtes zu entbergen. Wo Es war, soll Ich werden – die oben zitierten Sprüche sind die Reaktion auf dieses Andenken. Antifaschismus okay, aber Kolonialgeschichte geht mich doch nix an? Die Neue Rechte wirkt … und das vermeindliche, politische Bewusstsein des FC St. Pauli mutiert wohl wirklich zur Folklore.

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45 Antworten zu “Die Erben der Kolonisatoren …

  1. jekylla Juni 28, 2010 um 8:22 pm

    Seit 1948 -also seit 62 Jahren- bemüht sich die Fernsehlotterie, diesen Satz positiv zu besetzen und in meinen Augen ist das absolut gelungen. Ich weiß nicht, was das bringen soll, 62 Jahren caritativer, wohltätiger und sozialer Arbeit erneut einen miesen Beigeschmack zu verleihen. Auch wenn es nur mahnend gedacht ist und sicherlich keine böse Absicht der Mahner, ist das der Effekt, der hängenbleibt.

    Für wieviel Jahrhunderte muss ich mich persönlich verantwortlich fühlen und wieviel nachweislich gute Absichten „bräunen“ oder „kolonialisieren“, damit ich die richtige/akzeptable/politisch einzig wahre Einstellung habe?

    Sorry, da bin ich dann offensichtlich limitiert und definitiv kein Mitglied der Denk-Elite.
    An den Kommentaren ist allerdings durchaus festzumachen, wohin das in dieser Form ins Extreme gebrachte führt: Übersättigung. Desensibilisierung statt Sensibilisierung. Kann nicht gewünscht sein, oder? Und nun hauen und stechen Sie bitte wieder auf mich ein, mich Ahnungslose, ich geh derweil ein Los kaufen, als Repräsentant der frühen Pisa-Abkömmlinge.

  2. momorulez Juni 28, 2010 um 8:36 pm

    @Jeky:

    Was soll das mit der „Denk-Elite“ nun wieder? Ich kann Dich jetzt auch doof anzicken, aber hilft das?

    Und Du bist akut verantwortlich, weil Du aktuelle Politik, die weiter im kolonialen Sinne agiert, zumindest, so scheint es, nicht kritikwürdig findest – die Sache ist auch deshalb relevant, weil sie in Abschiebepraxis und Wirtschaftspolitik ja fort gesetzt wird. Das kann man ja wenigstens jenseits blöder Sprüche auch mal realisieren. Das Kaisserreich ist deshalb so wichtig, weil es massiv nachwirkt, viel stärker als das „3. Reich“. Und das, was da passierte, versteht man ohne die Vorgeschichte auch nicht.

    Ansonsten ist es die Pflicht der Nachfolgeneration, den Opfern eine Stimme zu verleihen. Ganz einfach. Weil deren Nachfahren manchmal bei mir im Büro Schreikrämpfe kriegen, dass das zur deutschen Bevölkerung einfach nicht durchdringen will. Das macht ja was mit den Heutigen. Ich kriege auch Krämpfe, wenn ich mit bekomme, dass die schwulen KZ-Opfer nie entschädigt wurden und Frau Merkel bis heute findet, dass sie nicht ins „christliche Menschenbild“ passen.

    Und diese Weigerung westlicher Staaten, die kolonialpolitischen Desaster zur Kenntnis zu nehmen, Sarkozy hat ja sogar Gesetze erlassen, Kolonialgeschichte sei positiv darzustellen, bringt weltweit permanente Antisemitismus hervor, auch Homophobie, das ist ein ganz außerordentlich gruseliger Effekt. Weil der Eindruck entstanden ist, dass die in jeder Hinsicht uneingeschränkt richtige Behauptung der Shoah als singulär oft so rezipiert wird, dass Gedenken monopolisiert würde und alles andere nicht ganz so schlimm war. Furchtbarer Effekt.

    Ach Gottchen, und nun wieder dieses „Bloss nicht beschmutzen“. Die Fernsehlotterie hat gerade WEIL sie eine meines Wissens prima Historie hat eher die Verpflichtung, mal über ihren eigenen Claim aufzuklären. Ewig diese Angst vor „Miesmacherei“, wenn Kritik laut wird. Das ist doch neurotisch.

  3. momorulez Juni 28, 2010 um 8:37 pm

    PS: Es gab keine „Stunde Null“.

  4. jekylla Juni 28, 2010 um 8:43 pm

    Nein, anzicken hilft nicht, aber das hindert Dich auch nicht, den „Deppen“ rauszupacken und offensichtlich muss ich mich aufgrund der Verantwortung damit auch angesprochen fühlen. Machst Du vielleicht nicht mit Absicht, aber so kommt das an. Und dann zick ich eben auch mal. Ich streite in keiner Weise die faktische, sachliche Richtigkeit Deiner Ausführungen an, aber das, was Du damit beim Leser -eben so einem einfach gestriclten Modell wie mir und von denen gibt es zu Deinem Leidwesen viele- bewirkst. Und was noch viel Schlimmer ist: ich bin noch eine von den Guten.

    Ewig diese Angst vor Miesmacherei – das mag neurotisch sein. Ewig Miesmachen irgendwann aber auch.

  5. jekylla Juni 28, 2010 um 8:46 pm

    Die „Denk-Elite“ finde ich übrigens so zickig nun auch wieder nicht. Das grenzt schon fast an ein Kompliment im Zusammenhang mit Dir und den üblichen hier Diskutierenden. Aber in dem Bestreben, immer das Große, Ganze zu sehen und auch jahrhundertalte Einflüsse einzuweben und der damit verbundenen Überforderungen der tumben Masse -schließe mich da ein- geht das Hier und Jetzt unter.

  6. jekylla Juni 28, 2010 um 8:47 pm

    „den Überforderungen“ – bitte Flüchtigkeitsfehler zu entschuldigen, befinde mich in 34 Grad warmer Dachgeschosswohnung. Würde aber bei 20 Grad inhaltlich das Gleiche schreiben, eh mir Hirnbrand unterstellt wird.

  7. momorulez Juni 28, 2010 um 8:48 pm

    Der Depp war doch ganz konkret gemeint, der drüben beim Erik, nun überidentifizieren Sie sich doch nicht gleich wieder. Und ich habe so viel Spaß an so vielem, ohne gelegentliche Miesmacherei hätte ich die definitiv nicht.

  8. jekylla Juni 28, 2010 um 8:52 pm

    Den konkreten Depp habe ich schon verstanden, aber im Grunde kann ich mir den Schuh doch auch anziehen, Ihrer Argumentationskette nach.

    Sehen Sie, das mit dem Spass an so vielem, das ist das, was ich mir manchmal kaum noch vorstellen kann, wenn ich das so lese. Jedesmal, wenn ein neuer Blogpost erscheint, frage ich mich schon gleich -wenn am Titel nicht gleich erkennbar in der Mail- wer hat diesmal was falsch gemacht/gesagt/geschrieben/verstanden. Ich bin mittlerweile froh, nur so ein simples Fußballblog und so ein privates Blümchenblog zu machen, mehr würde ich mich bald ohnehin nicht mehr wagen. Man kann irgendwie nichts mehr richtig machen.

  9. momorulez Juni 28, 2010 um 8:53 pm

    Ach, und na gut, das mit der Elite nehme ich dann als Kompliment 😉 – ich hatte lediglich das Thema „Die nationalen Verbände im Kaisserreich“ und „Antisemitismus im Kaiserreich“ als Prüfungsthemen im Fach „Sozial – und Wirtschaftsgeschichte“, weil ich, ganz und tatsächlich privilegiert, studieren durfte. Ist nun allerdings auch lange her. Und ich gebe hier nur zurück, was mir die Gesellschaft ermöglichte 😉 …

  10. jekylla Juni 28, 2010 um 8:54 pm

    Ich bin Ihnen ja in einer Diskussion wissensmässig auch gar nicht gewachsen bei diesenThemen, ich schreib halt immer nur mal, was das gedanklich einfach strukturierte Publikum -ich- so denkt. Könnte ja auch für Sie mal interessant sein. 🙂

  11. momorulez Juni 28, 2010 um 8:57 pm

    Na, dieses Blog versteht sich halt als Kritisches. ich schwärme aber auch oft, von unserer Mannschaft, von Hamburg, von John Coltrane, Die Sterne, Kristof Schreuf … und man macht ja auch mit Fussballblogs und Blümchenblogs alles richtig. Ich sehe das als zwei Möglichkeiten, wo doch jeweils die eine der anderen ihren Raum lassen kann. Bei Fragen wie der deutschen Kolonialgeschichte finde ich Kenntnisnahme aber für jeden Demokraten unerlässlich, tatsächlich.

  12. jekylla Juni 28, 2010 um 9:04 pm

    Weiß jemand, ob die ARD-Fernsehlotterie sich mit den Hintergründen befasst hat? So wie der FC Sankt Pauli sich mit seiner Trikotfarbe? Und zu dem Schluß gekommen ist, das vertreten zu können? Als Kontrapunkt?

    Ok, das Schwärmen geht dann anscheinend in meiner Wahrnehmung etwas unter.

    Wissensteilung ist ja auch löblich, lese dieses „Read and learn“-Blog ja auch gerne, aber wie Sie sehen, endet es immer öfter damit, dass die „Unwissenden“ sich fast nur noch angegriffen fühlen und dass so etwas eher destruktiv ist, wissen Sie sicher auch.

    Die zitierten Reaktionen im St. Pauli-Forum sind zum Beispiel so ein Anzeichen dafür. Auch von politisch Aktiven übrigens.

  13. momorulez Juni 28, 2010 um 9:15 pm

    Dieses ewige Sichangegriffenfühlen ist mir zunehmend ein Rätsel, das ist irgendein Brei aus christlichem Schuldkomplex und linker Moralpolitik – was mich dann allerdings dazu veranlasst, tatsächlich anzugreifen. Diese Reaktionen im Forum sind unter aller Sau.

    Aber wieso sollte ich nun das, was ich für wahr und richtig halte, erst unter Vorwegnahme möglicher Reaktionen darauf äußern? Dann wird man doch verschlagen, unehrlich, strategisch orientiert, und macht denn das Sinn?

    Ob und inwiefern sich die Fernsehlotterie mit dieser Historie auseinander gesetzt hat, das würde mich tatsächlich auch interessieren.

  14. Nörgler Juni 28, 2010 um 9:18 pm

    „Aber in dem Bestreben, immer das Große, Ganze zu sehen und auch jahrhundertalte Einflüsse einzuweben und der damit verbundenen Überforderungen der tumben Masse -schließe mich da ein- geht das Hier und Jetzt unter.“

    Das Hier und Jetzt geht doch auch dort unter, wo keine jahrhundertealten Einflüsse eingewoben werden. Daß die „tumbe Masse“ die tagesaktuellen Lügen über die Ursachen der Finanzkrise und den Schwindel über notwendige Konsequenzen glaubt, liegt doch nicht an Momorulez, dem Einweber der Jahrhunderte.

    Deine (Jekylla) letzten Kommentare habe ich mit Interesse gelesen (ich darf doch Duzen? Hier wird gerade gesiezt) und hoffe, sie hier weiter lesen zu können, wenn ich das mal so formuliere, obwohl ich hier nicht der Hausherr bin.

  15. momorulez Juni 28, 2010 um 9:21 pm

    Jekylla ist hier jederzeit herzlichst willkommen, und ich erlebe bei aller Angriffslust jeden Antagonisten als Bereicherung! Von gaaaaanz wenigen Ausnahmen mal abgesehen.

  16. jekylla Juni 28, 2010 um 9:21 pm

    Den christlichen Schuldkomplex können Sie bei mir schon mal streichen, ich bin da sehr weit weg orientiert. Ich denke, es liegt eher am „Unterton“ der Darbietung und da gibt es wohl eine Diskrepanz zwischen Sender und Empfänger. Was Sie ja nicht stören muss, wenn Sie ausschließlich senden wollen und die Art und Qualität und die Auswirkungen des Empfangs Ihnen egal sind. Womit die nächste Frage auch schon beantwortet wäre.

    Als schlichte Meinungsäußerung brauchen Sie natürlich keine möglichen Reaktionen vorwegnehmen und Ihre Meinung danach ausrichten. Wenn man allerdings mit einer Meinungsäußerung Meinungen bilden will, ist das sicher etwas anders. Strategische Orientierung sehe ich ungern in einem Satz mit verschlagen und unehrlich. Wenn ich etwas erreichen will, bediene ich mich in der Regel einer Strategie. Immerhin will ich andere überzeugen, aufrütteln, aufklären, sensibilisieren etc. und da sollte ich schon in Betracht ziehen, wie ich das am besten erreiche. Auch gern strategisch.

    Man sollte die Fernsehlotterie einfach mal fragen.

  17. momorulez Juni 28, 2010 um 9:29 pm

    Lustig, wir Posten gerade allesamt parallel 😉 …

    Ich bin im Berufsleben so lange in allen Fragen der Kommunikation so was von durchgängig strategisch unterwegs gewesen, dass ich irgendwann tatsächlich gar nicht mehr genau wusste, wer ich bin, was ich will, was ich fühle und was ich nun eigentlich wirklich denke. Dieses Blog hatte tatsächlich sehr schnell die Funktion, da mal drüber hinaus zu kommen. Seitdem habe ich es im Job nicht leichter 😉 …

    Ich halte viel von der Habermasschen Trennung zwischen dem Erheben von Geltungsansprüchen einerseits, strategischer Vernunft andererseits. Das ist ganz im Sinne Kants praktischer Vernunft.

  18. jekylla Juni 28, 2010 um 9:33 pm

    @beide
    Danke, dass ich hier mit Genehmigung und sogar von Interesse begleitet weiter diskussionsdilettieren darf 😉

    @nörgler Wobei ich der Ansicht bin, dass die Botschaft immer weniger ankommt, je weiter sich argumentativ vom Jetzt entfernt wird. Das mag geschichtlich gesehen natürlich fatal sein, aber dieser Realität kann man sich nicht verschließen. Das Siezen ist so etwas wie ein langgepflegtes Ritual bei mir, aber wenn Sie sich wohler damit fühlen, dann duzen Sie, ich will es ja nicht komplizieren, zumal das ja auch nicht mein Zuhause ist hier.

    @momorulez Ich könnte es mir ja auch leicht machen und hier einfach nicht mehr lesen, aber ich finde das immer sehr interessant und kann auch ganz schlecht meine Klappe halten 😉 Und in der Tat, das geht hier überwiegend geordnet und sachlich zu trotz zuweilen extrem kontroverser Meinungen.

  19. jekylla Juni 28, 2010 um 9:36 pm

    @momorulez: Parallel Posten ist meistens ein Zeichen für eine angeregte Diskussion, bei der keiner der Teilnehmer de Finger lange genug still halten kann. Also was Gutes.

    Jetzt kann ich mir wieder aussuchen, ob ich alles, was mir für eine qualifizierte Antwort fehlt, erst nachlese oder wieder wie üblich halbinformiert….. 😉

    Also ich hab das mit der Kommunikation und der Strategie ganz gut im Griff und bin dennoch über mich bestens im Bilde. Aber dieses Wohlfühlgefühl hat eben jeder anders. Ist ja auch ok.

  20. momorulez Juni 28, 2010 um 10:06 pm

    Na, das mit der argumentativen Entfernung vom Jetzt: Dadurch, dass für enge Freunde von mir die Gegenwärtigkeit der Kolonialgeschichte fast schon Lebensthema ist, begreife ich solche Themen als das, was, um noch einen entscheidenden Einfluss zu nennen, Michel Foucault als das „Schreiben der Geschichte unserer Gegenwart“ bezeichnete. Was in meinen Blog-Auswürfen, bei denen eine gewisse Spontanität Gebot für mich ist, nur sehr bruchstückhaft geschehen kann.

    Der berühmte Herr Foucault hatte auch das Konzept des „spezifischen Intellektuellen“, dem ich hier auch nur sehr am Rande gerecht werden kann: Das ist der, der dazu da ist, zu spezifischen Themen das Wissen bereit zu stellen und aufzuarbeiten. Hier wurde sich, nicht nur mir gegenüber, meistens kriegt Che das ab, auch von mir, schon oft über ein vermeindliches Protzen mit Wissen beschwert (jetzt mal ganz unabhängig davon, ob wir über solches wirklich verfügen und von welcher Qualität das ist). Vielleicht kann man das zur Einordnung auch als so was wie eine Dienstleistung in diesem Sinne verstehen.

    Der Eintrag oben geht freilich darüber hinaus. Da habe ich mich über die Reaktionen auf Ring2 im Forum sehr geärgert.

  21. Karsten Juni 28, 2010 um 10:58 pm

    Das Kaisserreich ist deshalb so wichtig, weil es massiv nachwirkt, viel stärker als das „3. Reich

    Weil der Eindruck entstanden ist, dass die in jeder Hinsicht uneingeschränkt richtige Behauptung der Shoah als singulär oft so rezipiert wird, dass Gedenken monopolisiert würde und alles andere nicht ganz so schlimm war. Furchtbarer Effekt.

    Dieses ewige Sichangegriffenfühlen ist mir zunehmend ein Rätsel, das ist irgendein Brei aus christlichem Schuldkomplex und linker Moralpolitik

    Hach, ein Diskussionsstrang, und ich weiß wieder, warum ich hier so gern lese. Drei ganz tolle Sätze, die zum Nachdenken (und Mitdenken) einladen.

    Weißt Du übrigens, Momo, dass ich Deine Kommentare erheblich stärker finde als die Originalpostings? Liegt vielleicht daran, dass ich wie Jekylla mir oft zu klein vorkomme gegenüber dem „Geschwurbel“, das man ja nun auch als wohkonstruierte Wortgewaltigkeit wahrnehmen kann…

  22. momorulez Juni 28, 2010 um 11:09 pm

    Puh, das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich anders verhalte, wenn ich mich auf ein konkretes Gegenüber beziehe, als wenn ich ganz im Sinne der in Blogs meiner Ansicht nach geforderten Spontanität raus haue, was mir gerade durch den Kopf schießt … was ich persönlich auch bei Anderen stilistisch mag, übrigens. Das Schaffen unkontrollierter Assoziationsspielräume finde ich ja stilistisch wichtig. Und da ich im wahren Leben so viel redigieren und kontrollieren muss, lasse ich das hier absichtlich bleiben. Aber eben nicht beim Dialog – na ja, nicht immer.

    Danke aber für das Lob!

  23. ziggev Juni 29, 2010 um 1:11 am

    Meintest du eventuell den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (DHV)?

  24. momorulez Juni 29, 2010 um 8:32 am

    Kann gut sein 😉 – ich war gestern zu faul, noch mal nachzuschlagen. Die saßen im heutigen „Brahms-Kontor“, gegenüber der Musikhalle, diesem ehemaligen DAG-Haus.

  25. mark793 Juni 29, 2010 um 9:28 am

    @Pisa und Wüstenfuchs: Über heutige Lehrpläne kann ich wenig sagen, aber zu meiner Schulzeit (Abi 1983 an einer westdeutschen Gesamtschule) war es schon so: NS-Zeit rauf und runter in allen Varianten und Aspekten, demgegenüber wurden vorherige Epochen wie Weimarer Republik und Kaiserreich allenfalls stenografisch abgehandelt. Bewusstsein für Kontinuitäten und größere zusammenhänge wurde da nur rudimentär geweckt. Von daher kann ich es ansatzweise schon verstehen, woher manche Unlust rührt, sich diesen Schuh auch noch anzuziehen. Überspitzt gesagt mag ich mich für irgendwelche Einfälle der Kimbern und Teutonen in Norditalien auch nicht entschuldigen müssen. 😉

    Wenn ich schon mal dabei bin, kann ich auch gleich noch eine allgemeine Betrachtung zum hiesigen Blogbetrieb loswerden: Ich stelle ganz wertfrei fest, dass mir oft genug das theoretische Fundament fehlt, um auf Höhe der Debatte mizutun. Gleichwohl lese ich hier gern und mit Gewinn. Das Wort „Geschwurbel“ würde ich aber lieber reservieren für unausgegorenes Zeug wie etwa das CTRL-Verlust-Gedöns eines gewissen Michael Seemann in den FAZ-Blogs – aber nicht für die fundierten Einlassungen der hier Beteiligten.

  26. momorulez Juni 29, 2010 um 9:40 am

    Das war bei uns im Grunde genommen auch so, dass auf Vorgeschichten und Kontinuitäten wenig Wert gelegt wurde – Ausnahme: 2 Schul-Semster bei einem Geschichtslehrer, der uns auch den Umgang mit Primärquellen nahe legte. Eines war zu den deutsch-französischen Beziehungen, wo es auch um die Frage der „Reichsgründung“ ging, und da ist schon eine Menge hängen geblieben – ebenso bei jenem zur „deutschen Frage“, also jenen Schritten, die nach ’45 zur Teilung führten. Bei dem durfte ich später auch einen systematischen Vergleich Deutschland/Vietnam, die Teilung betreffend, durchführen, das hat geschult 😉 …

    „Von daher kann ich es ansatzweise schon verstehen, woher manche Unlust rührt, sich diesen Schuh auch noch anzuziehen“

    Ja, verstehen kann ich das auch. Aber richtig finde ich dieses tatsächlich nicht, dieses „Ach komm, wir haben schon den Holocaust am Hals, und jetzt kommst Du damit um die Ecke!“, weil die Gegenwärtigkeit der Kolonialgeschichte ja gegeben ist.

    War es nicht Köhler, der Handelswege militärisch flankiert sehen wollte? Das war einer der Gründe für die Aufrüstung im Kaiserreich. Auch dieser Nationalismus als Ersatzhandlung, um linker Politik das Wasser abzugraben, gehört da mit rein. Und dass die Ignoranz so gewaltig ist, ist einer der Gründe für den Islamismus. Aufklärung, Sklavenhaltergesellschaft und Kolonialismus sind eben auch gleichursprünglich in einer Vorstellung ach so überlegener Vernunft und Bildung den „Südseebewohnern“ (Kant) gegenüber, und das erzeugt dann gerne mal sein Gegenteil. Zudem der Nationalismus des Irren in Teheran auch ganz ähnlich funktioniert wie unter Wilhelm Zwo.

    Danke aber für das Lob!

  27. ring2 Juni 29, 2010 um 10:47 am

    Was aus so einem „komischen Gefühl“ alles so werden kann. Erstaunlich.

    Die Reaktionen im Forum haben mich aber auch erstaunt. Würde das aber nicht zu hoch hängen, die Admins da sind, wie in vielen Foren (ich kenne mich da aus 😉 strukturell überfordert. Bespricht man das mit denen im Clubheim klingt das ganz anders …

  28. momorulez Juni 29, 2010 um 10:57 am

    Zu niedrig sollte man diese Reaktionen aber auch nicht hängen, weil sie symptomatisch sind. Meine Kumpels hier erleben das doch auch ständig, exakt das.

  29. ziggev Juni 29, 2010 um 4:35 pm

    Aber als Hamburger / St. Paulianer ist es doch keine Schande, etwas über z. B. die Verstrickung Hamburgs in den Sklavenhandel zu wissen. Warum das Denkmal für Schimmelmann in Wandsbek Anstoß erregen konnte – was es mit den ganzen schönen Häusern an Elbe auf sich hat. In diesen Sachen ein Laie, fand ich aufschlussreich:

    http://www.amazon.de/Grund-Feiern-F%C3%BCnfhundert-Hamburg-Amerika/dp/3779307332

    Auch mentalitätsgeschichtlich finde ich die Kaiserzeit interessant. Da ist ohne Zweifel einiges nachzuholen. Nur interessierte mich da mehr einen pscho analytischen Ansatz.

  30. momorulez Juni 29, 2010 um 5:17 pm

    Das ist ja genau das, was mich mittlerweile auch so wundert – dass die Forderung nach historischer Aufklärung sofort als „Zurechtweisung“ erlebt wird, wie es aktuell jemand im St. Pauli-Forum schreibt.

    Zurechtzuweisen sind allenfalls die oben zitierten Kommentatoren und solche, die sich zurechtgewiesen fühlen.

    Was ich schon skandalös finde ist allerdings die Weigerung, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen. Da greift dann schon die Zurechtweisung. Wahrscheinlich ist alles, was über „Gegen Nazis“ und „Für Fanrechte“ hinaus geht schon eine Zumutung. Dann sind das aber auch keine politischen Haltungen, sondern egomaner Lifestyle.

    Und zum Thema Kaiserreich noch: Habe heute ein Zitat von einem aus dem „Alldeutschen Verband“, der ja als nationalitischer und antisemitischer Oberschichtenverein bekannt sein dürfte, entdeckt, auf Polen bezog sich das, das einigermaßen die Haltung von BILD und Bundesregierung in der Eurokrise wieder spiegelte. Und die inneren Reichsfeinde waren den Alldeutschen die Linken, die Juden und die Polen. Na ja.

    Was meinst Du mit Psychoanalyse in diesem Fall? Und Danke für den Link!

  31. ziggev Juni 29, 2010 um 7:10 pm

    muss zugeben, ich habe mich gerade ein wenig verstolpert, eigentlich meinte ich mehr den Anfang des 20. Jahrhunderts. Also, auf die Couch, ziggev!

    Wenn ich an die Generation meiner Ur(Ur)Großväter denke, dann ist da diese patriarchalische Selbstzufriedenheit, diese Unbekümmertheit im Urteilen, mit denen sich der mit allergrößter Selbstverständlichkeit ausgeübte Herrschaftsanspruch über „Untergebene“ wie Familie, dann „Südseebewohner“ (soweit ich mich erinnere, stand für den Königsberger Kant fest, dass Afrikaner stinken), „Rassen“ … immer weiter ausweitete.

    Auf der anderen Seite sind da diese naiven, versponnen, im oberen Dachkämmerchen ausgeheckten „Welterklärungmodelle“, die einfach so rührend sind. Esoterik (damals Okkultismus), Suprematismus, Reformbewegungen (Turnvater Jahn), dieser anheimelnde Jargon der Eigentlichkeit (eine z.T. aus der Phänomenologie stammende Sprache, die sogar in Kinderbüchern zu finden ist und die dich „zurück zu den Dingen“ beständig bei der Hand zu nehmen scheint?). Ich denke aber auch an das Verhältnis Husserl/Edith Stein.

    Und da ist z.B. dieser Ernst Haeckel mit seinem „Monismus“. Einfach goldig, allein in einem dunklen Arbeitszimmer sich eine alles-in-einem Philosophie zusammenzuphantasieren und das Ergebnis dann noch sich durchaus respektabel dünkend mit dem allergrößten Ernst in der Welt zu verbreiten. Im Grunde sehe ich darin den kindlichen Versuch, sich die Welt zu Eigen zu machen. Ich male mir ein Bild und das ist irgendwie „meine“ Welt. Zu beneiden, die kontemplative Lebensführung, die einigen wenigen damals noch möglich war. Allerdings wusste ich auch, dass ich etwas wie dies hier:

    „So war er [Haeckel] ein Mitglied des Alldeutschen Verbandes und wurde 1905 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene …“

    bei wikipedia lesen würde.

    Ließe sich fortsetzen. Mit Rückgriff auf 2, 3 Generationen psychologisch zu verstehen, wie das, was dann in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts daraus wurde, sich entwickelte, kann, wie ich glaube, auch mit der eigenen seelischen Gesundheit zu tun haben. Für die ist manchmal solches Verstehen hilfreich. Denke da auch an etwas wie Verzeihen. Aber vielleicht gebe ich mich hier lediglich regressiven Gelüsten hin.

  32. momorulez Juni 29, 2010 um 7:35 pm

    Suprematismus? War das nicht Malinowski und sein schwarzes Quadrat?

    Und die Phase ist ja auch immens wichtig. Erst halt 1871, als durch Kriege ein aggressiver Nationalismus befördert wurde, um eine illiberale „Einheit von oben“ durchzusetzen bei gleichzeitiger Sozialistengesetzgebung (wenn ich mich jetzt nicht völlig fehlerinnere). das war auch der Zeitpunkt, als die liberalen, an Demokratie orientierten Ideen aus Burschenschaften etc. verschwanden und alle endgültig kulturnational wurde. Und als Wilhelm Zwo kam, 1890 (?), suppte die Brühe völlig ins prä-braune – und es entstand dieses ja in der Tat seltsam puppenstubenhafte Großbürgerglück auf Kosten anderer, das ja mittlerweile vom Feuilleton zu „Wilhelm Popstar“-Deutschland umgedeutelt wird. Dabei war das auf nationalistischer Seite eben ein patriachales. demokratiefeindliches, das 3-Klassenwahlrecht zementierendes, multipel rassistisches, hochaggressives, durchbürokratisiertes, obrigkeitsstaatliches und militaristisches Deutschland voller Großmannsehnsüchte, dass sich ganz fürchterlich kulturell überlegen fühlte mit seiner „deutschen Tiefe“. Sieht man ja heute noch bei Neo Rauch, wie das damals aussah. Und das dockte dann an an die Esoteriker (Blavatsky oder wie die hieß und solche haben allerdings in England und Frankreich auch gewirkt), die ja mit Jugendbewegung, Wandervogel und Expressionismus idealtypisch fusionierten.

    Einen Logiker wie Husserl krieg ich da nur gerade gar nicht unter, wobei ich jetzt auch Edith Stein und Haeckel gerade nicht richtig unter kriege. Wobei man unter „exakter Beschreibung“ auch Schädel vermessen verstehen kann, klar.

    Aber ich bin da ansonsten eher unverzeihlich, gebe ich zu 😉 … so Leute wie Thomas Mann mit ihrem Zauberberg, die haben in genau der Szenerie ja wirklich Bewegendes geschaffen. Und die Expressionisten mag ich auch. Aber politisch sind da Kontinuitäten geschaffen worden, die Du heute noch im falschen Gerichtssaal bei wilhelminischen Richtern bestens erspüren kannst, auch in der Arbeitsagentur und wie bereits erwähnt in diesem „Wirtschaftsnations“-Dünkel, der die olle Kulturnation funktional äquivalent ersetzt hat mit dem gleichen Geprotze und Geprahle. „Der Untertan“ halt, der an vermeindlicher Größe schmarotzt, anstatt wenigstens eine Revolution zustande zu bringen.

  33. ziggev Juni 29, 2010 um 8:47 pm

    Husserl: Die phänomenologische Terminologie fand ich einfach wundervoll, besonders als ich ihr in Edith Steins Übersetzung (E. Stein, in die ich mich sogleich verliebte) von Th. v. Aquin (die ich sonst nicht hätte lesen können) wiederfand, – wie auch in einem Vorwort aus den 20ern zu dem Buch „Dr. Doolittle“, und die eine gewisse Ausstrahlung auf die kulturelle Sphäre gehabt haben muss. Die Leichtgläubigkeit, mit der man angenommen haben muss, es mit einem neuen Weltzugang zu tun zu haben, während es sich eigentlich bloß um eine neue Ausdrucksweise handelte – da sehe ich gewisse Parallelen zu den Reformbewegungen -, plötzlich diese Zugewandtheit, dieses „bei der Hand nehmen“. In dieser Phase vielleicht noch nicht als intellektuelle Unredlichkeit oder anderwärtiges Verblendet-Sein zu interpretieren.

    „Sie Können sich ja mit dem Problem der Einfühlung beschäftigen“, soll Husserl (so etwa) zu Edith Stein gesagt haben, die bei ihm als Frau eigentlich keine Chance hatte, und dann bis zu ihrer Ermordung ein äußerst schweres Schicksal ertrug, trotzdem noch Thomas übertrug.

    Suprematisten: Die waren nicht nur modern, sondern auch mystisch bewegt.

    Haeckel: Sein Monismus, wirkt auf mich so, als ob, damals jeder, weil es eben Mode war, sein ganz neues Weltbild zu entwerfen sich ermutigt fühlte. Ohne eine gewisse bürgerliche Selbstzufriedenheit wären alle diese zum Teil bewunderungswürdigen Leistungen (Freud, der unwiederlegbarste Scharlatan aller Zeiten, Th. Mann), und all das verrückte und das später gefährliche Zeug nicht zustande gekommen.

    Diese Denke kann womöglich nicht allein auf der Unterdrückung anderer und ideologischer Verblendung zurückgeführt werden. Wie wurde wirklich gedacht, das finde ich interessant, hat aber möglw. kontingente Gründe … 😉 … so far.

  34. momorulez Juni 29, 2010 um 9:08 pm

    Dem muss ich jetzt erst mal hinterher googlen und denken, glaube ich 😉 … und ich denke schon, dass neue Ausdrucksweisen neue Weltzugangsweisen sind. Stehe noch schwer unter dem Eindruck von Rortys „Kontingenz Ironie Solidarität“, merke ich immer wieder. Und das „Schwarze Quadrat“ finde ich übrigens auch mystisch.

    Über Edith Stein muss ich mich mal schlau machen.

  35. Nörgler Juni 29, 2010 um 9:58 pm

    Dort wo ich geboren bin, gab und gibt es noch heute eine von Nonnen geführte „Edith Stein-Schule“, ein Mädchengymnasium. Als in den sechziger Jahren die Miniröcke Mode wurden, standen Nonnen am Eingang und kontrollierten die Rocklänge. Wer das Knie frei hatte und/oder geschminkt war, wurde wieder nachhause geschickt.
    Neben den Kontroll-Nonnen stand eine Tafel mit der Aufschrift: „Je kürzer der Rock und je roter die Lippen, desto kleiner der Verstand!“
    Auch gegen sowas rebellierten „die 68er“. Das war doch richtig, oder?

  36. momorulez Juni 29, 2010 um 10:07 pm

    Ich kenne den Spruch „Lange Haare, kurzer Verstand“. Ebenso Sprüche, dass nur Huren sich schminkten und Mädels mit Minirock selbst schuld hätten, wenn sie vergewaltigt würden, weil sie provozierten.

    Was jetzt aber gar nicht ausschließt, was Du schreibst. Nonnen gab es halt kaum bei uns im Norden …

  37. Nörgler Juni 29, 2010 um 10:22 pm

    „Lange Haare, kurzer Verstand“ konnten sie in einem Mädchengymnasium nicht bringen.
    Zudem trägt auch die Nonne häufig mariengleiches Langhaar.

  38. momorulez Juni 29, 2010 um 10:30 pm

    Klar, ich vergaß 😉 … wobei mir das mariengleiche Langhaar der Nonnen auch nicht geläufig war.

    „Die Stirn muss frei sein!“ fällt mir noch ein! Elterlicher Widerstand gegen Ponyfrisuren. Der Deutsche zeigt sein Gesicht!

  39. Nörgler Juni 30, 2010 um 8:25 am

    In den 60ern in der Gegend, von der ich spreche, wäre eine dezidierte Kurzfrisur für Mädchen so skandalös gewesen, wie die langen Haare der Hippies und Gammler.

    Was den Zorn erregte war, dass die ‚Fehlzuordnung‘ von Haarlängen die Geschlechtergrenzen verwischte. Sprüche wie „Das sieht weibisch aus“, „Du läufts rum wie ein Mann“, „Heuzutage kann man ja Männlein von Weiblein nicht mehr unterscheiden“ habe ich hundertfältig gehört.
    Daher waren in der o.g. Schule auch nicht nur kurze Röcke, sondern Hosen jeglicher Art verboten, da sie ein dem Manne vorbehaltenes Kleidungsstück sind. Das galt insbesondere für Jeans, die direkt aus der Hölle der US-Kulturlosigkeit kamen.

  40. momorulez Juni 30, 2010 um 9:00 am

    „Was den Zorn erregte war, dass die ‘Fehlzuordnung’ von Haarlängen die Geschlechtergrenzen verwischte. Sprüche wie „Das sieht weibisch aus“, „Du läufts rum wie ein Mann“, „Heuzutage kann man ja Männlein von Weiblein nicht mehr unterscheiden“ habe ich hundertfältig gehört.“

    Daran kann sogar ich, ziemlich nah an Hannover aufgewachsen, also noch nicht mal im ländlichen Raum, noch erinnern. Mein Vater hat meinem Bruder immer Geld dafür angeboten, sich doch bitte die Haare schneiden zu lassen – und das war Mitte der 70er …

  41. willy Juni 30, 2010 um 9:04 am

    Das Problem mit den Haaren löst sich ja bei Männern häufig mit zunehmendem Alter von selbst.

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  44. MartinM Juli 11, 2010 um 10:35 am

    Ich bin auch der Ansicht, dass das „Deutsche Kaiserreich“ sehr viel stärker „Deutschland“ geprägt hat, als das viel besprochene 12-jährige Reich. Früher gehörte ich zu jenen, die an einen verhängnisvollen „deutschen Sonderweg“ etwa seit dem späten Mittelalter glaubten. Es ist ja immer einfach, im Nachhinein Kontinuitäten zu konstruieren. Aber „Deutschland“ als Nationalstaat wurde erst 1871 geschaffen. Es hätte ein ganz anderes Deutschland geben können – oder auch gar keines (was meiner Ansicht nicht weiter schlimm wäre.)

    Der Königsberger Kant hatte für seinen Rassismus und seine Engstirnigkeit eine ziemlich gute Entschuldigung: er war praktisch nie aus Königsberg hinaus gekommen, sein Wissen über andere Teile der Welt und deren Bewohner stammte auch zweiter und dritter Hand.
    Diese Entschuldigung hat ein heutiger Rassist (auch der uneingestandenen Art) nicht!

    Und das dockte dann an an die Esoteriker (Blavatsky oder wie die hieß und solche haben allerdings in England und Frankreich auch gewirkt), die ja mit Jugendbewegung, Wandervogel und Expressionismus idealtypisch fusionierten.

    Genau! Ohne Blavatsky hätte es einen „rechten“ bzw. „völkischen“ Flügel“ der von mir an sich geschätzten Lebensreform nie gegeben – auch wenn die begabte Hochstaplerin selbst keine Nationalistin war. (Sie ist m. E. das scheinbare Paradox einer kosmopolitischen Rassistin – mit Positivrassismus gegenüber Indern und Tibetern übrigens. Und einem kräftigem Schuss „Rasseantisemitismus“.)

    Ich bekomme übrigens das kalte Kotzen, wenn die Lebensreform pauschal als „Wegbereiter des Faschismus / Nationalsozialismus“ hingestellt wird. Ein ähnlicher Vorgang wie das „beliebte“ 68er-Bashing, vermute ich, aus ähnlichen Motiven.

  45. momorulez Juli 11, 2010 um 1:25 pm

    Das „gar kein Deutschland“, stattdessen eben Bayern, Schwaben, „Kônigreich Hannover“ (bzw. was draus geworden wäre) Stadtstaat Hamburg, mit Dänemark assoziiert usw. ist für mich ja auch fast so was wie eine kleine Utopie zum Träumen, die ich immer mobilisiere, wenn mit dieses Großmannsgetue auf dem Geist geht … da ist irgendeine Ebene drüber gelagert worden, die es gar nicht braucht.

    Und zu dem “ Paganismus“ (nennst Du selbst das so?) – lese gerade so was wie einen Krimi, „Die fünfte Kirche“ von Phil Rickman, in dessen Mittelpunkt der Konflikt zwischen einem Neuheidenpärchen, christlicher Landbevölkerung, einem evangelikalen Erweckungsprediger und einer moderaten Pfarrein der anglikanischen Kirche steht, die absurderweise auch Exzorzistin ist. Und merke dann immer, wie ich mich sofort mit den in diesem Fall ziemlich hippiemäßigen Heiden identifiziere und auf die christliche Missionierung ebenso wütend werde wie auf die Drecksnazis und Nationalisten und Rechts-Esoteriker, dass die allesamt den Umgang mit diesen Welten wahlweise okkupierten oder platt machten. Und das fehlt einfach.

    Muss beim Lesen freilich gerade sowieso ständig an euch denken 😉 …

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