Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Franz Walters Plädoyer für Gleichmacherei

Wenn man von „strukturellem Antisemitismus“ sinnvoll sprechen kann, dann wohl ergänzend  zum Rassismus – schematisch gesprochen gründen Antisemitismus und den Kolonialismus begründende Rassismen in ein und dem selben Kulturnationalismus – vor allem im Falle der Intellektuellenfeindlichkeit.

Franz Walter liefert mit seinen verbrämt-feindseligen Auswürfen im aktuellen Freitag und zuvor in seinem Blog ein ganz besonders ressentimentgesättigtes Beispiel dessen:

„Das Wissenschaftsbürgertum hierzulande pflegt den elitären Dünkel, kultiviert eine Sprache, die wie ein Geheimcode nur den Eingeweihten verständlich ist, Außenstehende auf Abstand hält, den geringer Gebildeten demonstrativ das Gefühl von Nichtzugehörigkeit vermittelt. Dabei: Die akademische Sprache ist keineswegs jederzeit fachlich zwingend, sie ist vielmehr überwiegend ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen herzustellen, um Distanz nach unten durch die Pose auserwählter Exklusivität zu schaffen. Deswegen liebten auch die durch und durch bildungsbürgerlich geprägten 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse, wie ihre Väter dem eigenbrötlerischen Philosophen der „Holzwege“, Martin Heidegger, den Altar bereiteten. Die raunende, esoterische, labyrinthische Sprache der „Frankfurter“ und „Freiburger“ gab ihnen das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit. Der Dutschke-Generation bot die Beherrschung des Vokabulars der „Kritischen Theorie“ die Legitimation für den Avantgardeanspruch gegenüber dem profanen Rest „eindimensionaler“ Menschen.“

Ja, da johlt der nationalistische Mob auf dem Heiligengeistfeld, der auf Schulhoffluren einst nur allzu gerne den Brillenträger verdroschen hat.  „Allüren“ in der Headline geißeln, verwegen: Also das, was man den „effiminierten Tunten“ normalerweise andichtet, den „Diven“, den „Gekünstelten“, dieser Schachzug zeigt, wessen Geistes Kind solche Nivellierer sind. Verharmlosen darf man die Walters nicht.

Als Äquivalent zu kulturnationalistischen Integrationsforderungen ist dieses Plädoyere zweifelsohne zu lesen und würde im Falle der Quantenphysik anlog niemals erfolgen. Sprachsäuberungen, wie hier gefordert, tilgen jede Differenz, fordern Gleichmacherei und haben von Sprache ungefähr so viel verstanden wie der Großteil der aktuellen Journaille: Nämlich nichts.

Weil sich die Funktion von Sprache nicht im Abbilden von Fakten erschöpft, sondern Sprache Welt, indem sie sich auf sie bezieht, stets auch erschafft: Sprachformen sind Lebensformen, in denen man agiert – und deren ästhetische und literarische Dimensionen sind ebenso wichtig wie das, was gesagt wird. Wer gesellschaftliche Vielfalt will, der schreibt nicht so wie Walter und hat in Fragen der Demokratie entscheidendes gar nicht verstanden.

Die groteske Unterstellung, beispielweise Luhmanns Kreationen dienten nur und ausschließlich der Distinktion, ist wahlweise intellektueller Selbsthass oder der Feuilletonistendünkel der Denkfaulen, die alles so lassen wollen, wie es ist.

Würde Walter hier etwas Richtiges schreiben, dann redeten wir heute noch wie die Mandarine im Kaisserreich, Fortschritt ausgeschlossen, weil Sprache einfach gleich bliebe; und wer sich der BILD unterwirft, wird auch wie sie denken.

„Sprachbarbarentum“ beschwören heißt eben, die Hunnen vor Wien zu wähnen. Luhmann und Heidegger sind gerade Beispiele dafür, sprachliche Klischees abzuräumen, um dem Denken wieder Raum verschaffen zu können, nicht umsonst regen deren Schriften wie auch die Adornos das Denken bis heute an. Weil es abweicht, reizt, heraus fordert – im allerpositivsten Sinne. Sich den Kopf darüber zerbrechen, was ein Michel Foucault mit „Dispositiv“ meint, ist ungleich anregender als unaufhörlich Sätze wie „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ zu reproduzieren. Nicht alles, was Bourdieu geschrieben hat, ist uneingeschränkt richtig – und man braucht nur dessem Plädoyers gegen die Instrumentalisierung von Wissenschaftlern im Fernsehen zu lesen und weiß, dass falsch ist, was Walter schreibt. Sich der Konsumierbarkeit entziehen nur verschafft Erkenntnis.

Mit anderen Worten: Das Argument von Walter gegen die angeführten Beispiele ist falsch. Und noch fälscher ist es, diese mit einem Marcuse oder einem Derrida zu vermengen. „Optimierung“, „Ressource“, „Komparatistik“, „Entwicklungsdynamik“, „Profilbildung“, „strukturbedingte Determiniertheit“ – das ist Theoriemarketing, nix anderes, und wer einmal den Buisness-Neusprech sich antat, der weiss, was ich meine: Die immergleichen Anpassungs- und Unterwerfungsprozesse, die Kapitalismus mit sich bringt, zu tarnen.

Exaktes Gegenteil also des vermeindlichen „Fachsprachenjargons“ und vor allem dessen, was in der Konkurrenz um die spezielle Förderung von „Exzellenzclustern“ aufgehäuft jede erkenntnisfördende Sprachschöpfung gerade verhindert. Exzellenzcluster, die sich auch über ihre gesellschaftliche „Nützlichkeit“ definieren, was auch Walter fordert – insofern befördert er gerade auch das Marketingsprech.

Sich der Warenförmigkeit von Sprache entziehen, DAS heißt nicht einfach nur zu reproduzieren, was eh schon der Fall ist. Die geforderten Interventionen jedoch, die dabei heraus kommen, wenn jemand wie Walter sie unternimmt, die kennt man ja. Und die, die braucht nun wirklich keiner …

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4 Antworten zu “Franz Walters Plädoyer für Gleichmacherei

  1. ziggev Juni 25, 2010 um 8:28 pm

    Der Text (ich meine den von Franz Walter) hätte auch, so muss es mir erscheinen, mit „Jargon der Eigentlichkeit“ plus etwas Bourdieu aus zweiter Hand geschrieben werden können. Jedenfalls das Zitat oben liest sich wie die allübliche Elite-Schelte, wie sie nicht zuletzt seit etwa Julia Friedrichs „Gestatten: Elite“ im Schwange ist – zumindest aber eine Zeit lang war – und bei der immer auch Boudieu oder das, was (jedenfalls dem zufolge, was ich so höre) der so über Eliten und Codes so schreibt, mit anklang.

    Recht billige Stimmungsmache, würde ich sagen. Auf Ressentiments spekulieren, auf die ich möglicherweise anspringen könnte (jahrelang glaubte ich, mit dem „Jargon der Eigentlichkeit“ sei die abgehobene Sprache der 68er Studenten gemeint). Aber das ist mir zu öde: Keine Thesen, keine Argumente, Behauptungen aufstellen, es allerdings dabei belassen. Man denke daran, welche Bewegung Kermits Was-passiert-dann-Maschine einst noch vor Augen führen konnte.

  2. momorulez Juni 25, 2010 um 9:46 pm

    😀

    Ich glaube, mir geht diese Stimmungsmache einfach nur so auf den Geist, weil sie eh schon genug Unheil angerichtet hat. Wenn ich mir angucke, wie alleine die Hamburger Universität zerdeppert wurde, wie schwierig es ist, mal ein gutes Buch zu finden, wie die ganze geistige Landschaft hier verrottet – und gerade jetzt, wo SPD(!)-Blogger einem zurufen, man möge doch aufhören, den „Party-Nationalismus“ zu geißeln, weil dann „Linke Ideen“ (ausgerechnet von der SPD) nicht „attraktiv“ vermittelbar seien, kommt der um die Ecke und weiß doch, dass die Reaktion ihm zujubelt – nee, ich höre das ja auch schon seit über 25 Jahren, diese Litanei, aber dran gewöhnen kann ich mich nicht.

  3. che2001 Juni 25, 2010 um 11:25 pm

    Der war einer meiner Hochschullehrer. Und unterzeichnete einen Aufruf zur Mäßigung und Normalisierung, der mit „An die autonomen Antifaschisten Göttingens“ betitelt war und mit einem Gegentext unter dem Titel „An die sozialdemokratischen Arschlöcher Göttingens“ beantwortet wurde.

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