Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Finde ich gar nicht so übel …

… warum haben die das nicht einfach gemacht? Kann man das nicht jetzt noch fordern?

Der Morgenthau-Plan enthielt folgende vierzehn Punkte:[1]

  1. Demilitarisierung Deutschlands
  2. neue Grenzen: Aufteilung Ostpreußens zwischen der Sowjetunion und Polen, Polen soll Schlesien erhalten, Frankreich das Saarland und einige linksrheinische Gebiete zwischen Rhein und Mosel,
  3. Teilung Deutschlands in zwei unabhängige Staaten im Norden und Süden, Zollunion zwischen dem Südstaat und Österreich
  4. vollständige Demontage im Ruhrgebiet einschließlich Rheinland und angrenzenden Industrierevieren, Verwaltung des Gebietes als internationale Zone von der UNO, Verbot der Reindustrialisierung auf absehbare Zeit
  5. Entschädigungen und Reparationen aus dem derzeitigen Besitz, aber keine künftigen Zahlungen oder Überlassungen
  6. Entnazifizierung von Schulen, Universitäten, Zeitungen, Rundfunk, Schließung und Neuaufbau durch eine alliierte Erziehungskommission
  7. politische Dezentralisierung, stärkere Föderalisierung
  8. Steuerung der Volkswirtschaft durch Deutsche, keine Verantwortung der Militärbehörden
  9. Kontrolle der deutschen Volkswirtschaft durch die UNO in den nächsten zwanzig Jahren um den Aufbau einer Militärindustrie zu verhindern
  10. Zerschlagung des Großgrundbesitzes, Verteilung an die Bauern, Änderung des Erbrechtes
  11. Bestrafung von Kriegsverbrechen
  12. Verbot von Uniformen und Paraden
  13. Verbot für Deutsche, Luftfahrzeuge zu führen
  14. Rückzug der amerikanischen Truppen, die Nachbarländer Deutschlands sollen die Besatzungsaufgaben wahrnehmen
Advertisements

17 Antworten zu “Finde ich gar nicht so übel …

  1. Katzenblogger Juni 20, 2010 um 10:18 am

    Jaja, der antideutsche Schenkelklopfer-Humor. Provokation statt Gehirn, eine alte Nummer. Fehlt nur noch, das Niederbomben von Hamburg, Dresden und der deutschen Industriegebiete einzufordern.

    Echt sinnlos. Oder soll so etwas eine „Debatte“ befördern?

    Frage an Momorulez: Warum sind innigste Zuneigungen und identitäre Prozesse wie bei der St.-Pauli-Fankultur harmos oder sogar super, während moderater Patriotismus (Deutschland gegenüber) eine Gefahr ersten Ranges für dich darstellt? Versteh mich nicht falsch, mir ist es im Grunde genommen völlig Wumpe, ob jemand gelegentlich Fähnchen schwenkt, sich als Grundgesetzdeutscher versteht, als Patriot oder Heimatliebhaber – oder auch nicht. Die Frage ist doch weniger, ob damit Identität entsteht – und in welchen Ausmaß, sondern vor allem, inwieweit damit Exklusivität entsteht, Ausschluss, Absonderung und Aggression.

    Die Vorstellung, dass Kollektiv-Identitäten problematisch sein können – und ab einem bestimmten Grad auch sind, die teile ich, und dies nicht nur, wenn das zugrunde liegende Kollektiv nationale Ausmaße hat. Aber ich die Nicht-Identität ist problematisch. Ich versuch das mal mit einem Beispiel:

    Ein im Ausland lebender Iraner (und das kann durchaus auch nerven) hat zumeist sehr intensive landsmannschaftliche Bindungen, was für ihn und seine Landsleute den Vorteil hat, gerade in der Fremde, einen gewissen Grad an Heimat und Zusammenhang zu finden, und zwar genau bei seinen Landsleuten. Zugleich wird damit eine Hürde errichtet, und zwar zu denen, die nicht zum landsmannschaftlichen Kollektiv gezählt werden.

    Nur: Wie wäre das zu werten – und wie ist das Negative darin aufzulösen?

    Und ja, es stimmt, ein beachtlicher Teil der daraus resultierenden Ausgrenzungsprozesse beginnt bereits dann, ohne dass irgendwelche Ausgrenzungen gewollt oder sichtbar sind.

    Meine Antwortversuch darauf wäre zweidimensional: Erstens ist der „Grad an Kollektividentität“ zu beachten, als auch der „Ausgrenzungscharakter der jeweiligen Kollektividentität“. Als grobes Beispiel dafür: Wer sich zu 80 Prozent als „Deutscher“ (was immer das sein soll…) betrachtet und nur zu 20 Prozent als Mitmensch, und sich am „Nichtdeutschen“ stört:

    Der hat eine sozial dysfunktionale Kollektividentität gewählt. Nur, gilt

  2. Katzenblogger Juni 20, 2010 um 10:28 am

    …das auch, wenn er im Ausland lebt, als überwiegend ausgegrenzter und prekär lebender Ausländer, und sich zu seinen Landsleuten hingezogen fühlt?

    Tja. Für mich ist die Frage offen – und ich tendieren hier zu einem Jain, das am Ausgrenzungscharakter der jeweilig gewählten Kollektividentität einigermaßen Halt sucht..

    (tja, und irgendwie beneide ich an dieser Stelle die Antideutschen, wirklich wahr, gerade auch die moderaten Antideutschen – für die ist alles so einfach, so deutlich und klar – sie dürfen verurteilen, sich überlegen fühlen und vor deutlichen Gefahren warnen, und sich selbst -auch das wäre eine Art Kollektividentität – als einwandfreie Warner vor der gefährlichen Mehrheit verstehen, der moderate Antideutsche wird zur politischen Avantgarde, und das ist so grell, indem er genau das tut, was er anderen vorwirft, nämlich in seiner ständigen und geradezu lächerlichen Überbetonung des Nationalen)

    Ich hoffe, ich habe hier mit meinem Kommentar niemand verärgert. Er dient auch mehr der eigenen Gedankenentwicklung – ich kann nicht gerade sagen, dass ich bereits am Ende meiner Überlegungen angekommen bin, und auch kann ich nicht sagen, dass meine eigenen Formulierungen die Klarheit hätte, die ich mir wünsche.

  3. momorulez Juni 20, 2010 um 10:42 am

    @Katzenblogger:

    Da fehlte noch was, oder? Mit den Antideutschen habe ich nix am Hut, mit Lokalpatriotismus hingegen wenig Probleme – und die St. Paulianer-„Identität“ wurde mir ja nicht per Geburt verordnet. Die habe ich mir schon ausgesucht, und die wird von sehr vielen Leuten ständig mit Leben gefüllt – und in der ist aufgehoben, was ich seit 1987 lebe. Was mir als erstes auffiel im Stadion, das war, dass da lauter Leute rum liefen, die ich noch aus Dschungel und Subito aus den späten 80ern kannte und etwas von dem Geist jener Tage übrig geblieben ist. Als Corny dann noch Präsident wurde, kamen noch die frühen 90er als Stammgast im Tivoli hinzu.

    Ich hätte keine Probleme mit einem Nord- und einem Südstaat und auch nicht mit einem Verbot von Uniformen und Paraden, und auch nicht damit, wenn Demilitarisierung statt finden würde.

    Für all das brauche ich weder „Kollektividentitäten“ diskutieren noch Dresden bombardieren. Ich finde die Vorstellung einfach reizvoll, mir mehrere deutsche Staaten nach dem Krieg vorzustellen als zwei, die im Rahmen des Blockgegensatzes instrumentalisiert wurden. Vielleicht wären dann ja alle etwas enstpannter und es hätte nicht diese chauvinistische Hetze gegen die Griechen per BILD, Seite 1 gegeben? An dieser Wiedergeburt des deutschen Wesens aus dem Geiste des Wirtschatfswunders krankt das doch hier bis heute.

    Und da ich die vermeindliche „Wiedervereinigung“ eh als Neugründung mit teils fatalen Folgen erlebt habe, kann man doch über weitere Neugründungen nachdenken, oder? Europa lebt von seinen Regionen, nicht seinen Nationalismen.

  4. momorulez Juni 20, 2010 um 10:46 am

    Ah, jetzt war auch der zweite Teil in meinem Handy angekommen. Zu den Antideutschen hatte ich mich ja geäußert, zu denen zähle ich mich nicht. Verärgert hast Du mich auch nicht.

  5. Katzenblogger Juni 20, 2010 um 11:58 am

    Nunja, Bild würde *immer* chauvinistischen Mist veröffentlichen. In einem Süd- und Nordstaat in etwa doppelt so häufig…

  6. Katzenblogger Juni 20, 2010 um 12:04 pm

    In einem „doppelten Deutschland“ gäbe es imho doppelt so viel Nationalismus, zumal es dann diejenigen gäbe, ganz ernsthaft, die eine Wiedervereinigung fordern und das in das Zentrum ihrer politischen Bemühungen stellen würden.

    Das würde echt nerven.

    Mich nervt auch weniger das gemeinsame Deutschland und die Missbrauchbarkeit eines politischen Konstruks als nationale Fiktion, sondern mehr die Machtballung auf Seiten von Konzernen und denen, die auf europäischer Ebene Wirtschaftsinteressen organisieren.

    Für diese Kreise stellt die Nation dann die Folklore dar (quasi: Sport, Spiele, Nationalfahnen), die von der demokratiefremden Realität einer konzerngesteuerten und übernationalen Wirtschaftsregierung ablenken soll.

    Quo vadis, Nation?

  7. momorulez Juni 20, 2010 um 12:06 pm

    Na, nicht die Folklore, das Ablenkungsmanöver.

  8. Urfaust Juni 20, 2010 um 1:32 pm

    Ey Katzenblogger, was geht ab? Frankreich muss bis nach Polen reichen.

  9. che2001 Juni 20, 2010 um 2:02 pm

    Eine Nord-Süd-Teilung würde zumindest insofern Sinn machen, als dass Bayern eiene gemeinsamen Kulturraum mit Österreich und Südtirol bildet, während Norddeutschland, wenn es mal nicht um Sprache geht mit Dänemark, den Niederlanden und Flandern mehr Ähnlichkeit hat als mit Süddeutschland. Und die Lausitz gehört eigentlich zu Schlesien.

  10. MartinM Juni 20, 2010 um 2:51 pm

    Ja, der Morgenthau-Plan war viel besser als sein Ruf. Wobei dieser „schlechte Ruf“ nicht nur aus dem deutschen Nationalismus resultierte, sondern vor allem aus dem „Kalten Krieg“.
    Punkt 18: „Rückzug der amerikanischen Truppen, die Nachbarländer Deutschlands sollen die Besatzungsaufgaben wahrnehmen“ wäre spätestens ab 1947 für die USA unannehmbar gewesen.
    Punkt 9 – Kontrolle der deutschen Volkswirtschaft durch die UNO in den nächsten zwanzig Jahren um den Aufbau einer Militärindustrie zu verhindern – wäre mit der von Interessengegensätzen paralysierten realen UN nicht machbar gewesen. Es gab in der realen Nachkriegsszeit die Tendenz, den Begriff „Militärindustrie“ je nach Nutzen der Besatzungsmächte auszulegen – z. B. um potenzielle Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszuschalten.

    Es ist also leider relativ klar, wieso der einzige aufrichtig antifaschistische Plan, was mit Deutschland nach dem alliierten Sieg geschehen sollte, scheiterte.

    Das, was mich am Morgenthau-Plan am meisten stört, ist Morgenthaus „Agrarromantik“, die auch schon in seiner Politik als US-Finanzminister vor dem Krieg deutlich wurde (Bevorzugung der Farmer gegenüber Industrie). Er nahm an, dass eine agraisch geprägte Kultur generell friedlicher wäre als eine industrielle. (Das einzig Wahre daran ist meiner Ansicht nach, dass einer Agrargesellschaft schlicht die technischen Mittel fehlen, gegen eine Industriegesellschaft einen erfolgreichen Angriffskrieg zu führen.)
    Ebenfalls „romantisch“, im Sinne von auf Wunschdenken und Vorurteilen beruhend, ist die u. A. auf den eher unromantischen britischen Premier Churchill zurückgehende Idee der Teilung Deutschland in einen „gefährlichen“, preußisch dominierten, mit Schwerindustrie ausgestatteten Norden und der „harmlosen“ Süden mit seiner Leicht- und Kleinindustrie, der dank Zollunion Churchills alte Lieblingsidee „Donauföderation“ unterstützen sollte. (Zusammenschluss Österreichs mit Ungarn und der Tschechoslowakei – wie das nach ´45 ohne andauerndes Bürgerkriegsrisiko hätte gehen sollen, ist mir schleierhaft. Da komme mir keine mit „in der EG geht es doch auch“, da liegen über 50 Jahre dazwischen.) Churchill war übrigens ein Gegner der Deindustrialisierung Deutschlands: („England would be chained to a dead body.“)

    Übrigens waren die Ideen der „hard peace“-Fraktion auch ohne Morgenthau-Plan nicht aus der Welt – nur das ein „harten Frieden“ ohne die primär antifaschistische Agenda des Morgenthau-Plans nicht viel Wert gewesen wäre. Die Joint Chiefs of Staff directive 1067 (JCS 1067) von 1945 für die amerikanische Besatzungszone war von der „hard peace“ Idee geprägt, in die die Idee einer systematischen Schwächung der Ökonomie einfloss, allerdings ohne die „volkswirtschaftliche Steuerung durch die Deutschen“ und auch auf Kosten eines stark sinkenden Lebensstandards im besetzten Deutschland.
    JCS 1067 bestimmte bis Juli 1947 die Besatzungpolitik der USA: die Besatzungsmacht durfte die wirtschaftliche Entwicklung nicht unterstützen abgesehen vom landwirtschaftlichen Sektor. (Das Schreckgespenst „Deutschland sollte zum Kartoffelacker werden“ trifft IMO eher auf JCS 1067 als auf den Morgenthau-Plan zu. Ich vermute, dass ein Teil der deutschen Anti-Morgenthau-Polemik auf die Erfahrung in der US-Zone bis 1947 zurückzuführen ist – im Sinne von „Morgenthau wäre ein Super-JCS 1067 für ganz Deutschland und alle Ewigkeit gewesen“.

  11. che2001 Juni 20, 2010 um 3:12 pm

    Tja, das Alles hängt mit dem Wechsel von Roosevelt zu Truman zusammen. Roosevelt war für friedliche Koexistenz mit der Sowjetunion und für einen „Cordon Sanitaire“ neutraler Staaten in Europa, der dafür sorgen sollte, dass Ostblock und Westen keine direkte Grenze hätten, Truman setzte auf Konfrontation und nukleare Drohkulisse. Und eben Containment, die militärische Einzäunung des Ostblocks durch Bündnisstaaten.

  12. momorulez Juni 20, 2010 um 3:37 pm

    Martin, Danke für die Ergänzungen! Und die Agrar-Nummer ist tatsächlich naiv. Seltsamerweise war das nämlich auch das einzige, was neben einer dauerhaften Teilung bei mir aus dem Schulunterricht hängen geblieben ist.

    Als ich denn dann heute morgen nach den Debatten mit Karsten googlete, war ich ansonsten wirklich positiv überrascht, ohne Scheiß. Weil es zu einigen Punkten wirklich keine anderen als nationalistische Gründe gibt. Und die Bevölkerung des Saarlandes hat ja, glaube ich, selbst heim ins Reich gewollt.

    Was mich wundert, ist, dass keiner der Kommentatoren bisher auf Ex-Jugoslawien oder aktuell Belgien verwiesen hat. Wobei Tschechien und Slowakei nun wieder Gegenbeispiele sind, dass das auch friedlich vonstatten gehen kann, oder irre ich?

  13. che2001 Juni 20, 2010 um 4:03 pm

    Von welcher Debatte „drüben“ redet Ihr hier eigentlich?

  14. momorulez Juni 20, 2010 um 4:09 pm

    Die hier:

    http://www.bissige-liberale.net/2010/06/16/ueber-sparpakete-und-nationalmannschaften/

    Und ich bezog mich konkret auf den anderen Thread zu den Tiefenschichten und Sedimenten.

  15. serdargunes Juni 21, 2010 um 12:40 pm

    Der 14. Punkt ist interessant: „Rückzug der amerikanischen Truppen, die Nachbarländer Deutschlands sollen die Besatzungsaufgaben wahrnehmen“

    Ist zwar kein direkter Nachbar von Deutschland und bin auch kein Freund der türkischen Armee aber man könnte doch türkische Truppen hier stationieren :)))))

  16. Katzenblogger Juni 21, 2010 um 1:24 pm

    Wenn sie dafür die Kurden in Ruhe lassen, warum auch nicht? Meinetwegen kann jedes Land der Welt seine Besatzungstruppen bei uns stationieren. Ich sehe das als Beitrag zur Völkerverständigung. Auch stelle ich es mir wirklich hübsch vor, wenn diverse Dorf/Kleinstadtbürgermeister die erfolgreiche Zusammenarbeit loben und „ihre“ jeweilige Kaserne rühmen, komme die nun aus Nordkorea, aus der Türkei oder aus Honduras.

  17. momorulez Juni 21, 2010 um 1:58 pm

    Mich würde das ja schon angesichts all der Gesichter hierzulande sehr freuen 😉 …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s