Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tiefenschichten, Sedimente …

Zu vielen aktuellen Debatten ist es interessant, sich noch einmal die Diskussion insbesondere in den 20er  Jahren zu vergegenwärtigen, die Ferdinand Tönnies mit seiner Entgegensetzung von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ initiierte.

Einfach, weil sie, was de facto-historische Bewegungen betrifft, seltsam quer steht zu dem „links“ und „rechts“-Schema. Ist das Klassenbewusstsein eines, dass eine Gemeinschaft erschafft? Zum Beispiel. Aber auch in der Entgegensetzung von System und Lebenswelt bei Habermas, mit der ich hier oft operiere, tradiert sich diesen Schema, allerdings stark variiert.

Der Wikipedia-Artikel (den muss man schon lesen, wenn man verstehen will, was ich hier meine) erhellt dennoch, inwiefern manche Aneignungen der „Kapitalismuskritik“ sich von diesem Schema nähren. In manchen Ausschlägen der Diskussion zwischen US-Liberals (Rawls, Dworkin) und Kommunitaristen (Michael Walzer, Charles Taylor, Alisdair McIntyre) spielte sie implizit auch eine Rolle, und man kann, muss aber nicht, sie auf eine Kantische und aristotelische Linie der Moralbegründung beziehen, wobei Hegels Konzept der „Sittlichkeit“ wohl beides zu verbinden versucht.

Bemerkenswert ist die implizit kommunitaristische Argumentation, die in liberalen Blogs ins Nationale gewendet sich findet und offenkundig mit der Figur einer dem „Gesellschaftlichen“ (Institutionen wie Parlament, Sozialstaat etc.) vorgängigen „Gemeinschaft“ operiert, was typisch deutsch ist und zudem den klassischen Nationsbegriff, der eine demokratische Partizitationsgemeinschaft meint, abräumt, auch das typisch deutsch; in der us-amerikanischen Diskussion verlaufen die Frontstellungen anders.

Da waren auch Communities wie z.B. Gay Communities, Black Community etc. maßgeblich für die linke Begründung des Kommunitarismus, was z.B. für Che dieses Denken ja durchaus attraktiv machte, hierzulande jedoch als „Desintegration“ und „Parallelgesellschaft“ behandelt wird. Wobei man umgekehrt den Gedanken der „Community“ immer auch auf jenen der christlichen „Gemeinde“ zu beziehen hat, insofern sind auch Evangelikale Kommunitaristen (und ein McIntyre ist dezidiert konservativ). Was eben NICHT gegen den Gedanken der Gemeinde spricht, glaube ich.

Viele Andeutungen, es ist schon spät, mehr in der Diskussion – zitiert sei freilich noch eine Passage aus dem Wikipedia-Artikel zu Tönnies:

Während die Erstauflage nahezu ohne Echo blieb, wurde die zweite Auflage von 1912 ein großer Erfolg, da sich die nach ‚Gemeinschaften‘ suchendeJugendbewegung dieser Zeit auswirkte und das Werk sprichwörtlich machte.[1] Nach 1933 verringerte sich die Rezeption schlagartig, da Tönnies sich vehement gegen Hitler gewandt hatte. Erst nach 1980 wurde das Werk wieder stärker wahrgenommen.

1924 griff Helmuth Plessner in seiner Schrift Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus das Thema wieder auf. Plessner begrüßt die Entwicklung hin zur Gesellschaft und kritisiert die Jugendbewegung seiner Zeit, die, an Tönnies anknüpfend, die gesellschaftlichen Verhältnisse zurück in die Gemeinschaft führen möchte.

Theodor Geiger bezeichnete nach dem Zweiten Weltkrieg die tönniesianische philosophisch fundierte Typologie als unklare Begriffsmetaphysik, die hauptsächlich auf den aus der deutschen Sprache entnommenen Wörtern beruhe. Dies sei ihm bei seinem Versuch deutlich geworden, den Text ins Dänische zu übersetzen.“

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33 Antworten zu “Tiefenschichten, Sedimente …

  1. che2001 Juni 17, 2010 um 9:29 pm

    Schön, dass Du das so herum gewendet nochmal aufgreifst! schreibe ich was dazu, wenn ich die Zeit finde – im Moment ist sie nicht vorhanden.

  2. momorulez Juni 17, 2010 um 9:43 pm

    Das haben die drüben auch gar nicht verstanden, dass das gar keine Attacke war, sondern ein auch weiterhin spannendes ist – bin froh, dass Du das richtig verstanden hast!

  3. Karsten Juni 17, 2010 um 10:07 pm

    Der Tönnies-Link ist auf jeden Fall sehr spannend und ist für mich nachvollziehbar und überzeugend. Habe da direkt in der Diskussion um meinen letzten Beitrag drüber nachdenken müssen…

  4. momorulez Juni 17, 2010 um 10:16 pm

    Der Tönnies bietet tatsächlich ein sehr wirkungsmächtiges Schema, mit dem ich ganz dezidiert nicht übereinstimme, das aber als Folie für Diskussionen eine Menge her gibt, auch bei Fragen nach Bürgerinitiativen, z.B.. Fand das von daher unangemessen, da mit Geschwurbel zu kontern – bei allem, was mir an Raysons Ausführungen so gar nicht passt, war das schon ein Versuch der konstruktiven Auseinandersetzung.

  5. Karsten Juni 17, 2010 um 10:21 pm

    Vielleicht meinte David aber auch das Jungle-World-Geschwurbel?

  6. momorulez Juni 17, 2010 um 10:25 pm

    Das war ja so schlimm nun auch wieder nicht. Und ich hatte mich ja auf den Ausgangseintrag Raysons bezogen, weil der auch dann zu meinen beiden letzten Einträgen hier passte, wenn die nicht gemeint waren.

  7. Karsten Juni 17, 2010 um 10:45 pm

    Naja, kann man wohl unterschiedlich sehen. Für mich war das… das, was ich in meinem Kommentar bei Rayson schrieb. Und in Twitter erweiterte. Will mich da nicht wiederholen. 🙂

  8. momorulez Juni 17, 2010 um 10:51 pm

    Aber diese Affekte gegen die Jungle World, die Dich trieben, das sind doch genau die, die Leute dazu treiben, es als „demonstrativ“ oder „provokativ“ anzusehen, wenn Männer auf offener Strasse miteiander knutschen … dieses „die wollen sich doch interessant machen“ kenne ich nun seit frühester Jugend.

  9. Karsten Juni 17, 2010 um 10:56 pm

    Ach, mich treiben bei der Jungle World schon mehr als Affekte. Das ist – um in deinem Beispiel zu bleiben – schon echte Homophobie, komplett mit „Sperrt sie ein“, „das ist abartig!“ und anderen Nettigkeiten.

    Zumal ich mir diese Antideutschen eine Weile lang mit echtem Interesse angeschaut habe. Konnte das der Weg gegen die Gefahren des radikalen und faschistoiden Nationalismus sein? Aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es das nicht ist. Im Gegenteil: Wer seine eigenen Nachbarn, seine eigene Gruppe, und ja, auch seine eigene Nation, nicht mit einem inneren Wohlwollen betrachten kann, wer ihr ständig mit Klischees begegnet, der wird das auch bei anderen tun. „Typisch deutsch ist ja auch, nicht typisch deutsch sein zu wollen“… nach diesem Spruch habe ich mich kopfschüttelnd abgewendet.

  10. momorulez Juni 17, 2010 um 11:08 pm

    Das Problem bei all diesen Konstruktionen „eigener Gruppen“ ist halt, dass genau die auf der Strecke bleiben, die das immer schon blieben – Du, die in den Abschiebeknästen, die Überflüssigen usw. . Mir gehen die doktrinären Antideutschen auch schwer auf den Sack, aber nun dieses Eigene als Kriterium anzusetzen und vor allem denen auch noch anzudichten, das führt immer dazu, immer, die historischen Belege sind da einfach zu erdrückend, dass Raysons Solidarität unter Gleichen dazu führt, dass sie mit Dir „Schwuchtel“ auch nicht nôtig, Du gehörst nicht zu den Gleichen, sei und zudem auch noch unnatürlich. Der Rayson schließt ja aufgrund einer Seins ein mögliches Sollen aus. Unterschätz das nicht. Dann ersatweise auf die gänzlich irrelevante „Jungle World“ einzudreschen ist auch Usus. Die BILD titelt derweil „Schwarz rot geil“, und Du stimmst ein.

  11. Karsten Juni 17, 2010 um 11:17 pm

    Ein, zwei Sätze sind mir da unverständlich, weil keine Sätze.

    Kann man Sein und Sollen nicht gleichermaßen sehen?

    Es gibt das Sollen der Solidarität unter allen Menschen. Es gibt die Hilfskonstruktion der Solidarität innerhalb größerer Gruppen (Nation!), die uns vielleicht auf dem Weg dahin begleitet. Und es gibt das Sein der Solidarität, die sich eben augenblicklich nur in kleinen, eigenen Gruppen entfaltet.

    Ich zitiere den alten Otto ja ungern, aber hatte er nicht ein wenig recht:
    «Politik ist die Kunst des Möglichen.»
    Otto von Bismarck

  12. momorulez Juni 17, 2010 um 11:25 pm

    Das ist eine Anspielung auf den berühmten naturalistischen Fehlsschluss: Man kann nicht vom Sein auf das Sollen schließen. Eine Forderung, die den Anspruch auf normative Richtigkeit erhebt, ist etwas völlig anderes als eine Tatsachenbehauptung.

    Und man kommt bei dem Thema einfach nicht um die assimilierten Juden herum: Schon in den 20er Jahren galten die den Antisemiten als die Perfidesten, weil sie ihr Ungleichsein auch noch tarnten.

    Ach, und das mit der Politik des Möglichen: Eine bessere Welt ist möglich. Das sehen doch selbst die Marktradikalen so, sonst würden sie es ja nicht fordern.

  13. Karsten Juni 17, 2010 um 11:30 pm

    Klar ist sie möglich. Aber morgen schon? Oder gibt es da noch Zwischenschritte, die man bewältigen muss? Und erfordert es ein so komplexes System wie eine Gesellschaft nicht, diese Zwischenschritte zu machen? Im täglichen Kampf um die besser Lösung, wohlgemerkt…

    Natürlich kann man vom Sein nicht auf das Sollen schließen. Aber beides wahrnehmen, das habe ich ja gesagt.

    Und schließlich: Wenn das so ist, dann bin ich ja gefährdeter als Du. So als assimilierter Ju… äh… Schwuler.

  14. momorulez Juni 17, 2010 um 11:32 pm

    PS: Die solidarischen Kleingruppen sind aktuell gerade wieder verschärft die ökonomisch Herrschenden, die untereinander solidarisch sind und sonst mit niemandem, fahr mal nach Zug – es empfiehlt sich da schon die Kant-Lektüre und das, was er über die Solidarität unter Räuberbanden schreibt. Und genau diese Gruppen wussten schon immer bestens, wie man das “ Nationale“ instrumentalisert … Bismarck war die Interessenvertretung der ostelbischen Junker und des preußischen Königshauses und hat in diesem Sinne Kriege geführt.

  15. momorulez Juni 17, 2010 um 11:36 pm

    Ich bin ja teilassimiliert 😉 – aber ja, das ist so. Du wirst vor mir auf die Schnauze bekommen, wenn es so weit kommen sollte – ob, weiß ich ja auch nicht. Ich bin in manchen, nicht allen Hinsichten Pariah. Das hat auch Vorteile.

  16. ziggev Juni 18, 2010 um 4:36 pm

    anregender Text; um mich mal mit dem Thema Kommunitarismus zu beschäftigen (bin deinen Liinks – noch – nicht gefolgt).
    Aber das scheint mir interessant. Fragte mich schon oft, warum ich solchen „Parallelgesellschaften“ immer skeptisch gegenübergestanden bin (trotz meiner mir in den Genen steckenden Sympathie für den historischen Anarchismus). Zwei Dinge möchte ich trotz Allem anmerken: mit der Figur einer dem „Gesellschaftlichen“ vorgänigen „Gemeinschaft“ zu operieren, scheint mir gar nicht so typisch deutsch zu sein. Vielleicht eher symptomatisch. Der gute Deutsche (selbst irgendwelche megahohlen Nazis fühlen nicht so) hat kaum noch einen Begriff von der dt. Volksgemeinschaft – klarerweise deshalb, weil es die nicht gibt – jedenfalls nicht mehr. Du denkst wahrscheinlich an die Blut-und-Boden-Gesetzgebung, die die Deutsche Nationalität betrifft. Nun gut, soweit bis hier. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht bin ich gar nicht der „gute Deutsche“ für den ich mich gehalten habe.

    BTW. „Ist das Klassenbewusstsein eines, dass eine Gemeinschaft erschafft.“ Bei solchen Sätzen wäre es ganz gut, noch dazuzusagen, was Objekt, und was Subjekt ist (ok. ergibt sich wohl, wenn man sich etwas in die Kontexte eingearbeitet hat).

  17. momorulez Juni 18, 2010 um 6:25 pm

    Beim letzteren Satz wäre gut, ein „s“ wegzustreichen 😉 … also: „Ist das Klassenbewusstsein eines, das eine Gemeinschaft erschafft.“

    Ich meine auch gar nicht „Blut und Boden“, ich meine dieses nun tatsächlich 2 Jahrhunderte währende Ringen darum, was „deutsch“ denn nun eigentlich sei – und die Antwort, dass „deutsch“ in einer „Kultur“ gründete, die möglichst auch alle zu umfassen habe.

    Ich arbeite viel mit Franzosen zusammen, die einen natürlich auch zumeist als stillos, unhöflich, viel zu pragmatisch, viel zu direkt, viel zu wenig verspielt und grobschlächtig wahr nehmen und immer eine Antwort parat haben, wie denn nun eine Franzose in der gleichen Situation agieren würde – und die zudem erleben, wie sich Paris ja tatsächlich „afrikanisiert“, bewusst in Anführungsstriche gesetzt, um diesen „Eurabia“-Spacken keinen Raum zu geben.

    Diese ganze ewigen selbstbezüglichen Litaneien um das So-oder-So-oder-So sein der französischen Kultur habe ich da trotzdem nicht erlebt (obwohl Kultur da stets Thema ist, beruflich), und irgendwie ist, obgleich es sich da um eine sehr zementierte Klassenstruktur handelt, Differenz (!!!) viel selbstverständlicher. Da wird nicht drum gerungen, ob denn nun Racine oder Moliére der französischere sei – sind halt beides Klassiker, die geehrt werden. Ein Sartre oder ein Camus ebenso. Da kommt auch keiner und sagt als allererstes „Sartre war aber Kommunist!“. Nee, zunächst mal der ein großer Denker und Literat, und da hat er halt geirrt 😉 – der ist dann nicht auf einmal unfranzösisch oder so.

    Hier hingegen wird nun seit Herder und Konsorten über den Kulturbegriff und die Sprache eine Gemeinschaft behauptet – neuerdings total locker und partymäßig unterwegs seiend als deutsche Substanz.

    Und das hat einen haarsträubend normalisierenden Effekt. Weil es die klare Historie jenseits des Nationalsozialismus nicht gibt und auch nie gegeben hat. Zwei große Religionen und viele Regionen. Und das war von Anbeginn so.

    Deshalb kommt mir all dieses Gemeinschaftsgetue im deutschen Fall auch immer so aufgesetzt vor, als eine Überkompensation dessen, dass es sich historisch eher um so was wie einen Vielvölkerstaat handelte. Was den Bayern immer am klarsten ist. Bezogen auf Raysons Text ist das ganz interessant, weil die Bayern ja ständig aus dem dem Länderfinanzausgleich austreten wollen.

    Das kann man doch in anderen Ländern wie Rumänien, Italien, Spanien ganz ähnlich betrachten, was für eine faschistoide Scheiße dabei raus kommt, wenn dann eine Gesamtsuppe über die Differenz gegossen wird. Tito war noch der einzige, der das halbwegs gehandlet bekam.

    Man kann freilich bei alledem den Universalismus, der dem partikularen „Klassenkampf“ eingeschrieben ist, nicht mal eben in die Tonne treten. Und deshalb habe ich die Kommunitaristen auch immer harsch kritisiert, mit ganz liberalen Argumenten, weil bei einem Universalismus eben nur über den Liberalismus landen kann selbst dann, wenn man den Sozialismus will. Der muss den schon klassisch hegelianisch aufheben können.

    Ich glaube aber trotzdem, dass man die Kommunitaristen schon ernst nehmen muss. Die ganzen schwarzen Nationalisten – „Black Nation“ – in den USA reagieren auch nicht auf nichts. Und die Frage, wie sich denn eigentlich die Inhalte generieren, die in formal-demokratischen Prozessen Thema werden, das ist ja eigentlich die Frage von Habermas. Und die ist natürlich wichtig. Und ich glaube, dass man da die Kommunitaristen schon mit Gewinn lesen kann.

    In Deutschland wird nur die vorgängige Lebenswelt-Suppe sehr oft selbst normativ aufgeladen – von den ganzen Leon de Winter-Adepten hier, von Neonazis, von Lammert usw. Und das halte ich für gemeingefährlich, auch, weil sich daraus nun tatsächlich schon mal das Allerschlimmste ergab. Das mi den assimilierten Juden ist ja nicht „Godwins Law“.

    Es gibt hier diese naturalisierende Tendenz, die man auch bei Rayson lesen kann, das Organische, Natürliche, das dem künstlichen Institutionengerüst vorgängig sei, denken zu wollen, als Quasi-Natur – unter Umgehung dessen, was Rationalität heisst, das unterscheidet dann Habermas von denen.

    Das ist ja Horkdornos Umschlagen von Aufklärung in Mythologie, oder auch das. Und da wird es gemeingefährlich, wenn dass dann noch zudem mit einer zu Naturgesetzen umgedeuteten Wirtschaftstheorie einher geht.

  18. ziggev Juni 18, 2010 um 9:05 pm

    Dass der Universalismus den Liberalismus klassisch hegelianisch aufhebt. Du träumst wohl. Anderrerseits: Ich glaube auch nicht, dass, wenn wir jetzt den Sozialismus von der Stange brechen oder mal schnell Anarchisten werden, die Leute sich besser kleiden oder mehr Stil haben.

  19. momorulez Juni 18, 2010 um 9:35 pm

    Na, das mit dem Stil ist auch nicht mein gesellschaftliches Primärziel 😉 … und Träumen und Schwärmen sind doch Überlebensnotwendigkeiten! Dieser scheinhafte Realismus andernorts ist einfach nur Herrschaftsinstrument.

  20. che2001 Juni 19, 2010 um 2:10 pm

    Einer meiner Lehrer, der Historiker Hartmut Boockmann hat sogar ein Buch geschrieben mit dem Titel „Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte?“, und die Frage zu stellen ist gar nicht so unberechtigt. Noch 1850 war die Verkehrssprache auf dem Leipziger Markt Sorbisch und in weiten Teilen sprachen die deutschen Unterschichten Rotwelsch. Der Küstenslang war eine Mischung aus Platt, Friesisch und Englisch, also quasi Seemannssprache minus nautische Fachausdrücke. Der Shanty Hamburger Veermaster gibt wieder, wie man bis ins 19. Jahrhundert zwischen Ems und Danzig geredet hat
    (Ick heff mal an Hamburger Veermaster seen to my hoday usw.). Sprachkarten, die die Verbreitung anderer Sprachen als Hochdeutsch im Reichsgebiet zeigten wurden unter den Nazis vernichtet, die entsprechenden Sprachforscher und Anthropologen mundtot gemacht. Und was unsere Vorfahren angeht: „Germanen“ bedeutet Männer mit Speeren und ist ein militärischer Terminus, wobei das keltische Wort „Ger“ einen Wurfspieß, lat. Pilum bezeichnet und unser „Speer“ durch Lautverschiebung entstand, „mane“ für „Mann“ wiederum germanisch ist. Und so ist´s halt auch mit den Germanen: teils keltische, teils „germanische“ Stämme, Mischformen, keltisierte Germanen (Belgier) und germanisierte Kelten (Bajuwaren). Die geschlossene Besiedlung Germaniens mit Germanen ist eine Erfindung des Tacitus. Böhmen gehört zu den alten deutschen Kernlanden, im Sinne der mittelalterlichen Reichsidee waren die Tschechen also Deutsche, obwohl sie kein Deutsch sprachen. Die Archäologie und Ur- und Frühgeschichte unterschied bei Siedungsfunden meist anhand der Hausformen, ob die nun keltisch, germanisch oder slawisch waren. Diese Bindung der materiellen Kultur an ein „Volkstum“ ist aber wiederum ein Konstrukt schwarzbrauner Kulturraumforscher seit den 1920ern, die hiermit Forderungen nach deutschem „Lebensraum im Osten“ geschichtswissenschaftlich untermauerten.

  21. momorulez Juni 19, 2010 um 6:22 pm

    @Che:

    Ja – und Danke für die Ausführungen. Genau deshalb wird diese ganze Leitkultur und Schicksalsgemeinschaftshudelei auch sehr schnell gleichzeitig gekünstelt als auch normativ im Sinne von Geschlossenheit erzwingen wollen – anders kann man diesen Missgunst-Quatsch doch gar nicht lesen. Deshalb immer diese Aufgeblase von Luthers Einigung durch die Bibelübersetzung – als habe die nicht u.a. zum 30jährigen Krieg geführt. Und auch deshalb diese eliminatorischen Tendenzen hinsichtlich einer eigenen DDR-Geschichte – um eben zwangszuvereinheitlichen. Das ist ein permanentes, rückwirkendes Mythenerfinden.

  22. momorulez Juni 19, 2010 um 7:43 pm

    Nicht zu vergessen, dass ewig und umstritten im 19. Jahrhundert um die „groß-“ bzw. „kleindeutsche Lösung“ gerungen wurde und es u.a. dem
    preußischen Streben nach Vormachtsstellung zu verdanken war, dass Österreich 1871 nicht dabei war.

  23. Nörgler Juni 19, 2010 um 9:19 pm

    „Ich glaube auch nicht, dass, wenn wir jetzt den Sozialismus von der Stange brechen oder mal schnell Anarchisten werden, die Leute sich besser kleiden oder mehr Stil haben.“
    Das sehe ich ganz genau so, Ziggev. Auch mir erschiene ein Prêt-à-porter-Sozialismus „von der Stange“ wenig geschmackssicher. Die Salonmarxologie vertrat je schon, dass die Revolution der Haute Couture die Haute Couture der Revolution nicht ersetzen kann.

  24. che2001 Juni 19, 2010 um 10:40 pm

    Mein Zugang zum Kommunitarismus hängt ja eher damit zusammen, dass in der Antirassismusarbeit, in der Minderheitenpolitik von unten in USA und GB und letztendlich auch im Neuen Antiimperialismus mit Community-Begriffen gearbeitet wird, die in der Selbstorganisation der ethnisch, sozial oder sexuell definierten und umgrenzten Gruppen etwas Emanzipatives sehen und sie gegen die Mehrheitsgesellschaft in Stellung bringen wollen – letztendlich eine Weiterentwicklung von Marcuses Vorstellung, dass eine Revolution am Ehesten von Subkulturen ausgehen müsste. Da sind dann „Parallelgesellschaften“ kein Problem, sondern ein Teil der Lösung.

  25. Karsten Juni 19, 2010 um 11:31 pm

    @MR:
    „Missgunst-Quatsch“

    Hey, das mit der Missgunst war ich. Und ich wusste doch noch nicht, dass wir eine tiefernste, sinnvolle Diskussion führen würden (Jungle World ist da nicht satisfaktionsfähig). Und darum ist es unfair, das mit einzubeziehen. Kann ich noch mal neu anfangen?

    Und auch deshalb diese eliminatorischen Tendenzen hinsichtlich einer eigenen DDR-Geschichte – um eben zwangszuvereinheitlichen.

    Für mich übrigens ein radikal neuer Aspekt, den Du hier ansprichst. Die DDR-Geschichte nicht deswegen jenseits aller Abscheu betrachten, weil sie „ja gar nicht so schlimm war“, sondern, weil sie eben die gemeinsame Geschichte unseres Landes sein sollte. Könnte ich ja drüber reden. Wenn die Verniedlichungsversuche nicht immer voraus gingen.

    @che:

    Da sind dann „Parallelgesellschaften“ kein Problem, sondern ein Teil der Lösung.

    Dass alle, die keine Revolution wollen, sich durch dieses Zitat darin bestätigt sehen werden, dass man keine Parallelgesellschaften haben möchte, ist Dir sicher klar.

  26. momorulez Juni 19, 2010 um 11:46 pm

    Das ist kein radikal neuer Aspekt, das mit der DDR, und das hat auch nix mit Verniedlichung zu tun. Das ist einfach ein nicht irrelevanter Zeitraum, in dem es (mindestens) zwei teilweise aufeinander bezogene, teilweise aber auch nicht deutsche Historien und darin situierte, individuelle Erfahrungen gab. Und worauf sollen sich denn die von Rayson beschworenen Gemeinschafts- und Nähegefühle beziehen, wenn nicht auf Historie und Sprache? Ich verstehe aber weder richtiges Kölsch noch schwäbisch, und mit der Historie ist das auch so eine Sache, weil für mich Rosa Luxemburg wichtiger ist als Helmut Kohl. Der war ja nicht MEINE Geschichte oder Kultur, sondern jemand, den ich nicht ausstehen konnte und Bedingungen schuf, gegen die ich opponierte.

    Parallelgesellschaften sind für mich Karnevalsvereine und Arbeitgeberverbände und die Hamburger Handelskammer.

    Und nu?

  27. momorulez Juni 19, 2010 um 11:48 pm

    PS: DDR-Geschichte ist weder Deine Geschichte noch die „unseres Landes“.

  28. momorulez Juni 19, 2010 um 11:50 pm

    PSS: Sonst führ mir irgendeinen Grund an, warum die österreichische Geschichte NICHT die „unseres Landes“ ist.

  29. Karsten Juni 19, 2010 um 11:57 pm

    @MR: „für mich“ heißt ja nur „hab ich noch nicht gesehen und gehört“. Dass ich so etwas zugebe, mag in der Blogdiskussion der Allwissenden ja mal außergewöhnlich sein, ist für mich aber selbstverständlich. Ich freue mich halt, intelektuell angeregt zu werden. 😛

    Ansonsten: Morgen mehr.

  30. Karsten Juni 20, 2010 um 12:00 am

    Einen noch:

    Für mich ist die österreichische Geschichte ja die „unseres Landes“. Ich fühle mich auch historisch den Tschechen, den Niederländern verbunden. In gewisser Weise auch den Norditalienern, weniger den Süditalienern (aber auch!). In noch weiterem Fokus den Griechen, den Franzosen, den Spaniern. Haben wir nicht über das Habsburgerreich eine gemeinsame Geschichte mit den Azteken und den Inka?

  31. momorulez Juni 20, 2010 um 12:10 am

    Ja, eben. Je nachdem. Das isses doch. Ich fühle mich mit Paris einerseits, Tschechow andererseits verbundener als mit Stuttgart oder Ernst Jünger. Woher denn dann diese emotionale Nähe, die Rayson als Sozialstaatsbegründung anführt? Diese Begründung gewinne ich aus der demokratischen Partizipationsgemeinschaft, an der meiner Ansicht nach auch jeder Abschiebehäftling zu partizipieren hätte. Der süße koreanische Kellner gestern ist mir auch näher als Herr Brüderle.

  32. momorulez Juni 20, 2010 um 12:13 am

    PS: Ich bringe Dir gerade den Liberalismus nahe, Karsten 😀 !

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