Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schland

Ach ja. Seufz. Hätten sie damals nicht die WM 2006 zu nationalen Erweckungserlebnis stilisiert, zum „Die Deutschen haben sich alle wieder sooo lieb  und sind eine total prima Partynation – Hey, was geht ab, wir feiern die ganz Nacht, würg -, und wer nörgelt, miesmacht oder negativlabert, bekommt auf’s Maul oder in Abschiebehaft“, ich könnte mich auf das Spiel heute abend vielleicht sogar freuen. Und sei’s auch nur, weil Özil und Cacau da auch mit über den Platz laufen.

So jedoch steht’s mir heute eher danach. Schon wegen des Griechen-Bashing und so weiter. Habe mich ja gefreut, dass gestern bei den Demos gegen das so genannte „Sparpaket“, diesem Terroranschlag auf die eigene Bevölkerung, so viele Griechenland-Flaggen wehten. Die „Internationale“ hiess ja auch nicht umsonst „die Internationale“.

Trotzdem ein wehmütiger Rückblick auf 2006. Immerhin hatten wir da ein lustiges WM-Blog. Und ich bin bis heute stolz darauf, tatsächlich eine ganze WM lang den Dreiklang „Pflanzen – Fussball – Ästhetische Theorie“ durchgehalten zu haben. Und finde im Nachhinein meinen Vorab-Text zur Geranie fast schon prophetisch:

„So hockt man des morgens in der Küche und hört sich schein-ironisierte Meldungen über die Wade von Michael Ballack im Radio an. Dabei ist in Sachen Wade eigentlich der Schweini ganz weit vor. Glotzt den Flur entlang – und da nickt sie fröhlich mit dem Kopf hinter der Terassentür, meine neu erworbene Pink Geranie. Diese Pflanzenwesen stehen ja völlig zu Unrecht unter Spießigkeitsverdacht.

Wenn die ihre Blüten keck in die Luft recken und verschwenderisch leuchten, kann jede Fuchsie und jedes noch so fleißige Lieschen daneben schlicht einpacken. Mögen sie auch noch so sehr Zuchtprodukte sein: So eine Geraniennicken verweist auf das, was Adorno wohl gemeint haben könnte mit Mimesis. Wo habe ich neulich noch diesen Brief gelesen, den er an den Zoodirektor Frankfurts schrieb, wo denn die Zwergflußpferde geblieben seien, über die er sich als Kind immer so gefreut habe?

Wahrscheinlich hatte auch er Geranien am Balkon – das kann man sich bildlich vorstellen, wie er mit einer kleinen, grünen Plastik-Gießkanne da morgens stand und sie näßte, vor sich hinmurmelnd:


„Sieht man heute allerorten, in Deutschland, in Prag, in der konservativen Schweiz, im katholischen Rom Jungen und Mädchen eng umschlungen über die Straße gehen und ungeniert sich küssen, so haben sie das, und wahrscheinlich mehr, aus den Filmen gelernt.“

Da schießen dann sogleich noch mehr Geranien-Bilder aus aller Welt durch’s eigene Innenleben: Wie sie die Kulisse bilden für das Gegengift zu all den Lügen, das die kulturindustriell gefertigte Spaßigkeit selbst enthält, um diesen sich zu entziehen. Stellt sich miteinander knutschende Araberjungs direkt unterhalb jener roten Geranien-Exemplare vor, die très charmant als Solitäre an Fenstern sandfarbener Häuser mit dunkelgrünen Fensterläden und halbhohen, schmiedeeisernen Gittern vor bodentiefen Fenstern unweit des Gard du Nord verspielte Farbigkeit in den rundum gefühlten Straßenstaub tupfen. Die den Jungs dann freundlich zuzwinkern.

Oder jene, die in amerikanischen Filmen aus den Fünfzigern , die in Italien – zumeist unweit von Neapel – spielen, in denen auf Hang-Terassen große Kübel stehen, aus denen sich die leicht zerzausten Blütenbälle erheben, vom Weihrauch rankend begleitet. Die so aussehen, daß die Callas und der Lanza zugleich sie gar so nicht mehr kraftvoll stimmlich sie umschmiegen wollten. Man denkt an südafrikanische Savannen – heißen die da so? -, da kommen die her, die Geranien, die eigentlich Pelargonien heißen, damit man sie nicht mit einheimischen Storchschnabel, dem Geranium, verwechselt. „Wenn der Ochsenwagen über’s Land treckt, reite ich im Trabe hinterher, wenn der Knall der Schwipp mich aus den Träumen weckt, schau ich über’s weite Gräsermeer“, ja, so melancholische Burenlieder habe ich noch in der Grundschule gelernt, ohne daß man uns erzählte, was die da sonst so trieben, die Buren …

Geranien, die wären ein schöner Ausgangspunkt für eine Kulturgeschichte. Gerade zu Zeiten der „WM im eigenen Land“. Unrund, zweckfrei,.Gegentreten macht sie nur kaputt – und wahrscheinlich überall weltweit bereiten sie die kleinen Freuden des morgens Aufstehens und von ihnen begrüßt zu werden in all den Kübeln, Balkonkästen und Beeten.

Statt inmitten der Zäune auf dem Heiligengeistfeld zwangsverordnete Fröhlichkeit zu erleben, starre ich zwischen den Spielen dann doch lieber auf die Pink Geranie da auf meinem Balkon.“

Um m ich ausnahmsweise mal selbst zu zitieren. Habe gerade gestern die selbe pink Geraniensorte erneut, erinnernd, gepflanzt. Mit dem Lavendel neben sich kommunzieren ihre Formen fortwährend, eine lustvolle Spannung steigt auf …

Fühle mich derweil weiter heimisch in Nordwestdeutschland, liebe mein Hamburg und die Landschaft im Dreieck Hannover-Bremen-Harburg über alles, mag die Schlei, Sylt und Büsum so sehr. Freue mich täglich über die putzige Eigenschaft, südliche Gewächse auf Balkonen und in Kübeln zu platzieren.

Und frage mich somit, was dieses Schwarz/rot/Gold allerorten soll. Der Slogan „Aus dem Schwarz der Knechtschaft durch blutige Kämpfe hin zum Gold der Demokratie“ wurde hier eh immer missgedeutet, von Burschenschaften erdacht, die kurz nach 1848 sowieso nationalistisch wurden, kurz vor der „kleindeutschen Lösung“, der Einheit von oben: Mit „Einigungskriegen“ gegen Dänen, Franzosen und Österreicher  wurde jenes „Nationalgefühl“ erzeugt, dass sogar Dreiklassenwahlrecht in Kauf nahm, und irgendwie isses ja so geblieben.

Ja, Historie läuft nun mal mit. Und ich weiß schon, warum mein Lokalpatriotismus ganz dem FC St. Pauli gilt wie auch den Mooren direkt südlich der Aller und dem weiten Himmel und dem Vollmond, der auf den Strand von Langeoog scheint, sowieso  …

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3 Antworten zu “Schland

  1. Bodo Wilbert Juni 13, 2010 um 10:35 am

    Dummheit und Stolz sind aus einem Holz.
    Man ist wieder stolz ein Deutscher zu sein.
    Man könnte stolz sein, weil man alleine ein Zimmer renoviert hat, oder weil man eine gute Linsensuppe zubereitet hat.
    Ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der alte gute deutsche Soldatentugenden wieder in den Fordergrund gebracht werden, ist man wieder stolz. Stolz auf Deutschland.
    Das ist natürlich sau-dumm, denn schlau kann es ja nicht sein.
    Was können wir tun gegen soviel Dummheit?
    Nichts.
    Wir können nur so schlau sein, uns aus diesen Konflikten rauszuhalten.

  2. Urfaust Juni 13, 2010 um 11:57 am

    Heute abend Fenster und Bässe auf 😀

  3. momorulez Juni 14, 2010 um 9:16 am

    Dankeschön! Der tut auch heute nach den Honk-Fluten, die trötend durch meine Straße zogen, noch gut 😉 …

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