Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Viele Seiten dessen, was keine Medaille ist …

Angesichts meiner – zugegeben – ausgeprägten Verwirrung beim Führen der Diskussion bei Defekt wie auch dessen, was Che, na, anmerkt, Avantgarde aber in den Kommentaren hervorragend informiert zurecht rückt, empfehle ich die hochdifferenzierte Grundsatzrede bei Mondoprinte und ergänzend auch die Lektüre dessen, was so gar nicht differenziert ist, weder auf Seiten des Kritikers noch der Kritisierten. Was aber hinsichtlich der Frage der Wählbarkeit der Linkspartei ungleich mehr rein haut als all der Quatsch, der sich beim Klassenfeind sonst so findet – auch wenn Herzingers Text deutlichst der Propaganda zuzurechnen ist.

Und wundere mich ansonsten eher am Rande, dass die „verjudeten Bolschewiken“ und mit gleichem Prädikat versehenen Linksintellektuellen und Demokraten komplett aus der Diskussion verschwunden sind und in all solchen Fällen kein Mensch von „strukturellem Antisemitismus“ spricht, wenn die Ideen Adornos oder Mühsams diskutiert werden. Da greift der Mob zum Terminus „Geschwurbel“ und imitiert Vopo-Attitüden, bedroht mit „wehrhafter Demokratie“, sehr witzig.

Als wären nicht genau diese Personengruppen die realgeschichtlichen Opfer der Antisemiten gewesen, nicht die Quandts, nicht die Flicks.

Juden, weil sie Juden waren (!), Schwule, „nutzlose Esser“ und „Asoziale“, die Zeugen Jehovas, Sinti, Roma, „unwertes Leben“, eben psychisch Kranke und Behinderte – die Ignoranz dessen bei all diesem Quatsch rund um „Kapitalismuskritik als struktureller Antisemitismus“ verblüfft mich stets auf neue. Es waren die Rassegesetze, die die Shoah vorbereiteten, an deren Umsetzung Adenauers Vorzimmerhüter Globke mitarbeitete und die Carl Schmitt mit verfasst hat. Es war der §175 und dessen Verschärfung 1935, der Schwule ins KZ beförderte und den Adenauer unbeschadet bestehen ließ. Es waren „psychisch Kranke“, die zwangsterilisiert und nie dafür entschädigt wurden. Aber wer war eigentliches Opfer in Neocon- und liberalen Diskursen? Die Börsianer!

Und wer heute innerstädtische und ländliche Kommunen nach Vorbild der Kibbuz-Bewegung forderte, der würde prompt vom Verfassungsschutz beäugt. Die Geschichtsverdreher haben bereits ganze Arbeit geleistet.

20 Antworten zu “Viele Seiten dessen, was keine Medaille ist …

  1. momorulez Juni 6, 2010 um 10:03 pm

    Danke Dir für Deinen Text!

  2. che2001 Juni 7, 2010 um 3:25 pm

    Dieser „strukturelle Antisemitismus“ hat ja seine eigene Begriffsgeschichte. Es begann damit, dass die klassisch-antiimperialistische Freund/Feind-Denke, in der Israel unhinterfragt auf der falschen und Cuba auf der richtigen Seite steht, also das, was Leute wie Mankell vertreten und was in vielen Ländern außerhalb Deutschlands, der USA und Israels bis heute als linke Standardposition gilt (und das bei uns bis in die Achtziger von sehr vielen Linken auch so gesehen wurde) als strukturell antisemitischen Positionen nahe oder ähnlich gesehen wurde und dass zum Anderen Vorurteile und Feindbilder, mit denen Linke selber operierten in ihren Denkstrukturen selber den F-Skalen-Werten bzw. den Elementen des Antisemitismus nicht unähnlich wären. Da hatte man noch die RAF und RZ auf dem Schirm, die sich mit Palästinenserkommandos sehr fraglos solidarisierten, oder auch die Böser-Kapitalis-Feindbild-Projektionen linker Gruppen der 70er/80er. In vielen Zwischenschritten ist aus dieser analytischen Figur des strukturellen Antisemitismus ein Popanz geworden, der nur noch dazu Verwendung findet, Linken überzubraten, sie seien eigentlich rechts.

  3. momorulez Juni 7, 2010 um 4:07 pm

    Das sind dann immer so linke Historien, zu denen meine Sozialisierung völlig quer stand, und das, obgleich ich prinzipiell mit dem antiimperialstischen Paradigma eine Menge anfangen kann.

    Aber tatsächlich nie im Falle Israels. Die hatten doch gar keine andere Chance, als mit den Amis zu bündeln, obgleich es da ja allerlei linke Bestrebungen im Lande selber gab.

    Und auch bei denen in meinem persönlichen Umfeld, die da weit heftiger kritisieren als ich, sehe ich immer noch einen Riesenunterschied zwischen dem, was sie da kritisieren, und dem, was ich unter Antisemitismus fassen würde – die bewegen sich ja oft eher auf einer Linie mit den Aufsätzen von Hannah Arendt aus den späten 40er Jahren, die es als Hypothek beschrieb, dass nicht gleich der Staatsgründung ein Arrangement mit den Arabern, die da eben auch lebten, getroffen wurde. Das ist eher ein variiertes Kolonialismus-Paradigma, in dem die hier von mir gemeinten Kritiker argumentieren, was ich im Falle Israels für groben Unfug halte. Trotz der Vorgeschichte zu Zeiten des britischen Protektorats.

    Die RAF war ja für mich eh irgendwas völlig abseitiges. Und Mankell, den ich im konkreten Fall auch blöde finde, argumentiert ja eher mit den schlechten Lebensbedingungen der Palästinenser und verankert das monokausal im Agieren der Iraelis unter Ignoranz dessen, was die Hamas so zu treiben pflegt. Eher so, wie Du das auch mal geschrieben hattest: „Rassistischer Apartheidsstaat“. Das ist nun aber gerade kein struktureller Antisemitismus ganz unabhängig davon, ob man dem zustimmt oder auch nicht. Oder irre ich?

    Danke aber für Aufklärung der Begriffsgeschichte, in der Pointe sind wir uns ja eh einig.

  4. che2001 Juni 7, 2010 um 4:21 pm

    @“Eher so, wie Du das auch mal geschrieben hattest: „Rassistischer Apartheidsstaat“. Das ist nun aber gerade kein struktureller Antisemitismus ganz unabhängig davon, ob man dem zustimmt oder auch nicht. Oder irre ich?“ —- Das geht so herum: Leute wie Ulrike Meinhof hatten vertreten, die Deutschen seien erst dann zur Revolution fähig, wenn sie sich der Schuldgefühle für die NS-Vergangenheit entledigten. Dieses Statement plus die antiimperialistische Feindbildverortung plus die konkrete Zusammenarbeit mit palästinensischen Guerrillagruppen plus vorurteilsbeladene, projektive Denkstrukturen machten das aus, was mal als „struktureller Antisemitismus“ in die Diskussion eingeführt wurde. Die heutigen ADs sind aber so weit, dass sie jedem, der sagt, Israel sei ein rassistischer Apartheidsstaat unterstellen, strukturellen Antisemitismus zu vertreten. Da sind sie den Antiimps unheimlich ähnlich, nur dass die nicht überall Antisemitismus witterten, sondern „Kollaboration mit den Pigs“.

  5. momorulez Juni 7, 2010 um 4:33 pm

    Ich finde ja die ADs ebenso blöd wie das Zitat von Ulrike Meinhoff, das könnte ja, mal ab von der Revolution, auch von Redford stammen. Und würde auch vehement gegen die Bezeichnung „Rassistischer Apartheidsstaat“ anwettern. Aber struktureller Antisemitismus ist das wirklich nur bei sehr viel verqueren Denkoperationen.

  6. che2001 Juni 7, 2010 um 4:38 pm

    Mein Genosse Gadi Algazi, der die Verhältnisse ja vor Ort erlebt spricht davon, dass das ein Kolonialregime sei und die Bedingungen des Grenz- und Besatzungsregimes Apartheidscharakter haben, dass Israel als Staat aber insgesamt eine Demokratie sei – so ähnlich, wie das deutsche Asylrecht rassistisch und repressiv ist, Deutschland als Gesamtstaat aber deswegen noch kein Apartheidsstaat.

  7. momorulez Juni 7, 2010 um 4:46 pm

    Mit dem vielleicht nicht unerheblichen Unterschied, dass unter den hiesigen Asylbewerbern nicht unbedingt Kräfte am Wirken sind, die der Ansicht sind, dass es eine illegitime Landnahme gegeben habe, die nunmehr notfalls mit Gewalt wieder rückgängig gemacht zu werden hätte.

    Aber letztlich sind es halt solche Differenzierungen, die in der Diskussion fehlen.

  8. che2001 Juni 7, 2010 um 5:01 pm

    Übrigens stimmt es nicht, das Israel immer schon und aufgrund seiner Bedrohung durch die Nachbarn keine andere Chance hatte als das Bündnis mit den USA zu suchen. Das passierte erst 1956, als in der Suez-Krise Großbritannien und Frankreich Israel mit Waffenlieferungen und Krediten dazu brachten, ihren imperialistischen Feldzug gegen Ägypten zu unterstützen, und nach dem 6-Tage-Krieg. Dieser führte dazu, dass sowjetische Juden massenhaft den israelischen Sieg bejubelten und nun mehr Rechte für sich selbst forderten, und als Gegenreaktion eine verschärfte Repression gegen diese Forderungen und einen außenpolitischen Bruch mit Israel. Die antiimperialistische Frontstellung ist ein Kind des Kalten Krieges.

    Das Israel der Gründerjahre war ein sozialistischer Staat gewesen, heute gehört es zu den westlichen Ländern mit dem größten sozialen Gefälle innerhalb der eigenen Gesellschaft, zusammengehalten durch den äußeren Feind und doch auf den Friedensprozess angewiesen.

  9. momorulez Juni 7, 2010 um 5:28 pm

    Meines Wissens gab es massiven Widerstand gegen die zionistische Einwanderung (sagt man das so?) schon vorher, z. B. massiv in den 30er Jahren, so dass die britischen „Protektoren“ sogar Einreisestopps ausgerechnet zu jener Zeit verhängten – ist das falsch? Was ja dann unter anderem – später- dazu führte, dass Israel nur ein verhältnismäßig kleiner Streifen dieses „Protektorats“ wurde. Und weil die Briten eben mitredeten, lief gewissermaßen die „Westbindung“ automatisch mit?

    Muss mich da aber noch mal schlauer lesen. Alleine die Geschichte des Zionismus ist ja den meisten gar nicht bekannt – ist Tel Aviv nicht z.B. eine jüdische Gründung mehr oder weniger im Nichts?

  10. che2001 Juni 7, 2010 um 5:49 pm

    Ja, aber im israelischen Gründungskrieg war der engste Verbündete Israels die Tschechoslowakei, die Israel z.b. die gesamte Luftwaffe lieferte. Ausgrechnet Avia 109, der frühere Nazijäger ME BF 109 wurde zum Kultflugzeug der israelischen Luftwaffe, mit dem diese die technisch überlegenen briitischen Spitfires der ägyptischen und jordanischen Luftwaffen niederkämpften. Da lief keine Westbindung automatisch mit, sondern die Einbindung Israels durch Briten und Franzosen in einen Kolonialkonflikt 10 Jahre nach Staatsgründung.

  11. momorulez Juni 7, 2010 um 7:12 pm

    Ah! Danke! Ich muss mich da echt noch mal noch schlauer machen.

  12. che2001 Juni 7, 2010 um 9:19 pm

    Die alternativlose Westbindung und der unüberbrückbare Blockantagonismus sind überhaupt Mythen, mit denen retrospektiv mögliche Dritte Wege zuzementiert werden. So war die CSSR in ihrer Frühphase unter Benes noch keine stalinistische Diktatur, sondern besaß zumindest Rudimente demokratischer Ansätze, wo der Begriff „Volksdemokratie“ eigentlich herkommt, und mit dem Rapacki-Plan versuchte Polen 1957/58 einen deutsch-polnische Separatfrieden mit einer atomwaffenfreien und teilweise demilitarisierten Zone in Europa um den Preis einer westdeutschen Neutralität auf die Beine zu stellen.

  13. momorulez Juni 7, 2010 um 9:34 pm

    Ging das nicht direkt nach Kriegsende in Griechenland – wie komme ich jetzt auf Griechenland? Erinnerungen aus alten Schulzeiten steigen auf … Bürgerkrieg? Was war da noch? – los, dass sich der „Blockgegensatz“ formierte, und spätestens mit einseitigen Währungsunion in Westdeutschland stand er dann auch? Waren ja eher wenig relevante Länder, die sich dem entziehen konnten, oder? Und Israel ist ja nun auch geostrategisch alles andere als ohne – Suezkanal, Zugang zu Mittelmeer und Rotem Meer, Nähe zu den Öl-Staaten …

    Ich will gar keine rückwirkende Alternativlosigkeit predigen, aber da war schon auch vor dem Koreakrieg allerhand los …

  14. che2001 Juni 7, 2010 um 10:07 pm

    Der griechische Bürgerkrieg war, wie auch der antikoloniale Befreiungskrieg in Indonesien ein Konflikt, der noch direkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorging – NS-Kollaborateure vs. einerseits moskautreue, andererseits titoistische Partisanen da, niederländische Kolonialmacht vs. Allianz aus Kommunisten und Tarekat Islam mit einem dann primär nationalistischen Anführer Sukarno dort. Bezüglich Israel spielte die Tatsache eine Rolle, dass die ägyptische Revolution erst ein Bündnis mit Israel wollte, Nasser sich dann aber zugunsten des Panarabismus entschied. Mann, was hätte es für Potenziale frei gesetzt, wenn die einen gemeinsamen Weg gegangen wären! Bevor die UDSSR mit den USA militärisch gleichgezogen hatte war die Idee der Schaffung eines Cordon Sanitaire, d.h. eines Gürtels von blockfreien Staaten zwischen NATO und Warschauer Pakt noch eine Option für den Osten, und der stand mit Finnland, Schweden, Jugoslawien schon und wurde nur durch die BRD unterbrochen. Insofern war von Osten her betrachtet bis etwa 1960 der Dritte Weg einzelner europäischer Staaten, mit dem andererseits De Gaulle liebäugelte immer noch eine Alternative. Ganz andere Komponenten kamen dann ins Spiel, als China meinte, den Ostblock links überholen zu müssen und Cuba kommunistisch wurde. Von nun an wurden die Fronten geschlossen.

  15. momorulez Juni 7, 2010 um 10:37 pm

    Ist ja nicht so, dass ich mich z. B. an die Stalin-Note nicht auch erinnern würde, aber auch an die Reaktion darauf, und, verzeih mir, ich meine mich schon zu erinnern, dass der griechische Bürgerkrieg als erster Stellvertreterkrieg zu betrachten gewesen wäre. Und der u.a. von Hitler fort geschriebene Antikommunismus war doch viel zu aggressiv als dass de Gaulles nationalistisch motivierte Vorstellungen da noch irgendeine Relevanz gehabt hätten. Und war Korea nicht ’56? ’54? Der Ungarn-Aufstand ’56?

    Kann ja gut sein, dass gerade in Nahost die Karten anders hätten gemischt werden können. Aber selbst Frankreich war doch in lauter Kolonialkriege verwickelt, u.a. jene, die zum Vietnamkrieg führten, und die wurden doch alle irgendwie irgendwann vom „Blockgegensatz“ aufgesogen.

    Dies Kapitel „Algerienkrieg“ wäre übrigens auch mal was für unsere Blogs, by the Way.

  16. che2001 Juni 7, 2010 um 10:59 pm

    Korea war 50-53, Ungarn und Suezkrise 56, und bei der Suezkrise drohten USA und UDSSR unisono an die Adressen von GB und F mit Atomwaffen. In den USA war lange Zeit die Hauptkritik am Vietnamkrieg, dass man als eigentlich antikolonialistische Macht den Kolonialkrieg der Franzosen quasi übernommen hätte, was dann unter Johnson mit der Dominotheorie beantwortet bzw. legitimiert wurde, gegen die wiederum Che guevara die Focustheorie ins Feld brachte. Was by the way angeht, ich habe das ja gerade im Seminar als Themen bearbeitet gehabt, kann also gerne was dazu bringen – am Besten gleich die Folien meiner Studis, denn die sind gut.

  17. momorulez Juni 7, 2010 um 11:10 pm

    Ah, prima!

    Aber – hast Du nicht gerade bestätigt, was ich meine? Wirklich nicht im Sinne des Rechthabens, beim Israel-Thema und allem drumherum blogge ich wirklich des Erkenntnisgewinns wegen und halte die Kontextualisierungen gerade angesichts dessen, wie die Debatte geführt wird, für wichtig!

  18. che2001 Juni 8, 2010 um 3:42 pm

    Der Wahnsinn der Hardcore-ADs zeigt sich übrigens auch dahingehend, dass sie den „Materialien für einen Neuen Antiimperialismus“ Antisemitismus vorwerfen. In dieser Schriftenreihe erschien: Reuben Ainzstajn, Revolte gegen die Vernichtung. Der Aufstand im Warschauer Ghetto.

  19. momorulez Juni 8, 2010 um 10:03 pm

    Wahrscheinlich, weil sie die Behauptung, dass das Warschauer Ghetto ganz buchstäblich strukturell antisemitisch war, ausserordentlich empört zurück weisen würden, weil das nicht zu ihrer Philosophie passt …

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