Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Evangelikalisierung in Bellevue?

Ich konnte keine der folgenden Darstellungen gegen recherchieren; da freilich die Bundesregierung bei Opus Dei-Mitgliedern Gutachten in Auftrag gibt, um die Verankerung des Diskriminierungsschutzes Schwuler und Lesben im Grundgesetz zu torpedieren,  erscheinen mir die Darstellungen nicht unwahrscheinlich:

„Christian Wulff gehört zum Kuratorium von “Pro Christ”, einer evangelikalen Missionierungsbewegung. Somit darf man eigentlich vermuten, dass er das Amt des Bundespräsidenten zur bibeltreuen Mission nutzen könnte.

(…)

Wulff als offizieller Unterstützer von “Pro Christ”, sollte aber auf keinen Fall unterschätzt werden.  Wer Ulrich Parzanys (Hauptprediger von “Pro Christ”) Reden kennt, der sieht sich mit allem konfrontiert, was fundamentalistischen christlichen Glauben ausmacht. Kreationismus, Schwulenhetze und strikte Ablehnung von Abtreibungen gehören zu seinen Lieblingsthemen.

Steven Milverton flankiert:

„Ulrich Parzany, evangelikaler Prediger, taucht immer dort auf, wo er sich vor großen Publikum als antischwuler Musterchrist (“Viel mehr Christen sollen begreifen, wie notvoll die Lage der Homosexuellen ist”1.) präsentieren kann.

Auf dem Bremer Christival war er dabei, hetzte gegen schwule Menschen und ließ sie durch die Polizei mit physischer Gewalt aus der Kirche, in der er predigte, vertreiben. In Chemnitz führt er in diesen Tagen seine eigene Großveranstaltung durch. AlsProChrist wird dieses Ereignis bezeichnet. Virtuelles Sprachrohr von ProChrist und Parzany ist die von dem dem evangelikalen Verein ‘Deutsche Evangelische Allianz’ zuzurechnenden Medienverbund KEP betriebene Homepage ‘pro Christliches Medienmagazin‘.“

Saubere Bündnispartner des Bundespräsidenten in spe, der bemerkenswerterweise von der Union gegen einen Joachim Gauck in Stellung gebracht werden wird.

So was kommt dabei raus, wenn man Grundrechte im Rahmen von „Leitkultur“-Fantasien situiert und unvermittelt aus dem Christentum entstanden behauptet: Man denkt sie ggf. weg zugunsten eines doktrinär Regeln auslegenden Hetzapparates, der so ziemlich in jeder Hinsicht das Gegenteil biblischer Botschaften verkündet und Glaube und Recht kurz schließt. Ganz wie der Papst also. Als habe es ein Ausdifferenzieren der Rationalitätssphären nie gegeben und als sei nackte Macht an Stelle der Liebe zu setzen. Mal ganz pathetisch.

Auch deshalb – der Nachwuchs der Union rüstet sich schon mal für die Zukunft:

„Die „Überfremdung“ koste Milliarden, die gleichgeschlechtliche Ehe sei „falsch und unsinnig“ und der Ausbau von Krippenplätzen „marxistisch“. Was sich wie ein rechtsextremes Pamphlet anhört, stammt aber aus einer Erklärung der Jungen Union(JU) im baden-württembergischen Göppingen, die für Wirbel sorgt.

In der Erklärung fordern die Autoren eine Rückbesinnung der CDU auf ein „konservatives Profil“ und eine „christliche Leitkultur“.“

Ich plädiere mal im Gegensatz dazu für eine innerstädtische Kibbuz-Bewegung hierzulande. Lasst uns am Millerntor anfangen: Buisness-Seats und Logen abschaffen und dafür den Verein in eine alternative Ökonomie überführen. Immer noch besser Antifaschismus als „Leitkultur“, als dem evangelikalen Faschismus durch Wulff im Präsidentenamt potenzielle Lobbyisten zu verschaffen.

(die ganzen Twitter-Vias anzugeben überfordert mich heute morgen)

Nachtrag:
Wenn Merkel das folgende verkündet:

„Christian Wulff ist jemand, der einem Wertesystem verhaftet ist, das auch Orientierung gibt, und insoweit halte ich ihn für einen wunderbaren zukünftigen Bundespräsidenten.“

… dann werte ich das mal als offene Drohung.

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13 Antworten zu “Evangelikalisierung in Bellevue?

  1. mondoprinte Juni 4, 2010 um 10:18 am

    Wulff als Unterstützer von evangelikalen Hetzern? … und ich dachte, der Kerl sei katholisch 😉

  2. momorulez Juni 4, 2010 um 10:24 am

    Nur, weil er aus Osnabrück kommt? 😉 – die Querfront gibt es da bei zentralen Fragen eh schon lange: Juden taufen (wird mittlerweile durch die Erfindung der „jüdisch-christlichen Tradition“, die gemeinschaftlich in Auschwitz vergast wurde, umgangen, das Problem – ist sozusagen eine rhetorische Zwangstaufe), Schwule umerziehen, Frauen unterdrücken, das können die doch gemeinschaftlich ganz gut.

  3. mondoprinte Juni 4, 2010 um 10:43 am

    Wem sagste das? ;-))

  4. Pingback: Ein „Pro-Christ“-Demokrat auf dem Stuhle Horsts? « MondoPrinte

  5. che2001 Juni 4, 2010 um 1:19 pm

    Und dabei hat dieser Ulrich Parzany mal bei der Anti-Atomraketen-Friedensbewegung begonnen und sich seither immer nur nach rechts entwickelt. Manche Leute kommen immer schlimmer wieder. Wulff, der Lobbyist der Hühnermäster und Güllepolderbarone zwischen Ems und Teutoburger Wald als Bundespräser, wow, das zeigt wirklich staats- und weltmännisches Format;-)

  6. momorulez Juni 4, 2010 um 1:37 pm

    Habe den Namen Parzany heute erstmals gelesen – und zu Friedensbewegungszeiten war ich ja auch noch recht kirchlich. Der Lila-Tücher-Kirchentag war ein tatsächlich enorm wichtiges Erlebnis für mich, da steh ich zu. Und schon der in Düsseldorf hatte ein schwules Café, und man ging dann abends in Relax 😉 – da hatte ja einen ganz anderen Touch als dieser evangelikale Hass-Kram.

  7. che2001 Juni 4, 2010 um 4:28 pm

    Und Parzany war damals kein evangelikaler Hassprediger, sondern eher so das schriftstellerische Pendant zum ökopazifistischen Studentenpfarrer. Deswegen sage ich ja „die kommen immer schlimmer wieder“.

  8. MartinM Juni 4, 2010 um 7:25 pm

    Ansätze zu dieser Entwicklung (vom freundlichen christlichen Ökopax zum kompromisslosen Fundamentalisten) gab es, wenn meine Erinnerungen nicht trügen, schon damals, in den 80ern. Bei manchen Leuten mit den Lila Halstüchern fiel mir eine Haltung auf, die ich als „hypermoralisch“ bezeichnen möchte – ich hatte das Gefühl, es ginge diesen Leute nur vordergründig darum, Krieg und Rüstungswettlauf zu stoppen, im Grundsatz hingegen eher um „Sündenfreiheit“. Nur die Art der Sünden war teilweise neu. Ich erinnere mich an eine Frau, die ihre Haltung gegen AKWs damit begründete, dass die Spaltung des Atom eine mutwillige Überschreitung der von Gott gezogenen Grenzen sei.
    Ein „Umkippen“ dieses moralische Rigorismus in „traditionelle“ christlich-fundamentalistische Bahnen kommt mir plausibel vor.

  9. momorulez Juni 4, 2010 um 7:33 pm

    „Bei manchen Leuten mit den Lila Halstüchern fiel mir eine Haltung auf, die ich als „hypermoralisch“ bezeichnen möchte – ich hatte das Gefühl, es ginge diesen Leute nur vordergründig darum, Krieg und Rüstungswettlauf zu stoppen, im Grundsatz hingegen eher um „Sündenfreiheit“.“

    Ja. Und auch so ein Suhlen in der eigenen Empörungsfähigkeit gab es. Trotzdem ist das sehr weit weg von den Evangelikalen gewesen. Und ich war selbstverständlich anders 😉 … „Die Zeit ist da für ein Nein, ohne jedes Ja, sag nein, sag nein!“ ist allerdings schon als Slogan, übertragen auf andere Felder, alles andere als frei von Rigorismus, das stimmt ja, und das stand ja auf den Tüchern drauf. Ich kann das sogar noch singen!

  10. che2001 Juni 4, 2010 um 8:52 pm

    Na ja,der moralische Rigorismus, der sich fortsetzte in einer speziellen Sexualmoral der radikalen Linken erinnerte ich ja immer an den Dominikanerorden. Kommt gleich früben bei mir noch was zu. Und die Neue Innerlichkeit ging in der Friedensbewegung ja zeiweise so weit, dass bestimmte Kreise es chic fanden, die Atomkriegsängste zu verinnerlichen.

    Manfred Maurenbrecher hatte darüber ein schönes satirisches Lied geschrieben:

    http://www.maurenbrecher.com/Songs/feuer.html#feuer5

  11. momorulez Juni 4, 2010 um 10:03 pm

    Wie gut, dass ich mich von der radikalen Linken fern hielt 😉 …

    „dass bestimmte Kreise es chic fanden, die Atomkriegsängste zu verinnerlichen.“

    Konnte aber im besten Fall so was wie „Lebe jeden Tag so, als ob Dein letzter wäre“ bei raus kommen!

  12. che2001 Juni 4, 2010 um 10:19 pm

    Das waren jetzt aber nicht Linksradikale – wir brachten Ökopaxe zum Schäumen, als wir vertraten, die nukleare Bedrohung sei nur ein Popanz, der in Ost und West die Massen bei der Stange halten sollte – sondern eher geradezu pietistisch-gefühlsgeile Ökopazifisten aus dem frühgrünen Umfeld. Der Moraldogmatismus hingegen war sozusagen ein Ableger dieser Mentalität, der sich in der zweiten Hälfte der Achtziger weiter links davon verbreitete. Dies wiederum weniger in meinem eigenen Bereich – Neuer Antiimperialismus – als eher in den Zwischenzonen: KB, linke Grüne, Netbitchs berühmte „Bürgerliche Frauinnenbewegung.

  13. momorulez Juni 4, 2010 um 10:21 pm

    Na, dass ihr sowieso die Allercoolsten und absolut Witzigsten und Provokativsten wart und aus einer mentalitätstechnischen Totalüberlegenheit euch speistet, das setze ich doch voraus 😉 …

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