Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Und ich sehe keine Wege und geh hin

Es war mein magisches Jahr: 1992. Ein Sommer der Intensität, der Hoffnung. Der letzte Sommer der Freiheit.

In der Nordhälfte der Republik traumhafte Abende nach durchsonnten Tagen, im Süden Regen, das hatten die da auch nicht besser verdient – oft saßen wir abends vor dem Tivoli und genossen bierselig sehnend die Länge der Tage, jenes Echo der Mittsommernacht, das in Hamburg so sanft tönt und so tief leuchtet.

Es war mein Georgette Dee und Element of Crime-Sommer; auf der einen Seite der Cassette tönte „Ich kann niemanden mehr lieben, werd von keinem mehr geliebt – mir geht’s gut!“, auf der anderen antworteten Element of Crime „I long for you“ und erinnerten daran, wie es war, damals, hinterm Mond.

Im September flog ich nach Ibiza, dort, wo es nie giftige Tiere gab und bereits der Anblick der Salinen nahe des Flughafens deren Funkeln dieses Fallen so tief hinein in ein Gefühl von Freiheit schenkt, das nur dieser Insel eigen ist.

Die Geschichten von Michi, der in den späten 60ern ein Haus dort besaß, die hörte ich erst viel später. Aus jener Zeit, als am Playa d’en Bossa noch kein Hotel stand, er die Füsse in den Sand steckte und bis über beide Ohren bekifft seinen Augen nicht traute: Da glitt jemand mit einem Segel in der Hand über das Wasser als sei er Jesus! Es war der erste Surferanblick seines Lebens… Damals, als einmal die Woche nur das Postboot kam und alle es sehnsüchtig erwarteten.

In jenem September 1992 schlossen bereits die ersten Hotels; ging ich nachts von der Diso in der Oberstadt zum Taxi, so war es kühl und leer in den Gassen der Altstadt. Man spürte das Nahen der Nachsaison, die Erschöpfung und Trauer, die sich allmählich in die Bewegungen der Bar- und Cafe-Belegschaften einschlich nach der heißen Party des Sommers versah den Urlaubsalltag mit einem Hauch von Slow Motion. Diese Stimmung des Loslassens und Sich-Einkuschelns der Seele in die Langsamkeit, das auch aus den als Kitsch verschrienen Cafe del Mar- Samplern so wohlig klingt, lag allerorten in der Luft. Immer mehr Touri-Läden verrammelten und vergitterten ihre Fensterfronten – und gerade deshalb wollte ich dort bleiben. Hätte so gerne den Winter auf Ibiza erlebt, wenn all die Pappfassaden der Hotelanlagen, ihrer Funktion enthoben, nur noch für sich selbst stehend tief durchatmen könnten, allmählich verwitternd und stolz auf das Meer schauend, zwischen den geschlossenen Fensterläden hervor blinzelnd in die Ewigkeit.

Ich habe immer diese Werbung gemocht, in der auf Terrassen und in Hotelzimmern Menschen sich räkeln, Karten spielen, ihre Blicke in den Regen schicken und buchstäblich sich die Zeit vertreiben, bis plötzlich die Sonne durchbricht und alle sich ins Leben stürzen.

Winter auf Ibiza, das muss dieses Gefühl der Vorfreude so genüsslich ausdehnen wie Soundteppiche auf den Cafè del Mar-Samplern, in die dann Dusty Springfields „Look of Love“ verträumt hinein scheint, entrückt als Sphinx.

Bis die ersten Blütenteppiche staubige Hänge in diese Aura der Wiedergeburt hüllen, die jedem Frühjahr seinen Zauber verleiht. Es wohnt ja dem Baume ein Baumgeist inne …

Habe am Wochenende die Balkonkästen bepflanzt. Saß Montag in meinem O-Feuer und mochte den Anblick der Tropfen auf den gestapelten, blau-weiss lackierten Bänken und Tischen, die vor dem Regen fliehend aufgetürmt ihre stilisierte Geometrie zelebrierten wie eine Performance der Statik und des Wartens darauf, sich bald schon in der Sonne ausbreiten zu dürfen und Gäste willkommen zu heißen.

Wie damals in meinem Sommer 1992, als alles begann, was nur den Grund für das liefern konnte, was jetzt kommen wird. Weil man seine Fehler ja selber machen muss.

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