Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juni 2010

Sollte man mal genauer recherchieren, …

… was so alles geschah im Rahmen der „Hamburg-Südamerikanischen“, der „deutsch-Australischen Dampfschiffahrtsgesellschaft“ (Samoa?) und der „Deutsch-Ostafrika-Linie“. Immerhin ist nach denen die Musikhalle benannt:

„Die vom Vater gegründete Firma führte Carl Laeisz mit großem Erfolg; daneben gründete er u.a. 1871 die Hamburg-Südamerikanische und 1874 die Deutsch-Australische Dampfschiffahrtsgesellschaft; 1889 war er maßgeblich an der Gründung an der Deutschen Levante Linie und 1890 an der der Deutschen Ost-Afrika-Linie beteiligt.“

Michael Pommerening, der bundesdeutsche Stolz auf’s koloniale Erbe und: „Wenn ich mir das alles zu Gemüte führe ist doch das bischen Kolonialismus gar nicht so bedrückend“

„Der Rechtsanwalt und Wandsbeker Heimatkundler Michael Pommerening ist am 17.6.2010 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz) geehrt worden (s.Verdienstorden für Michael Pommerening auf hamburg.de). Aus seiner Feder stammte die von Vielen als Geschichtsklitterung kritisierte Gedenktafel für die ehrende Büste des Sklavenhändlers Schimmelmann am Wandsbek-Markt.
Die hohe Auszeichnung des Bundespräsidenten erhielt der Hobbyhistoriker aus der Hand derjenigen, die 2006 die Schimmelmann-Büste befürwortet und aufgestellt hatten: Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck und der ehemalige Bezirksamtsleiter und Staatsrat a.D. Gerhard Fuchs.“ (via Der schwarze Blog/ Der braune Mob bei Twitter)
Und was sagt jemand im St. Pauli-Forum dazu:
„Unsere Fans brauchen Raum – Fanräume!
Millerntorstadion – das Millerntor soll doch damals die Juden ausgesperrt haben (oder so).
Sankt Pauli – Heiliger einer globalisierten, sexistischen und homophoben Kirche mit absolutistischem Herrscher
Braun – farbe der Rechten
Weiß – assoziierungen mit Menschenrasse, reinheit, Sittsamkeit, Gegensatz zu schwarz
1.-8.Herren – Frauen dürfen nicht mitmachen
Jolly Rogers – Zeichen der SS
Kapitän – Bezeichnung mit militärischem Hintergrund
Wenn ich mir das alles zu Gemüte führe ist doch das bischen Kolonialismus gar nicht so bedrückend“
Witzig! Na ja, wer den Platz an der Sonne nicht aufgeben will …

PS: Einen Namen habe ich aufgrund der Bitte eines Genannten entfernt.

Die Erben der Kolonisatoren …

… na gut, nicht jeder hat eine Villa in Klein-Flottbek, aber staatsrechtlich sind „wir“ Erben, und trotzdem sind manche in ihren Abwehrreflexen ganz weit vorne.

Selbst Guido Knopp sah die Notwendigkeit, eine Dokumentarreihe über deutsche Kolonialgeschichte zu initiieren – St. Paulianern fällt zu dem Thema lediglich ein:

„Alles Nazis, ausser Mutti.“

„Man kann auch auf Krampf ein politisch korrekter Gutmensch sein. (…) Wer bei der Trikot-Kombi ein mulmiges Gefühl hat, sollte seine Komplexe hinterfragen.“

manchmal frage ich mich echt wo ich hier bin. man kann auch so zwanghaft antira sein, dass man selbst zum rassisten wird…..

Danke – hätte schon echt fast wieder den Glauben verloren.“

„Rommel wilhelm afrika icon_smoke.gif

wie verschoben muss man eig. sein sowas zu asoziieren nur weil das trikot kupfern und der spieler farbig ist? hätte der blonde arische timo schultz das trikot präsentiert hättest du dich an die afrikakorps erinnert gefühlt oder was?“

An den Pisa-Studien muss was dran sein, wenn der in Deutschland so geliebte „Wüstenfuchs“ jegliche Wahrnehmung der Zeit davor verdrängt. Und aus reflexhafter Zurückweisung eines gar nicht erhobenen „Nazi“-Vorwurfes nicht zur Kenntnis genommen wird, dass 1897 sich das Kaiserreich auf dem Höhepunkt seiner imperialen Gelüste befand, im wesentlichen in Konkurrenz zu England, wo der „westliche Krämerseelengeist“ wohnte. Nationale Verbände wie der „Flottenverein„, meines Wissens der mitgliederstärkste des damaligen „Reiches“, unterstützen eifrig die Aufrüstung – die pittoresken Bildchen von Kindern in Matrosenanzügen haben u.a. hier ihren Ursprung; der „Ostmarkenverein“ bereitete derweil die „Volk braucht Raum“-Ideologie der Nazis gen Osten vor. Ein in all diesen „nationalen Verbänden“, aber auch der unweit des Millerntors ansässigen Handelsgehilfengewerkschaft (zum Beispiel) grassierender Antisemitismus korrespondierte mit jenen „Untermenschentheorien“, die die aggressive Kolonial-Politik Deutschlands (und nicht nur Deutschlands) auf dem afrikanischen Kontinent befeuerte. Erinnere mich noch dran, wie gegenüber des „Café unter den Linden“ über einer Tür die Schrift „Fritz Fick – Kolonialwaren“ prangte.

In diesem Kontext formulierte Bernhard von Bülow den später durch Udo Jürgens veredelten Slogan:

„Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.«
Bernhard von Bülow in einer Reichtagsdebatte am 6. Dezember 1897

an den stpauli.nu zum Anlass passend erinnert. Nicht um der Fernsehlotterie einen zu verpassen. Auch Udo Jürgens wird dieser Teil der Historie unbekannt gewesen sein.

Es geht darum, Verdrängtes zu entbergen. Wo Es war, soll Ich werden – die oben zitierten Sprüche sind die Reaktion auf dieses Andenken. Antifaschismus okay, aber Kolonialgeschichte geht mich doch nix an? Die Neue Rechte wirkt … und das vermeindliche, politische Bewusstsein des FC St. Pauli mutiert wohl wirklich zur Folklore.

Judith Butler bringt es auf den Punkt

„Es kann keine starke Bewegung gegen Homophobie geben ohne eine starke Bewegung gegen Rassismus.“

Das gilt freilich auch umgekehrt. Und ohne eine Kritik der politischen Ökonomie driftet beides ab ins Bodenlose und begibt sich in Gefahr, in Kultur-Schnick-Schnack zu enden.

Dein Freund und Helfer!

„Ein knapp fünfminütiges Video (siehe unten) zeigt das Szenario aber aus einer ganz anderen Perspektive. Während ein Polizist die empörten Anwohner fernhält, prügelt sein Kollege immer wieder auf einen schon am Boden liegenden Mann grundlos ein. Der Mann mit dem rot gestreiften Oberteil fragt den Polizisten mehrfach: „Warum haust du immer wieder auf mich drauf?“ Der fragt wenige Sekunden später zurück: „Soll ich dir in die Eier schlagen, oder was?“ Sein Kollege hält die wütende Meute fern, bremst den schlagenden Polizisten aber nur wenig aus. Die beiden Polizisten warten in unmittelbarer Nähe ihres Fahrzeugs auf Verstärkung, sie sind klar in der Unterzahl. Sie stehen einer Menge wütender Freunde des Betroffenen gegenüber. Diese versuchen zu verstehen, warum die Gewalt kein Ende nimmt. Einer der Beamten mit Knüppel bewaffnet, fordert die anwesenden Personen auf, etwas falsch zu machen. „Komm her, komm, komm! Komm her du Feigling!“ Die Anwohner mit Migrationshintergrund lassen sich davon aber nicht provozieren. Sie fragen die Beamten Löcher in den Bauch. Sie wollen wissen, warum man auf einen Mann einschlägt, der sich nicht wehrt und auf dem Boden sitzt bzw. liegt. Es ist leider unklar, was danach im Detail passierte und in welchem Zusammenhang dieser Vorfall mit dem gewalttätigen Verlauf des Abends steht. Sollten die prügelnden Beamten der Grund für die Eskalation sein, so müsste man die Schuld für den Ausgang des Abends bei beiden Seiten suchen.“

Ach, deshalb ziehen alle nach Berlin!

Für einen Psychopathologie- und Emphatietest für Politiker

„Doch an der Stelle, an der heute in einer der großen deutschen Tageszeitungen eine Lobeshymne auf Mesut Özil und das neue Deutschland abgedruckt ist, stand gestern noch ein Artikel über Einwanderung in Deutschland jenseits des Fußballfelds. In diesem Text sollten Zahlen in möglichst sachlichem Ton belegen, wie wenig Deutschland all jene Einwanderer braucht, die weder lesen noch schreiben können. Solche zeugten, diesem Artikel gemäß, vor allem Profiteure, dazu fremdländische, eines unausgeklügelten Sozialsystems. Doch sie zeugen eben auch den normalen Mesut, den, dem wir nun angeblich zujubeln.

Dieser normale Mesut wird jenseits des Fußballs, in zahlreichen von Statistiken gedeckten Artikeln, als potenzieller Sozialhilfeempfänger von morgen gezeichnet, der dieses Land gewiss nicht voranbringen wird.

(…)

In einer Zeit voller psychologischer Determinierung und prophezeiender Statistiken könnte diese Fragestellung dazu beitragen, in Menschen wieder Chancen zu sehen und nicht vorhersehbare Zahlen. Ob die Eltern etwas beherrschen, spielt keine Rolle, wenn es darum geht, was ihre Kinder zu erlernen in der Lage sind. Die wesentliche Rolle spielt dabei, ob man es ihnen beibringt, zumutet und zutraut.“

Und dass – übrigens – „Sozialhilfeempfänger“ als Stigmatisierung dient, das ist nicht minder skandalös. Weil „Chancen“ wittern auf „Verwertungs- , Ausbeutungs- und Effizienz“ bezogen, gerade jene Forderung nach wechselseitiger Anerkennung im konkreten So-oder-So-Sein aushebelt, die Jagoda Marini zu recht fordert. Immerhin haben auch die Nonnenmacher und Ackermanns, die Schröders und Westerwelles herzlich wenig dazu beigetragen, dieses Land lebenswerter zu gestalten für ALLE, die hier leben und leben wollen.

Dieses Ablenkungsmanöver, das mit dem Finger auf Andere zeigen lenkt doch genau davon ab, wie Verelendung flächendeckend und bewusst forciert wird und wurde zugunsten der Gewinne weniger. Und was Eltern so alles „beherrschen“ – jener Reichenaufstand, der derzeit massenmedial flankiert hier in Hamburg gegen die Schulreform wettert, weil es doch nicht ginge, dass Kinder von Vorstandsvorsitzenden mit Arbeiterkindern auf dem Schulhof spielten, zeigt einmal mehr, was in den angeblich „leistungstragenden“ Schichten für ein faschistoides Gedankengut gepflegt wird.

Wie zur Bestätigung dessen, was Jagoda Marini schreibt, tun nunmehr im allgemeinen Gerangel darum, wer nach Koch und Rüttgers das „konservative Profil“ der Union mit Ecken und Kanten versehen könnte, Peter Trapp und Markus Ferber z.B. sich hervor:

„Der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU, Peter Trapp, sagte der „Bild“-Zeitung: „Wir müssen bei der Zuwanderung Kriterien festlegen, die unserm Staat wirklich nützen. Maßstab muss außer einer guten Berufsausbildung und fachlichen Qualifikation auch die Intelligenz sein. Ich bin für Intelligenztests bei Einwanderern.“

(…)

Der Chef der CSU-Europagruppe, Markus Ferber, sprach sich für eine einheitliche europäische Neuregelung der Zuwanderungspolitik aus und verwies in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Kanadas: „Kanada ist da viel weiter und verlangt von Zuwandererkindern einen höheren Intelligenzquotienten als bei einheimischen Kindern. Humane Gründe wie Familiennachzug können auf Dauer nicht das einzige Kriterium für Zuwanderung sein.““

Irgendwie muss man die kolonialen Strukturen ja aufrecht erhalten. Ich plädiere im Gegenzug für einen Emphatie- und Psychpathologietest für Politiker – und wer da niedrige Punktzahlen erhält, sollte wegen Intelligenzbestientum nach Kanada ausgewiesen werden, um dort den IQ der Durchschnittsbevölkerung anzuheben. Jubelnd werden sie solch großen Geistern wie Markus Ferber und Peter Trapp den roten Teppich ausrollen …

Deutsche Traditionen … und Paulus mal wieder

Interessantes Fundstück vom Moppelkotzer:

„Bis auf den heutigen Tag haben Millionen von Inhaftierten als Zwangsarbeiter im Akkord für die freie Wirtschaft gearbeitet. Niemals ist auch nur ein Pfennig für diese in die Rentenkasse eingezahlt worden. Das Verdanken die Arbeitssklaven der SPD und der FDP.“

Ich glaube, Michel Foucaults „Gouvernementalitätsstudien“ sind deshalb so populär, weil alle beim Hineinschauen in „Überwachen und Strafen“ entsetzt sind, wie brandaktuell das ist …

Ich würde mal sagen: Perfekt integriert!

Ins Land, das im Namen des „Deutschen“ die Shoah so perfekt und reibungsfrei organisierte und am liebsten Volksgruppen nach rassifizierten Klassifikationssystemen sortiert, sei es es bei der Diskussion von Viertel- und Halbdeutschen im Falle der Nationalmannschaft oder auch bei der permanenten Ethnisierung durch das Beschwören von „Migrationshintergründen“, passt der folgende Vorfall doch prima:

„So meint ein 18-Jähriger aus dem Libanon, der nicht namentlich genannt werden will: „Ein Jude ist ein Jude, ein Araber ist ein Araber. Egal, ob die beim Tanzen oder Kriegmachen sind, die hassen sich.“ Er glaubt, dass der Nahostkonflikt die Attacke auf dem Fest provoziert habe. Sein Kumpel sagt bloß: „Scheißjuden!““

Nicht, dass diese Ethnifizierungen nun zwischen Persern und Arabern nicht aufträten – aber das ist u.a. auch der Effekt dessen, dass die politische und ökonomische Dimension der Rezeption des „Nahost-Konfliktes“ verdrängt wird,  auch hierzulande das „Ethnische“ in den Mittelpunkt rückt und insbesondere „Migrantenkindern“ Antisemitismus pauschal angedichtet wird. Dass dann diese in der Tat perverse „Ethnifizierung des Antisemitismus“ wirkt und die zum Teil so werden, wen wundert’s?

Zudem, mal ab davon: Die Geschichte des Libanon steht in den letzten 50 Jahren hier nun auch nicht gerade ganz oben auf der Agenda. Erinnere mich da an christliche Milizen …

Es ist nichtsdestotrotz ein wenig grotesk, dass Menschen in einem Land, dass die industrielle Massenvernichtung von Juden betrieben hat, Antisemitismus als Import zu deuten versuchen. Hitler ist hier Medienstar! Exportgut! Die ganze Welt kauft Knopp! Selbst Gerald Asamoah nennt man sogar im St. Pauli-Forum wie Hitlers Schäferhund – witzig!

Statt darüber zu räsonnieren, formuliert auch der verlinkte Artikel den Antisemitismus bei so genannten „Migranten“ als Regel, andere Perspektiven als Abweichung:

„Tröstlich ist immerhin: Einige Kinder und Jugendliche sind auch ohne Bildungsmaßnahmen in der Lage, Antisemitismus zu erkennen. So auch der zwölfjährige Ferdi aus der Türkei, der mit seiner Schwester Songül den Vorfall selbst miterlebte. Die Geschwister sind sicher: Anstifter seien zwei Brüder im Alter von gerade mal elf und acht Jahren aus dem Libanon gewesen.“

Generalisierung von Negativ-Sterotypen bei der „Fremdgruppe“, von Positivstereotypen bei der eigenen: DAS ist struktureller Antisemitismus. Obgleich doch im selben Artikel das Gegengift zu den Lügen auch präsent ist:

„Vorurteile von Deutschen und Migranten gleichermaßen kennt der 48-jährige Sinto Eduard Schmidtbrandt aus eigener Erfahrung: „Ich wohne seit 1979 her und bin auf der Straße schon oft als ‚Scheißzigeuner‘ beschimpft worden – von Deutschen und Ausländern.“

Womit all diese Externalisierungen von Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus, also Antisemtismus, an die „Migranten“, die solcherlei Seuchen einschleppen in den blitzreinen deutschen Volkskörper, der Lüge gestraft werden. Sahlkamp kenne ich nun zufällg noch, eine schon in den frühen 80ern finstere Gegend für Marginalisierte. Und die Kids, die da Steine warfen, sind vermutlich HIER aufgewachsen, einem Land also, in dem ethnifizierte Deutungsmuster gerade in dem aktuellen „Multikulti-Mannschaft, die die Nazis nicht mögen“ geradezu überpräsent sind, es sei noch einmal betont. Dabei raus kommt, was Aiman Mazyek treffend diagnostiziert:

„Oft sind es Gruppen, die sich ausgrenzt fühlen und dann aus diesem Gefühl andere diskriminieren. Dieses Phänomen ist bekannt, und wir müssen es ernst nehmen, ohne dass wir die Taten entschuldigen.“

Ja, eben. Und genau deshalb ja aktuell „Brot und Spiele“  beim Public Viewing für all die zunehmend Deklassierten – ja, auch und gerade jene sind damit gemeint, die sich als „deutsch“ definieren. Anstatt dass sich die Deklassierten, Marginalsierten und Ethnifzierten untereinander solidarisieren, bewerfen sie sich wechselseitig mit Steinen. Sie sind halb „typisch deutsch“ in dieser Hinsicht, unsere „Migranten“kinder: Klasse durch „Ethnie“ ersetzen und dann draufhauen.

Franz Walters Plädoyer für Gleichmacherei

Wenn man von „strukturellem Antisemitismus“ sinnvoll sprechen kann, dann wohl ergänzend  zum Rassismus – schematisch gesprochen gründen Antisemitismus und den Kolonialismus begründende Rassismen in ein und dem selben Kulturnationalismus – vor allem im Falle der Intellektuellenfeindlichkeit.

Franz Walter liefert mit seinen verbrämt-feindseligen Auswürfen im aktuellen Freitag und zuvor in seinem Blog ein ganz besonders ressentimentgesättigtes Beispiel dessen:

„Das Wissenschaftsbürgertum hierzulande pflegt den elitären Dünkel, kultiviert eine Sprache, die wie ein Geheimcode nur den Eingeweihten verständlich ist, Außenstehende auf Abstand hält, den geringer Gebildeten demonstrativ das Gefühl von Nichtzugehörigkeit vermittelt. Dabei: Die akademische Sprache ist keineswegs jederzeit fachlich zwingend, sie ist vielmehr überwiegend ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen herzustellen, um Distanz nach unten durch die Pose auserwählter Exklusivität zu schaffen. Deswegen liebten auch die durch und durch bildungsbürgerlich geprägten 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse, wie ihre Väter dem eigenbrötlerischen Philosophen der „Holzwege“, Martin Heidegger, den Altar bereiteten. Die raunende, esoterische, labyrinthische Sprache der „Frankfurter“ und „Freiburger“ gab ihnen das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit. Der Dutschke-Generation bot die Beherrschung des Vokabulars der „Kritischen Theorie“ die Legitimation für den Avantgardeanspruch gegenüber dem profanen Rest „eindimensionaler“ Menschen.“

Ja, da johlt der nationalistische Mob auf dem Heiligengeistfeld, der auf Schulhoffluren einst nur allzu gerne den Brillenträger verdroschen hat.  „Allüren“ in der Headline geißeln, verwegen: Also das, was man den „effiminierten Tunten“ normalerweise andichtet, den „Diven“, den „Gekünstelten“, dieser Schachzug zeigt, wessen Geistes Kind solche Nivellierer sind. Verharmlosen darf man die Walters nicht.

Als Äquivalent zu kulturnationalistischen Integrationsforderungen ist dieses Plädoyere zweifelsohne zu lesen und würde im Falle der Quantenphysik anlog niemals erfolgen. Sprachsäuberungen, wie hier gefordert, tilgen jede Differenz, fordern Gleichmacherei und haben von Sprache ungefähr so viel verstanden wie der Großteil der aktuellen Journaille: Nämlich nichts.

Weil sich die Funktion von Sprache nicht im Abbilden von Fakten erschöpft, sondern Sprache Welt, indem sie sich auf sie bezieht, stets auch erschafft: Sprachformen sind Lebensformen, in denen man agiert – und deren ästhetische und literarische Dimensionen sind ebenso wichtig wie das, was gesagt wird. Wer gesellschaftliche Vielfalt will, der schreibt nicht so wie Walter und hat in Fragen der Demokratie entscheidendes gar nicht verstanden.

Die groteske Unterstellung, beispielweise Luhmanns Kreationen dienten nur und ausschließlich der Distinktion, ist wahlweise intellektueller Selbsthass oder der Feuilletonistendünkel der Denkfaulen, die alles so lassen wollen, wie es ist.

Würde Walter hier etwas Richtiges schreiben, dann redeten wir heute noch wie die Mandarine im Kaisserreich, Fortschritt ausgeschlossen, weil Sprache einfach gleich bliebe; und wer sich der BILD unterwirft, wird auch wie sie denken.

„Sprachbarbarentum“ beschwören heißt eben, die Hunnen vor Wien zu wähnen. Luhmann und Heidegger sind gerade Beispiele dafür, sprachliche Klischees abzuräumen, um dem Denken wieder Raum verschaffen zu können, nicht umsonst regen deren Schriften wie auch die Adornos das Denken bis heute an. Weil es abweicht, reizt, heraus fordert – im allerpositivsten Sinne. Sich den Kopf darüber zerbrechen, was ein Michel Foucault mit „Dispositiv“ meint, ist ungleich anregender als unaufhörlich Sätze wie „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ zu reproduzieren. Nicht alles, was Bourdieu geschrieben hat, ist uneingeschränkt richtig – und man braucht nur dessem Plädoyers gegen die Instrumentalisierung von Wissenschaftlern im Fernsehen zu lesen und weiß, dass falsch ist, was Walter schreibt. Sich der Konsumierbarkeit entziehen nur verschafft Erkenntnis.

Mit anderen Worten: Das Argument von Walter gegen die angeführten Beispiele ist falsch. Und noch fälscher ist es, diese mit einem Marcuse oder einem Derrida zu vermengen. „Optimierung“, „Ressource“, „Komparatistik“, „Entwicklungsdynamik“, „Profilbildung“, „strukturbedingte Determiniertheit“ – das ist Theoriemarketing, nix anderes, und wer einmal den Buisness-Neusprech sich antat, der weiss, was ich meine: Die immergleichen Anpassungs- und Unterwerfungsprozesse, die Kapitalismus mit sich bringt, zu tarnen.

Exaktes Gegenteil also des vermeindlichen „Fachsprachenjargons“ und vor allem dessen, was in der Konkurrenz um die spezielle Förderung von „Exzellenzclustern“ aufgehäuft jede erkenntnisfördende Sprachschöpfung gerade verhindert. Exzellenzcluster, die sich auch über ihre gesellschaftliche „Nützlichkeit“ definieren, was auch Walter fordert – insofern befördert er gerade auch das Marketingsprech.

Sich der Warenförmigkeit von Sprache entziehen, DAS heißt nicht einfach nur zu reproduzieren, was eh schon der Fall ist. Die geforderten Interventionen jedoch, die dabei heraus kommen, wenn jemand wie Walter sie unternimmt, die kennt man ja. Und die, die braucht nun wirklich keiner …