Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

iMIN3

Miles Davis‘ „Kind of Blue“ nur im Kopf mit mir tragen. Ganz gefangen in dem Versuch, mich an dessen Klänge zu erinnern, jeden Schritt den verhalten schleppenden Rhythmen anzugleichen und das Echo von „Cool“ in mir zu wahren. Das Pflaster spüre ich unter Ledersohlen und sinniere über den letzten Aufsatz von Merleau-Ponty: Die Gleichursprünglichkeit meines Leibes und dem des Anderen in der selben Ekstase. Das vorprädikative Bewusstsein, das leiblich wahrnehmend in der Welt aufgeht, deren Teil es zugleich ist.

Die Gitanes schmeckt nach Teer. Lust sucht verschämt sich den Anblick schwitzender Strassenarbeiter. Gedanken an Genets „Notres Dames de Fleurs“ steigen auf und verwehen. Aus der Jukebox eines Bistros dringen die letzten Takte eines „Valse Musette“. Sinatras Stimme folgt den Akkordeonklängen in das abendliche Abfallen all der Arbeitsalltagsanspannung, das die Gassen beherrscht wie eine gütige Concierge; der Alte an der Bar flucht in seinen Pernod, als er den Mafiosi hört.

Zwei Kinobesuche, mehr ist nicht drin pro Monat. „Fahrstuhl zum Schafott“ haben wir nur wegen des Soundtracks angesehen, sassen im dunklen Saal und schlossen die Augen, um keinen Ton zu verpassen.

Die Abende verbringe ich mit Lesen und plaudern – oder ich starre die Gasse entlang, die Taumelnden und Träumenden in die Dämmerung mit dem Blick verfolgend.

Gelegentlich trinke ich abends ein paar Gläser Rotwein und lausche im „Blue Note“ jenen, die in der Improvisation Themen umschmeicheln, variieren, wieder aufgreifen und über sich hinaus treiben – Themen, für die es keine Worte gibt.

Mein Auge versucht, den Blick der Cineasten zu imitieren. Die Diskussion im Radio kann Skandale erzeugen, die in den „Temps Modernes“ das Land erschüttern. Ein paar Kids begeistern sich für einen Elvis – aber who the fuck is Elvis? Und was wäre es für ein Verlust gewesen, wenn von heute auf Morgen das iPhone, auf dem ich gerade schreibe, in diese Welt eingebrochen wäre … das Klacken beim Antippen der Buchstaben auf dem Touchscreen imitiert wie ein Echo vergangener Tage nur den Anschlag der Schreibmaschinen, der einst den zur Sekretärin verdammten den Alltag erfüllte. Den sie los ließen, wenn sie abends die Gasse entlang starrten und lächelten, weil ein paar Klänge Miles Davis‘ aus dem möbelierten Zimmer des Studenten nebenan erklangen. Denn der Gatte bekam davon immer Kopfschmerzen und konnte so den Vollzug der Ehe nicht einfordern. Sie hatte ja noch nicht mal ein eigenes Konto …

Manchmal, wenn er mit seinen Kollegen saufen ging, trafen wir uns, setzten uns an eine Baustelle und sahen den Arbeitern zu. Sie wippte mit dem linken Fuss, ich mit dem rechten, während wir versuchten, uns die Erinnerung an die Klänge von „Kind of Blue“ nicht nehmen zu lassen …

18 Antworten zu “iMIN3

  1. che2001 Mai 22, 2010 um 2:44 pm

    Ach, das Blue Note, ach! Das waren echt noch Zeiten *seufz*

  2. che2001 Mai 22, 2010 um 2:46 pm

    Und einen Tag vor meinem Abflug nach Ägypten lief im Casino „Full Metal Jacket“ zum ersten Mal an, und in der Sitzreihe hinter mir beschloss ein Schüler spontan, den Kriegsdienst zu verweigern. Damals wurde im öffentlichen Raum, der Kneipe, Kino, Disse waren durchaus mit wildfremden Leuten über solche Fragen diskutiert.

  3. momorulez Mai 22, 2010 um 2:59 pm

    Na ja, wir diskutieren hier ja auch ständig mit wildfremden Leuten 😉 – und die Zeit oben haben wir ja auch gar nicht erlebt. Da haben meine Eltern gerade geheiratet. Bei uns hatten ja die meisten schon Fernseher, Plattenspieler und Cassettenrekorder und Telefon.

    Finde das als Gedanke im Moment trotzdem immer wieder sehr spannend, mir die Zeit davor vorzustellen und wie man da wohl z.B. Jazz wahr genommen hätte. Allein schon das Freizeitverhalten vor Netz und Handy mit nur 3 Sendern war ja wirklich ganz anders, und schlechter war das nicht …

  4. che2001 Mai 22, 2010 um 3:17 pm

    Ja, aber zu der Zeit verbrachten meine Schwestern ihre Kindheit, für meine Eltern waren die einige Zeit später Beatles jenseits des Zumutbaren (Elvis hatten sie nocht mitgemacht), und Oma sang Weihnachten „O Tannebaum, o Tannebaum, der Kaiser hat in´Sack gehaun, Auguste muss Granaten dreh´n, ihr Willy wird nach Holland geh´n.“ Insofern sind die Fünfziger gefühlt vielleicht noch näher an mir dran als an Dir. Spannend wäre aber in diesem Zusammenhang die Frage: Wie nahm man Jazz und wie Rock´n Roll auf? Ging beides zusammen, und wenn ja, wie? Oder standen Halbstarke und Existenzialisten einander ablehnend gegenüber, vielleicht entfernt dem späteren Antagonismus Punks-Ökos vergleichbar? Ich hatte dazu schon mal gearbeitet, aber das müsste ich erstmal wieder hervorkramen.

  5. momorulez Mai 22, 2010 um 4:49 pm

    Da gab es schon deshalb ganz verschiedene Rezeptionsweisen, den Jazz betreffend, weil Ende der 50er Dixieland („Am Sonntag will mein süsser mit mir Baden gehen“, kein Witz, das war die Old Merry Tale Jazz Band) und Swing Light, Catarina Valente z. B. zum Teil, durchaus Mainstream war. Kurt Edelhagen , ein durchaus großer Jazzer, spielte im Vorprogramm von Bill Haley. Später ging der mit der Knef auf Tour. Jazz, das war auch Paul Kuhn oder Max Greger für deutsche Ohren.

    Die „Modern Jazz“-Varianten von BeBop über Cool bis Free und Hardbop waren eher was für Studenten und Künstler, die sich explizit antibürgerlich gaben, Sartre lasen und „Exis“ genannt wurden. Das war die heimliche Vorhut von ’68.

    Die frühen Rock’n’Roller waren Lehrlinge, Halbstarke, „Prolls“. Als Elvis dann zur Armee ging und Peter Kraus Schmusesänger wurde, da war das ratzfatz verschlagert. Erst der Beat hatte dann Durchschlagskraft und war die zweite Komponente, die das ’68 jenseits der Studentenrevolte, das Kulturelle, mit bewirkte.

    Ich glaube aber nicht mehr, dass man das zu späteren Jugendkulturen analogisieren kann, allenfalls Punk und Situationisten, also die Kommune 1.

    Interessant für die Adorno-Jazz-Debatte ist übrigens ein Lenny Tristano, der wichtig für Cool war, von manchen als weiß-intellektualitstische Antwort auf den schwarzen BeBop empfunden wurde, was sein Werk nicht schmälert. Der hat sich viel mit Schönberg und anderen, europäischen Komponisten beschäftigt, und so etwas mit initiiert, was zu den Reihen der Zwölftonmusiker meinem laienhaften Wissen zufolge durchaus in Beziehung gesetzt werden konnte. All das konnte Adorno gar nicht mehr mitbekommen haben.

    Und, noch eins drauf: Über Ornette Coleman, den Begründer des Free, diesen „Proll“, rümpften dann all die Studierten ihre Nase, weil der doch sein Instrument noch nicht mal richtig beherrschen würde. Und das ist dann doch Punk 😉 …1

  6. che2001 Mai 22, 2010 um 5:19 pm

    Ein Musikstudent erzählte mir übrigens mal, dass die Musikrichtung Hardcore ursprünglich etwas damit zu tun hatte, den Jazz zurück auf die Straße zu holen – Hard Bop mit den Instrumenten einer Punkband gespielt und dazu dann gesellschaftskritische Texte. In den USA gab es eine zur europäischen nur zum Teil parallele – oder eigentlich einer dieser vorauseilende – Entwicklung. Da waren die Cool- Jazz- Hardbop- und Freejazzhörer dann Kerouac- und Ginsberg-Leser, die gegen die Rassentrennung, für atomare Abrüstung und für Castro waren und sich Beatniks nannten, und die Hippie-Bewegung ist aus denen hervorgegangen, als Drogen ins Spiel kamen und die dritte Generation der Rockbands, Solche wie Cream, Jefferson Airplane und Manfred Mans Earthband, Rock´n Roll mit psychedelischem Einklang und einem betont bunten Outfit verbanden und diese Musik den Jazz verdrängte. Parallel dazu gab es die überwiegend schwarze studentische Bürgerrechtsbewegung, die sich nach der Ermordung Martin Luther Kings in einen militanten Flügel-Black Panther Party for Self Defense – und eine ethnisch gemischte pazifistische-linksliberale Studentenbewegung (SDS) teilte, die sich dann zunehmend Richtung Marxismus-Leninismus (RYM 1 und RYM 2) bzw. Anarcho-Situationismus (Yippies) radikalisierte. Den Soundtrack lieferten Canned Heat, Unity of Men, Janis Joplin, Doors, Jimi Hendrix und MC Five. Die vertraten schon so etwas wie Critical Whiteness und das Bündnis von Freaks und Arbeiterklasse und konzertierten beim Ford-Streik „Kick out the jams, motherfuckers!“. Das war Punk!

  7. momorulez Mai 22, 2010 um 5:42 pm

    Das wäre dann die übliche, weiße Geschichtsschreibung 😉 – in der ein Bo Diddley, ein Sam Cook, ein Otis Redding, ein Ike Turner, ein James Brown, Staxx gar nicht auftauchen und Janis Joplin im wesentlichen ohne Bessie Smith und die ganzen anderen, so überwältigenden schwarzen Blues-Sängerinnen wahr genommen wird, während deren Vorbilder als prähistorische Ursuppe behandelt werden.

    Cool war auch der Sound des Heroins, lange vor Psychedelic. Der Begriff „Hipster“ ist vor allem durch Norman Mailers „White Negro“ berühmt geworden, in dem es vor allem darum ging, wie Weisse sich an Schwarze ran schmissen und diese kopierten , noch während sie sie ausbeuteten. Weil die Weissen wie üblich eigenständig kaum was zustande brachten. Selbst Picasso hat ja bei den afrikanischen Masken geklaut, die weiterhin im Naturkunde, sorry, Völkerkunde-Museum hängen. „Hippies“ ist eine Verballhornung von „Hipster“ und macht sich über die lustig.

    Richtig ist das mit der Beat-Generation, Burroughs hat aus Versehen seine Frau erschossen, weil sie im Drogenrausch Wilhelm Tell nachspielen wollten. Und wie Ginsberg war er stockschwul, einmal mehr mussten schwule Juden ran, damit aus dieser Kultur mal was wird.

    Es waren auch oft Juden, die die frühen Blues- und Jazz-Label betrieben haben.

    Ob nun die so grandiosen Blues-Sängerinnen, Ginsberg oder Miles Davis, es sind immer die Frauen, Juden, Schwulen und Schwarzen, die was reißen, und immer weiße, heterosexuelle Männer, die das klauen, richtig Kohle damit verdienen und hinterher auch noch die Geschichte umschreiben wollen. Von Lennon und Jagger bis Bohlen alles eine Sauce …

  8. che2001 Mai 22, 2010 um 6:00 pm

    Dass Otis Redding schwarz war wusste ich noch nicht einmal – ich habe seine Musik zwar gehört, verbinde aber kein Gesicht damit.

  9. che2001 Mai 22, 2010 um 6:28 pm

    Und was jetzt am studentischen Flügel der überwiegend, aber nicht ausschließlich schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Snick nannten die sich und standen in einer Tradition zwischen Gandhi, Fanon und Booker Washington, den Black Panthers und Jimi Hendrix weiß gewesen sein soll erschließt sich mir auch nicht;-)

  10. momorulez Mai 22, 2010 um 6:49 pm

    Jimi Hendirx war halt kein Ami. Der hatte die Sklaverei- und Segregations-Historie nicht im selben Sinne auf dem Buckel. Und ein Otis Redding war immens wichtig.

    Sam Cooke auch deshalb, weil ja bis hörte nicht klar ist, meines Wissens, wer den gekillt hat, und die FBI-Vermutung da nahe liegt. Schon deshalb:

    http://en.wikipedia.org/wiki/A_Change_Is_Gonna_Come_(song)

    … aber auch, weil er zu denen gehörte, die das Zeug hatten, eine eigenständige, ökonomische Power zu entwickeln – und das bei weniger Konzessionen bzw. Unterwerfungen unter das weiße Regime, wie z.B. Motown sie vollzog.

    Der hatte absolute Star-Qualitäten.

    Und was die Musikhistorie und Bürgerrechtsbewegung betrifft kennt die schwarzen Musiker einfach kein Schwein mehr, Marvis Staples (???) zum Beispiel. Ich ja bis vor kurzem auch nicht. Aber selbst eine Joan Baez wurde ja in der Schule als „Nigger“ beschimpft, weil sie mexikanische Vorfahren hatte.

  11. che2001 Mai 22, 2010 um 8:48 pm

    MCi5 übrigens waren ganz direkt aus dem weißen mit den Schwarzen solidarischen Widerstand in Motown hervorgegangen. Irre: saß bis eben in einer Pianobar, und was spielten die? „Sitting on the dock of the Bay“. Und am Nebentisch sprach ein Paar über die Männer-Frauen-Probleme, über die wir uns vorhin am Telefon unterhalten hatten. Irre….

  12. momorulez Mai 22, 2010 um 8:54 pm

    Ja, das ist wirklich manchmal seltsam, diese Synchronizität. Das gibt es extrem häufig, diese Themenanballungen in verschiedenen Lebenssituationen.

  13. che2001 Mai 22, 2010 um 9:24 pm

    Hatte auch schon, dass ich im zähflüssigen Verkehr hinter einer LKW-Karawane herkrieche, und im Radio laufen „What the lorry´s like“ und „King of the road“.

  14. momorulez Mai 22, 2010 um 9:43 pm

    Bei den bissigen Liberalen gibt es übrigens gerade eine lustige Extremismus-Debatte 😉 …

  15. netbitch Mai 23, 2010 um 10:12 pm

    @Jimi Hendirx war halt kein Ami. Der hatte die Sklaverei- und Segregations-Historie nicht im selben Sinne auf dem Buckel. Nö, der war Puertoricaner und gehörte damit einer mulattischen, halb schwarzen und halb hispanischen Gruppe an, die in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern noch mehr verachtet wurde als die Schwarzen. Die galten in den USA als ein Volk von Dieben, was noch in dem Film „The Marathon Man“ persiflierend aufgegriffen wurde. Und er verband Rock, schwarzen Blues und spanische Gitarrenkunst zu einer einzigartigen Musikrichtung, die nicht weiterentwickelt wurde. Absoluter Ausnahmekünstler, der Jimi.

  16. momorulez Mai 23, 2010 um 10:29 pm

    Ich hatte mir jetzt peinlicherweise eingebildet, dass Jimi Hendrix in Grossbritannien aufgewachsen ist – ganz extrem grober Faux-Pas, der sich dem verdankt, dass er erst über den Umweg England in den USA erfolgreich wurde. Man wird alt.

    Ich gebe aber auch gerne zu, mich mit dem immer nur beschäftigt zu haben, wenn ich musste. Bei aller Anerkennung der objektiven Bedeutung, die der selbstverständlich hatte, ist dieses Gitarrengewixe, von mir aus auch mit Zunge, für mich immer die schrecklichste Ausprägung von Rockmusik gewesen. Das Gitarrensolo ist einfach der Anfang vom Ende der Black Music in meinem inneren Koordinatensystem und überhaupt das Allerschlimmste. Deshalb kann ich den in meine „große Poperzählung“ auch immer gar nicht einbauen und vergesse ihn und alles über ihn immer wieder, außer, dass er gestorben ist. Ja, das ist unverzeihlich, ich gebe das gerne zu.

  17. netbitch Mai 23, 2010 um 10:44 pm

    Und ich spiele E-Bass im Metal-nahen Bereich und betrachte ihn als Inspiration.

  18. momorulez Mai 23, 2010 um 11:13 pm

    Das sei Dir ja unbenommen 😉 …

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