Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Finanzmärkte teilweise verbieten

Papperlapapp:

„Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher postulieren daher eine grundlegend andere Wirtschaftspolitik. Zwar lehnen sie – ähnlich wie klassische liberale Ökonomen – eine direkte Bevormundung des Einzelnen durch den Staat ab. Sie sprechen sich aber für sanften Druck aus, mit dem der Staat die Menschen in die richtige Richtung leitet, ihnen gleichzeitig aber die Option lässt, sich anders zu entscheiden, wenn sie es wollen.“

Alleine schon „Verhalten“ – der programmierbare Mensch. Klappt zum Glück nicht, trotz aller Allmachtsphantasien der Anreiz-Theoretiker. Verhalten, das ist das, was beobachtet wird und dient, oft schon erwähnt, als begriffliche Grundlage der Hundeerziehung. „Handlung“ hingegen erschließt sich nur aus der Perspektive der 1. Person und ist das, was Gründen folgt, und solche Gründe können auch Gefühle sein. Nur Handlungen sind frei. Ansonsten sind es keine.

Natürlich kann auch „sanfter Druck“ einen Grund darstellen, und „Entscheidung“ und „Handlung“ hängen analytisch zusammen – trotzdem ist eben die Frage so gerade nicht gelöst, anhand welcher Kriterien der Staat Druck ausübt und woher er nun ausgerechnet es besser weiß als der, auf den er „sanften Druck“ ausübt, wie Verhalten sein solle.

Diese ganze Gärtner-Philosophien sind schon begrifflich falsch, die im Moment so tun, als könne man gesellschaftliche Prozesse so gestalten, wie man Rosen schneidet, indem sie „Finanzmärkte regulieren“ wollen, und der Regulierer ist immer „der Staat“, den überhaupt kein Schwein mehr adäquat auch nur zu beschreiben vermag, ebenso so wenig wie „die Finanzmärkte“, dieses so seltsam autopoetische Terror-System, das unaufhörlich Anschläge auf die Bevölkerungen verübt und vermutlich bestens mit Al Quaida vernetzt ist – was ist das eigentlich für ein Blindflug gerade?

Mir scheint es eher so, dass keiner mehr weiß, worüber man überhaupt redet. Es gibt ja jene Theorie, dass man jene Handlungen zu unterlassen habe, deren Folgen man nicht verantworten können kann. Z.B. beim Bau der Atombombe hätte das gegolten, ebenso bei der Regenwaldabholzung.

Auch das ist auf systemische Prozesse nicht ohne weiteres übertragbar, aber ein wohl sinnvollerer Ansatz als diese ewigen Konditionierungs- und Umerziehungswünsche von staatlicher Seite ist das schon, die schon im Falle der DDR gnadenlos schief gingen.

Vielleicht wäre es wirklich klüger, der Staat, was auch immer das ist, würde sich einfach auf das besinnen, was er kann und was jeder versteht: Verbieten. Sobald er erlauben will, wird er eh faschistoid. „Regulieren“ kann sein Job gar nicht sein.

Möglichkeiten auf Grundrechtsebene – Bildung. Gesundheit, Ernährung, Schutz der körperlichen Unversehrtheit und der Menschenwürde, somit auch Diskriminierungsschutz, Freizügigkeit durch kostenlose, öffentliche Verkehrsmittel etc.  – haben gewährleistet zu sein, und mehr nicht. Insofern schließe ich mich der folgenden Forderung an:

„Wenn die EU jetzt voranginge, würde sie ein Signal setzen, dass es ihr mit der Bändigung der Finanzmärkte ernst ist. Befreit vom Zwang zur ohnehin nicht erreichbaren globalen Vereinheitlichung könnten die EU-Staatenlenker so auch all die anderen nötigen Finanzreformen angehen, von der Begrenzung der Kredithebel bis hin zum Verbot des Handels mit ungedeckten Kreditausfallwechseln, der ohne jeden volkswirtschaftlichen Nutzen nur zusätzliche Risiken schafft. Ja, das würde die Gewinne der Finanzindustrie in der EU erheblich mindern und Banking würde wieder zu dem langweiligen Geschäft, das es einst war, als es nur darum ging, Ersparnisse in Kredite zu verwandeln. Aber zugleich würde Europa ein krisenfestes Finanzsystem gewinnen, mit dem die übrige Wirtschaft wieder prosperieren kann.

Genau das hatten einst auch die Konstrukteure des nach dem Versammlungsort Bretton Woods benannten Systems der Nachkriegszeit im Sinn, als sie den Märkten feste Wechselkurse und eine strenge Kontrolle des Kapitalverkehrs verordneten. Dies bedeute zwar, so schrieb damals der US-Verhandlungsführer Harry Dexter White, „weniger Freiheit für die Besitzer liquiden Kapitals. Aber diese Beschränkung würde im Interesse der Völker ausgeübt“.“

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5 Antworten zu “Finanzmärkte teilweise verbieten

  1. somlu Mai 20, 2010 um 9:38 am

    Ich schließe mich dem auch an. Die Regulierungen die durch das Bretton Woods Abkommen vereinbart wurden, waren ja auch eine Reaktion auf dei Wirtschaftskrise und ihre mittelbaren und unmittelbaren Folgen. Die Regelungen hätten nie aufgeweicht werden dürfen.

    Gibts dazu irgendwo Informationen, wieso die eigentlich seit den 70ern aufgeweicht wurden?

  2. momorulez Mai 20, 2010 um 10:36 am

    Laut Statler (!!!), wennn ich mich recht entsinne, haben die Amis das forciert, um den Vietnam-Krieg finanzieren zu können. Und da schließt sich dann nicht nur die Frage an, welche Interdependenzen zwischen Irak- und Afghanistan-Krieg und Finanzkrise bestehen, sondern auch eine ja berechtigte liberale (idealtypisch, nicht FDP)Kritik an: Nämlich jene, die eben besagt, dass man den Spekulanten schlecht die Überschuldung der öffentlichen Haushalte vorwerfen kann. Im Falle der USA ist die ja viel extremer als in Griechenland, wenn ich mich nicht verlesen habe.

    Problem ist halt nur, dass dann immer so getan wird, als läge das nun nur an den „Sozialabgaben“. Was die Pensionen von Staatsbediensteten betrifft, mag das ja noch hinhauen, aber die ganzen Vernetzungen zwischen „Staat“ und „Wirtschaft“ sind da viel interessanter, der Rüstungsetat aber auch. Und die „Sozialausgaben“ sind ja auch deshalb so hoch, weil sich an Finanzmärkten mehr Geld verdienen lässt. Habe das ja selbst erleben dürfen, wie aufgrund des Einstieges eines Private Equity-Fonds reihenweise Leute raus gekegelt wurden (ich irgendwann ja auch), um der Gewinnmaximierung zugunsten der Investoren zu dienen. Und die finanzieren ihre Aufkäufe, indem sie die Kaufsumme als Schulden dem gekauften Unternehmen aufbürden, dass dann eben Zinsen zahlt, statt Leute einzustellen.

  3. che2001 Mai 20, 2010 um 12:21 pm

    Da kann ich Genaueres zu erzählen. Um den Vietnam-Krieg zu finanzieren, gaben die USA die vollständige Golddeckung des Dollars auf und druckten Noten, für die es keine Deckung gab. Dies führte bei für die USA nachteiligen Kriegsverlauf zu einer Talfahrt desDollar; Ich erinnere mich daran, wie im Radio gesagt wurde, dass man sich für den Dollar bald überhaupt nichts mehr kaufen könne. Da der Dollar im fixen Wechselkurssystem von Bretton Woods die Leitwährung war, drohte damit ein Wertverlust für alle Währungen weltweit.Daher ging man zu einem System frei konvertibler Wechselkurse über. Die Ölkrise nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973 führte dann zu einer Erholung des Dollar, da Ölgeschäfte in Dollar getätigt wurden, und zu einem Wertverlust praktisch aller Währungen von Entwicklungs- und Schwellenländern, die sich auch noch explodierenden Rohstoffpreisen gegenüber sahen. Damit wuchsen die Schulden für Entwicklungskredite quasi über Nacht auf das 6- 10fache. Nicht mehr die Industrialisietrung von Agrar- und Subsistenzgesellschaften, für die man in den 50ern und 60ern die Kredite aufgenommen hatte, stand nun im Vordergrund, sondern nur der Schuldendienst selber. Das lieferte den Hintergrund für die „Brotpreisrevolten“ in Marokko, Tunesien, Ägypten, Pakistan, Philippinen und Mexiko wie auch für den Zerfall Yugoslawiens (den hatte ich drüben bei mir ja schon mal ausführlichst behandelt). Und was jetzt passiert ist so etwas wie eine lange zweite Welle, die jetzt auch Europa trifft.

  4. Katzenblogger Mai 21, 2010 um 2:43 am

    Die modernen Verhaltensforscher unter den Wirtschaftswissenschaftlern sind keine Anreiztheoretiker. Genau das nicht. Sie rekurrieren verblüffend oft auf die experimentellen Wirtschaftswissenschaften und begeben sich damit nicht selten, auch im Ergebnis, in Gegensatz zu Neoklassik und stärker noch in Gegensatz zu den dogmatischen Annahmen der Neoliberalen.

    Bei weitem nicht jede Annahme, die ein verblödeter Neoliberaler über angebliche Anreize vornimmt, wird von verhaltensorientierten Wirtschaftswissenschaftlern geteilt. Es ist sogar noch drastischer – im Kern behaupten inzwischen immer mehr verhaltensorientierte Wirtschaftswissenschaftler, dass die angebotsorientierte wirtschaftsliberale Philosophie weltfremd sei und nicht zu den tatsächlichen Gegebenheiten bei wirtschaftlich tätigen Menschen passt, und dies umso mehr, je empirischer die jeweiligen Forscher agieren. Momorulez, ich denke, aus dieser Richtung kommt noch einiges Interessantes. Vor allem auch vieles, was die alten Dogmen der mehrheitlichen Richtung der Wirtschaftswissenschaften in Frage stellt und zu einem Überdenken der bisherigen Modelle – ich sag mal: anreizt.

  5. momorulez Mai 21, 2010 um 7:57 am

    Das kann ja sein. Aber „Verhaltensforschung“ und „Verhaltenstherapie“, da bekomme ich trotzdem immer Pickel, auch bei dem, was im oben verlinkten Artikel steht. Und die CSU kommt ja auch zu anderen Ergebnissen als die verblödeten Neoliberalen 😉 … gebe aber gerne zu, mich da noch eingehender informieren zu müssen.

    Ich halte ja die System/Lebenswelt-Differenz bei Habermas mittlerweile für die treffendste, ökonomische Grundlagen-Theorie, auch und gerade, weil sie Marx sehr ernst nimmt.

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