Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Beiß mich, ich will das Leben spüren!“

Auch wenn Herr Glindemeyer bestimmt ein netter Kerl ist, der viel Einblick in unsere Fanszene hat – ist es nicht ein wenig lächerlich, wenn nun ausgerechnet der Spiegel in seiner Online-Variante sich in solch Empörung ergeht:

„Der Präsident ist mit sich im Reinen, kompromisslos treibt er die Metamorphose des FC St. Pauli voran, hin zu einem durchorganisierten, kühl kalkulierenden mittelständischen Fußballunternehmen, das sich mit den Spielregeln der Unterhaltungsindustrie arrangiert. Littmanns Ziel ist es, sich mit dem Club in der ersten Liga einzurichten. Im Establishment.“

Mir kommt Corny trotz eitler Ausfälle eher als jemand vor, der verschiedene Stimmungen durchaus zu absorbieren weiß. Aber auch als jemand, der die Erfahrung gemacht, dass sich mit Ambition und Idealen unter Bedingungen des real-existierenden Kapitalismus, der unter dem Joch der IWF-Junta ächzt, schlicht kein Geld verdienen lässt. Was furchtbar ist, aber so ist.

Vielleicht ist das der Masterplan im Hinterkopf, was ausgerechnet SpOn da schreibt; so sicher bin ich mir da nicht. Bei Schmidt und Tivoli hat er die Erfahrung gemacht, dass bei wirklich grandiosen Projekten wie „Beiß mich“ einst das Tivoli kaum noch zu halten war. Ich war selbst mehr als 10 Mal umsonst als Jubelperser im Publikum, damit der Saal nicht so leer wirkt. Mit dem „Weißen Rössl“ und irgendwelchen Schlager-Revuen ließ es sich dann füllen. Trotzdem ist ihm mit „Heiße Ecke“ irgendwann eine neue Variante des Volkstheaters gelungen, das das Viertel in seiner Vielfalt von schwul bis Hure, von Junggesellenabschied bis hin zur Würstchenverkäuferin mit Ohnesorgschen Charme abbildet. Und die Bustouren aus Schleswig kamen trotzdem. Ich bewundere das. Ist zufällig auch mein Lebensthema, dieser Spagat.

Ich vermute, dass bestimmt kein einziger aktiver Fan, die ich sehr bewundere, „Beiß mich“ gesehen hat, weil man Homophobie ja immer noch am besten bekämpft, ohne dass nervige Schwuppen sich einmischen, man deren Lebenswelt auch gar nicht kennen will und jegliche Anspielung Cornys auf „seine Sexualität“ sowieso als Zumutung und empörende Erpressung erlebt. Mal zwischendurch besoffen eine oberkörperfreie Polononaise durchs Spundloch ist ja witzig genug. Harhar.

Es wird auch kein Fan die Erfahrung gemacht haben, größere Läden durch schwere, wirtschaftliche Gewässer zu leiten; auch die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit, die damit einher geht, während man das macht, die kenne ich gut. Das ist kein Diskussionsunwille, das geht manchmal einfach nicht, wenn zu viel auf dem Tisch liegt. Dann selektiert man Kommunikationen stärker, weil man sonst irre wird.

Schön wäre, wenn sich zu so etwas mal die SpOn-Autoren äußern würden – wie isses denn da? Gehört der Laden nicht noch der Belegschaft? Warum haben sie Herrn Aust geschasst – wieso aber haben sie so lange dabei zugesehen, wie der aus dem „Sturmgeschütz der Demokratie“ ein schmieriges Boulevardblättchen gemacht hat? Wie ist da das Verhätlnis zwischen Zeilenhonorar-Schreibern für SpOn und Herrn Matussek? Jetzt die großen Kulturkritiker geben, während man neben Leuten wie dem Matussek schreibt, das ist ja mehr als nur zwiespältig. Ein Zwiespalt allerdings, den ich gut kenne.

Ich will die ganze Zeit überleiten zum „Übersteiger“. Weil ich dem Text einerseits beipflichte, der auch nur auszugsweise veröffentlicht ist, deshalb Kommentar unter Vorbehalt:

„Doch gilt dies auch für den FC St.Pauli? Einen Verein, der noch nie etwas gewonnen hat, der nie mit fußballerischem Hochgenuss geglänzt hat, sondern bis Mitte der 80er in der Fanwahrnehmung kaum stattfand? Klar, auch hier finden sich Fans, die ganz einfach keine andere Wahl hatten und schon seit den 70ern oder noch länger ans Millerntor kommen und für die der FC St.Pauli einfach nur „ihr Fußballverein“ ist. Dies ist auch gut und wichtig so und soll keineswegs abwertend klingen oder gar gemeint sein. Doch wohl nirgendwo sonst gibt es derart viele, die irgendwann in ihrer Fanlaufbahn bewusst auf den FC St.Pauli umgeschwenkt sind (vom hsv oder einem beliebigen anderen Verein), als sie in der Lage waren, es sich „auszusuchen“. Fragt doch mal bei den Fanclubs außerhalb Hamburgs nach, warum deren Mitglieder Fans des FC St.Pauli sind. In der Regel werden die Antworten länger als zwei Sätze sein und sie werden viele nachvollziehbare Argumente liefern können, von denen kaum einer was mit „2.Liga“ oder „sportliches Abschneiden“ oder gar „finanzielle Stabilität“ zu tun haben dürfte.“

…, aber andererseits die Frage schlicht falsch gestellt finde. Als „passiver Fan“, Vereinsmitglied, Dauerkarte seit 2000/2001, jemand, der die Kämpfe um Hafenstraße und Flora nur an der Peripherie, aber intensiv mit bekam und der einem Corny Littmann sehr, sehr dankbar für dessen Lebenswerk ist, weil alleine die 13 Mal „Beiß mich“ ein tolles Erlebnis waren; als jemand der die Action der „aktiven Fans“ zutiefst bewundert und in allen Diskussionen vehement unterstützt, selber aber gar nicht Zeit zu solch Aktivität hätte, bin ja kein Student mehr und habe noch nicht mal Kinder: Ist nicht vielmehr das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Mythos die einzige Möglichkeit, und muss nicht genau deshalb weiter Druck auf den Vorstand ausgeübt werden – und nicht etwa, weil man nun anfängt, wirtschaftliche Stabilität und Erstligaaufstieg in Frage zu stellen?

Und ist „aktiv/nicht aktiv“ als alleiniges Kriterium ein bisschen wenig, bei wie gesagt aller Bewunderung für das Engagement derer, die das aber in Lebenssituation besser einbauen können? Habe wenig Verständnis dafür, abqualifiziert zu werden, dass ich mir Mühe gebe, 5-6 Leuten und darüber hinaus eine ganz erträgliche Arbeitssituation zu schaffen.

Der FC St. Pauli wäre auch nicht das geworden, was er ist, wenn er nicht zu jener Zeit, als die Stadt noch die letzten Züge der Hafenstraßenauseinandersetzung atmete und das „Schmidt“ ein sensationelles Programm bot, in der ersten Liga gespielt hätte. Die ist eine unvergleichliche Bühne. Er hätte gar nicht die gleiche Wirkung entfalten können, die mich zur Identifikation trieb, bevor ich auch nur ein Spiel gesehen hatte. Insofern vielleicht einfach mal als Chance begreifen, was mit guten Gründen attackiert wird – so mein Plädoyer.

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