Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wir können halt lieben nur – und sonst gar nichts!

Ein rätselhaftes Flimmern, ein „je ne sais-pas-quoi“ lag in der Luft. Ein Flirren, als könnten Wünsche, Ängste, Hoffnungen buchstäblich Energie erzeugen und die Luft aufladen wie vor einem Gewitter.

Leicht tatterig tapste ich zum Bus nach Bahrenfeld – selbst das Licht über der Stadt schien sich nicht sicher zu sein, ob Sonnenschein das geeignete Mittel war, um diesem Tag den Raumzeitpfeil dramatisch auszuleuchten. Ab 17.30 h, einem Blitze gleichend, nur 90 Minuten lang, würde der in ungewisse Zukunft zucken.

Den ganzen Samstag Abend schon twitterte sich das Ereignis herbei und zeugte wie dumpfes Donnergrollen ein Echo in allerhand Tweets. Man erfuhr Zugabfahrzeiten und Wissenswertes über Erlangen. Heimgebliebene grooveten sich ein, wohl hoffend, dass ein „Heyayippiehyeah, Hamburg, Hamburg, St. Pauli“ die Hüften zu recht schwingen lassen würden nach Abpfiff.

Der vormittägliche Parkspaziergang mit Hund wollte nicht das übliche Loslassen beim Anblick frischen Grüns bewirken; dass der Mopo-Mann, der sonntags am Dammtor meinem WauWau Leckerlis schenkt, die ganze Nacht nicht schlafen konnte, lag allerdings allerdings nicht an der Vorfreude, er ist Raute. Nee, der wohnt in der Kampstraße.

Mir kommen, wenn ich an seinen Wohnort denke, immer Erinnerungen hoch an die beiden Matthias, die dort auch wohnten. An kalte, verkaterte Wintermorgende und zuvor so wundervoll verbrachte Nacht. Morgende, an denen sich Perserkatzen, Geräusche wie ein Staubsauger ausstoßend, am Bein entlang schrappten – und Erinnerungen an einen Blick auf Schlachthof und S-Bahn, so großstadttrist und schön. Und auch an den anderen Morgen beim anderen Matthias, als ich mir gigantische Brandblasen am Teekessel holte, weil ich nicht begriff, dass der Henkel Hitze aufnahm bis kurz vor dem Glühen. Passt alles zum Thema, weil zumindest bei dem einen Matthias die Nächte durchaus orgiastisch waren … seufz …

Nach dem Mittagsschlaf – ich liebe Mittagsschlaf! – war ich längst Anspannung pur geworden, zur Entladung jederzeit bereit. Als der Bus nach Bahrenfeld am Knust vorbei fuhr, da wurde ich fast Zinni oder wie dieses Elektrum im Kinderfernsehen einst hieß, so viele Leute waren da versammelt und fieberten statisch geladen. Gedämpft jedoch durchs Bangen vibrierte ich einer ungewissen Zukunft entgegen, trotzdem, die Straßen sahen aus wie vor einem Heimspiel, alle trugen stolz ihre St. Pauli-Klamotten auf und pilgerten in die Kneipe ihrer Wahl, den braunweißen Göttern zu huldigen. Quer über „Die Schanze“ gehen, das hieß, in so vielen Hirnen den Wiederhall der einst von Marlene proklamierten Worte zu spüren: „Was bebt in meinen Händen, in ihrem heißen Druck? Sie möchten sich verschwenden. Sie haben nie genug. Ihr werdet mir verzeihen, ihr müßt‘ es halt versteh’n. Es lockt mich stets von neuem. Ich find‘ es so schön!“ Das Spiel des FC St. Pauli halt …

Erwartet habe ich gar nix Gutes. Ich gebe es ja zu. Beschloss, auch dann noch alles schön zu finden, wenn die Boys in Brown die Mega-Chance vergeigen – all das Gehöhne über den HSV und seinen Absturz im Angesicht des Cottages, ich hatte Angst, es würde auf uns zurück fallen.

Meine so wohl vertraute Sportsbar war bereits gerammelt voll; zufällig saß eine Wegbegleiterin aus längst vergangenen Tagen direkt neben mir am Tresen. Was haben wir einst zusammen wundervoll getanzt ! Gibt ja wenig Frauen, die sich beim Tanzen wirklich führen lassen können. Ja, ist so. An diesem späten Nachmittag jedoch hingen wir wie Häufchen sprichwörtlichen Elends da, allmählich wich die Spannung dem „Wird doch eh nix, egal, wir haben sie trotzdem lieb!“. Neuerdings bekannte, großartige Hafenstraßenfilmer tauchten auf, wie passend, gerade bei diesem Spiel. Man sah in den Vorberichten die beeindruckende Menge der St. Paulianer inmitten des Frankenlandes. Lustige Transparente, „Hafenstraße bleibt!“, „Hasse ma‘ 3 Punkte?“, ja, Mottofahrt, kam gut.

Das erste Bier war sehr schnell leer. Den Tränen war ich nunmehr fast nah, dass sie bestimmt wie in der letzten Erstligaaufstiegsaison eine Klatsche einstecken würden, war es ein 1:5? Ich meine, Christian Rahn hätte damals nach grausamer Blutgrätsche Rot gesehen in Fürth, war das so?, na, als gutes Omen glimmte als Fünkchen sprichwörtlicher Hoffnung, dass der ja nun beim Gegner spielt.

Anpfiff. Oooooh, geht gar nicht gut los. Fürth dreht auf. Und so früh der Knockout von Matthias Hain, Scheiße, sieht das gemein aus, Autsch, gute Besserung!!!!!, und ausgerechnet bei diesem Spiel muss der arme Bene ins Tor. Als es dann klingelt, Scheiße, das Schicksal würde seinen Lauf nehmen, Herzschlagfinale gegen Paderborn, Fuck, Halbzeit. „Es fallen noch zwei Tore! Eins von Takyi, eins von Ludwig“ witzelt der Mann hinter mir. Man macht sich Mut wegen der guten Konter, die unsere Mannschaft bereits in Halbzeit 1 fährt, und doch, und doch, ach Mönsch … noch ein Bier.

Aber dann: Was eine zweite Halbzeit! Lauter Bekloppte in einer Kneipe inmitten der Stadt brüllen ein Videobeamer-Bild an, gröhlen Chöre, singen, feuern an, springen auf, Jaaaaaaaaa!, 4 Mal Jaaaaaaaaaaaaaa!, Tische fallen um, Biergläser zerschellen, Wirte springen mich begeistert an, „St. Pauli!“-Rufe, „Wir sind Zecken, asoziale Zecken, wir schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“ wird zwischen Bar und Tischen angestimmt, die Spannung entlädt sich ganz so wie bei dem Matthias in der Kampstraße einst, der hatte aber auch einen Körper, meine Güte!, die Worte schwinden, werden Schrei, Lustschrei, Jaaaaaaaaaaaaaaaa! Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Der erste Glückwunsch kommt von RWO, per SMS. Danke!!!  Twitter-Hllizi will sogar körperlich Liebe machen, Wirt startet, äußerst passend, „Nordish by nature“ ein, und zum Glück ist die alte Weggefährtin da, die sich beim tanzen führen lassen kann … man fällt sich mit Wirt in die Arme, was heißt man, ich!, der riecht so gut. Er sagt, er habe schlicht heulen müssen soeben beim Schlusspfiff, heute Abend feiert bei ihm die Mannschaft, und heute morgen am Flughafen, ich habe es nur im Fernsehen gesehen, ich schlief da noch, da vollendete sich auch dieser Vers aus Marlenes Huren-Hymne, passend, wir sind schließlich St. Pauli:

„Fans umschwirr’n mich,

Wie Motten um das Licht.

Und wenn sie verbrennen,

Ja dafür kann ich nichts.

Ich bin von Kopfball bis Fußball auf St. Pauli eingestellt.

Wir können halt lieben nur.

Und sonst gar nichts.“

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4 Antworten zu “Wir können halt lieben nur – und sonst gar nichts!

  1. mondoprinte Mai 4, 2010 um 7:03 am

    Ein historischer Text für einen historischen Sieg für die Menschen in Kiez, Stadt und der Region… würde Kurt Beck sagen. Aber mir als Fan der charakterlich reifen Gladbacher (Was ist doofer als Hannover? 1:6 dort zu verliern‘) ist der eine oder andere Schauer den Rücken runter gelaufen bei der Lektüre… Und: Du hast absolut recht: Es gibt nicht viele Frauen, die sich wirklich führen lassen beim Tanzen… „Ich warte und warte und Du führst nicht“…:-)))

  2. momorulez Mai 4, 2010 um 8:34 am

    Zum Glück haben wir so einen wie den Beck ja nicht 😉 – und Herr von Beust hat bisher auch vornehm die Klappe gehalten. Wohl, um die Rauten unter seinen Wählern nicht zu verprellen, die sich ja für viel wichtiger für die Stadt und die Region halten. Sollen sie ruhig 😉 …

    Zum 1:6 gab es gestern sogar einen bösen Kommentar in der FR, ein böser Nachgeschmack bliebe …

    Aber zu den Frauen und dem Tanz: Ja. Genau so.

  3. mondoprinte Mai 4, 2010 um 10:52 am

    Und dieser böse Nachgeschmack will sich auch nicht aus meinem Rachen verflüchtigen…

  4. momorulez Mai 4, 2010 um 11:01 am

    Mann, gerade im anderen Thread geschrieben: Das ist gerade im Falle Gladbach wirklich schade. So allerlei korrupten Vereinen ansonsten traut man ja allerhand zu, euch aber eigentlich nicht …

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