Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Mai 2010

Die deutsche Volksseele …

Da verknall ich mich doch glatt in den Sänger aus Israel, der war ja hinreißend – jene, die Juden Auschwitz nie verzeihen werden, drehen derweil Social Networks auf rechts. Jörg Marx protokolliert. (via René Martens/Twitter)

Folternde Marktler, Erpresserbanden und die Bohlenisierung der Wirtschaftspolitik: Ausnahmsweise mal Getwittertes bloggen …

… das ergibt heute ’nen Eintrag.

Na, da haben unsere Progandisten gegen nutzlose Esser ja mal wieder ganze Arbeit geleistet: http://bit.ly/c5mHLD. Jetzt „strafen“ schon Rating-Agenturen Staaten „ab“. Ab in den Karzer, und fünfzehn mit dem Rohrstock: Erziehungssystem „Weltmarkt“. „Fitch“ heißt die Erpresserbande. „To Fitch“ ist doch bestimmt auch irgendwas aus Abu Ghraib. Die „Märkte bleiben skeptisch“. Und so ein Dreck ist aus Sokrates und Descartes geworden … . Rating-Agentur und „Deutschland sucht den Superstar“ zusammen denken und dann wissen, wieso Opern subventioniert gehören. „Seit 2008 hat sich das Staatsdefizit in der EU verdreifacht“ (DIE WELT). Weil ALLE sprunghaft über ihre Verhältnisse lebten. Jajaja … . Die Bohlenisierung der Wirtschaftspolitik. „Die Aktienmärkte reagierten nervös.“ Die Armen! Wie die Spanier reagieren, scheint schnurz zu sein. Abwarten, das könnte sich ändern.

IMIN5

Den Drachen reiten. Ja, da witzeln sie, die, die den Lenkdrachen erfunden haben. Ergehen sich in Hohn über den Mythos, finden ihn goldig. Da das Gold sie in ihm wissen und fürchten. Sie atmen nicht die Nuancen im Hell-Dunkel, das mal so lockend modrig, mal frisch nach gemähtem Gras und Kardamon riecht; wissen nicht, wie das Funkeln der so feinen Schuppen sich anfühlt und wieso es so aufregend ist, gegen deren Strich zu streichen und den Widerstand zu spüren. Sie wissen nicht, wie man das Obskure leuchten lässt, denn der Drache wohnt im Zug nach Paris im Dämmerlicht und will die Polster spüren, will aus dem Fenster schauen, den Blick wenden und sehen, wo Schenkel übereinander schlagen. Und wie sie es tun. Wie ihre Schwere erst das Wollen schürt zu spüren, wo sie münden.

Sie wollen das Seiende der Möglichkeit vorziehen und kleben an ihm fest. Nur wer über seine Verhältnisse hinaus lebt, ist frei und verhält sich nicht nur. Weil es ja stimmt, dass Ästhetik kein niedliches Vorspiel zur eigentlich wichtigen Moral ist. Wer das glaubt, erkennt den Adressaten nicht und fantasiert stattdessen, er würde angetörnt oder auch nicht.

Er wird die Kraft der Linie niemals sehen, weil er nur dem Abbild traut. Weil er nie versucht hat, eine Linie nacheinander mit Öl, mit Kohle, mit Bleistift zu ziehen. Weil er der Formel glaubt und denkt, „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ sei nur Gott geweiht.

Die Linie kann begleiten, umschmeicheln, umschließen und binden und ist ohne Fläche, ohne Raum, den sie umschliesst, ganz ohne Sinn. Ist Raumzeit. Ist Melodie. Der Klang ist Farbe. Auf Drachen reitet man durch sie, kann Schweiss riechen und Lippen schmecken und hört die Worte, nur von Dir …

Den Drachen reiten. Immer noch besser die „Unendliche Geschichte“ als ein Polizeigesetz. Ja, ich übe noch. Bis dass der Tod mich scheidet.

Hat mir Stefanolix zum Frühstück geschenkt!

Danke! Schön! Seufz! Ein Traum!

PS: Warte ja immer noch auf den Tag, da aus „O Happy Day!“ ein „O St. Pauli“ am Millerntor wird …

iMIN4

Auf der Suche nach einer Sprache der Liebenden.

Slut. Pussy. Bitch. Bei uns gibt es wenigstens noch Twinks. Sahneschnitten. Wenn ich das denn überhaupt richtig verstanden habe.

Süss. Scharf. Wenigstens Geschmäcker. Schmeckend identifizieren wir Welt. Wein. Wodka – flüchtig und wirkungsvoll. Das Salz auf Deiner Haut.

Bilder. Metaphern: Bär. Bunny. Schwanz. Muschi.

Psychiatrisch-psychoanalytisch: Sadomasochistisch. Heterosexuell. Gerontophil.

Fetisch ist noch am Hübschesten, da stellt man sich niedliche oder auch gruselige Skulpturen vor, die man anbetet, weil sie für das stehen, was heilig ist. Wie der Arumbaya-Fetisch bei Tim und Struppi. In dem war ein Edelstein drin, und Massenproduktion hat ihn entwertet. Das Erotische und das Sakrale. Das Anonyme: Ich und Er.

Haben Eskimos wirklich viel mehr Wörter für Schnee als wir?

Allerlei Privatsprachengebräuche zwischen Zweien, klar. Nur wenn man mal wieder viel mit Liberalen diskutiert, dann wird man bei all der Unsinnlichkeit der Sprache oft so lüstern. Anreiz, okay, das geht ja noch. Reiz ist nur so unangenehm unspezifisch, wie ein kurzer, stechender Schmerz und geht einer Reaktion, nicht einer Antwort voraus.

Aber wenn selbst die Arie, die Form des durch Worte Unsag-, aber Singbaren, das Vissi d’Arte oder wie sich das schreibt, zum Subventionspoblem wird? Macht dann das Leben Spass?

Die schönsten Worte sind oft die, die weder mich noch Dich meinen. Lust. Begehren. Begierde. Selbst Trieb, so wie das frische Holz im Frühling. Sich verzehren – buchstäblich zwar brutal, aber doch die Leere ohne Dich umreißend.

Das sind Worte, die das Zwischen sich als Raum erschliessen wollen, den all die Feindseligkeit in den Pornemen stählern verschlossen halten will wie Schandmasken und Keuschheitsgürtel.

Wenn Sinne fließen könnten, dann fänden sie das Wort für dieses Du und bräuchten Intimität vielleicht nicht mehr in Schlägereien suchen … Was nix gegen diese sagen soll. Man hat sie sich ja nicht ausgesucht.

iMIN3

Miles Davis‘ „Kind of Blue“ nur im Kopf mit mir tragen. Ganz gefangen in dem Versuch, mich an dessen Klänge zu erinnern, jeden Schritt den verhalten schleppenden Rhythmen anzugleichen und das Echo von „Cool“ in mir zu wahren. Das Pflaster spüre ich unter Ledersohlen und sinniere über den letzten Aufsatz von Merleau-Ponty: Die Gleichursprünglichkeit meines Leibes und dem des Anderen in der selben Ekstase. Das vorprädikative Bewusstsein, das leiblich wahrnehmend in der Welt aufgeht, deren Teil es zugleich ist.

Die Gitanes schmeckt nach Teer. Lust sucht verschämt sich den Anblick schwitzender Strassenarbeiter. Gedanken an Genets „Notres Dames de Fleurs“ steigen auf und verwehen. Aus der Jukebox eines Bistros dringen die letzten Takte eines „Valse Musette“. Sinatras Stimme folgt den Akkordeonklängen in das abendliche Abfallen all der Arbeitsalltagsanspannung, das die Gassen beherrscht wie eine gütige Concierge; der Alte an der Bar flucht in seinen Pernod, als er den Mafiosi hört.

Zwei Kinobesuche, mehr ist nicht drin pro Monat. „Fahrstuhl zum Schafott“ haben wir nur wegen des Soundtracks angesehen, sassen im dunklen Saal und schlossen die Augen, um keinen Ton zu verpassen.

Die Abende verbringe ich mit Lesen und plaudern – oder ich starre die Gasse entlang, die Taumelnden und Träumenden in die Dämmerung mit dem Blick verfolgend.

Gelegentlich trinke ich abends ein paar Gläser Rotwein und lausche im „Blue Note“ jenen, die in der Improvisation Themen umschmeicheln, variieren, wieder aufgreifen und über sich hinaus treiben – Themen, für die es keine Worte gibt.

Mein Auge versucht, den Blick der Cineasten zu imitieren. Die Diskussion im Radio kann Skandale erzeugen, die in den „Temps Modernes“ das Land erschüttern. Ein paar Kids begeistern sich für einen Elvis – aber who the fuck is Elvis? Und was wäre es für ein Verlust gewesen, wenn von heute auf Morgen das iPhone, auf dem ich gerade schreibe, in diese Welt eingebrochen wäre … das Klacken beim Antippen der Buchstaben auf dem Touchscreen imitiert wie ein Echo vergangener Tage nur den Anschlag der Schreibmaschinen, der einst den zur Sekretärin verdammten den Alltag erfüllte. Den sie los ließen, wenn sie abends die Gasse entlang starrten und lächelten, weil ein paar Klänge Miles Davis‘ aus dem möbelierten Zimmer des Studenten nebenan erklangen. Denn der Gatte bekam davon immer Kopfschmerzen und konnte so den Vollzug der Ehe nicht einfordern. Sie hatte ja noch nicht mal ein eigenes Konto …

Manchmal, wenn er mit seinen Kollegen saufen ging, trafen wir uns, setzten uns an eine Baustelle und sahen den Arbeitern zu. Sie wippte mit dem linken Fuss, ich mit dem rechten, während wir versuchten, uns die Erinnerung an die Klänge von „Kind of Blue“ nicht nehmen zu lassen …

Sprachlich verarmte Kulturpessimisten

Wenn man die Zeichensetzung ändert, wird das noch schöner (via hrafnsgaldr/twitter):

Der ehemalige New-York-Times-Kolumnist David Bouchier nannte Twitter das Medium der sprachlich verarmten Kulturpessimisten.(…) : Die Kurznachrichten sind Ausdruck einer SMS-artig verkürzten Jugendsprache und Twitter ist ein Hort der Belanglosigkeiten.

Nieder mit dem Aphorismus, möchte man das fort schreiben. Schmeichelt mir aber, als alter Sack Jugendsprache attestiert zu bekommen.

Dem zum Trotze ist die Belanglosigkeit vermutlich  bestes Mittel gegen totalisiertes Effizienzdenken. Sich der Irrelevanz ganz hingeben … nicht umsonst durften die Sklaven einst auf den Baumwollfeldern nicht miteinander quatschen, sondern mussten dafür in die Kirche gehen. Und „Tratsch im Treppenhaus“ ist ein Ohnesorg-Klassiker. Und überhaupt sind das Schönste doch die Nebensachen dieser Welt …

MFSB & The Killer Funk Allstars Orchestra

Passt zum Wetter. Disco als Feeling in den Alltag holen. Warum nur Samstag nachts? Make love, not war. Dance-Inns, Kiss-Inns, Fuck-Inns veranstalten, anstatt sich dem Verwertungzwang zu beugen. Den Anteil der Anteilslosen einfordern. Für die Discatur des Proletariats!

Politik, Lebensform und der FC St. Pauli

Das Spezifische historisch verorten

Wenn die EMMA Kampagnen startet, wird es wirklich finster. Ich hätte gerne wieder richtigen Feminismus und nicht so eine verblödete, ressentimentgeladene bräunliche Hetze, wie dieses Blatt sie immer wieder verbreitet.

Schwules und lesbisches Leben IST nun mal unter Bedingungen des Patriachats und unter dem Diktat der substantialisierten Geschlechterdifferenz nicht das gleiche, und so unterscheidet sich auch die Form gesellschaftlicher Sanktionierung – historisch wie gegenwärtig. Kann man alles aus der feministischen Tradition lernen; wieso zum Teufel forciert stattdessen eine angeblich feministische Zeitung eine Debatte, wie sie gerade rund um das Homo-Denkmal in Berlin tobt? Lesben und Schwule gegeneinander ausspielen, indem man deren Identität behauptet, hanebüchen, und die gehen auch noch brav aufeinander los. Das ist genau so idiotisch wie die Empörung mancher Schwarzer, dass „immer nur über die Shoah geredet würde, aber nie über Sklaverei und Kolonialismus“ – weil ja der zweite Teil das Grausame ist, nicht die Thematiserung der Shoah. Da hebt sich nix auf.

Bei solchen Debatten läuft doch implizit mit, dass Auschwitz ja nicht ganz so schlimm gewesen sei, einen Genozid an Armeniern und Aerican Natives habe es schließlich auch gegeben. AAAAAAARRRRGH!

Katholiken und andere Konservative lachen sich doch weg, wenn sie das lesen, und man fragt sich ja fast, ob nicht genau das intendiert ist. Mit wem Frau Schwarzer kungelt, das ist ja auch bekannt.

Was für eine schwachsinnige Frage, ob nun lesbisches Leben im 3. Reich genau so schlimm sanktioniert wurde wie schwules – der Konter der schwulen Opponenten ist insofern auch völlig absurd. Ganz offenkundig gab es UNTERSCHIEDE, und wieso kann man die nicht als solche bestehen lassen? Stattdessen wird ein völlig falsch verstandener Universalismus, der alles historisch Sepzifische einebnet, proklamiert, dass es den Atem raubt, wie die Süddeutsche zutreffend kommentiert:

„Jetzt sollen die Verbrechen – jedenfalls die an den Homosexuellen – nur noch ein Beispiel sein, ein exemplarischer Fall in einer allgemeinen Systematik der Menschenrechtsverletzung, eine Etappe im verlustreichen Kampf um Emanzipation, ein Instrument im guten Kampf. Das mag nicht die Absicht sein derer, die für die Integration der lesbischen Liebe in das Homosexuellendenkmal kämpfen, aber es ist die unvermeidliche Folge.“

Das ist schlicht eine Forcierung  des Heteronormativen als solchem, eine Bestätigung der Identität des Abkünftigen, ein Schlag ins Gesicht der 15.000 Ermordeten und der Lesben im „3. Reich“ zudem, weil wiederum deren spezifische Erfahrung ans Männliche assimiliert wird. Mit der Pointe, auf das Gegenargument strukturell bezogen zu bleiben, dass es ja schlicht immer schon so gewesen sei, dass das natürliche Begehren die widernatürlichen Formen zu recht ausmerzt – ist doch normal und universell so gegeben. In allen Weltreligionen blablabla …

Besser kann man die spezifische Funktionsweise des Nationalsozialismus gar nicht dem Vergessen überantworten.