Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… hat denn niemand diese kolossale Änderung der Welt gesehen?“ (Klaus Hoffmann)

Doch! Ganz viele sogar. Und konnten es kaum fassen. Da war ein kurzer Moment des Staunens, als Charles Takyi am Freitag das 1:0 geschossen hat. Tolles Tor. Und die Welt war eine andere.

Das ist was ganz Erstaunliches, wie Handlungen die Welt verändern. Was sie bewirken. Rumms, schon fiel das nächste Tor. Na, stimmt nicht ganz. Schuss, Torwart wehrt ab, Tändeln, kein Koblenzer greift an, Naki kann Maß nehmen, drin isser .

Trotzdem eigentlich der so knapp verschossene Elfmeter von Florian Bruns noch viel schöner war, weil Schönheit ja auch von Leid und Tragik lebt. Ewig gut gelaunte Optimisten sehen meistens Scheiße aus. Zu glatt. Da muss sich in individuellen Welten schon Vielschichtiges bewegen, dass Schönheit geboren wird wie die Venus auf Boticellis visuellem Evergreen. Trifft ja auch auf Charles zu: Was haben wir gelästert! Aber die letzten Spiele – grandios!

Lese ja gerade ein wenig in Herrn Zizek rum, und das ist schon dolle, wie er in Auseinandersetzung mit Kant, Heidegger und Hegel jenen Raum erkundet, der im Subjekt selbst als Einheit aus Rezeption und Imagination dem Begrifflichen selbst vorgängig ist. Und wie genau dieser Raum stets Neues begehrt.

„Ein anderes Beispiel mag die Spannung einer im Entstehen begriffenen Liebesbeziehung sein: Wir alle kennen den Charme der Situation, kurz bevor das zauberhafte Schweigen gebrochen wird – beide Partner sind sich ihrer gegenseitigen Attraktion sicher, eine erotische Spannung liegt in der Luft, die ganze Situation scheint „bedeutungsschwanger“, alles drängt und sucht nach dem entscheidenden Wort, das sie benennen soll -, doch genau in dem Augenblick, in dem das Wort ausgesprochen ist, passt es nie genau, erzeugt eher eine Verstimmung, und der Charme der Situation ist dahin (…).“

Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, Frankfurt/M. 2010, S. 84

Das stimmt. Das ist aber beim Tore schießen anders. Der anschließende Torjubel bezeichnet ja gar nicht das Tor, sondern bringt etwas zum Ausdruck. Die Welterfassung des „Juchhu, wir führen!“ Und dass eine ausdrucksadäquate Sprache der Liebenden noch ihrer Erfindung harrt, vom Gedichtwechsel zwischen Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler und vielem von Shakespeare mal abgesehen, das ist ja schlicht so gewollt vom Kapitalismus als solchem.

Aber gerade deshalb ist ja das Millerntor oft einen Schritt voraus, auf dem Wege zum Nicht-Ort der Utopie: Dieser Torjubel ist ein treffender Ausdruck von Liebe, die kurz sogar mal Gräben zuschütten kann.

Zum Fortschreiben dessen, was bei bei den Liebenden in Zizeks Text schief geht, hin zu einem imaginierten Besseren hat man sich dem anzunähern, was in Charles vorgegangen sein muss, kurz bevor er schoss – der hat sich dieses Tor ja nicht begrifflich erwollt. Ja, erwollt. Erarbeitet ist ja nur was für Kapitalisten. Der wollte „das Spiel in die Hand nehmen“, verführen, brillieren, begehrenswert sein, in seiner Rolle als Fussballer, versteht sich, und es ihm ja so prächtig gelungen, dass auf den Rängen durch die handelnde Imagination des Sich-in-Rausch-Versetzens ein großes, philosophisches Problem einmal mehr gelöst wurde: Ausdruck statt Bezeichnung! Und der Rausch auf den Rängen wiederum veränderte das Spiel ….

Und die Welt war eine andere als zuvor – die am Millerntor. So, dass das Spiel surreal erschien, so, als sei der Rausch der Welt selbst in die Glieder gefahren, als sei das ganze Spiel ein imaginierter Ort, einer, wo plötzlich Wunder geschehen, Uhren fließen und Giraffen brennen! Wusch, wieder ein Tor und fast schon der Aufschrei „Nein! Das geht doch nicht! Das kann der doch den Koblenzern nicht antun!“, als der zweite Elfmeter gepfiffen, der dritte geschossen wurde, weil wir doch sowieso schon 5:0 führten.

Gut, das Torverhältnis kann freilich noch entscheidend werden, aber auch die letzte Viertelstunde, die noch irgendwie rumzubringen war, wirkte wie absurdes Theater. Herrlich drum all die „Stani raus!“, „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ und „Wir haben die Schnauze voll Chöre“ beim Stand von 6:1; nach dem heutigen Ergebnis des HSV ja eigentlich noch lustiger.

Und die Welt änderte sich weiter. Das ist ja das Erstaunliche, dass die das ständig tut und alle diesen „Alles fließt!“-Sprüchen jederzeit zustimmen würden, aber zumeist doch auf Erhaltungs- Absicherungsmaßnahmen bauen. Es sei denn, sie werden ausnahmsweise auch mal blockiert. Dann wollen alle rein.  Freie Fahrt für freie Bürger!

Aber nicht immer. Ist ja schon lustig, was für Debatten entbrennen, nur weil jemand in meiner Gegenwart ein Budweiser als „schwul“ bezeichnet. Auch so eine Veränderung von Welt, diese Diskussion danach.

Für diese Prozess sich zu sensibilisieren, für jene, da durch Wahrnehmung, Imagination und Handlung etwas wirklich Neues geschieht, das ist – sah, glaube ich, auch Hannah Arendt so -, der Raum des Politischen. Und Problem ist, dass das in Werbeagenturen, Think Thanks und „Medien“ abgewandert ist und sich als Politik schon gar nicht mehr versteht. Dabei muss man sich doch nur in Charles Takyi versetzen in den Moment, kurz bevor er den Ball im Netz versenkt … wenn das gelingt, dann haben wir noch eine Chance.

Die zum Aufstieg ist ja nun schließlich auch, einst nur imaginiert, ganz eindrucksvoll wahr geworden!

Eine Antwort zu “„… hat denn niemand diese kolossale Änderung der Welt gesehen?“ (Klaus Hoffmann)

  1. Pingback: Surreales Siegen am Millerntor | fussball lebt

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