Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Alles nur ein Generationskonflikt, liebe Domschänkenmitsäufer?

„Leute, die ihr zum Großteil gar nicht kennt, stellen sich für eure Rechte, Menschenrechte, für euren bezahlbaren Wohnraum, für eine bessere Gesellschaft vor gepanzerte Staatsschergen und die Kanonen von Wasserwerfern, mit erhobener Faust, müssen Repressalien fürchten um für Dinge zu kämpfen, die für euch selbstverständlich und von vornherein gegeben sind. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Ist ja auch viel schöner, mit seinem Drink in der an der Route liegenden Galaobar zu stehen und sich an den bunten Blaulichtchen und dem schaurig schönen Schauspiel vorbeiziehender Leute zu erfreuen, die den Mund aufmachen, während ihr auf eurem kleinen Egoplaneten steht und Handyfotos macht.“

Er hat ja recht.

Trotzdem war ich gestern sauer, als mir genau dieser Habitus unterstellt wurde.

Schon auf dem Weg zum Geburtstag eines guten Freundes, im O-Feuer gefeiert, herrschte im Wortsinne eine gespenstische Atmosphäre: Stille lag über der Stadt bis auf die Blaulichter und Sirenen, die massiert auf dem Sieveking-Platz ihr Gewaltpotenzial zelebrierten. Wasserwerfer, zahlreich, Mannschaftswagen und ein empörter Busfahrer, der mich fuhr, weil zwei der „Wannen“ auf der Busspur standen und ihm die Sicht auf die Ampel erschwerten. Mich erstaunte, dass auch dieser so bieder wirkende Herr um die 50 offenkundig tiefen Groll gegen die Polizisten hegte.

Die waren natürlich wie üblich zum Teil ganz schon sexy; überlegte kurz, dem einen, der sich appetitlich in seinem engen T-Shirt räkelte da in seinem grünen Gefährt, zuzuzwinkern, wusste aber nicht, ob der das auch richtig verstehen würde;-) … und erinnerte mich nostalgisch an die Wirren rund um die Alte Flora, damals, ’88 muss das gewesen sein, als ein Bekannter eine Anzeige erhielt, weil er einen Polizisten fragte, ob der mit ihm ficken wolle.

Als wir bereits angesäuselt im O-Feuer Zustände in deutschen Großverlagen diskutierten – nicht, weil ich da arbeiten würde! -, kam der Demonstrationszug vorbei: Ein viel zu kleines Häuflein protestierte gegen die Hamburger Abschiebepolitik. Zwei Selbstmorde in letzter Zeit hatten einmal mehr verdeutlicht, wie widerwärtig in einem Land, das einst Staatenlose produzierte wie kaum ein anderes, genau diese Praxis weiter betrieben wird. Aber wenn man die Ausweisung von Hans-Werner Sinn fordert, ist das Geschrei groß und diktatorische Fantasien werden unterstellt. Verlogen. Bigott. Und so was nennt sich liberal.

Ich war überrascht, wie blutjung viele der Demo-Teilnehmer waren. Stand vor meinem Stammlokal, rauchte eine, und musste mir zurufen lassen, ich würde mich aufregen, wenn irgendwo Autos brennen, Tote in der Abschiebehaft fände ich jedoch nicht weiter schlimm. Gemein. Rief auch „Stimmt doch gar nicht!“, das haben die aber bestimmt falsch verstanden. Kann meine Lebensleistung im Rahmen publizistischer Praktiken im wahren Leben nicht als fernab der politischen Praxis, die eine Demo bedeutet, begreifen. Aber das können die ja nicht wissen.

Weil sie natürlich recht hatten: Drinnen in der netten Runde wurden all die Klischees tatsächlich aufgewärmt. Viele, die da demonstrierten, wüssten doch oft gar nicht wofür oder wogegen und wollten nur Randale. Die aufrechte Empörung, die mir immer lieber sein wird als dieses zynisch-„realistische“ Gewetter gegen „Berufsempörer“, in den Gesichtern der Youngster ganz vorne in dem Zug sprach deutlich vernehmbar anderes. Weil sie sich noch die so oft für ach so lustig befundene Betroffenheit im Wortsinne bewahrt haben, wenn Menschen sich unter Zwangsbedingungen  umbringen, ja, Walter Benjamin; die Fähigkeit zur Emphatie, die all die „Realisten“ sich ausgtrieben haben bis zur Versteinerung. Erstaunlicher war insofern, dass jene, die in der netten Runde zwar bestens wussten, was in Demonstrantenhirnen vor sich geht, von den Zuständen in der Abschiebehaft nichts mitbekommen hatten. Musste ich denen erst mal erzählen.

Thema sonst waren aber die Kahlschläge in den Großverlagen. Einer arbeitete da, der Kollege, der am Schreibtisch lange Zeit ihm gegenüber saß, war gerade „freigestellt“ worden. Die Zusammenlegung zu Zentralredaktionen, in denen weiter „saniert“ wird, ist ja Alltag im noch bezahlten Journalismus, und das Heer der Freien wächst.

Wie üblich war für mich unverständlich, dass sich in so großen Organisationen die Leute nicht zusammen tuen. Ob er denn im DJV wäre. Nee, da doch lieber private Rechtsschutzversicherung. Ach so. Den Geschäftsführer des Hamburger DJV kenne ich zufällig ein wenig persönlich; imposant, wie der sich aufreibt für genau die, die lieber eine private Rechtsschutzversicherung abschließen. Irgendwann habe man halt Familie, wolle die ernähren, und mit dem Protestieren käme das dann halt nicht mehr so gut. Und erreichen würde man eh nix. Die nackte Angst. Man sei halt froh, wenn man nicht zu den „Freigestellten“ gehöre. Der Freiberufler neben mir äußert Verständnis – ob ich denn wisse, wie man als Freiberufler lebe? Ja, weiß ich, bin ich nunmehr auch. Die Festangestellte mir gegenüber, ebenfalls in einer Großorganisation tätig, sagt, sie habe auch keine Lust mehr, sich ständig aufzureiben, aber könne sich das als unbefristet Festangestellte wenigstens leisten.

All die Diskussionen mit unseren liberalen Weggefährten, ich nenne das mal trotz allem so, man hat ja auch dann viel Zeit miteinander verbracht, wenn die Fetzen flogen und man sich wechselseitig an die Gurgel gehen wollte und kann sich so bei Twitter auch problemlos Jokes wechselseitig rüber schieben: All das, genau das, haben sie ständig abgestritten. Diese Erpressung und instituionalsierte Angst, die in der „Arbeitsagentur“ ihr Pendant findet.

Wieso nur fiel mir bei diesem ganzen Geschehen die Wallküre beim Einlass zur „Nord“ am Freitag wieder ein? Nein, ich habe nicht generell was gegen blonde Frauen! Auch nicht, wenn sie groß und schwer sind, schwarz gerandete Pseudo-Designer-Brillen tragen und schulterlange, blondierte Dauerwellen. Auch nicht, wenn kleine, dicke, grauhaarige Typen mit Kurt-Beck-Bart und Army-Jacke, die selber aussehen, als wären sie bei einer Gewerkschaft fest angestellt, mit ihnen Empörung teilen.

Nicht etwa über Abschiebehafthaft. Nö. Über die Ultras, USP. Und sie, während wir alle drängelten und endlich rein wollten, obgleich wir doch gar nicht wussten, was uns das Großartiges erwarten würde, ergingen sie sich in Sätzen wie „Die sollen doch ihr Maul nicht so aufreißen“ „Die sollen doch schön brav sein!“ „Die sollen ihren Rand halten!“ Ganz, als hätten sie gerade federführend ein paar Redakteure im Großverlag frei zu stellen …

Wie hieß es noch bei Janis Joplin? „Freedom’s just another word for nothing left to loose“. Wenn die Leute doch nur mal wieder schnallen würden, dass das längst schon wieder wahr ist …

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