Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kein Tag mehr ohne die …

Auf dem Weg vom Kiosk zurück ins Büro – habe was vergessen.

Eine Gruppe von Jungs um die 16 kommt mir wutentbrannt eilend entgegen – weder schwarz noch weiß, eindeutige klischeebewehrte „Herkunfts“zuordnungen völlig unmöglich, optisch zwischen allen Stühlen.

Die Autotür eines schwarzen Golfs öffnet sich. Blondine im Öko-Wickelkleid-Look springt heraus und kreischt den Jungs hinterher: „SPRATZSABBERIIIIRGHBLUBBIIIIAAAARGHROTZKOTZBRUTT sucht euch gefälligst Arbeit!“

Mann um die 30 sitzt vor der Pizzeria, nahe des Ortes des Geschehens. Brüllt dem Biest zu: „Sag mal, was is’n hier los? Sind wir hier in Pinneberg oder was?“ Ich nicke zustimmend, sehe noch, wie das Blonde auf ihn zu schießt.

Gehe ins Büro, hole vom Schreibtisch, was ich vergaß. Komme raus: Gatte des blonden Biestes steht bei dem Mann um die 30, empört sich, quatscht ihn nieder. „Entschuldigen Sie, lassen Sie mich in Ruhe, ich will jetzt telefonieren.“ Gatte echauffiert sich weiter. Ich trete hinzu, klopfe Mann um die 30 beifällig auf die Schulter. Die Pizzeria-Belegschaft umringt das Geschehen. Gatte trägt frisch gebügeltes blaues Hemd, Lederweste, grauhaarig, an die 50, extra etwas länger gelocktes, zerzauseltes Haar signalisiert ebenso Bildungsbürgertum wie die legère Cordhose. Sieht eher aus, als würde er einen Laden für Bio-Weine betreiben.

„BLOBBZOPPPOLTERWOOOORGH – ich sitze da – UNBESCHOLTENER BÜRGER  – und dann kommen diese Prolls ….“

Mann um die  30: „Ich bin auch ein Proll.“

„ZOPPELSPRUNZBLUBBERWUMPEWACKERHAUSEN also, ich als BÜRGER …“

Ich: „Das waren auch gerade Bürger“, noch ganz im Gefühl, von Herrn Kluth, Regierungsgutachter, die partielle juristische Aberkennung des Bürgerseins bestätigt bekommen zu haben. Die Jungs waren für den Gatten des blonden Biests auch keine.

Mann um die 30: „Komm, fahren Sie zurück in Ihre Vorstadt …“

Gatte: „Haben Sie gehört, was die gesagt haben?“

Ich: „Nee, aber was sie gesagt hat, habe ich gehört“.

Selbst wenn die Jungs mir noch ein „schwule Sau“ zugeraunt hätten, hätte ich es nur halb so schlimm gefunden wie den Auftritt der arbeitenden „Bürger“.

Pizzeriabetreiberin kommt raus, hält Mann um die 30 zurück, „Komm, da sitzt ein Kind im Auto, das geht doch nicht ..:“

Ich: „Aber er hat doch recht!“

„Ja, aber mit Kind, das tut mir immer weh …“

Gehe zum Bus, will Fahrkarte lösen, geht nicht: Apparat kaputt. Muss schwarz fahren.

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12 Antworten zu “Kein Tag mehr ohne die …

  1. che2001 April 23, 2010 um 6:02 pm

    Wo kämen wir auch hin, wenn die Upper Middleclass nicht einmal mehr Menschen verachten dürfte?

  2. Katzenblogger April 24, 2010 um 5:16 pm

    Das berühmte „Treten nach unten“.

    Das ist das Standardverhaltensmodell von Faschos/Rechtsextremisten, unterschichtlerischen Intensivgewalttätern, FDP-Anhängern unter den Rechtsanwälten, rechtsbürgerlichen Mahnern gegen den Sozialstaatsgedanken (sogenannte Publizisten) und den Rechtsauslegern der Upper Middleclass.

    Klingt komisch, ist aber so.

  3. momorulez April 24, 2010 um 5:30 pm

    Wobei die „unterschichtlerischen Intensivgewalttäter“ zwar punktuell entschieden mehr, flächendeckend aber weit weniger Schaden anrichten als diese selbstgerechten „Normalen“, die sich als Zentrum sehen und zugleich exkludieren und umerziehen wollen. Ekeliges Pack. Und je extremistischer die werden, desto mehr knallt es überall.

    Wieso fällt mir das in letzter Zeit eigentlich so massiert auf? Bin ich neuerdings sensibilisierter, oder ist das wirklich schlimmer geworden?

  4. MartinM April 24, 2010 um 5:33 pm

    Jutta Ditfurth warnte in ihrem streckenweise hysterischen Buch „Entspannt in die Barbarei“, dass eine faschistoide Bewegung, die in Deutschland regierungsfähig wäre, nicht von den offen auftretenden Neonazis und auch nicht von der Neuen Rechten getragen würde, sondern von der „verbürgerlichten“ früheren Alternativ-Szene.
    Ich gebe der oft verbohrten „Ökolinken“ ungern recht, aber das könnte stimmen.

  5. momorulez April 24, 2010 um 5:39 pm

    Mir kommen die, gerade als Hamburger, also schwarz/grün, langsam auch als eine solche Avantgarde vor.

    Wobei ja umgekehrt die ganze Diskussion rund um die Schulreform eher in eine gegenteilige Richtung weist. Dass Frau Goetsch den Kampf aufgenommen hat, das imponiert mir dann doch. Und da kommen ja Sprüche von den Gegnern aus den Elbvororten, das verschlägt mir schlicht die Sprache und passt auch zur Erlebnisskizze oben: „Es kann doch nicht angehen, dass der Sohn eines Vorstandsvorsitzenden mit dem Kind eines Arbeiters auf dem Schulhof spielt!!!“ Da ist schon, wie nennt man das, offener Oberklassenfaschismus?

  6. che2001 April 24, 2010 um 6:36 pm

    Aber dieses Buch von Jutta ist 15 Jahre alt. Momo meint ja einen wesentlich kürzeren Zeitraum, seit ihm das auffällt. Ich habe allerdings schon so um 1992 erlebt, wie Bremer Ostertorviertel-Bewohner sich entsprechend hysterisch benahmen. Der grüne Mittelstand, Ex-Hausbesetzer, die kurz davor waren, gegen Junkies eine Bürgerwehr zu gründen, und Türkengangs, die auf dem Wall Kurden verhauen gehen, was von linksgrünen Multikulti-Freunden auch noch als die „Selbstregulierung des Migrantenmilieus“ verklärt wurde (im Sinne von „wir brauchen keine Polizeipräsenz, das machen die Türkenkids schon selber). Und das geht bis heute so weiter, hatte ich ja schon was zu gebloggt und dann bezeichnend etatistische Reaktionen hervorgerufen.

    http://che2001.blogger.de/stories/1514410/

    Meine These wäre, dass das unterschwellig schon immer vorhanden war und das Pegel nur verschieden stark ausschlägt.

  7. Katzenblogger April 24, 2010 um 6:51 pm

    Ein Trend zum Oberklassenfaschismus. Gutes Wort; werde ich mir merken.

  8. momorulez April 24, 2010 um 7:05 pm

    Oder eben Klassismus, den hatte ich schon fast wieder vergessen, den Begriff, dabei ist der hervorragend!

  9. Katzenblogger April 24, 2010 um 7:33 pm

    Der Totalitarismus der Herrenmenschenökonomie.

  10. che2001 April 24, 2010 um 9:57 pm

    Wo ist denn mein letzter Kommentar abgeblieben?

  11. momorulez April 24, 2010 um 11:27 pm

    Habe ihn gerade frei geschaltet, der war irgendwie im Spam-Ordner gelandet, und ich war gerade Geburtstag eines Freundes feiern …

  12. Pingback: »Auf dem Weg vom Kiosk zurück ins Büro« « »Wir haben nur Steine.«

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