Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

2 mal Zizek: Liberalismus als totalitärer Alptraum und Maos Antiautoritarismus

Puhh. An dem Buch „Auf verlorenem Posten“  von Slavoj Zizek knabber ich gerade richtig rum. Obwohl ich erst auf Seite 84 bin. Gar nicht, weil es so schwierig wäre, sondern weil es so gnadenlos los holzt – das ist wirklich atemberaubend. Obgleich es für Zizeks Verhältnisse schon gezügelt gebaut sein soll.

Nachdem ich lange Zizek für einen notorisch provozieren wollenden Philosophieclown gehalten habe, wird nun nach Jahren der fälschlichen Ignoranz mir klarer, dass da jemand sehr ernsthaft, aber mit spielerischer Methodik versucht, das „linke Projekt“ zu retten, ohne sich von all den Ausläufern der Totalitarismustheorien allzu sehr beeindrucken lassen zu wollen.

So schwankt er dann zwischen brillianter Kritik und in ihrer Allgemeinheit richtigen Forderungen – „den Anteil der Anteilslosen fordern, weil nur sie das Allgemeine verkörpern können“ -, und fragwürdigen bis zutiefst reaktionären Traditionalismen und Sittlichkeitsvorstellungen hin und her. Bereitet wirklich pointendichtes Lesevergnügen und immer wieder Schockwirkungen. Ein wüstes, lautes, tolles Denken in seinem Vollzug, bei dem ein doch sehr finsterer Schatten mit läuft.

Man muss das Buch, glaube ich, eher wie eine Aphorismensammlung lesen, die in dialektischer Manier die Welt und in ihr auffindbare, spezifische Phänomene wie z.B. die kongolesischen Kriege in ihre inneren Widersprüche zerlegt und so viel Überraschung schafft – bis diese sich um Übersichtlichkeit sich durchaus bemühende und begrifflich nicht inkonsistente Übersicht über die Aktualisierung der klassischen Topoi linker Theorie und Praxis ausgereifter ist, braucht sie, so glaube ich, als Lektüre-Zwischenstand sei das verstanden, noch sehr viele Leser und Weiterdenker.

Allein jedoch die vehemente Berufung auf einen Hegelmarxismus (unter teils umgekehrtem Vorzeichen) macht diese Lektüre notwendig, glaube ich. Zudem vieles, was eher herbei assoziiert hier von Anderen und mir in den Diskussionen der Kommentarsektion mit unseren liberalen Wegbegleitern erläutert wurde, sich dort gebündelt und komprimiert findet: Es ist vertrautes Terrain.

Ab und an werde ich mal was heraus greifen und lege mit zwei Zitaten los:

„Hier begegnet uns das Grundparadox des Liberalismus. Die antiideologische und antiutopische Haltung ist in den Kern der liberalen Vision eingeschrieben. Der Liberalismus begreift sich „Politik des kleineren Übels“, er strebt eine Gesellschaft an, die „so wenig schlecht wie möglich ist“, und glaubt dadurch größeres Übel zu verhindern, weil für ihn jeder Versuch, ein positives Gutes direkt durchzusetzen, die ultimative Quelle allen Übels ist. (…) Der Mensch ist ein egoistisches und neidisches Wesen; wenn man ein politisches System errichtet, das auf seine Güte und seinen Altruismus baue, wäre schrecklichster Terror die Folge. (…) . Je mehr ihr Programm die Gesellschaft durchdringt, desto mehr verkehrt sie sich in ihr Gegenteil. Sobald sich die Behauptung, nichts weiter zu wollen als das kleinste Übel, erst einmal als Prinzip der neuen globalen Ordnung etabliert hat, wird sie nach und nach genau das Merkmal des Gegners annehmen, den sie bekämpfen wollte. Die neue globale Ordnung behauptet von sich, die beste aller möglichen Welten zu sein; die moderate Zurückweisung von Utopien endet mit der Durchsetzung einer eigenen, marktliberalen Utopie, welche Wirklichkeit wird, wenn wir die Mechanismen des Marktes und der Menschenrechte richtig anwenden. Hinter alledem lauert der ultimative totalitaristische Alptraum: die Vision eines neuen Menschen, der seinen alten, ideologischen Ballast abgeworfen hat.“
Slavoj Zizek, Auf verlorenem Posten, Frankfurt/M. 2009, S. 59 – 60

„Es ist eine beinahe unglaubliche Ironie der Geschichte, daß Mao selbst die ideologischen Bedingungen für die rasche kapitalistische Entwicklung schuf, indem er das Gefüge der traditionellen Gesellschaft zerstörte. Wie lautete sein Appell an die Menschen, besonders die jungen in der Kulturrevolution? Wartet nicht, bis euch jemand sagt, was ihr tun sollt, ihr habt das Recht zu rebellieren! Also denkt und handelt selbstständig, zerstört kulturelle Relikte, denunziert und attackiert nicht nur eure Eltern, sondern auch Regierungs- und Parteifunktionäre! Fegt die repressiven Staatsmechanismen hinweg und organisiert euch in Kommunen! Und Maos Ruf wurde erhört – was folgte, war ein Ausbruch des ungezügelten Verlangens, sämtliche Formen von Autorität zu delegitimieren, so daß Mao am Ende die Armee einsetzen mußte, um die Ordnung einigermaßen wiederherzustellen.“

Ebd., S. 47-48

5 Antworten zu “2 mal Zizek: Liberalismus als totalitärer Alptraum und Maos Antiautoritarismus

  1. Loellie April 23, 2010 um 10:18 am

    Wenigstens ein Alibi-Kommentar muss hier noch hin.

    Bin gerade zu Faull ums zu suchen, wo du anmerktest, dass du im Prinzip hier auf deinem Blog versuchst was, wie es zumindest scheint, Zizek publiziert, eher freier Gedanke denn Postulat, sag ich mal so, weil ich immer und immer wieder bei unseren Diskussionen an eine noch offene Rechnung erinnert werde, von damals, als es mir zwischenzeitlich dann doch die Sprache verschlagen hatte.

    Die militante Agression, atemberaubend, die dir, weil so berechenbar umso schockierender, entgegenschlug; davon unberührt ist dein „BeeGees-Text“ das beste was ich in mittlerweile etlichen Jahren von dir zu lesen bekommen habe. Dafür, verspätet und doch an passender Stelle, Applaus und ausdrücklich Dank.

  2. momorulez April 23, 2010 um 10:54 am

    Ach, dankeschön!!!

    Und siehste mal, dieses „Gedanken ausprobieren“ und einfach mal drauflos schreiben, das hat auch dazu geführt, dass ich den BeeGees-Text jetzt glatt noch mal raus suchen müsste, weil ich mich aktuell an den gar nicht mehr erinnere, peinlich angesichts des Lobes.

    An die Aggression aber sehr wohl, und die war ein sehr durchgreifender A-Ha-Effekt für mich. Da habe ich mal wieder was gelernt, was ich nie lernen wollte. Das hat tatsächlich auch „in mir“ sehr viel verändert. Ich bin innerlich militanter seitdem.

  3. che2001 April 23, 2010 um 2:04 pm

    Jedenfalls tolle Textauszüge. Ich bin ja ohnehin der Meinung, dass bei Theoretikern, die aus dem früheren Jugoslawien kommen noch einige Schätze zu heben sind, wegen der anderen Perspektive, aus der die schreiben. Ich las da mal Alex Demirovic, der ist auch spannend. Befasst sich mit Staatstheorie von links, müssten die ganzen Stalinismusaufarbeiter mal lsen….

  4. Serdar Juli 5, 2010 um 9:10 pm

    Das hat mir sehr gute gefallen.

  5. momorulez Juli 6, 2010 um 12:12 am

    Ja! Sehr pointiert! Muss da wieder häufiger lesen!

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