Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Straftat“ und Meinungsklimawandel

Hier mal was für jene, die mit dem Argument „Das ist eine Straftat!“ pauschal und einfach, weil das so ist, Handlungen von Personen kommentieren:

„Wenn wir einen Homosexuellen zum Verfassungsrichter machen, werden wir eine Person ins Amt hieven, die zugibt, etwas getan zu haben, das bis 1962 in unserem Land ein schweres Verbrechen war… In manchen Staaten sogar bis 2003“, erklärte etwa die American Family Association (AFA), eine konservative christliche Gruppe, die über 180 Radiostationen Millionen Menschen erreicht.

Vergewaltigung in der Hetero-Ehe war vermutlich legal. Und genau die gleichen Leute malen bei Obamas Gesundheitsreform den Faschismus an die Wand, weil diese in „private“ Angelegenheiten eingreife.

Bigottes Pack – und später ein Eintrag, inwiefern DIE ZEIT zunehmend beginnt, solchen Leuten publizistisch die Räume frei zu schießen, wenn sie über „Provokateure“ wie Theo Sarrazin, Guido Westerwelle und Alice Schwarzer berichtet, denen vorsichtshalber auch ein Michel Friedman unter der Unterzeile „Tanz mir den Tabu-Tango – Warum Provokateure und Gesinnungspolizisten im deutschen Meinungsklima nicht ohne einander auskommen“ an die Seite gestellt wurde.

Ein flammendes Plädoyer dafür, dass es schon völlig in Ordnung ist, sich gelegentlich Huren oder Stricher, was auch immer das war, zu leisten und dabei fröhlich und lustvoll vor sich hin zu koksen, wird vermutlich nicht dabei heraus gekommen sein.

Schwarzer und Sarrazin „Provokateure“ zu nennen ist ja eh schon ein Witz. Etablierter im „Meinungsklima“ geht doch gar nicht, als in ZDF-Unterhaltungssendungen die Spaßfee zu geben oder Berliner Regierungsmitglied und Bundesbankvorstand zu sein. Da ist ja dieses alberne Abfackeln von Autos noch „provokativer“ – und ist, wenn das juristisch geahndet wird, die Polizei  „Gesinnungspolizei“? Um zum Ausgangszitat zurück zu finden … eben der Frage, was warum als Straftat gilt. Die Gründe für die „Legalisierung“ – absurd! – von „Homosexualität“ sind halt andere als die des Eigentumsschutzes.

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57 Antworten zu “„Straftat“ und Meinungsklimawandel

  1. Loellie April 17, 2010 um 10:32 am

    „…die Lobby-Gruppe Focus on the Family, die immerhin ein jährliches Budget von 140 Millionen Dollar aufbring…“

    Was nichtmal die Spitze des Eisbergs ist.

  2. che2001 April 17, 2010 um 10:43 am

    Na ja, man nennt ja auch Theo van Gogh einen Provokateur. Der sich meiner Meinung nach von den Provokateuren Michael Kühnen, Jürgen Rieger und – nomen est omen – Ernst Zündel nur geringfügig unterschied.

  3. che2001 April 17, 2010 um 12:12 pm

    Noch problematischer finde ich übrigens, dass in der gleichen Ausgabe der „Zeit“ darüber raisonniert wird, ob der Afghanistan-Krieg uns nicht lehre, dass die Menschenrechte eben nicht universal für jede Region gültig seien. Das ist Neue Rechte pur, das volle Programm des Ethnopluralismus.

  4. momorulez April 17, 2010 um 12:30 pm

    @Loellie:

    Definitiv. Die Evangelikalen pumpen dermaßen viel Kohle in die Hetze gegen uns, das ist eigentlich unvorstellbar.

    @Che:

    Das hängt doch zusammen, die Anti-Tabu-Nummer und die Relativierung der Menschenrechte.

    Ansonsten finde ich problematisch, dass bei immer mehr Leuten „Ethnopluralismus“, übrigens hat das viel mit Kommunitarismus zu tun, und Rassismus noch die Alarmleuchten aufblinken lässt, Homophobie aber zunehmend als quasi-natürliches Kavaliersdelikt verstanden wird.

    Was zum einen zu Gentleman führt, aber auch daran liegt, dass die Frage von „Ethnopluralisten“ beider Lager instrumentalisiert und von Menschenrechtsfragen so entkoppelt wird. Und auch daran, dass Frau Schwarzer wichtiger ist „schwule Lobbyisten“ zu Lesbenfeinden zu stilisieren, als an den §175 zu erinnern. Da tradiert sich, dass der nach Adolf einfach so bestehen blieb.

  5. che2001 April 17, 2010 um 12:54 pm

    Volle Zustimmung. Wobei ich es etwas unspezifisch finde, wie Du von „Den Evangelikalen“ sprichst. Es sind bestimmte Evangelikale, vor allem ihre besonders reaktionäre US-Hauptströmung und die deutsche Partei Bibeltreuer Christen. Aber auch die Heilsarmee ist eine evangelikale Organisation, und die Anonymen Alkoholiker waren in ihrer Gründungsphase ein evangelikales Projekt. Beides hat meines Wissens nichts mit Schwulenhass zu tun. Was den „Ethnopluralismus“ angeht ist das von allem Anfang an ein Begriff, der geschaffen wurde, um rassismus wieder formulierbar zu machen

  6. momorulez April 17, 2010 um 1:36 pm

    Ich werde noch mal ein Bibel- und intensives Studium evangelikaler Strömungen einlegen, bevor ich wage, mich zu denen zu äußern, die mich wahlweise vernichten oder verbieten wollen. Manmanman. Kassiopeia, ich hör Dir trapsen. Immer fair denen gegenüber sein, die Proganadaschlachten zu Zwecken der Volksverhetzung betreiben.

    Ich bin selbst in der evangelischen Kirche.

  7. che2001 April 17, 2010 um 1:52 pm

    Mir geht es darum, dass man auch nicht „Die Muslime“ sagt, wenn man Islamfundamentalisten meint. Ansonsten habe ich für Frömmler an sich und in jeder Form überhaupt nichts übrig.

  8. Loellie April 17, 2010 um 2:04 pm

    Wie wärs denn wenn DU dich mal mit „den Evangelikalen“ ausseinandersetzen würdest, anstatt beständing anderen Bildungslücken und mangelndes Differenzierungsvermögen zu attestieren. Mal ganz davon ab, dass „Die Muslime“ veralgemeinernd für eine extremistische Minderheit gebraucht wird, während Extremisus die Grundlage des Evangelikalen Weltbildes als solches ist, was selbstverständlich auch für die Heilsarmee gilt.

  9. che2001 April 17, 2010 um 2:15 pm

    Ich habe mich mit denen auseinandergesetzt. Es haben vor vielen Jahren auch mal welche bei uns im Haus gewohnt, und ich konnte mich sehr über deren Weltsicht wundern. Ich würde vielleicht nicht Extremismus, aber zumindest eine voraufgeklärte, pietistische Religionsauffassung als Grundlage ihres Weltbildes betrachten. Aber die Variante der Evangelikalen, die, von den USA ausgehend, die ganze Welt zu ihrer Variante des fundamentalistische Christentums bekehren, dabei Homos umerziehen oder ermorden und heilige Kriege gegen den Islam führen wollen, das sind doch nicht alle Evangelikalen und auch nicht ihre Mehrheit. sie sind aber ganz unmittelbar verbunden mit dem rechten Establishment in den USA, insbesondere der Bush-Mafia. Mir stellt sich da ja immer die Frage nach Verbindungen zu Geheimdiensten und Think Tanks. Welche Rolle diese eklige evangelikale Mission in bestimmten Ländern Afrikas spielt bin ich überfragt.

  10. momorulez April 17, 2010 um 2:23 pm

    Und während Che dann noch dabei ist, den Tunten zu erläutern, wen sie angreifen dürfen und wen nicht, ganz weil seine süße Freundin ja in lustigen Häkelgruppen kleine, süße, schwarze Kinder füttert, sorgen evangelikal verteilte US-Millionen derweil dafür, dass wieder in einem weiteren afrikanischen Land die Schwuppen gejagdt werden.

    Der Unterschied besteht alleine schon darin, dass Muslime in Deutschland selbst eine Minderheit sind, und im Falle der iranischen Mullahs hingegen hätte ich auch keinerlei Probleme mit Begriffen wie Islamofaschismus und da sehr viele säkular-muslimische Iraner auf meiner Seite.

    Ich bezweifel aber doch deutlichst, dass innerhalb von organisierten, us-amerikanischen Evangelikalen eine solche Unterscheidung überhaupt Sinn macht. Und da das um die 50% aller US-Amerikaner sind, ist das eine immense Wirtschaftsmacht.

    Ich kriege hier schon wieder das Kotzen – ich habe keine Lust mehr, mich von Heten dafür zurecht weisen zu lassen, dass ich da akut bedroht werde. Aber es gibt doch die Heilsarmee!

  11. MartinM April 17, 2010 um 2:24 pm

    @che: die Heilsarmee vertritt meines Wissens bis heute eine schwulenfeindliche Haltung – nicht aggressiv wie die PBC, auch nicht so vorwurfsvoll-anklagend wie es z. B. der Vatikan immer noch betreibt, aber immer noch mit der Grundannahme, dass Homosexualität so etwas wie eine psychische Krankheit sei. Die Grundideologie ist ähnlich wie bei den Hasspredigern, wenn auch die Praxis der tätigen Hilfe sie im Alltag (glücklicherweise) überdeckt.

    Was den Ethnopluralismus angeht: je mehr ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir, dass dieses Richtung von Anfang an auf ein Apartheitsystem hinausläuft. Es ist eine äußerliche modernisierte Form des Nationalismus und Rassismus / Kulturalismus, die manchmal sogar an multikulturalistische Rhetorik anknüpfen kann und sich sogar „politisch korrekt“ geben kann. Allerdings nur äußerlich.

  12. momorulez April 17, 2010 um 2:25 pm

    @Che:

    „Ich würde vielleicht nicht Extremismus, aber zumindest eine voraufgeklärte, pietistische Religionsauffassung als Grundlage ihres Weltbildes betrachten.“

    Na, dann bin ich ja total beruhigt. Merkst Du noch was?

    Ich hatte auch mal Türken neben mir wohnen, die waren total schmutzig und haben immer die Treppe nicht geputzt, ergo: Alle Türken sind schmutzig und rücksichtlos. Aber die waren ja auch nur Bauern aus Anatolien, voraufgeklärt, kulturell noch nicht so weit wie ich.

  13. momorulez April 17, 2010 um 2:28 pm

    @Martin:

    „Die Grundideologie ist ähnlich wie bei den Hasspredigern, wenn auch die Praxis der tätigen Hilfe sie im Alltag (glücklicherweise) überdeckt.“

    Das ist ja der Trick des „compassionate conservatism“ – einerseits gegen jegliche staatliche Unterstützung wettern, dann alles, was hier rechtebasiertes „Sozialsystem“ ist, über die Gemeinden laufen lassen, und allen, die sich diesen verqueren Moralvostellungen nicht beugen, Pathologie, Widernatur oder eben schlicht Egoismus rüber schieben.

    Im Grunde genommen ähnlich wie NPD, wenn die die brachliegende Infratsruktur im Osten annektieren, Jugendclubs und ähnliches.

  14. che2001 April 17, 2010 um 2:50 pm

    Mooooment mal! Dass diese Leute ein gemeinsamer Feind sind ist doch selbstverständlich. Moral Majority Rednecks würden keinen Unterschied machen, ob sie nun Schwule, Commies, Kiffer oder Bizarrologen zusammenhauen, gehauen wird.

    @“ich habe keine Lust mehr, mich von Heten dafür zurecht weisen zu lassen“ —- Ich bin kein normalisierter Hetero, ich bin ein zwischen dominanter und submissiver Rolle switchender SMer mit Blümchensexphasen und langjähriger Totalabstinenz, und in der Welt, in der ich lebe damit in einer weit weniger akzeptierten Rolle als die Schwulen, die ich so kenne. Meineneinen nennen auch Linke „pervers“.

  15. che2001 April 17, 2010 um 3:13 pm

    Und ich habe nicht die mindeste Absicht, irgendwen zurechtzuweisen, sondern äußerte nur eine Randbemerkung mit dem freundlich gemeinten Hinweis, dass ab und an ein bißchen Trennschärfe gut tun könnte. Wir fordern die von anderen doch auch ein, wenn z.B. jemandmeint, wir müssten wegen des Stalinismus selbstkritisch sein.

  16. momorulez April 17, 2010 um 4:22 pm

    Hetero bleibt hetero in Welten, wo so was eben identitär aufgelöst wird der unseren. Das macht ja vor keinem Halt. Kannst Du ja nix für. Ich aber auch nicht.

    Und ich finde in diesem Fall auch keinerlei Trennschärfe vonnöten, ehrlich gesagt. Ich schreibe ja extra nicht Baptist oder Methodist oder Quäker oder so, wo die Sache ja inhaltlich sogar ganz interessant wird, wie sich das inhaltlich jeweils versteht – ich meine eben die Propagandisten wie die oben zitierten. Meistens sind das diese „wiedergeborenen Christen“, zu denen ja auch Bush zählte. Und die katholische Kirche ist ja nun auch nicht besser.

    Den „Stalinismus“-Karm halte ich ja eh für Unfug, also das als „links“ begreifen.

    Für mich sind Katholiken und Evangelikale ja auch keine Christen 😉 … weil das mit der christlichen Botschaft einen Scheißdreck zu hat, diese Hetze.

  17. momorulez April 17, 2010 um 4:46 pm

    „Moral Majority Rednecks würden keinen Unterschied machen, ob sie nun Schwule, Commies, Kiffer oder Bizarrologen zusammenhauen, gehauen wird.“

    Das ist ungefähr, als würdest Du behaupten, dass es ja so wichtig sei, dass Schwule im KZ waren, weil sie schwul waren, weil die „Zeugen Jehovas“ da ja auch rein geschickt wurden. Und das Jüdischsein der Juden war dann auch völlig unerheblich, wie Du ja tatsächlich schon häufiger behauptet hat.

    So kriegste aber keine kritische Position aufgebaut, mit diesem Wischwaschi.

  18. che2001 April 17, 2010 um 4:54 pm

    @Und das Jüdischsein der Juden war dann auch völlig unerheblich, wie Du ja tatsächlich schon häufiger behauptet hat.— Das habe ich nie behauptet, sondern, dass Adorno und Horkheimer in den Elementen des Antisemitismus behauptet haben, dass der Jude im Ressentiment des autoritären Charakters austauschbar ist und z.B. auch ein Vagabund sein könnte. Und gemeint habe ich, dass alle, die normabweichend, gesellschaftskritisch usw. sind eine Interessengemeinschaft gegen die evangelikale Rechte und ähnliches Pack haben.

  19. momorulez April 17, 2010 um 5:47 pm

    Ja, aber das reflektiert nicht die Gründe, die Normalisierung konstituieren – die immer schlechte sind, aber wirken. Und ist strukturell noch Voraussetzung dieses albernen ZEIT-Textes.

    Da hat Sartre dann doch die präzisere Analyse geschafft.

  20. Loellie April 17, 2010 um 6:01 pm

    „Aber die Variante der Evangelikalen, die, von den USA ausgehend, die ganze Welt zu ihrer Variante des fundamentalistische Christentums bekehren, dabei Homos umerziehen oder ermorden und heilige Kriege gegen den Islam führen wollen, das sind doch nicht alle Evangelikalen und auch nicht ihre Mehrheit. “

    Die sind innerhalb der Evangelikalen eine überwältigende Mehrheit und, zumindest in den USA, soviele, dass von Minderheit keine Rede mehr sein kann. Wohingegen innerkirchliche Opposition statistisch keinerlei Relevanz hat.
    Die haben unter Bush nicht einfach nur überproporzional an Einfluss gewonnen, sondern seitdem erheblichen Zulauf. Um die Jahrtausendwende war das Phänomen christlicher Milizen auf ein paar hundert Leute geschrumpft, nahezu komplett verschwunden. Unter Bush wurden es wieder ca 2000 und seit Obamas Kandidatur bekannt gegeben wurde, sind es irgendwas zwischen 10- und 20.000. Du kannst ja mal selber googeln, ob die Metropolitan Community Church weltweit soviele Mitglieder hat, wie es in den USA schwerstbewaffnete Schwulenfresser gibt, die in froher Erwartung von Armageddon, Manöver spielen.

    Ich kann solche Diskussionen ja deshalb so gut leiden weil man dann, der Trennschärfe wegen, den Mittag hier hockt und sich den Dreck von diesem Pack dann auch noch selber reinzieht.

    Mal ganz davon ab, dass ich für Gemeinschaften, die sich über Abgrenzung konstituieren, wirklich der Falsche bin.

  21. Loellie April 17, 2010 um 6:07 pm

    Hat sich gerade überschnitten

    „Ja, aber das reflektiert nicht die Gründe, die Normalisierung konstituieren – die immer schlechte sind, aber wirken. Und ist strukturell noch Voraussetzung dieses albernen ZEIT-Textes. “

    Die polemische Frage, seit wann Sarrazin, Westerwelle, Friedman und Schwarzer zur Partei Bibeltreuer Christen konvertierten, war mir gerade zuviel getippse … und meint natürlich die Kurve zum Artikel, in dem Sinne, das die Genannten in diesem Diskussionszusammenhang ebenfalls „Die Evangelikalen“ sind.
    Etwas weiter ausgeholt, kann man auch locker die letzten Marx-Diskussionen evangelikal bezeichnen.

    Ideologie -> Fetisch -> Zizek 😉

  22. che2001 April 17, 2010 um 6:10 pm

    Ich lasse mich da ja gerne belehren, insofern sollte der Anlass dieser Binnendiskussion ja eigentlich nur eine kleine Randbemerkung sein. Die polemische Frage ist aber eine wirklich gut formulierte;-)

  23. momorulez April 17, 2010 um 6:40 pm

    @Che:

    Das ist keine Randbemerkung von Dir, das ist eine ganz außerordentlich gruselige Kiste, die Du da internalisiert hast. Du nimmst die Perspektive von Josef Joffe ein, ohne es zu merken, noch während Du Dich von ihr distanzierst. Und dessen Text in der aktuellen ZEIT ist wirklich ein Brandanschlag auf demokratische Fundamente, gegen die jeder reale Molli ein Pfürzchen ist.

    @Loellie:

    Den Zizek lese ich ja gerade, nachdem Du mich noch nachdrücklich darauf verwiesen hattest, das endlich mal zu tun 😉 … zu recht.

    „Die polemische Frage, seit wann Sarrazin, Westerwelle, Friedman und Schwarzer zur Partei Bibeltreuer Christen konvertierten, war mir gerade zuviel getippse.“

    Das wirklich noch Perfidere am Text, den ich nun endlich auch gelesen habe, war aber okay, sich erst mal nur der Headline zu widmen, die Überschriften in DIE ZEIT mittlerweile so dermaßen dilorenzisiert, dass das Grund genug wäre, sie zu verbieten, wenn schon Sprechverbote, dann richtig, ist, dass Frau „Islamkritikerin“, die aufrechte Kämpferin gegen „Schwulenlobbys“ Schwarzer da als „Tabubewahrerin“ behandelt wird und sich dagegen mit den Worten „wehrt“, sie habe doch schon seit 1971 auch „Weiblichkeit“ kritisiert.

    Sarrazin ist trotz diagnostiziertem „Borderline-Rassismus“ der Held des Artikels, als Pointe darf Frau Thurntaxis ihr „Die Schwarzen schnackseln gerne“ rechtfertigen. Weil die ja nicht monogam sind und Uganda (!!!) gezeigt habe, dass Monogamie deutlich besser gegen AIDS helfe als das Verteilen von Kondomen. Danach endet der Text, der zuvor ihrem Statement Rassismus diagnostizierte.

    Eine Seite später gibt dann Joffe Sarrazin recht, dass man diese ganzen schlecht ausgebildeten Hartz IV-Schmarotzer deftig angehen solle. Nachdem er sich ausführlich über die große zivilisatorische Leistung der Schwulenhasser, Judenvergaser, Rassisten, Frauen-in-der-Ehe-Vergewaltiger und Euthanasie-Befürworter auslässt, dergleichen vorübergehend mal unterlassen zu haben – um jene „Postmodernen“, natürlich, zu bedrohen, sie sollten es doch mal unterlassen, sich über die Opferrolle zu definieren.

    Unter zweifacher Berufung auf Jan Fleischauer macht er das, der diesem gesammelten Dreck durch sein Plädoyer, dass Opfer langsam mal wieder richtig Opfer sein sollten, also rein treten, offenkundig eine Bibel geschrieben hat.

    Und so ein Heini, der ein französisches Buch rezensiert, gibt Frau Thurntaxis zwar nicht dahingehend recht, dass die „Neger gerne schnackseln“, aber dass die meisten Dealer schwarz oder arabisch seien, könne man schließlich in jedem französischen Gerichtssaal besichtigen.

    So langsam liefern die uns aber wirklich sehr gute Gründe für den nächsten Gulag, diese Hetzer …

  24. momorulez April 17, 2010 um 6:42 pm

    Ach, Nachtrag: Die einzig wirklich guten Passagen sind die Aussagen von Michel Friedman. Der Mann ist schon klasse.

  25. che2001 April 17, 2010 um 10:04 pm

    Und was habe ich Deiner Meinung nach internalisiert?

  26. momorulez April 17, 2010 um 11:21 pm

    weiß – hetero – männlich – säkular – „aufgeklärt“ als höchste, zivilisatorische Stufe und Universalperspektive zugleich.

  27. che2001 April 18, 2010 um 10:35 am

    Na, dann ist ja zumindest die Projektionsebene klar, durch die Du mich wahrnimmst. Hätte Dich für differenzierter und empathischer gehalten.

  28. Loellie April 18, 2010 um 11:11 am

    Da bin ich ja beruhigt, mit dem Zizek, weil ich den bisher ja nur aus Videos kenne, keinen Plan habe was denn ein Hegelianer nu eigentlich sein soll und mir dein Verhältnis zur Psychoanalyse auch nicht entgangen ist. Markige Sprüche, auch in seinen Vorlesungen, die sich im Ueberfluss auf Youtube finden, erst recht in seinen Interviews und Unterhaltungsformaten, sind ja eine Sache, dass ausführlich herleiten, mit Quellen, ist dann doch nochmal was anderes, aber ich hatte einfach zu oft „aha“ und „sag ich doch“ beim anschaun, um das übergehen zu können. Ich glaube das er gerade mit seinem zusammen denken von Ideologie und Fetisch etwas auf der Spur ist, wofür mir die Worte und Methoden fehlen, dieser missing Link, der mich immer wieder explizit unscharf mit Begriffen hantieren, oder, unmotiviert wirkend, ansich unverdächtige Leute als Klassenfeind bezeichnen lässt.

    Das Mahnmal wäre ein herrliches Beispiel um die Frage zu stellen, inwieweit heute überhaupt noch die Möglichkeit besteht eine Diskussion zu führen. Von wegen Postideologische Aera. Da komme ich ganz bestimmt mal drauf zurück und der ZEIT Text, da fehlt es mir an diesem trüben Sonntag kommplett an Motivation, um mich in Rage zu schreiben … aber ja, was tun, wenn sich Welche derart fanatisch in den Gulag sehnen …

  29. Loellie April 18, 2010 um 11:14 am

    @ che

    “ … Leute wie Ihr und Leute wie wir … “ ist auch mit ganz viel Empathie keine Projektion.

  30. momorulez April 18, 2010 um 11:58 am

    @Che:

    Schon wieder – alles nur Projektion. Ist ja der übliche Konter von denen, die eben genau die skizzierte Perspektive einnehmen.

    Und so manipulative Erpressungsmanöver wie „Emphatiemangel“, da kann ich ja auch besonders drauf.

    @Loellie:

    Ich glaube, dass „Auf verlorenem Posten“, was ich gerade lese, etwas untypisch für ihn ist; dieses mittels Lacanscher Psychoanalyse „gebaute“ Ideologiekonzept tauchte da allerdings kurz mal auf.

    Und in dem Buch schwankt er zwischen brillianter und pointierter, etwas aphorismenhafter und journalistischer Kritik des Wirtschaftsliberalismus, ganz grandios, wie er immer wieder heraus arbeitet, dass der Neoliberalismus auch nix anderes ist als das, was er dem Kommunismus immer schon vorgeworfen hat. Aber dann kippt er ganz schnell ins wirklich fatal Reaktionäre um. So, dass man richtig einen Schreck bekommt.

    Hegelianer – bzw. Hegelmarxist – ist er, insofern er die immanenten Widersprüche eines historischen „Phänomens“ aufspürt und diese selbst als reale, historische Dynamik begreift, die das „Phänomen“ über sich hinaus treibt.

    Ich poste da bald noch ein Zitat; herrlich ist z.B., wie er beschreibt, dass Mao die Saat, die er mit seinen Schriften säte, nur noch in den Griff bekommen konnte, indem er ihnen krass zuwider handelte. Dass also das Potenzials eines Denkens die Widersprüche zu ihm selbst hervor bringt. Sozusagen, aber ganz historisch-realistisch gedacht.

    Zutreffend wohl auch, dass gerade die chinesische Kulturrevolution einfach einer jener Naomi Kleinschen „Schocks“ war, die den Kapitalismus dort ermöglichte. Und dass heute genau jene Kräfte, die einst konkrete Sittlichkeit ausmachten, z.B. die Lehre von der Harmonie, die es in Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus gleichermaßen gibt meines Wissens, bei Aristoteles allerdings auch, das heißt das Mitte, die im Zuge der Kulturrevolution ausgemerzt werden sollten, als Kompensation der Kapitalismusschäden herhalten müssen. Das ist den USA ja auch so: Dieser ganze religiöse Kram ensteht ja als Reflex auf die Unmenschlichkeit des kapitalistischen systems.

    Hegelianer – und zwar Rechtshegelianer – ist er aber auch, weil er Moralität in Sittlichkeit gründet, also in konkreten, kulturellen Formationen. Da geht er dann zu einer fast schon nazistischen Konstruktion über, die – so sagte man früher – „Gemeinschaft“ gegen „Gesellschaft“ ausspielt, und da, ab S. 60, wird das Buch wirklich finster. Auch, weil 200 Jahre Diskussion zu diesem Thema mal eben ignoriert werden.

    Die Stelle mit der Ideologie und dem Fetisch suche ich auch noch mal raus; der Wikipedia-Artikel ist da aber auch ganz erhellend. Lacan war mir emphatiebefreitem Projizierer ja auch immer fern und suspekt; Zizek setzt an dessen Begriff des Begehrens an.

    Was super ist, ist, dass er schlicht Mut macht, mal wieder etwas radikaler Widerstand zu denken und sich nicht ständig von der faktischen Gewalt der herrschenden Klasse verarschen zu lassen, die einem einredet, es gäbe zu ihr keine Alternative und sie sei immer noch das kleinere Übel gegenüber den Totalitarismen. Und in der Hinsicht ist das schon das richtige Buch zur Zeit. Trotzdem es eben in manchen Passagen wirklich ganz übel riecht. Bin aber erst auf S. 70 oder so.

  31. Loellie April 18, 2010 um 1:31 pm

    Vorschusslorbeeren bekommt er von mir allein schon dafür, dass er die fleischgewordene Definition dessen ist, was man laut Lehrbuch unter keinem Umständen vor eine Kamera lassen sollte.

    Ich werd heut Abend mal das eine Video raussuchen, bei dem mir in Serie der Atem stockte, nur damit er nach dreissig Minuten Achterbahn in kaum mehr als einem Halbsatz eine Pointe raussemmelt, bei der ich mitten in der Nacht ums Haar „Da capo“ johlend aus dem Bett gehüpft wäre. Leicht macht der es einem jedenfalls nicht. Ich frag mich ja auch ständig, meint der das jetzt wirklich ernst, treibt er Analogie / Metapher auf die Spitze, ist das reine Provokation, oder gar gezielt hollywoodesque Dramaturgie eines bekennenden Filmfreaks? Und trotz Allem, welch Wohltat im Kontrast zu den Abstürzen unserer geistig völlig verarmten Wortführerelite …
    Da kann ich dich, mit der Bierdose in der einen Hand und der Fluppe in der anderen, so lautstark anfeuern wie ich will, dieser fade Beigeschmack des wehrlos am Boden liegenden aufm Kopf herumspringen, den krieg ich nicht weg. Dieses Moment an Feigheit, wie will man da Triumpf auskosten.

  32. che2001 April 18, 2010 um 2:29 pm

    Ich schreibe bei mir drüben mal was zu meiner Eingewahrnehmung, nicht, das es dann wieder heißt, ich zweckentfremde Threads.

  33. momorulez April 18, 2010 um 2:54 pm

    @Loellie:

    Hier ist ein Video zum oben angerissenen Buch verlinkt:

    http://besserscheitern.wordpress.com/2009/08/25/auf-verlorenem-posten/

    Das Foto dazu finde ich auch sehr sympathisch 😉 …

    Und das Buch wirkt auch so, als würde es manchmal Gedanken eher ausprobieren, als, habermasianisch gesprochen, „Geltungsansprüche zu erheben“. Das macht es für Fachphilosophen streckenweise, na, ärgerlich, oberflächlich, zu angerissen, aber genau daraus zieht der auch die Knalleffekte und das Erfrischende.

    Ich mache das ja in diesem Blog – auf viel geringerem Niveau, viel hingerotzter – auch oft, einfach mal so drauflos denken, was ich mir in einer Promotion beispielsweise nie trauen würde, wo dann alles viel fundierter sein müsste. Und ganz cool ist, dass der Zizek das in den akademischen Diskurs hinein trägt.

    @Che:

    Wenn Du aus dem Zusprechen des Einnehmens einer Perspektive in einem Blog-Diskussionsthread eine Aussage über Deine Gesamtpersönlichkeit machst, kann das ja sein, dass Du das aus was für Gründen auch brauchst, nun Eigenwahrnehmungen zu diskutieren, woauchimmer, sachangemessen ist das nicht.

    Würde mich ja manchmal schon freuen, wenn Du statt mit Dir selbst Dich in Fällen, wo das Terrain Dir gar nicht allzu vertraut sein KANN, wie willst Du Erfahrungen damit gemacht haben, wie man auf Dich als Schwulen reagiert, Dich einfach mal auf Welt einlassen würdest.

    DAS jetzt war eine Aussage über Dich, nicht das oben.

    Manmanman, männliche Identitätspflegeprogramme sind schon schwierig … ja, meine auch.

  34. che2001 April 18, 2010 um 3:29 pm

    Ich würde es nicht Identitätspfllege, sondern Selbstfindung nennen, aber das läge dann in der Tat außerhalb dieses Threads. Ansonsten bin ich gerne bereit, Dir etwas intensiver zuzulesen, ehe ich Stellung zu etwas nehme.

  35. Loellie April 18, 2010 um 6:40 pm

    Puuh …. dann hab ichs doch noch gefunden. Das ist immer der Hammer wie schnell Videos auf Youtube verschwinden. Vllt muss ich mir doch so einen Downloader besorgen. Das meiste verschwindet ja weil die User ihre Accounts löschen und nicht wegen Copyright, dann könnt mans wieder hochladen …

    Das erste hat knapp 30 Minuten und ist wegen seines gezappels eines der anstrengenderen.

    „First as Tragedy, Then as Farce“

    Das zweite geht schon mehr in Richtung Entertainment, zumindest sieht Unterschichten TV manchmal in Holland so aus. Prinzip „Heisser Stuhl“ und trotz der Big Brother-Anleihen recht unterhaltsam. Fängt auf Holländisch an, ist dann aber nur holländisch untertitelt. Dauert 50min und noch ziemlich frisch, Jahresanfang glaub ich.

    „Living in the End Times According to Slavoj Zizek“

    Oh, hattest du nicht Problemchen mit Englisch?

  36. Katzenbloggerür April 18, 2010 um 6:46 pm

    Mal eine ganz doofe Frage in die Runde gefragt:

    Warum streitet ihr eigentlich so erbittert? Okay, das mit dem Streiten finde ich ja ganz okay – kann ja auch Spaß machen. Woher aber kommt diese besondere Note, die auf mich, pardon, erbittert, ja sogar etwas böse wirkt?

    Ich habe hier vor (fast) jedem/r erhebliche Achtung, der sich hier in den Diskussionen und Dialogen beteiligt. Aber: Woher kommt dieser ERBITTERTE Ton?

    (Sorry wg. der Großschreibung. Ich hass das, aber hier fand ichs mal ganz sinnvoll)

    Im Übrigen glaube ich, Karthago (äh, sorry, falsch), nee, also ich glaube, dass sich hier eine ganze Menge Leute ziemlich gut verstehen würden, wenn sie sich am Kneipentisch gegenüber säßen (während ein St.Pauli-Spiel läuft, jedenfalls).

    😉

  37. Katzenbloggerür April 18, 2010 um 7:43 pm

    Ich teile die Beobachtung, dass die oft unappetitlichen „Provokationen“ der Joffes, Westerwelles, Sarrazins, Sloterdijks (usw. usf.) eine besondere Form des Establishments darstellen, und sei es in der Form einer Institutionalisierung von Geistlosigkeit. Sie bekommen für ihre moralische Niedrigkeit verherrlichenden Tiraden und Ausfälle die besten Sendeplätze sowie genügend Platz in den meinungsführenden Magazinen.

    Wie viel schwerer hat es da zum Beispiel ein Harald Schumann! Dessen Ansichten deutlich mehr Beachtung verdienen als die immergleich variierten „Leistungsträger“-Sprüche vermeintlicher Intellektueller (s.o.). Kaum etwas kann im öffentlichen Diskurs verblödet genug sein, wenn es nur den Interessen des rechtsliberalkonservativen Establishments dienlich ist.

    Insofern ist bereits das Wort und die Selbstbezeichnung „Provokation“ eine solche.

  38. Katzenblogger April 18, 2010 um 7:45 pm

    Oh, ich sehe gerade, ich habe meinen Namen falsch geschrieben „Katzenbloggerür“.

    Klingt irgendwie türkisch.

  39. momorulez April 18, 2010 um 11:36 pm

    @Katzenblogger:

    Ich konnte gerade erst die Kommentare frei schalten, sorry.

    Als „erbittert“ sehe ich den Streit nicht, vielleicht wird er von anderen anders wahr genommen; ich werde aggro, wenn mir etwas wirklich wichtig ist und die Diskussion zu Punkten verschoben wird, die für mich wenig mit dem Ausgangsthema zu tun haben.

    Bei anderen Themen macht mir das nix; nach diesen homophoben Ausfällen gegen Westerwelle und dieser ganzen Schiedsrichtergeschichte bin ich da auch tatsächlich ziemlich wund.

    Weil ich seit Jahren nicht so eine Ignoranz hinsichtlich der Funktionsweise von Homophobie erlebt habe, die es „hier“ ja angeblich gar nicht gibt, seitdem hier alle so restlos aufgeklärt sind.

    Früher haben einem die Leute da noch zugehört; heute fordern sie, doch bitte die Vernichtungswilligen, in diesem Fall ganz buchstäblich, wenn man in manche afrikanische Staaten schaut, doch bitte mal differenziert zu betrachten. Gibt ja auch nette Nazis – klar gibt es die.

    Man kriegt jeden Ball zurück gespielt, ständig wird einem suggeriert, man habe einen an der Waffel – das geht übrigens Schwarzen, die ganz alltäglich Rassismus erfahren, ähnlich, dass der meiste Frust mittlerweile bei den „Genossen“ entsteht. Man ist ja hier im Blog nicht außerhalb solcher Diskussionslagen im sonstigen Leben.

    Aber Emphatie dann noch einfordern, während man für doof erklärt wird. Sorry, ich ticke da aus.

    Und bei der Verharmlosung von evangelikalen Bestrebungen verliere ich auch die Fassung; dazu gibt es eine Vorgeschichte, bei der ich immer noch ausrasten könnte, auch rückwirkend. Wo Loellie und mir ständig erklärt wurde, wir müssten doch in Ordnung finden, dass Andere sich in ihren „religiösen Gefühlen“ durch uns verletzt fühlen, während irgendwelche homophoben Propagandisten sich auch noch als Unterdrückte aufspielen.

    Das ist ein Thema, wo ich durchaus so etwas wie eine existentielle Bedrohung fühle; wenn Andere mir dann mit Blümchensex und SM kommen, fühle ich mich verarscht und entwertet. Weil niemand wegen Blümchensex im KZ saß.

    Es tut mir auch leid, dass Che das dann abbekommt, weil der am häufigsten hier ist, aber wenn ich diese Zitate da oben, von queer übernommen, lese, hinsichtlich „früher war Homosexualität schwere Straftat“, dann weiß ich doch jetzt schon, was in 2,3 Jahren hier auf den Tisch kommt – zuerst in DIE WELT, dann 1 Jahr später in DIE ZEIT. Was der Jessen sich da neulich geleistet hat war nahe am Straftatbestand, siehe die Verfügung gegen Zwanziger. Und Leute wie Rüttgers und dieser Heini, der in Baden Würtemberg Ministerpräsident wurde, machen dann daraus Politik.

    Und ich habe in solchen Fällen wenig Nerven, mich dann vom Gegenangriff ablenken zu lassen, schon aus Gründen meiner ganz individuellen Psycho-Hygiene. Ich vergifte mich sonst selbst, buchstäblich, wenn ich da nicht rumholze auf Teufel komm raus. Kurz mal ganz ehrlich, und kann mir dann nicht die Sorgen anderer anhören. Habe ja auch welche.

    Und werde dann tatsächlich böse – immer dann, wenn eine ganz grundsätzliche Selbstverteidigungsebene bei mir angepiekst wird.

    Was ich alles als mal SEHR persönliche Worte politisch ganz außerordentlich relevant finde. Da geht’s aber ja nicht nur um mich, sondern um lauter gemobbte Kids auf Schulhöfen und gequälte und gemordete Jungs in Uganda und „Hazing“ und Selbstmorde im Bible Belt.

    „Sie bekommen für ihre moralische Niedrigkeit verherrlichenden Tiraden und Ausfälle die besten Sendeplätze sowie genügend Platz in den meinungsführenden Magazinen.“

    Ja. Es ist unerträglich.

    Da ist eine Mentalität am Wirken – komisches Beispiel vielleicht: habe mich eben in der Oper so was von so einem selbstgerechten Drecksspießer in der Wolle, weil ich meine Kippe in den Rinnstein warf. Ich sei doch ein junger Mann (hähä, bin 43 und der war maximal 10 Jahre älter als ich), ob ich denn keine Erziehung genossen hätte – endete dann damit, dass ich ihm sagte, er habe seine Erziehung wohl in der HJ genossen. Habe mich so aufgeregt – er aber auch -, dass ich gar nicht locker lassen konnte.

    Das ist diese Mentalität des Zurechtweisens Wildfremder für Marginalien, „Was SIE da eben GEMACHT haben“ von höheren Mittelschichtlern, da habe ich kurz sogar die U-Bahn-Schläger verstanden.

    Und diese Mentalität reproduziert sich dann in Leitartikeln, während wirklich wichtige Fragen völlig außen vor bleiben. Das ist eine reine Ablenkungsschlacht, die sich dann im Nachmittagsprogramm bei RTL Breitenwirkung verschafft.

    Harald Schumann kenne ich gar nicht.

    @Loellie:

    Danke für die Links, gucke morgen! Und verstehen tue ich Englisch sehr gut; ich bin immer nur zu faul, englische Texte zu lesen. Habe aber schon Weltstars auf englisch interviewt, und es ging 😉 – nur die Antworten der Spice Girls, die habe ich damals nicht verstanden. Das war zu dirty.

  40. Nörgler April 19, 2010 um 7:24 am

    In England ist das so, dass beim Wegwerfen der Zigarette eine Kamera Dich beobachtet hätte und eine Stimme aus dem Lautsprecher Dich in strengem Ton ermahnt, sie sofort wieder aufzuheben. Das ist für mich völlig unfaßlich, dass es sowas gibt, und dass die sich das bieten lassen – eine Übergriffigkeit des Staats in den öffentlichen Raum, die die häßliche Fratze des Totalitarismus zeigt.

    Immerhin haben wir in D nun ein weiteres Argument gegen solche Totalüberwachung: Der Blockwart ist immer schon da, beobachtet und weist zurecht, sodass die Stimme aus dem Lautsprecher entbehrlich bleibt.

  41. che2001 April 19, 2010 um 8:31 am

    In Singapore wird man für das Wegschnippen einer Kippe ausgepeitscht bzw. mit einem Rattanstock verprügelt. Das Saubermanntum ist leider immer noch steigerbar. Fühle mich lebhaft an Kafkas „In der Strafkolonie“ erinnert bei solche Geschichten.

  42. momorulez April 19, 2010 um 8:32 am

    „Immerhin haben wir in D nun ein weiteres Argument gegen solche Totalüberwachung: Der Blockwart ist immer schon da, beobachtet und weist zurecht, sodass die Stimme aus dem Lautsprecher entbehrlich bleibt.“

    Ja. Ekelig. Genau das hat ja hier Tradition, nicht umsonst gab es die Stasi in Deutschland. Boaaah, war ich wütend. Wobei ich noch vor ein, zwei Jahren vielleicht gar nix gesagt hätte. Aber da zeigte sich irgendwas aktuell Omnipräsentes in der Haltung von diesem Arschloch.

    Ist das in England echt so?

  43. momorulez April 19, 2010 um 8:39 am

    Die Strafkolonie-Pointe kam mir gestern leider nicht – hatte so gehofft, den noch mal zu treffen, um ihm ein „Sie müsste man inhaftieren“ zuzurufen. Hätte der gar nicht verstanden, gut so. Oder ein „Ich weiß ja, wo ihr Auto steht“ – ja, alter Schiri-Gag mit neuer Brisanz. Man muss diese Leute mittlerweile unverhohlen bedrohen, die fühlen sich viel zu mächtig.

  44. che2001 April 19, 2010 um 8:48 am

    @“Ist das in England echt so?“ — In den Straßen von London habe ich es zumindest erlebt, dass zivile Motorradbullen in Panzerwesten mit kurzer MPi unter der Jacke scheinbar unbeteiligt den ganzen Tag in der Fußgängerzone stehen und small talk mit Passanten halten.

  45. momorulez April 19, 2010 um 9:07 am

    Das nimmt hier ja auch zu. Als ich neulich auf einer Wegstrecke von 500 m auf zwei Vierergruppen Polizisten traf, eine davon wie die Bordercollies gegenüber dem „Café unter den Linden“ stehend die davor Sitzenden fixierten und es nur noch fehlte, dass sie in lustvoller Vorfreude die Gummiknüppel schwenken, fehlte wirklich nur noch die MPi. Widerlich, wie die sich aufführen.

  46. Nörgler April 19, 2010 um 10:29 am

    @ England: Ich habe vor einigen Monaten einen TV-Bericht gesehen, in dem auch in einem Überwachungszentrum gefilmt wurde. Da sitzen Damen und Herren an Arbeitsplätzen mit Monitoren und Mikrofon. Schmeißt einer ein Bonbonpapier weg oder spuckt ein Kaugummi aus, dröhnt die Ansage über den Lautsprecher, dass auch gleich alle anderen Passanten in Hörweite den Übeltäter angeprangert sehen, da der Delinquent vermittels seiner äußerlich erkennbaren Merkmale (Geschlecht, Kleidung, Frisur) angesprochen wird.
    Daran sieht man, dass es um mehr geht, als nur um „Sauberkeit und Ordnung“, denn dazu reichte es aus, die Tat – die der Täter ja kennt – zu benennen.

    Es wurde dann noch das Sicherheitsargument zerpflückt durch eine statist. Untersuchung, derzufolge die Devianz (Schlägerei, Überfall, Handtaschenraub, Taschendiebstahl, Anpöbeln durch Betrunkene, Fahrradklau …) keinen Deut zurückgegangen ist. Das Zigaretten- und Bonbonpapierproblem hat man allerdings fast vollständig in den Griff bekommen.

  47. Loellie April 19, 2010 um 11:04 am

    @momo „Und verstehen tue ich Englisch sehr gut; ich bin immer nur zu faul, englische Texte zu lesen. Habe aber schon Weltstars auf englisch interviewt, und es ging 😉 “

    Ahso, ja eben, ich wusste aber dass da irgendwas war. Manchmal fällt mir dann doch auf, dass ich von mir auf andere schliesse und ich gerade bei englisch nur zu gerne verdränge, dass andere sich erarbeiten mussten, was mir als quasi-muttersprachler leistungslos zu geflogen ist. Technische Uebersetzungen gehören zB zum Alltag meines Gatten, der sich nur zu gerne an trivialer Unterhaltung die Zähne ausbeisst, wenn Akzent, Slang, emotionaler Ausdruck u.ä. zusammenkommen.

    __________________

    Die verpolizeistaatlichung findet ganz aktuell sogar bei uns aufm Dorf statt. Erst verbrennt die Gemeinde 250.000€ um eine Wiese zuzubetonieren die seitdem Dorfplatz heist, welcher nur und ausschliesslich abends von den Kids als Treffpunkt genutzt wird. Und die machen nichts. Keine Delinquenz, keine Devianz, nix Komasaufen oder Drogen, kein Lärm kein Dreck, kein Gejohle, keine Kanacken, keine Nazis … nix. Das einzige was die tun ist, die Sitzbänke umarrangieren. Dann wird gequatsch, zwischendurch geknutscht und spätestens um 10 ist Feierabend.
    Weiss der Teufel was vorletztes Wochenende los war, offensichtlich hat es Platzverweise gegeben und die ganze Woche schon, patroulliert ein Streifenwagen im Stundentakt, immer wieder werden Personalien aufgenommen …
    Das gemeine ist, dass durch wegnahme des von ihnen okupierten Freiraums Eskalation eintreten muss und der nächste notwendige Freiraum nur ein rechtsfreier sein kann. Ich halte es für eine Frage der zeit, bis die Kids, anstatt durch herumalbern an der frischen Luft was gegen ihre Hormone zu tun, sich in irgend einem Keller volldröhnen. „Bravo“, sag ich da.

  48. momorulez April 19, 2010 um 1:18 pm

    @Nörgler:

    Das ist das Grauen. Als habe man Foucaults „Überwachen und Strafen“ in die Realität übersetzt.

    @Loellie:

    So ungefähr läuft das in dieser 2-Millionenstadt ja auch: Durch Platzverweispolitik Deliquenz produzieren, die man dann als einzuschränkende rechtsfreie Räume immer wieder okuppieren will. Völlig absurd.

  49. Nörgler April 19, 2010 um 1:57 pm

    Nur zur Präzisierung: Die Verlautsprecherung gibt es in England noch nicht flächendeckend. Es war der Bericht über eine Stadt (Name hab ich vergessen). Allerdings erzählte ein Vertreter der Verwaltung mit selbstgefälligem Grinsen, wie viele andere Kommunen sich dafür interessieren.
    Weil ein Grauen selten allein kommt, ergab eine Zufallsumfrage auf der Straße, dass die übergroße Mehrheit der BürgerInnen dieses System begrüßt.

  50. momorulez April 19, 2010 um 2:03 pm

    Wie war das noch mit der Ich-Schwäche und der pathologischen Über-Ich-Regentschaft, die ggf. an autoritäre Instanzen wie den Staat, den Führer, die Volkswirtschaftslehre deligiert wird und zugleich dazu führt, dass das Es gelegentlich platzt, weil es das alles nicht aushält? Wo hatte ich das noch gelesen? Scheint mir brandaktuell zu sein – alle einfach so lange demütigen, bis diese Struktur sich einstellt. Und wer heute „Wo Es war, soll Ich werden“ proklamiert, wird schon gar nicht mehr verstanden werden … und wie jetzt? Was meinsten?

  51. che2001 April 19, 2010 um 2:40 pm

    Man sollte eine Safari veranstalten: Ziele sind Videokameras.

  52. momorulez April 19, 2010 um 3:06 pm

    Zum Ausgangsthema noch das hier – der Herr Fleischauer, zweil Mal von Herrn Joffe zustimmend zitiert und Shooting-Star unserer liberalen Mitdiskutantenund deren konservativer Freunde:

    http://gaywest.wordpress.com/2010/04/19/die-ruckkehr-der-befremdlichkeit/

    Und Gaywest wird offenkundig auch allmählich etwas klarer, mit wem sie da über die Jahre gebündelt haben. Passt angesichts des Plädoyers für Keuschheit im Fleischauer-Text aber auch zu den Überwachungsmassnahmen: Gefordert sind halt extern vorgeschriebe Repressalien, weil angeblich zur Mündigkeit der Mensch nicht geboren sei. Das ist die Schelsky/Gehlen-Schule, die da wieder aufploppt.

    Was dabei wie üblich untergeht ist das „Vorher“ -weiß nicht, ob hier noch jemand diesen grausigen Film über Jürgen Batsch in Erinnerung hat und die Schilderungen über seinen Aufenthalt in einem katholischen Internat (?) in den 50ern (?). Auch recht eindrucksvoll. Wahrscheinlich mit Schelsky und Gehlen unterfütterte Pädagogik.

  53. che2001 April 19, 2010 um 3:32 pm

    Die Titanic forderte ja mal, sämtliche Bodelschwinghstraßen in Jürgen-Bartsch-Straßen umzubenennen;-)

    Einen Unterschied gibt es zu Gehlen und Schelsky: Die forderten die repressive, regulierte, angepasste Gesellschaft im Rahmen einer „nivellierten Mittelschichtsgesellschaft“ mit geringen sozialen Unterschieden und sozialer Marktwirtschaft. Die sogenannte „formierte Gesellschaft“ Erhards. Ihre heutigen Epigonen wollen die Disziplinierung, um eine Gesellschaft mit größerer sozialer Ungleichheit durchsetzen zu können. Das ist ungleich aggressiver.

  54. momorulez April 19, 2010 um 3:39 pm

    Wer ist denn Bodelschwingh?

    Ich sehe aktuell übrigens schon den Trend bei den Konservativen, die „ältere“ Variante wieder aufzugreifen, um einen „Kulturkampf“ nach amerikanischem Vorbild besser führen zu können. Die sehen Disziplinierungsmaßnahmen gegen Faule und Verzogene ja als „Integration“ und „Zurückholen in die Gesellschaft“. Auf Kosten von Negern und anderen Migranten und den liderlichen Schwuppen.

    Während die Scheinliberalen ganz im von Dir genannten Sinne agieren.

  55. che2001 April 19, 2010 um 4:33 pm

    Bodelschwingh war der Gründer der Inneren Mission, die viele Kinderheime und psychiatrische Kliniken betreibt, ich glaube, auch die Anstalten in Bethel. Nach ihm sind ziemlich viele Straßen benannt. Die Titanic meinte mal, statt nach dem Gründervater sollte man die Straßen nach einem Opfer dieser Einrichtungen, der zugleich Täter war benennen.

  56. Katzenblogger April 24, 2010 um 5:11 pm

    Momorulez, wenn Du den Harald Schumann (z.Zt.: Tagesspiegel, ex Spiegel) mal betrachten willst, lohnt sich evtl. ein Klick auf die Medienbibliothek ZDF:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/bilderserie/1019988/%22Wo-Schulden-sind,-ist-auch-Verm%C3%B6gen%22

    HS ist nicht sehr telegen und fernsehgewandt, aber er hat eine sehr durchdachte linke Argumente und Position, die mir sehr sympathisch sind. Ich frage mich ernsthaft, wie es tagelange leitartikelbreite öffentliche Diskussionen über rechtsbürgerlichen Dünnschiss geben kann (s.o.), während einem Harald Schumann (und vielen anderen) kaum ein Raum eingeräumt wird.

    Vielleicht gibt es doch so etwas wie das Primat des Schwachsinns.

  57. momorulez April 24, 2010 um 5:31 pm

    Ja, das gibt es … Danke für den Link!

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