Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der Pointenreigen von DIE ZEIT

Ich weiß gerade gar nicht mehr, ob ich lachen oder heulen soll bei der Lektüre.

Das ist ja eine tolle Reihung in einer früheren Ausgabe, auf die in der aktuellen DIE ZEIT nicht minder pointensicher in der Selbstverballhornung in diesem Fall von „Gastautoren“ (grundsätzlich alle der gleichen Klasse angehörend) erwidert:

Die Geißelungen bei den Osterprozessionen in Sevilla erscheinen den einen so pervers wie anderen die Sadomaso-Spielchen auf den Christopher-Street-Day-Paraden in Paris oder Berlin; der männliche Blick, der junge Mädchen unter den Schleier zwingt, erscheint den einen ebenso sexistisch wie anderen der, der sie sich in High Heels quetschen und rundum entblößen lässt; die Vorstellung der Eucharistie ist den einen so befremdlich wie den anderen der Glaube an 72 Jungfrauen im Paradies; die Wagner-Begeisterten in Bayreuth wirken auf die einen so befremdend wie auf andere die St.-Pauli-Fans am Millerntor.

Herrlich. Da hat sich aber jemand Mühe gegeben. So lange wir noch befremdlich wirken und als Kontrast zu Wagner-Begeisterten in Bayreuth taugen, hält man auch unnötige Niederlagen in Förstereien aus. Die ja bestens zu uns passen. Zu viel Souveränität ist was für Doofe. Man muss auch in der 87. Minute einfach mal so relaxen können, sonst nimmt man das Leben einfach zu ernst. Dysfunktionalität MUSS punktuell zelebriert werden. Das ist Widerstand. Dieser Ort in Meck-Pomm., wo Blogger sich Useless und Besserscheitern nennen, wird mir drum immer sympathischer.

Auf den Text von Frau Emcke antwortet eine Inkarnation zivilisatorischen Fortschritts, Johannes Kandel, mit einem Büttenredenauszug, der als Hommage an Mainz 05 am heutigen Tage mir gerade recht kommt:

„Rassismus und Liberalismus schließen sich grundsätzlich aus. Schon der Titel von Carolin Emckes Text „Liberaler Rassismus“ (ZEIT Nr. 9/10) ist daher widersinnig.“

Johannes Kandel, Glaube und Wahn, DIE ZEIT Nr. 16, 15. April 2010, S. 45

Tätä! Wusste gar nicht, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung (Ebert, das war der mit dem Noske) Berlin einen Karnevalsbereich namens „Interkultureller Dialog“ unterhält; der Text selbst ist eher monologisch im Versuch, auf Frau Emcke einzugehen und gipfelt in der Erkenntnis:

„Auch hinter „dumpfen Vorurteilen“ kann sich Angst verbergen, die man in der Tat ernst nehmen muss. Der Ausgang des Volksentscheides zum Minarett in der Schweiz und die Erfolge  von Geert Wilders Bewegung in den Niederlanden zeigen, wohin es führt, wenn solche Ängste nicht ernst genommen werden: Sie finden ein Ventil in rechtskonservativen, rechtspopulistischen Bewegungen.“

Ebd.

Und denen gräbt man traditionell auf der nicht ganz so Rechten das Wasser ab, indem man deren Weltbild übernimmt und daraus Positionen ableitet! Steht schon auf S. 5, wo Chef-Analytiker Patrick Schwarz flankiert:

„Wer 1995 die Debatte über die Schattenseiten der Migration als Ausländerfeindlichkeit abtat, war feige.“

Patrick Schwarz, Was man in Deutschland NICHT sagen darf, ebd., S. 5

Ist Herr Schwarz „Migrant“? Dann ließe über diese, eine „Schattenseite“ schon mal ernsthaft diskutieren. Ausweisen, den Mann? Darüber sollte man tabufrei diskutieren können!

Spannend ist wie üblich, welche Ängste nun ernst genommen werden sollen und welche nicht in diesen Regierungsperspektive einnehmenden Blättchen wie DIE ZEIT. Da kommen die vor den „Schattenseiten der Migration“ immer gerade recht, wo andere Ängste doch – die vor dem sozialen Abstieg, der Sanktion durch die Arbeitsagentur usw. – ausschließlich im eigenen Versagen gründen. Ganz anders bei jenen, die Angst vor „Überfremdung“ haben: Da sind immer die anderen schuld. Findet Josef Joffe, der in seinen Maßanzügen so staatsmännisch in Kameras grinsen kann und die „Entscheider“-Salons der Republik freilich von innen kennt. Der meint nämlich:

„Was ist, wenn die Gruppe x hohe „Dysfunktionalitäten“ aufweist, die wir einst Faulheit oder Erziehungsdefizite nannten? Was nicht benannt werden kann, kann auch nicht behoben werden“

Josef Joffe, Neusprech und Gutdenk, in DIE ZEIT a,a.O., S. 6

Ja, eben! Wollte ich gerade ausrufen. So ungefähr ja Adornos Kritik des identifizierenden Denkens – der hatte noch gut im Kopf, was passiert, wenn „Dysfunktionlitäten“ behoben werden, indem man die „Dysfunktionalen“ benennt und sogar in eigenen Gesetzen definiert. Aber weiter Joffe:

„Und was ist, wenn der Gute Staat das Dysfunktionale nur mit falschen Anreizen befördert?“

Ebd.

Prima ist das! Findet Joffe nicht:

„Das nennt man neudeutsch „Moral Hazard“, das Belohnen von Verantwortungslosigkeit.“

Ebd.

Da mache ich freilich nicht mit, bei solch Verantwortungslosigkeit. Ich kritisiere hier Herrn Joffe ja gerade, ganz im Bewusstsein meiner Verantwortung,  und setze somit hoffentlich einen Anreiz, nicht mehr so einen Kram zu verfassen. Der zeugt einfach nur von der Erziehung zu einem kruden Funktionalismus, der sich jeder Moral, die diesen Namen verdient, brutalstmöglich entgegenstellt (wie schon Max Weber wusste) – wie kann man sich verbal nur so gehen lassen, Herr Joffe? Völlig verzogen, der Mann. Zum reinen Klassenbewusstsein halt.

Von Denkfaulheit zeugt das zudem, Phrasen dreschend Zeitungen füllen, das kann man auch Textbausteinprogrammen überlassen. Was nun aber wäre, wenn man den Staat auffordern würde, bei Herrn Joffe nun endlich mal andere Saiten aufzuziehen und ihm Anreize zu setzen, so etwas nicht mehr schreiben, ihn umzuerziehen und zum Denken zu bewegen. Das fände er doof. Ich auch. Aber warum will er das bei seinem Klassenfeind, den Nutzlosen, sorry, „Dysfunktionalen“, Ungebildeten, und genau so Faulen auch noch fordern, dass dergleichen Umerziehung geschehe? Die richten ja weniger Unheil an als er mit seiner verantwortungslosen Schreiberei. Aber, Schlußsatz:

„Bei Bankern und bei Menschen, die sich auf ihren Opferstatus berufen.“

Ebd.

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6 Antworten zu “Der Pointenreigen von DIE ZEIT

  1. Katzenbloggerür April 18, 2010 um 6:38 pm

    Hmm. Wenn ich es so recht bedenke, also, verwunderlich finde ich das alles. Besonders verwunderlich ist doch eigentlich, warum diejenigen, welche Gutscheine statt Geld für Arme fordern, nicht ebensolche Forderungen für letztlich räuberisch tätige Bankster oder korrupte Politiker erheben.

    Bildungsgutscheine.

    Es ist nicht so, dass ich die sture Zwanghaftigkeit, mit der würdereduzierende Maßnahmen und Ansichten von Pseudoliberalen vertreten werden, als Anreiz für eigenes politisches Handeln ignorieren möchte – ganz im Gegenteil.

    Aber wäre es nicht eine gute Idee, einfach zum Zwecke der Karikierung, den zumeist millionenschweren Korrupstern und Lobbyisten die eigenen Rezepte angedeihen zu lassen, die sie sich f

  2. momorulez April 18, 2010 um 11:41 pm

    Ich denke auch, dass man langsam mal die ganzen Forderungen, die die über Andere ausschütten, ihnen selbst angedeihen lassen sollte. Da ist jegliche Wechselseitigkeit aus der Diskussion verschwunden. Die kämen gar nicht mehr auf die Idee, sich zu überlegen, was es heißt, ausgewiesen zu werden, drangsaliert zu werden, erpresst zu werden, beschimpft und für faul erklärt zu werden, und man muss sich wohl schon aus didaktischen Gründen etwas einfallen lassen, dass die schlichtesten Formen des Sich-in-Andere-Hineinversetzens mal wieder von der Pieke auf lernen. Die sind so gewöhnt, mit dem Finger auf Andere zu zeigen, es ist einfach nur noch widerlich.

  3. che2001 April 19, 2010 um 8:14 am

    Als ich den Beitrag gestern Nacht noch gelesen habe, musste ich mir erstmal die Augen reiben und mich vergewissern, dass das keine Satire ist. Das wird ja alles immer schlimmer, und zwar in einem Tempo, das Einem die Luft wegbleibt! Demnächst schreibt wohl Stefan Herre in der „Zeit“.

  4. momorulez April 19, 2010 um 8:36 am

    Ja. Dieser Text von dem Schwarz, der gibt sich noch halbwegs differenziert, da habe ich sehr selektiv zitiert, zugegeben. Und Joffe hebt vorab auch zu irgendwelchen Bütten-, äh. Sonntagsreden an. Nachdem dann aber brav ein paar Selbstverständlichkeiten abgesondert wurde, zeigt sich bei allen die Fratze. Und dieser Typ vom Ebert-Institut ist echt der Gipfel der Ideologie, ganz schlimm.

  5. Katzenblogger April 24, 2010 um 4:57 pm

    Was bitte?! Stefan Herre schreibt noch nicht in der Zeit?

    Das hat doch auch was Beruhigendes. Heinsohn & Co müllen doch schon seit Jahrzehnten in die gleiche Richtung, auf die gleiche Weise, mit den gleichen Argumenten. So richtig sind sie dabei nicht voran gekommen. Manchmal haben sie dann Leute wie diesen Sinn an ihrer Seite, und schon wenige Monate später verlieren sie die neu gewonnenen rechtsbürgerlichen Bündnisgenossen, weil die Rechtsbürgerlichen Angst vor der öffentlichen Meinung entwickeln. Sobald sich diese Herrenmenschen aus der Deckung trauen (Beispiel: Westerwelles römische Dekadenz), kriegen sie mächtig eingeschenkt.

    Manchmal ist mir mein eigenes Land so richtig sympatisch.

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