Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kristof Schreufs „Bourgeois with guitar“: Zitatpop, Diskurspop, aktive Nostalgie und den Johnny Cash-Witz zu verkneifen, das fällt schwer …

Rund um Frau Hegemanns Plagiat- oder auch nicht-Diskussion ist sie wieder großflächig aufgeworfen worden, die Frage nach dem Zitat.

Als zu Beginn der 80er der Punk mit allen weiteren Wucherungen des Art-Rock aufgeräumt hatte, der Hip Hop Ghetto-Blaster und Plattenspieler  als Instrumente einsetzte und zur Mitte des Jahrzehnts die Sampling-Technik die DJ-Culture befruchtete, da schien es zeitweise, als sei ein Jenseits des Zitats gar nicht mehr möglich. Als sei einfach nur ein Neu-Arrangement des Bekannten, mit jeweils neuesten technischen Innovationen gekoppelt und vermodelt, die letzte und einzige Möglichkeit. Zitat und Loop, die Reflektion auf Klänge und Töne statt deren expressiven Ursprung im Erleben, im Sozialen, im Beschreiben aufzusuchen: Diese Attacke auf alle Vorstellungen des Authentischen überführten früh auch Giganten wie die Pet Shop Boys in ein herrliches, ironisches und lustvolles Gesamtkunstwerk. Lachten sich über sich und die schwitzenden Rocker gleichermaßen schlapp. Tuntig und böse kichernd: Die Rache am Mitteextremismus ist da immer schon eingeschrieben, und Warhol lacht da immer mit.

Das Spiel mit dem Zitat als Freiheit, nicht Selbstsein zu müssen und so nur fest genagelt wie der Heiland am Kreuz dem Speer der Anderen ausgesetzt sich zu sehen, das war schon eine der Pointen der Postmoderne. Klar, dass noch immer allerlei Willys dem natürliche Ordnungen entgegen setzen wollen, dass wieder andere die „Als-Ob-Persönlichkeit“ auf Pathologien hin abklopfen, um ihre heteronormative Matrix zu polieren wie einen Chrom-Spoiler am Fussballersportwagen,  dass an Barmbeker Stammtischen so getan wird, als sei die Tatsache letzte Bastion gegen die „Happy Few“. Nix ist aggressiver und mehr Todessehnsucht als diese Attackierei, die Menschen so erziehen wollen würde, wenn man sie ließe, wie man früher das mit Hunden tat: Die Schnauze in deren Scheiße auf dem Wohnzimmerteppich quälen, damit sie dort nicht wieder scheißen. Funktioniert übrigens auch in der Hundeerziehung nicht. Die damit Reflexion und Bezugnahme im heideggerschen Sinne verdrehen, indem sie erstere als abkünftig deuten und letztere im Vor-Rationalen, Vor-Prädikativen verorten.

Als würde nicht der Modus der Reflexion selbst immer schon bestimmen, was als Tatsache wir wie wahr nehmen, und das Spiel mit den Zitaten war immer eines, dass diese Relation wusste und aufmischte. Weil es nicht auf Erpressung, sondern auf Freiheit im Selbst- und Kunstverhältnis setzte. Weil El Greco genau deshalb ein Großer war, weil Picasso ihn zitieren konnte.

All das sei mal plakativ übel nehmend in den Raum gestellt und stattdessen zum eigentlichen Sujet übergeleitet: Kristof Schreufs Album „Bourgois with guitar“. Das muss ich hier schon thematisieren, nicht nur, weil ich eines Abends in das Ende einer Aufnahme-Session geplatzt bin und mich gut amüsierte, als der mir bis dahin und seitdem wieder unbekannte Kristof Schreuf zusammen mit seinem Produzenten Tobias Levin freudig wie ein Teenager zu AC/DC auf die Tanzfläche stürmte. Sondern auch, weil dieses Album nicht nur eine Fortschreibung von „Highway to Hell“ enthält und obige Gedanken noch einmal weiter dreht und dabei einen seltsam abgehobenen Raum zwischen Fühligkeit, Empfindsamkeit und berühmt-berüchtigten „Popdiskursen“ wie diesem hier eröffnet. Es dabei schafft, eine unaufgelöste Spannung zwischen Sich-Erinneren und dem begleitenden musikalischen Material eben dieser Erinnerung in seiner Aktualisierung zu zelebrieren, so schreibt man halt große Romane, Madeleine (so hießen diese Kuchen doch?). Es entsteht eine streckenweise wundervoll grenzkitischige Nostalgie, die zeigt, was passiert, wenn man sich aktiv erinnert, auch an die „Popdiskurse“. Mit Witz und Wehmut.

Die Zusammenstellung der gecoverten Titel liest sich wie eine Mischung aus Plattensammlung und Radiohören derer, die in den späten 70ern Teenies waren: „My Generation“, klar, damals schon „Oldie“ in der Plattensammlung großer Brüder, in der Rocknacht des Rockpalastes haben wir „The Who“ trotzdem geguckt. „I feel Love“, „You shook me all night long“, „Last Night a DJ saved my life“, und, wieder Pointe, „Let there be rock“, aber gerade nicht das von Tocotronic.

Schreuf und Levin bleiben jedoch nicht beim Covern eines Titels stehen, die Phrasen schlingern sanft in andere Songs hinein und werden verrührt zu Gedächtnis, das eben nicht einfach die Tatsächlichkeit einstigen Geschehens abbildet, sondern als „Archiv“, noch so ein postmodernes Heiligtum, in immer neuen Kontexten immer neu aktivierbar ist und die alten Kontexte so transzendiert.

Die taz fasst diese musikalische Praxis folgendermaßen zusammen:

„Wie lange die zurückgelegte Wegstrecke tatsächlich ist, zeigt Schreufs Mash-up des Dancefloor-Peitschenhiebs „Last Night a DJ Saved My Life“. Sein Refrain, basierend auf den Gesangsmelodien von „Miss you“ der Rolling Stones und „Dont Let Me Be Misunderstood“ von Santa Esmeralda, mündet in den New Yorker Punkklassiker „Blank Generation“ (Richard Hell). Die natürliche Feindschaft von Disco und Punk oder die monströse Aura der Stones, all das interessiert Schreuf nicht. Im Gegenteil, er reißt die Textpassagen aus dem Zusammenhang, verbindet sie durch die überirdische Klangschönheit seines Arrangements neu. Bis ein anderer Gedankenstrom entsteht, bis „I belong to the blank Generation and I can take or leave it each time“ in „Im just a soul, whose intententions are good“ aufgeht und neuer Sinn entsteht, bei dem ein Vibrato-Effekt aus einem Verstärker klarmacht, dass der DJ letzte Nacht wirklich jemand das Leben gerettet hat.“

Das fast – mich zumindest – schön Verstörende ist, wie Schreuf ganz auf „reifer Mann mit der Gitarre“, mit ganz viel Blues-, Folk- und „Americana“-Feeling macht, mit „Nirvana MTV Unplugged“-Haltungszitat inbrünstig, und, so hört es sich für mich zumindest an, sehnsuchtsvoll noch diesen amerikanischen, sich als maximal authentisch gebenden Ethos zitiert als übliche, akustische Form. Und diesen Ethos damit gleichzeitig bestätigt, weil sich das Ergebnis klasse anhört. Parallel persiflieren und nachempfinden scheint das Konzept zu sein, mündend im Kunsthandwerk des Gesangs, dass noch ein „hmmmm“ nach einem „Dont‘ stop“ me“ nachschiebt und so gleichzeitig fühlt und leidet, dass das gar nicht möglich ist, so zu singen, wie die „Authentischen“ das zu tun vorgeben. Ausnahme: Rio Reiser. Weil diese Form im Grunde genommen reaktionär ist und dafür auch von mir so heiß und innig geliebt wird.

Das ist so seltsam tricky alles miteinander, was programmatisch der Bourgois with a Guitar, der aussieht wie ein Mensch, damit man ihn erkennt, aber vom Kopf bis zu den Zehen ist er ein Riss und will durch Wände gehen, ja, so singt er das, da singt – vor diesen Titelsong sind wie ein Nachhall aus vergangenen Zeiten, als alles begann, Bläser wie die Palais Schaumburgs montiert.

Dieses Album handelt davon, glaube ich, dass man es gar nicht so machen kann, wie es gemacht ist, und ist deshalb traurig – während ich das Gefühl nicht los werde, dass sich die Macher dabei scheckig lachten, ausgerechnet „A Walk in the Park“ zu zitieren. Ja, nun doch der Johnny Cash-Witz: Dass dieser und eine Patty Smith mit solcher Inbrunst und ohne jede Ironie dem Material, dafür um so mehr sich selbst gegenüber  auf Coveralben weltweit die Menschheit – mich auch – zu Tränen rührten, das wird noch in den schönsten und eingängigsten Passagen zugleich persifliert. Oder auch nicht. Vielleicht höre ich das ja falsch.

Die Text- und Rhythmusschleifen, in denen Donna Summers „hmmm, it’s so good, it’s so good“ in „Ride like a wind“ von Christopher Cross überlappen, konstituieren Hören als fast schon austauschbare Generationserfahrung, die nur noch durch eine Stimme und einen unschlagbar virtuosen Produzenten zusammen gehalten werden. Meiner Generation. Da wird die Historizität des Materials, noch des Klangraums da im Studio oberhalb des Fleets, mit bedacht.

Weil das mit dem Spiel der Zeichen nie ein Witz und gerade deshalb so lustig war – und man wohl die Trauer angesichts dessen auf solchen Alben einsingen muss, um sie auszuhalten.

3 Antworten zu “Kristof Schreufs „Bourgeois with guitar“: Zitatpop, Diskurspop, aktive Nostalgie und den Johnny Cash-Witz zu verkneifen, das fällt schwer …

  1. Pingback: Kann nicht wenigstens EIN EINZIGES MAL … « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  2. che2001 April 16, 2010 um 2:44 pm

    So alter Verwalter, jetzt sagst Du mir, wo ich das hören kann oder verlinkst es gleich *schmacht*. Hörenwill!

  3. momorulez April 16, 2010 um 3:20 pm

    http://www.amazon.de/Bourgeois-Guitar-Kristof-Schreuf/dp/B0038LYQ26

    Da zum Beispiel … da kannst Du unten auch rein hören. Mir hat man die CD halt so zugesteckt 😉 … die müsstest Du aktuell auch in jedem etwas besser sortierten CD-Laden kriegen,das Werk ist ja annähernd überall behuldigt und bejubelt worden, ganz zu recht. Wenn gar nix klappt, besorg ich sie Dir und schick sie Dir zu!

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