Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn Apollon und Dionysos Liebe machen und beim Orgasmus lustvoll schreien

Friedrich Nietzsche hat mit seiner berühmten Unterscheidung zwischen dem dionysischen und dem apollinischen Prinzip in „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ einen wichtigen – im Einklang mit den antiken Denkern stehenden – wie auch zu seiner Zeit sehr kontroversen Beitrag zur Deutung des Dionysoskultes wie des Theaters geleistet. Unter dem apollinischen Prinzip versteht er das Prinzip der Individuation; das entgegengesetzte dionysische Prinzip ist daher nicht das Aufgehen des Einen im Vielen, sondern umgekehrt das Aufgehen des Vielen im Einen. Wenn also z. B. Heraklit sagt: Alles ist eins[20], so ist das echt dionysisch. Folglich kommt Nietzsche zu dem Ergebnis: Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen den Menschen wieder zusammen, auch die entfremdete und feindlich unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest …“

Ja, ich weiß. Wenn Du zum Nietzsche gehst, vergiss die Vorsicht nicht und die Wirkungsgeschichte schon gar nicht. Doch was läge näher, als die Erfahrung des Orgiastischen, Ekstatischen, Beglückenden mit dem Dionysischen zu verknüpfen? Die ganze Geschichte des westlichen Theaters liegt im Dionysos-Kult begründet, und was ist das Geschehen auf dem Rasen sonst als ein großartiges Schauspiel? Die perfekte Dramaturgie?

Ja, „Schauspielertruppe“ mag auch als Beschimpfung Chöre initiieren, und der Job des Präsidenten des FC St. Pauli ist erschreckend oft und gerne Objekt der Attacke, weil die vermeindliche Künstlichkeit dem „Ehrlichen“ und „Authentischen“ entgegen stünde.

Was ein idiotischer Gegensatz – wie viel Wahrheit liegt doch im „Hamlet“, im „Kirschgarten“, im „Endspiel“, vergleicht man diese Dramen mit der Gebrauchsanleitung für einen Kühlschrank? Und wer den „Danton“ oder die „Seeräuber Jenny“ spielt, der lügt doch nicht.

Kunst steckt tief drin in der Künstlichkeit, und empfindet irgendwer die dollen Tore von Marius Ebbers gestern Abend als „ehrlich“? Nee, künstlerisch wertvoll waren die. Und diese so treffsichere, schnurgerade Linie, die der Ball im Flug zeichnete beim Tor von Matthias Lehmann, war die nicht einfach SCHÖN?

Voll in der Wortfamilie vergriffen, entnimmt man da die „Ehrlichkeit“ – und um allgegenwärtige Körperbewegungen, die „Authentizität“ signalisieren würden, handelt es sich bei solchen Kunststücken auch nicht. Ich könnte das ja nicht, auch nicht, wenn ich es versuchen würde, mittags am Rathaus vorbei zum Friseure spazierend, und habe das da auch sonst niemand machen sehen. Sind die nun alle „unauthentisch“?

Ich war übrigens saustolz, als ich als Kind reibungs- und stockungsfrei den Namen des nach ihm benannten griechischen Restaurants aussprechen konnte: „Dionysos“. Toll. Gab auch ein Restaurant, das hieß „Aristoteles“, da aß ich (Vegetarier, überlesen!) gerne Bifteki. Was nun aber mit dem Thema gar nichts zu tun hat. Dafür aber, dass Dalida hier gerade singt „Quand on n’a que l’amour“, ein Chanson von Jacques Brel, und das ist ja so, dass man manchmal nix anderes hat. Also nicht wirklich. Man hat ’nen Job, neuerdings sogar ’ne Firma, seit heute – peinlich, peinlich – ein i-phone, aber der Hund z.B., der gerade schlapp unter mein Bett gekrochen ist, sich von den Turbulenzen der Läufigkeit erholend, diesen Tagen der Entsagung bei maximal dionysischer Triebzufuhr, den habe ich nicht, den liebe ich.

Das meint Dalida ja eigentlich. Liebe hat man nicht, die lebt man. Und da ich ganz besonders den FC St. Pauli liebe, hatte ich wochenlang schwer Liebeskummer. Weil man plötzlich mit bekam, was manch einer im Stadion wirklich denkt. Mitteextremistische Spießeraufstände sind ja das Gegenteil von dionysisch, apollinisch sind die aber auch nicht. Die sind so – ach, einfach nur sie selbst. Das hat mich erschüttert. Da die Klügeren jedoch so vortrefflich nachgaben und die gute Tradition des Stimmungsboykotts der frenetischen Unterstützung der braun-weißen Helden geopfert wurde, war ein Zeichen gesetzt. Weil Porzellan jeder zerschlagen kann, aber das als Glück zu begreifen, da bedarf es schon mehr als des Glaubens, Schumpeters Konzept der schöpferischen Zerstörung sei ein Dionysisches. Isses gar nicht. Weil dem die Liebe fehlt.

So konnte man also denken, „ach, fuck, Liebeskummer habe ich nun auch konstant seit dem Coming Out, und, hat es mir geschadet? Ja. Aber ich hab mich dran gewöhnt“. Konnte in bangender Erwartung das Stadion betreten. Ich habe mir ja trotz tiefem Glauben an unsere Fussballgötter sooo viel Hoffnung vorher nicht gemacht. Wagte keine Prognose. Alle tippten irgendwas, und ich stand da kümmerlich in der bis gestern totesten Ecke des Stadions in meinem Exil, bis die Haupttribüne auferstanden ist, und guckte kläglich.

Doch früh spürte man es wogen. Da war was. Dionysos, ick hör dir trapsen. Es raunte und wellte und wollte. Und wie das wollte!!! Beim „Herz von St. Pauli“ sangen auf einmal viel mehr Leute mit. Das Viele im Einen formierte sich. Schwoll an. Suchte sich Laute, suchte sich Sound. Wollte werden und wachsen – wurde und wuchs. Wurde laut. So laut. So schön! „Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen den Menschen wieder zusammen, auch die entfremdete und feindlich unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest …“ Jaaaaaa!

MANN, WAR DAS GROSSARTIG GESTERN! Trotzdem man in der ersten Halbzeit schon glaubte, Apollon sei zum Gegner über gelaufen.Die waren doch ziemlich pointiert, kontrolliert und auf den Punkt. Ja, auch wir hatten Chancen. Aber dieses Ding, dass der Hein gerade noch, uff, am Pfosten vorbei lenkte, da hieß es klar: Hein gehabt! Erstaunen ergriff mich, dass ich noch aus der Entfernung von der Nordtribüne so genau sehen konnte, wie knapp das war. Den Rängen machte das nix – Chöre, andere Chöre, noch’n Chor, sogar in unserem lauen Block ein Tosen, und  immer, immer wieder alle zusammen. Wechselgesänge kreuz und quer – wären die Töne Fäden, einen Orienteppich hätten wir geknüpft von, ja!, überweltlicher Schönheit. Selbst F. vor mir, der schon ins Stadion ging, als das noch nicht mal da stand, wo es jetzt steht, stimmte ein. Lautstark. Macht der sonst gar nicht.

Halbzeit. Ja, und dann – dann war einmal mehr zu erleben, dass das mit den Entgegensetzungen ja sowieso immer doof ist. Dass man also auch Apollon und Dionysos vor der Hintergrund der Vereinigungsphilosophie betrachten muss, die schon Hölderlin und Hegel verband (vgl. Dieter Henrich, Hegel und Hölderlin, in ders.: Hegel im Kontext, Frankfurt/M. 2010, Erstveröffentlichung 1971, S. 9 ff.).“Aufeinander zugehen!“ war ja eh Motto des Spiels, und so dachten sich die beiden ansonsten kontrastierenden Götter „Ach, die sind aber sympathisch, die Jungs da in Braun-Weiß, lass uns mal in sie fahren!“

Gedacht, getan, und ja, da sahen die Augsburger anschließend deutlich schlechter aus als ihre Götter Urmel, Kalle Wirsch und Seeele-Fant. Die ich ja als Kind über alles liebte. Wobei Seeelefants „Öch weuss nöcht, wäs söll ös bedeutön“ durchaus deutlich in die Gesichter der Spieler aus Mixas Schläger-Bistum geschrieben stand. Doch gegen die strategische Disziplin Apollons und die ekstatische Lust am Rausch Dionysos‘, nunmehr unsere Mannschaft antreibend, behielt der große Puppenspieler, also der Mannschaftsgeist der Augsburger, die Fäden einfach nicht mehr in der Hand: Sie sackten tatsächlich in sich zusammen wie Marionetten.

Was ein Fest! Auf den Rängen konnte sich Apollon weniger durchsetzen. Da blieb es ganz dionysisch. Der Rausch wollte nicht weichen und wurde noch durch Bier über sich hinaus getrieben: „Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen den Menschen wieder zusammen, auch die entfremdete und feindlich unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest …“

Und so fand auch ich Glück und Versöhnung 😀 (weiß auch nicht, was für ein Stil-Gott hier heute in mich gefahren ist, der treibt mich ins Krude). Glück und Versöhnung hallte noch nach angesichts der Lichter des Doms, die können soooo prima aussehen in kühlen, klaren Nächten, ein lecker Duckstein schlürfend – Wechselgesänge zwischen denen, die ins Karussell stiegen und jenen davor: „St. Pauli – St. Pauli“.

Um heute nur sehr schwer ins Apollinische zurück zu finden … aber dafür bin ich wieder ganz schwer verknallt in meinen FC St. Pauli. Zerrissen werden WIR nicht!

4 Antworten zu “Wenn Apollon und Dionysos Liebe machen und beim Orgasmus lustvoll schreien

  1. Urfaust April 13, 2010 um 11:47 pm

    Als Links-Nietzscheologe geht mir bei dieser Einleitung das Herz auf! 😀

    Wusstest du, dass der einzige Unterschied zwischen Autisten und Authentischen ist, dass Autisten besser rechnen können?

  2. momorulez April 14, 2010 um 8:49 am

    Huch, als Links-Nietzscheaner hatte ich Dich gar nicht Erinnerung 😉 – ist ja nicht meine Musik,trotz des schönen Dialogs, aber Du hast recht, das mit dem Tanzen im Falle des Dionysischen hätte ich noch deutlich hervorheben müssen. Wobei das ja vorgestern eher „Hüpfen wie die Bekloppten“ war 😀 .

  3. MartinM April 15, 2010 um 10:13 am

    Ich bin kein Nietzscheaner – auch wenn ich seine Texte gerne lese – aber die Einleitung spricht mir aus der tiefsten Seele. Die Liebe – Eros UND Agape – die gehört zu Dionysos wie zu Apollo einfach dazu. Und Kunst geht nicht ohne Sinnlichkeit. Allenfalls Bedienungsanleitugen für Kühlschränke.

  4. momorulez April 15, 2010 um 10:27 am

    Nö, Nietzscheaner bin ich ja auch nicht. Aber das mit Dionysischen und Apollinischen, das mir kurioserweise erstmals in einem Interview mit Mathieu Carriére über den Weg lief, das hat mich ja immer schon sehr fasziniert …

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