Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vergib ihm, Herr, denn er weiß nicht, was er redet …

„Ich kann nicht in Deutschland die Aversion gegen schwarze Reggae-Musiker und sonstige Asylanten geißeln. Was der Deutsche nicht mit seinem Glauben vereinbaren möchte, sollte man akzeptieren. Außerdem sollte man die Symbolsprache der Neonazis nicht missverstehen. Man sollte nicht alles auf die Landser und die Volksmusik abwälzen. Das ist mir zu einfach.“

Außerdem ließ der Künstler Gentleman verlautbaren, dass es doch völlig normal sei, Reggae als undeutsch zu empfinden, Jürgen Rüttgers würde das vermutlich auch so sehen.  Er konnte sich jedoch nicht zu der Aussage durchringen, dass es nicht in Ordnung sei, wenn Reggae-Musiker mit ihrem gefährlichen Halbwissen zu Mordanschlägen auf Schwule aufrufen und so Hetzjagden auf Jamaica proklamierten und forcierten. Weil Buttersäure-Attentate von „Aktivisten“ da deutlich schlimmer seien. Für gut befand er jedoch, wenn Musiker wie Sizzla durchsetzen könnten, ganz als als wären sie Taliban, dass Schwule lieber nicht nach Jamaica reisten.

PS: Und diese Pappnase nennt ihr aktuelles Album „Diversity“. Da muss eine frühkindliche Schädigung durch Kölsch, Kirche und Karneval vorliegen.

Advertisements

70 Antworten zu “Vergib ihm, Herr, denn er weiß nicht, was er redet …

  1. momorulez April 12, 2010 um 12:38 pm

    Spannende und weiter gehende Artikel hier.

    http://jungle-world.com/inhalt/

  2. MartinM April 12, 2010 um 1:15 pm

    Um im Klischee zu bleiben: der muss wohl ganz schlechten Stoff geraucht haben.
    Allerdings habe ich eher den Verdacht, dass er ein nur eine weiterer Vertreter des „Extremismus der Mitte“ ist.

  3. Loellie April 12, 2010 um 1:48 pm

    Na wenn man mit den Grossen spielen und fett Kohle abgreifen will, kann man sich dieses ganze Gutmenschengequatsche einfach nicht mehr leisten. So siehts doch mittlerweile aus, in der Republik.

    Ich bin gerade echt überfordert das zu kommentieren, weil mir alles Angemessene selbst zu unapetitlich ist.

    NoGo-Areas als deutsches Kuturgut … gehts noch?

    Auch nicht uninteresannt, wenn auch von 2008:

    http://www.jamaica-gleaner.com/gleaner/20080217/focus/focus4.html

  4. momorulez April 12, 2010 um 2:10 pm

    @Loellie:

    Du hast das Original-Interview aber gelesen, oder? Dass man sich dieses Gutmenschengequatsche wohl nicht mehr leisten, das stimmt aber vollkommen …

    @Martin:

    Ich glaube, das ist bei dem eher dieser „Respekt vor anderen Kulturen“-Kram, der vergisst, was dabei raus kommt, wenn man das auf die eigene anwendet … in der Logik ist ja noch der Holocaust nicht kritisierbar.

    Und ein Genervtsein darüber, dass er nicht mehr über Reggae reden kann, ohne über Homophobie zu reden. Und den Punkt verstehe ich sogar. Könnte da Geschichten aus meiner Berufspraxis, die Du ja kennst, erzählen … darf ich hier ja nicht. Sind aber heftig.

    Dass das dann aber in Rechtfertigung umkippt ist einfach nur scheißgefährlich.

  5. defekt April 12, 2010 um 2:19 pm

    Allein schon die Verwendung des Wortes »Asylanten« verrät einiges über den Geisteszustand dieses Menschen. Wie der Typ sich diese ganze Nazikacke schönredet, unglaublich.

  6. momorulez April 12, 2010 um 2:23 pm

    Hat er das auch gesagt? Ich glaube, das war ich … ich weise lieber noch mal darauf hin, dass es sich um eine satirische Verballhornung des folgenden Passus aus dem verlinkten Interview handelt:

    „Ich kann aber anderen Kulturen nicht meine Kultur verordnen. Ich muss nicht in Vatikan City Kondome verteilen oder im Iran den Frauen die Tücher vom Kopf reißen. Ich kann nicht in Jamaika die Homophobie geißeln. Was der Rastamann nicht mit seinem Glauben vereinbaren möchte, sollte man akzeptieren. Außerdem sollte man die Symbolsprache des Reggae nicht missverstehen. Man sollte nicht alles auf die Musik abwälzen. Das ist mir zu einfach. Wenn Aktivisten mit ihrem gefährlichen Halbwissen Buttersäure-Anschläge auf Reggae-Konzerte verüben, wenn Volker Beck durchsetzen kann, dass Künstler nicht einreisen dürfen, als wären sie Taliban.“

  7. momorulez April 12, 2010 um 2:24 pm

    … was ja dramatisch genug ist!!!

  8. Loellie April 12, 2010 um 2:41 pm

    Aber ja doch, ich hab das schon verstanden 😉

    Deshalb brabbel ich doch, weil, wie du ja eben auch sagst, auf des Gentlemen Argumentationslinie, nicht mal mehr den Holocaust kritisieren kannst.

    Ich amüsiere mich gerade auf queer.de darüber, wie grotesk die Heten da im Forum abdrehen …
    Schwule lynchen ist halt deren Kultur, aber Auftrittsverbote verstossen gegen Menschenrechte … unfassbar

  9. momorulez April 12, 2010 um 2:44 pm

    Oooops, ich wurde gerade unsicher … bei queer.de im Forum hatte ich noch gar nicht geguckt. Aber die Conclusio:

    „Schwule lynchen ist halt deren Kultur, aber Auftrittsverbote verstossen gegen Menschenrechte“

    dürfte nach der ganzen Anti-PC-Propaganda langsam mehrheitsfähig werden, befürchte ich …

  10. che2001 April 12, 2010 um 3:40 pm

    Das ist wirklich schrecklich, in was für einen Irrsinn diese Gesellschaft sich hineinentwickelt. Zumal Anti-PC noch vor kurzem, jedenfalls in meiner Lebenswelt, etwas ganz und gar anderes bedeutete als Homophobie und Rassismus (schon gar nicht in der Schlagt-sie-alle-tot-Variante). Dabei würde ich selbst mich noch als politisch unkorrekt bezeichnen – da wo ich herkomme, bedeutet PC kein Fleisch essen, das Wort ficken nicht sagen dürfen und bei den Schlagworten „Israel“ und „Palästina“ hysterische Übersprungsreaktionen zeigen zu müssen. Da hat sich rasend schnell eine Antihaltung gegen einen rigiden Szenemoralismus zu blankem Faschismus entwickelt, der dann auch noch folkloristisch-karibisch begründet wird. Manchmal denke ich, das hier ist nicht mehr mein Planet.

  11. momorulez April 12, 2010 um 3:57 pm

    „Da hat sich rasend schnell eine Antihaltung gegen einen rigiden Szenemoralismus zu blankem Faschismus entwickelt“

    Ich halte das ja immer noch für einen US-Import, einen der dortigen Rechten, mit Argumenten, die sich u.a. bei Milton Friedman finden.

    Eben laut „Meinungsfreiheit!“ schreien, um dem Ku-Klux-Klan eine Stimme verleihen zu können.

    WIR lassen uns doch von diesen Minderheiten und deren Lobbys nicht beherrschen! Volker Beck ist da zur allgemeinen Chiffre geworden.

    In deren Horn bläst den Neofaschisten ja nun mittlerweile auch Frau Schwarzer, wenn sie für Lesbenküsse im Berliner Homo-Denkmal plädiert. Nicht weil sie dafür plädiert, da hat sie sehr gute Gründe, aber diese finsteren „schwulen Lobbyisten“, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, die attackiert sie trotzdem gleich mit. Bald veröffentlicht die EMMA die „Protokolle der Weisen von Mykonos“.

    Und das koppelt sich dann mit einem vermeindlich antikolonialen, anti-„kulturimperialistischen“ Diskurs, der mit einem als Kulturdünkel auftretenden Naturalismus im Sinne von „unafrikanisch“ oder „unjamaikanisch“ operiert und sich dabei auch noch völlig verblödet von Evangelikalen anfeuern lässt.

    Die Artikel in der Jungle World sind ganz gut zu dem Thema.

  12. che2001 April 12, 2010 um 4:50 pm

    Black Racism bleibt halt Racism. Schon MalcolmX und Stokeley Carmichael kämpften gegen die „Kulturidentischen“, besonders die Nation of Islam an. Die haben wohl Malcolm auch ermordet. Und Schwarzer vertritt schon seit 1988 eine rigide Mischung aus Dworkin-Moral und einem Biologismus, der das Gegenteil der Sex-Gender-Debate darstellt: Hauptsache Frau, auch wenn das bedeutet, Tchatcher, Chiller oder Merkel an der Statsspitze gut zu finden.

    Sicher ist der ganze Politcallincorrect-Diskurs US-Import. Nur sträuben sich mir persönlich die Fußnägel, wenn damit eine andere, früher mal vorhandene Debatte in der undogmatischen Linken, die ich selber mit geführt habe rein formulierungstechnisch eingemeindet wird. Da wird das Denken von Leuten wie mir, workingclasshero, Netbitch oder Entdinglichung nicht mehr formulierbar, weil die Neue Rechte uns das Vokabular geklaut hat.

  13. Loellie April 12, 2010 um 5:24 pm

    „Da wird das Denken von Leuten wie mir, workingclasshero, Netbitch oder Entdinglichung nicht mehr formulierbar, weil die Neue Rechte uns das Vokabular geklaut hat.“ …

    Dann müsst ihr euch halt neu erfinden …. harharhar …. 🙂

    Aber komisch herrlich, ich hab vorhin dann doch lieber zum Staubsauger gegriffen anstatt mich über Frau Schwarzer auszulassen, jetzt steht sie doch hier rum.
    Ich find das auch furchtbar, dass Schwulenverbände nun bemüht sind, die Minderwertigkeit lesbischer NS-Opfer wissenschaftlich zu untermauern, aber, ganz ehrlich, sich küssende Frauen im Tiergarten ist doch sicher ein Scherz.

    @ falscher Planet: Scheiss Verkehrsfunkhörer allesammt!

  14. che2001 April 12, 2010 um 5:50 pm

    Mit mich selbst neu zu erfinden habe ich keine Probleme. Es soll denen aber nicht vergessen sein, dass sie unsere Diskurse kaputtgemacht haben.

  15. che2001 April 12, 2010 um 6:03 pm

    Aber mir fielen bei Gentleman auch die Ohren ab, wenn der sonstwas singen würde. Da gefallen die mir schon eher:

  16. Nörgler April 12, 2010 um 10:02 pm

    Bin gerade nach Hause gekommen und kenne erst seit 2 Minuten das heutige Spielergebnis. Meinen Glückwunsch!

  17. momorulez April 12, 2010 um 11:14 pm

    Ich gehe da ja nun schon seit bald 10 Jahren hin … und heute, das war, also, sogar unabhängig vom Ergebnis, ein Abend für die Ewigkeit. Toll.

    Und mit Ergebnis natürlich noch viel mehr 😀 – manchmal ist man ganz plötzlich ganz glücklich.

    Danke insofern für den Glückwunsch! Unsere Mannschaft hat sich das heute so was von verdient … wir auf den Rängen aber auch! Danke.

  18. C.K. April 13, 2010 um 8:05 am

    Auf FAZ Online ist heute unter der Rubrik „Reise“ ein relativ langer Artikel über Jamaika. Alles bunt, friedlich, religiös und ein bisschen verraucht. Kein Wort zum Rest.

    mfg

  19. momorulez April 13, 2010 um 8:53 am

    @C.K.:

    Ja, so erträumt man sich wohl bei der FAZ eine Welt ohne lästige Schwuppen …

  20. willy April 13, 2010 um 1:15 pm

    „Schwule lynchen ist halt deren Kultur, aber Auftrittsverbote verstossen gegen Menschenrechte“

    Stimmt, wenn die hierher kommen wollen, sollen sie sich gefälligst an unsere Sitten anpassen, oder bleiben, wo der Pfeffer wächst.

  21. momorulez April 13, 2010 um 3:27 pm

    Als wäre das eine Frage der Sitten …

  22. che2001 April 13, 2010 um 5:42 pm

    Da ist Terminator 2 im Vergleich ein Musterbeispiel der Aufklärung: „Hast Du immer noch nicht begriffen, warum man Menschen nicht töten darf?“. Oder auch: „Es waren Scheiß-Männer wie Du, die die Wasserstoffbombe erfunden haben.“ Oder auch Django: „Diese Rassisten und Verrückten töten alles, was anders ist als sie.“ „Dann muss man mit denen kurzen Prozess machen, ehe alle anderen vor die Hunde gehen.“ Der Actionfilm der 60er bis 90er hat mittlerweile eine emanzipatorische Botschaft gegenüber Teilen der aktuellen Popkultur.

  23. Loellie April 14, 2010 um 10:17 am

    Das hier kann ich euch wirklich nicht vorenthalten …. ich schmeiss mich wech!!!

    Ich weiss leider nicht mehr wo es war, aber da hat einer das „Anti-Gewaltvideo“ des Pastorensohns T. Otto verlinkt, mit der Ueberschrift: „Smash Homophobia! So gehts!“

  24. momorulez April 14, 2010 um 10:24 am

    Grossartiges Video! BRAVO!

  25. Nörgler April 14, 2010 um 12:25 pm

    Hab’s auch gerade gesehen, köstlich!

  26. che2001 April 14, 2010 um 2:11 pm

    Ich schmeiss mich weg!

    Kennt Ihr eigentlich den Arschgesicht-Song?

  27. momorulez April 14, 2010 um 2:31 pm

    Welchen? Es gibt so viele Songs von Arschgesichtern … (tätä!)

  28. momorulez April 14, 2010 um 2:42 pm

    Das ist ja grausam! Akustische Körperverletzung!

  29. Nörgler April 14, 2010 um 4:39 pm

    Ich find‘ es gut!
    Na klar, die intellektonormativen Bildungsbürger hier schreien natürlich gleich „Huch!“ bei Bangbros. Das sehen Anhänger und Mitglieder der Subprol-Kultur wie Che und ich selbstverständlich etwas anders.

  30. momorulez April 14, 2010 um 4:42 pm

    Der Konter sei Dir gegönnt 😉 …

  31. che2001 April 14, 2010 um 5:40 pm

    Ich finde auch das gut:

  32. bersarin April 14, 2010 um 7:36 pm

    Auch ich möchte für das Bangbros-Video „Arsch-Gesicht“ eine Lanze brechen, weniger allerdings aus Anhängerschaft zum Subproletariat oder zur unteren nivellierten Mittelschicht, sondern vielmehr aus ästhetischen, genauer gesagt aus binnenästhetischen Gründen, die inder Sache selber liegen und aus Solidarität zum Gemachten im Augenblick seines Sturzes (der Sturz in seinen vielfachen Ausprägungen genommen): Nicht nur, daß die Monotonie des Musikalischen in dem Stück quasi-mimentisch das „Es-ist-so“ der Welt widerspiegelt, gleichsam die Fucktizität des Faktischen in den Ausdruckscharakter verwandelt, sondern es evoziert doch der Text ein Verhältnis von Nähe und Ferne, das gleichsam an romantische Motive gemahnt und dabei gleichzeitig deren Brüchigkeit einholt.

    So schwingt in der Zeile „Weil Arsch und Welt das reimt sich nicht“ nicht nur die Aporie einer schlechten Unendlichkeit mit, welche keine Annäherung erfahren kann, sondern – fast autopoietisch – wird die Unmöglichkeit des Gedichts und die Negation des Reims als verbleibende Möglichkeit der modernen Lyrik, die es in dieser Weise einzig noch vermag, das Subjekt auszusprechen, zum Thema erhoben. Wir sind an dieser Stelle sehr nahe an den Blüthenstaub-Fragmenten des Novalis dran („Scham ist wohl ein Gefühl der Profanazion“ „Selbstentäußerung ist die Quelle aller Erniedrigung, so wie im Gegentheil der Grund aller ächten Erebung“, Novalis, GS 2, S. 237)

    Dieses Motiv des Sprachlosen und Gestischen wiederholt sich in der Bildsprache und wird von ihr reflexiv aufgegriffen: So etwa, wenn jene aphasischen Männer taumelnd durch das Bild treiben: dies mag eine bewußte Inversion des Hölderlinschen Heilig-Nüchternen und damit berechtigte Gesellschaftskritik am Ideal der All-Einheit abgeben. Und schon der Gegenstand „Mikrophon“ spiegelt das Motiv des Sprachlosen und zugleich – in seiner Form – das damit verbundene Moment des (überdimensionierten) Phallogozentrismus auf das extremste wider.

    Es handelt sich bei diesem Stück um eine ästhetisch hochkomplexe Ton/Bild/Text-Anordnung, die sich einer intensiven dekonstruktiven Lektüre zu „öffnen“ vermag. Nicht nur über die Sprache funktioniert die Partizipation (im Sinne einer nichtursprünglichen Teilung, partage, partager), sondern auch die Welt des bewegten Bildes steht gleichrangig zum Text. Jedes Element ist gleichnah zum freilich abwesenden Mittelpunkt. Denn auch die in den Bildern anzitierte Dingwelt erscheint, in fast beckettscher Weise, fragmentiert, zumindest jedoch unvollständig. Eine Kuhglocke, eine Leber als pars pro toto deuten darauf, daß einst etwas war. Signifikate ohne einen Signifikanten verabschieden jede Möglichkeit einer Vereinigungsmetaphysik und konterkarieren den Text. Dies hat Auswirkungen bis hinein ins Sexuelle.

    Genauso negiert sich innerhalb dieses komplexen Artefakts das Weibliche in der Unmöglichkeit (a-potentia), auch nur einen einzigen Blick unter den knappen Rock der blonden, beleibten Frau zu erhaschen. Was aber bleibt, ist das sibyllische Lächeln einer blonden Frau, die gleichfalls (und hier das romantische Motiv noch einmal aufgreifend) das Versprechen einer niemals einzulösenden Nähe tätigt.

    Insofern kann man schon aufgrund dieser wenigen Aspekte dieses Video einzig als ästhetisch gelungen bezeichnen: Fast schon bin ich geneigt, mit einer Formulierung aus dem Heideggerschen Kunstwerkaufsatz zu schreiben, daß hier das Werk eine Welt eröffnet und aufstellt. Darin eben liegt ja ein Aspekt der Wahrheit des Kunstwerkes gegeründet. Welt zu geben und zu eröffnen, sei‘s auch aus der Aporie und ex negativo heraus. Anders ist „Kunst heute“ auch gar nicht mehr möglich. Ich denke insofern, daß Bangbros eine der innovativsten Gesamtperformanzgruppen ist, die zudem auch Aspekte des Religiösen aufgreift: Nämlich ein Moment des Dreifaltigen, womöglich sogar eine Trinität unter Einbeziehung des Weiblichen: vermittelt über diese menschliche Dreiergruppe des Videos, welche aber nicht mehr in einer Einheit zusammenzuführen ist. Hen, Kai und Pan, wie die ProtagonistInnen sich nennen, gehen fortan getrennte Wege.

    Deshalb danke ich dem Che für dieses Video und würde, insofern Momorulez keinen Einspruch erhebt, demnächst eine Zweitverwertung meines Aufsatzes in meinem Blog „Aisthesis“ vornehmen wollen. (Falls ich in zwei Tagen noch Lust dazu habe.)

    Allerdings konnte ich hier freilich nur einige wenige Aspekte anreißen. Die philosophischen Konnotation, etwa vermittelt über Lévinas‘ Konzept des Antlitzes sowie über die phänomenologische Seite des rein Körperlichen müssen zunächst außen vor bleiben.

  33. Nörgler April 14, 2010 um 8:44 pm

    Bersarin zeigt, was die Versenkung ins Werk vermag.

  34. momorulez April 14, 2010 um 8:46 pm

    @Bersarin:

    Ich vermute mal, dass die Macher über diese Deutung zumindest überrascht wären, aber vielleicht irre ich ja, und besagen tut es nix über die Interpretation selbst. Und klar, zieh das gerne rüber auf Dein Blog. Und Danke für diese! So was erfreut ja den Blogbetreiber hier nachhaltig!

    Ich gebe ja auch zu, dass ich nach einer Minute nicht mehr hören wollte 😉 – womit mir wohl wegen mangelnden Feinsinns und ungenügender Ausbildung in ästhetischer Reflektion total was entgangen ist. Aber ich konnte die Musik wirklich nicht ertragen. Kann ja intendiert sein. Da bleib ich aber gerne doof 😉 …

  35. bersarin April 14, 2010 um 9:14 pm

    Ich muß zugeben, daß auch mich die Hermetik der Musik beim ersten Hören mehr als verschreckte. Ich habe nach der Minute 1 ausgeschaltet. Dachte dann aber: nee, mach mal weiter. Da ist mehr drin. Ich erinnerte mich dann auch daran, wie ich Alban Bergs „Wozzeck“ als Jugendlicher zum ersten Mal hörte. Da habe ich zunächst auch abgeschaltet. Später hat es aber gefunkt. (Wobei ich diese Stücke nicht in eins setzten möchte, hier hört der unendliche Theorie-Spaß dann doch auf.)

    Aber: Dieses Video können nur geniale, von der Kulturindustrie gedungene Kunststudenten gefertigt haben. Und ich bin mir sicher, daß die Macher meine Lektüre teilen.

    Ach ja, habe mir heute von Thomas Hecken „Pop. Geschichte eines Konzepts“ zukommen lassen. Wurde, glaube ich, in der „Zeit“ oder der „Berliner Zeitung“ ganz gut, zumindest wohlwollend besprochen.

    Deine Zizek-Empfehlung, die Du (drüben bei Che?) gegeben hast, werde ich wohl auch berücksichtigen.

    Würde mich freuen, wenn du etwas darüber schriebest. Wobei ich hier sicherlich kein Wunschkonzert oder Nötigung veranstalten möchte 😉

  36. momorulez April 14, 2010 um 9:29 pm

    „Ich erinnerte mich dann auch daran, wie ich Alban Bergs “Wozzeck” als Jugendlicher zum ersten Mal hörte.“

    Ich hatte das befürchtet 😉 -meine Aversion bezieht sich, glaube ich, vor allem darauf, dass ich mit dem berühmt-berüchtigten „Euro Trash“ mal beruflich zu tun hatte, aber pssst. Und in den Büros nebenan war alles auf Ballermannisierung focussiert. Was ja auch immer ein zweischneidiges Schwert ist, darüber zu unken. Da war ja Nörglers Hinweis treffsicher, und meine Verbeugung – touché – ganz ernst gemeint.

    Wobei ich z.B., wenn ich jetzt „Dr. Abarn“ oder „2Unlimtid“ höre, sogar gute Laune bekomme, und das ist auch „the next big thing“, dass diese Sounds wieder hoch kommen. Vielleicht macht sich das da oben da sogar drüber lustig, kann ja sein, über die soziale Konnotation dessen.

    Dieses „Pop“-Buch habe ich, wie viel zu vieles, neulich nur mal quer gelesen, und das fand ich ein wenig schaurig. Da bin ich aber auf Dein Urteil sehr gespannt, weil man ja immer da besonders blind ist, wo man sich eh schon den ganzen Tag aufhält und sich wahrscheinlich zu Unrecht für kompetent hält. Mir war das zu enzyklopädisch und deshalb zu platt da, wo es angreift. Aber wie gesagt …

    Der Zizek ist ein harter Brocken, glaube ich, da brauche ich noch einen Moment.

    Da werden auch gleich am Anfang so Leute wie ich abgewatscht, das mag ich ja 😉 – wer will sich schon bestätigen lassen? Die Einleitung ist eher journalistisch, aber dann geht er in die Vollen mit einer offensiven Berufung auf Kommunismus und Psychoanalyse. Was mir als jemandem, dessen theoretisches Feindbild früher der „Freudomarxismus“ aus Foucaultscher Perspektive war, durchaus gut tut.

    Da brauche ich aber eine Weile, um zu kompostieren. Hatte aber gleich das Gefühl, dass das bedeutend ist, das Buch, hoffentlich trügt mein erster Eindruck da nicht. Da kommt noch was. Und Wunschkonzerte und Nötigungen von Deiner Seite sind stets willkommen 😉 …

  37. che2001 April 14, 2010 um 10:00 pm

    Zumindest habe ich mich bei Bersarins Kommentar ungelogen mit den Händen auf den Teppich trommelnd am Boden gewälzt. Demnächst noch ein vergleichbarer Kommentar zum Antipope?! Leute, wir tun hier Großes!

  38. Nörgler April 14, 2010 um 10:14 pm

    Ich sage nur: der Bildungsauftrag!

  39. che2001 April 14, 2010 um 10:21 pm

    Zu dem trug die nette Bitch gerade auf mehreren Kanälen was bei. Humboldt, der Bildungskobold wäre stolz auf uns.

  40. bersarin April 14, 2010 um 10:32 pm

    Danke, Che. Antipope: das müßte man wohl über Laibach angehen. Wenn es nicht so spät wäre, fiele mir womöglich noch etwas ein. Andererseits bin ich über die Kommentierung von Nörgler bei Dir, die sehr großartig ist und mir einen harten Takt für meine Lektüre von Benjamin vorgibt, noch ganz außer mir.

    @ Momorulez
    Das Buch zum Pop habe ich mir, das gestehe ich kleinlaut, aufgrund zahlreicher Defizite meinerseits im Bereich der populären Musik zukommen lassen. Was Du schreibst, trifft sich jedoch ein wenig mit der Buchkritik. Aber insofern wird wahrscheinlich gerade für mich das Enzyklopädische des Buches genau richtig sein. Im Zusammenhang mit Baudelaire, Marx, Benjamin, Adorno erscheint mir ein Ausflug in diese Gefilde nicht ganz falsch.

    Das Lästern und unreflektierte Witzeln über Ballermann et al. ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Da gebe ich Dir recht.

    Auf den Zizek von Dir bin ich gespannt. Da ist es wie mit dem Text Derridas zu Hegel. Braucht halt seine Zeit.

  41. che2001 April 15, 2010 um 10:42 am

    @“vor allem darauf, dass ich mit dem berühmt-berüchtigten “Euro Trash” mal beruflich zu tun hatte, aber pssst. Und in den Büros nebenan war alles auf Ballermannisierung focussiert. Was ja auch immer ein zweischneidiges Schwert ist, darüber zu unken. Da war ja Nörglers Hinweis treffsicher, und meine Verbeugung – touché – ganz ernst gemeint.

    Wobei ich z.B., wenn ich jetzt “Dr. Abarn” oder “2Unlimtid” höre, sogar gute Laune bekomme, und das ist auch “the next big thing”, dass diese Sounds wieder hoch kommen. Vielleicht macht sich das da oben da sogar drüber lustig, kann ja sein, über die soziale Konnotation dessen. “ —- Tjaaa, und dagegen bin ich der tumbe Tor und will es auch bleiben. Ich wüsste noch nicht mal so richtig zwischen Dr. Alban, Public Enemy und Ice-T zu unterscheiden, nur, dass der eine norwegischer Zahnarzt ist und die anderen Polit-Rapper aus New York bzw. antirassistischer Gangsta-Rapper aus L.A., gemeinsam haben sie, dass sie alle guten Rap machen, und vereniigt sind sie auf der MC „Schwarze im Schnee mit Pommes Rot-Weiß“, die der Coach mir einst aufgenommen hatte.Für mich ist das mehr oder weniger dieselbe Musik. Die Feinheiten will ich gar nicht wissen.

  42. momorulez April 15, 2010 um 10:54 am

    „Ich wüsste noch nicht mal so richtig zwischen Dr. Alban, Public Enemy und Ice-T zu unterscheiden“

    Das nenne ich Mut zur Entblößung 😉 – Dr. Albarn ist Schwede, by the way, aber woher weißt Du denn das mit dem Zahnrzt? Und das ist wie Wein trinken lernen. Muss man ja nicht wissen, erweitert aber Erfahrungsspielräume.

    Zudem der Unterschied zwischen Dr. Albarn und Public Enemy weniger eine Feinheit, eher der zwischen Blue Curacao mit Red Bull gemischt (Dr. Albarn) und Speed (Public Enemy) ist.

  43. Nörgler April 15, 2010 um 10:57 am

    „Die Feinheiten will ich gar nicht wissen.“
    Mit diesem blöden Spruch hast Du jetzt die ganze von mir mühsam aufgebaute Street Credibility zerstört!

  44. momorulez April 15, 2010 um 10:59 am

    Ja, zudem Che nun ausgerechnet den Hip Hop und dessen Wurzeln beschmutzte, indem er sie mit Dr. Albarn kurz schloss. Das ist wirklich Wasser auf Loellies und meine Mühlen 😀 …

  45. che2001 April 15, 2010 um 11:55 am

    Wiso „Albarn“? Der schreibt sich Alban, oder reden wir von zwei verschiedenen? Ich meine den: http://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Alban

  46. momorulez April 15, 2010 um 11:57 am

    Stimmt, da hat sich wohl meine heimliche, uneingestandene Liebe zu Damon eingeschlichen …

  47. che2001 April 15, 2010 um 12:03 pm

    Die sei Dir vergönnt. In der Szene, der ich so lange angehörte, wurde das alles miteinander versampelt und auch Dr. Alban auf der L.A-Riot-Soli-Party gespielt. Da erhitzten sich die Gemüter eher daran, dass IceT. ein Sexist und Verbalvergewaltiger sei und dass es politisch höchst inkorrekt sei, den zu spielen. Zeitweise wurde das als frauenfeindlicher Übergriff verstanden, und man konnte als D.J. deshalb aus dem JUZI fliegen. Schreibe ich nachher bei mir drüben was drüber.

  48. che2001 April 15, 2010 um 12:09 pm

    Und meine eigene Musik-Sozialisation ist entscheidend geprägt durch die Hlörgewohnheiten meiner Eltern und deren Generation und die meiner früheren Chefs, die sich zwischen Marschmusik, Kurkapelle, Peter Alexander und Klassik bewegten, und da ist die Absetzbewegung von Stones bis Hip Hop und Metal in sich sehr plural. Wenn man DREN Musik kennt, erscheinen die Unterschiede da nicht soooo riesig.

  49. che2001 April 15, 2010 um 12:09 pm

    Deren, nicht dren!

  50. che2001 April 15, 2010 um 6:30 pm

    Ich halte übrigens Arschgesicht tatsächlich für eine Satire auf die Euro-Trash-Musik. Zunächst ist es aber eine gezielte Parodie auf das hier:

  51. momorulez April 15, 2010 um 7:45 pm

    Ich finde, das geht zu weit, so was in meinem Blog zu parken …

  52. momorulez April 15, 2010 um 9:21 pm

    Lieber mal gleich den Text über Kristofs Schreufs „Bourgeois with Guitar“ lesen!

  53. che2001 April 15, 2010 um 9:22 pm

    Sorry, ich wollte das gar nicht parken, sondern nur einen Link legen. Wieso das hier mit Player und Abspielfunktion gelandet ist entzieht sich meiner Kenntnis. Mea culpa…

  54. momorulez April 15, 2010 um 9:43 pm

    „Mea Culpa“, schön, dieser Rückbezug auf die Headline des Eintrags 😀 – das bleibt da jetzt stehen als Mahnmal Deiner Verfehlung! 😉

  55. che2001 April 15, 2010 um 9:47 pm

    Und ich muss nicht auf den Knien nach Santiago pilgern?

  56. momorulez April 15, 2010 um 9:58 pm

    Wir Protestanten kennen nicht Beichte noch Buße, nur Schuld!

  57. che2001 April 15, 2010 um 10:06 pm

    Palo me palo he, allein Buddha bietet Gnade….

  58. Nörgler April 16, 2010 um 7:26 am

    So habe ich mir das JUZI vorgestellt: Penetrierer und sonstige Vergewaltiger abfeiern, aber die Stalin-Aufarbeitung nicht in die Massen tragen wollen! Und es kann ja wohl kein Zufall sein, dass es PeneTRIERER heißt!

  59. momorulez April 16, 2010 um 8:28 am

    😀 – habe mich ja so schon über diesen Kommentar beim morgendlichen Computerhochfahren gefreut; als ich aber das Original las in den Kommentaren zur Ethnologie studentischer Subkulturen in Nordhessen, habe ich noch mal so richtig einen Lachkrampf bekommen …

  60. Loellie April 16, 2010 um 11:45 am

    So viele Vorlagen und so wenig Zeit … 😦

  61. che2001 April 16, 2010 um 2:31 pm

    Ich bekenne, in jenen Zeiten, in denen es meine Aufgabe gewesen wäre, eine Stalinaufarbeitungskomission zu gründen, im JUZI gewesen zu sein und dort Schabernack getrieben zu haben. Ich bekenne, aufrechte Linke mit echt gefühlten Anliegen und hohen moralischen Ansprüchen veralbert zu haben. Ich nenne mich schuldig, mein Zwerchfell und meine Mundwinkel nie unter Kontrolle gehabt zu haben. Ich gestehe, beim Kampf um die Lufthoheit über das Zwanghafte haschischrauchend Douglas Adams gelesen zu haben. Ich gebe zu, dass ich auf einer Demo mitten im Schwarzen Block ein Schild mit der Aufschrift „Meine Frau ist auch Brian!“ getragen habe.

  62. che2001 April 16, 2010 um 6:16 pm

    „Studentische“ Subkulturen waren das übrigens eben gerade nicht.

  63. momorulez April 16, 2010 um 7:06 pm

    In Göttingen ist ALLES studentisch 😉 …

  64. che2001 April 16, 2010 um 8:43 pm

    Also, was die konkrete soziale Zusammensetzung angeht, gehörte die überwiegende Mehrzahl der Leute nichtakademischen Heil- und Helferberufen an: Krankenschwestern, -Pfleger, -Gymnastinnen, Ergotherapeuten und Logopädinnen, Hortpädagoginnen. Studierende waren die zweitstärkste Gruppe, dazu kamen Leute mit erheblich bunteren Biografien: Der kurdische Pizzabäcker, der eigentlich Dr. der Architektur war, der aserbaidschanische Ingenieur, der immer nur saisonweise auf Montage arbeitete und ähnliche Asylebensläufe, Alternativjobber wie z.B. Bioladenbetreiber, Wochenmarktbeschicker, Elektrowertstattmacher und Autoschrauber, endlich auch sehr viele Dauerarbeitslose, die 5 oder 10 Jahre Sozi bezogen. In unserer Gruppe waren auch eine geologische Gutachterin und ein Baggerfahrer dabei. Unsere charismatische Sprecherin war ein Heilpraktikerin, die sich nach 7 ahren Sozi-Bezug diesen Job autodidaktisch selbst beigebracht hatte, führende Köpfe der Antifa (M) Drucker und Setzer. Das Durchschnittsalter der Leute, die in der Szene größeren Einfluss hatten lag auch schon damals zwischen 30 unsd 45. Nix studentisch, nixxen…

  65. che2001 April 16, 2010 um 8:46 pm

    Außerdemingens war das nicht nur Göttingen, sondern die Trias Göttingen, Kassel, Bremen.

  66. Pingback: Nee, Benny, okay ist das nicht! « Metalust & Subdiskurse Reloaded

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s