Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: April 2010

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Wenn alles eine Marke wäre, gäbe es dann keine Marken mehr? Weil jede Unique Selling Prophecy sich in schlichte Namen zurück verwandeln würde? Es heißen ja auch ganz viele Leute Thomas, Kerstin oder Lena und trotzdem Meier.

Ist natürlich nicht so. Weil ein Zeichen, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse eben nicht das gleiche sind und man durch erstere letztere nicht aufheben kann. Apple kann nur zensieren, wenn sie die materielle Basis beherrschen.

Trotzdem hat es mich immer fasziniert, wie Simenon in seinen Bistros die Schreibmaschine beackerte und dabei mit Sicherheit zu anderen Textsorten gelangte als andere mit der Feder, dem Bleistift oder dem Kugelschreiber. Hämmern, stelzen, anspitzen und radieren oder schmieren und pfuschen oder copy, link und paste, das ergibt andere Rhythmen im Text.

Nenne deshalb jetzt mobil verfasste Einträge iMINs, ganz offensiv mich der durch Marken gesteuerten Kommunikationsform unterwerfend – vielleicht treibt es diese dann ja über sich hinaus …

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Viel Rauch um Nichts. Halt den Rand. Halt ihn fest. Du könntest Räume sehen. Wenn der Rauch sich lichtet, er sich legt, könntest Du Räume sehen und denken „Hey, wo einmal nichts war, da könnte ja …“.

Aber dazu muss erst der Rauch sich legen. Irgendwo hin, Hauptsache weit weg.

Wie nach dem Duschen, wenn der Spiegel sich klärt. Du schaust hinein. Blickst hinter Dich, wo Chet Baker steht. Damit hättest Du ja im Leben nicht gerechnet – willst Dich betrachten, unter Falten leiden und Dich zu putterrot finden nach der zu heißen Dusche, und dann steht da plötzlich Chet Baker.

Damals, als er noch keine Zahnprobleme hatte und ans Flügelhorn noch nicht mal dachte. Steht da, lächelt verstohlen und zündet sich eine Lucky Strike an.

Erschrocken hälst Du Dich am Rand Deines Waschbeckens fest. Da fällt er Dir wieder ein, dieser Satz von Neo Rauch im aktuellen Rolling Stone, das Album Scott Walkers von 2006 oder so würde sich wie Magma durch sein Atelier wälzen. Das brauche er für manche seiner Bilder. Stahlgwitter.

Da muss auch Chet lachen. Chet lacht ja cool. Klar. Er brauchte sich nicht prügeln. Er liess abprallen. Ja, die Attitüde war geklaut. Vom Hipster, den der Mailer beschrieben hat. Und deshalb melancholisch. Seine Musik brauchte kein Magma sein.

Er ascht in mein Waschbecken. Wir werden noch viel Spass haben. Wir kennen das Nichts, und der Rauch liegt ja zum Glück woanders rum …

Das ist so schön …

Endlich sagt es mal jemand!

„Ernstfall, es ist schon längst so weit. Ernstfall, Normalzustand seit langer Zeit.“

„«Der Deutsche Fussball-Bund, der heute selbst alle drei Wochen irgendeine Anti-Rassismus-Aktion unterstützt, hat uns heftig angefeindet. Es hiess: ‹Lasst das mal doch sein, mit diesem ewigen «Gegen Nazis!», «Gegen Nazis!». Ihr bringt doch nur die Politik ins Stadion.› Im Berliner Olympiastadion gab es Fangruppen, die sich Zyklon B oder Endsieg nannten, und in fast allen Kurven der 1. Bundesliga hingen Reichskriegsflaggen. Damit hatte der DFB kein Problem. Wir waren die Ersten, die sich öffentlich und ganz massiv dagegen aufgelehnt haben, später dann zum Glück mit grosser Unterstützung von vielen anderen. Doch der Verband und andere Fans haben uns permanent vorgeworfen: Ihr bringt die Politik ins Stadion. Rassistische Gesänge, das hat ja dann keiner merken wollen, das ging in Ordnung. Erst als wir uns dagegen gewehrt haben, war das dann Politik.»

Auch die Alteingesessenen beim FC St. Pauli hätten anfangs «überhaupt keinen Bock drauf gehabt, dass da plötzlich die Hafenstrasse aufläuft», sagt Brux, während er im Millerntor auf der Gegengerade vor einer Bande steht, auf der keine Werbung zu lesen ist, sondern ein gedrucktes Statement: «Kein Fussball den Faschisten».“

Geht ja schon bei Twitter rum, dieser ganz hervorragende Artikel über die Wiedergeburt des FC St. Pauli aus dem Geiste des schwarzen Blocks Mitte der 80er Jahre. Schön, dass Ippig die Fehlfarben zitiert. Auch, dass Slime so ausgiebig zu Worte kommen, auch wenn das nie „meine Band“ war.

Auch über die aktuellen Gefährdungen wird ausgiebig berichtet, denen dieser so einzigartige Mikrokosmos ausgesetzt sich sieht:

„Doch auch auf St. Pauli gibt es Leute, die mit Protest und Boykott für ein grösseres Ganzes nicht viel anfangen können, sondern einfach Fussball gucken wollen. Darunter auch einige, die sich nicht um die vor 25 Jahren erkämpfte Stadionordnung kümmern, dass Rassismus und Sexismus am Millerntor nichts verloren haben. Einer beschimpft an diesem Tag einen Blockierer als «verdammte Schwuchtel», eine Blockiererin ist eine «dumme Fotze». Es kommt zu Rangeleien, und in der selbstverwalteten Kurve wird der Ruf nach Polizei laut. Ein Blockierter bittet den Schreibenden, «110» zu wählen, den Polizeinotruf. Weil der Schreibende der Bitte nicht nach kommt, macht es der Mann dann selber per iPhone. Das Präsidium spricht später von Nötigung, verzichtet aber auf eine Anzeige.“

Es sei auch in diesem Zusammenhang noch mal erwähnt, dass Herr Gentleman neulich mit Bennys „Viva Con Agua“, die ich großartig finde, Benifiz-Fussball spielte, nachdem der Gentleman zuvor meinte, man müsse gefälligst akzeptieren, dass „der Rastamann“ „Homosexualität“ nun mal mit seinem Glauben nicht vereinbaren könne, alles andere sei ja wohl „gefährliches Halbwissen“. Mordaufrufe in Songs sind da freilich profunder.

Am Millerntor würde er wenigstens idealerweise Stadionverbot bekommen, wenn er diese Akzeptanz äußerte. Muss man nämlich nicht akzeptieren. Danke an die mir bis dato gar nicht bekannte Wochenzeitung für diesen tollen Artikel!

PS: Dank Herrn Guenni bei Twitter hier auch ein Link auf das Blog des Autoren, Daniel Ryser: Nation of Swine.

Besoffen von zu viel Kakao, bis man darin ertrinkt …

Dieser neuerdings so seltsam expandierte des „Die wollen doch nur unsere D-Mark!“-Nationalismus geht mir seit Monaten schwer auf den Sack.

In Umfragen wird erkundet, dass „wir“ ja der Ansicht sind, „Deutschland“ habe in der Finanzkrise mehr „geschultert“ als all die anderen, ganz so, wie manche im Stadion ja auch mehr supporten als andere.  Die BILD titelt, irgendwer wolle UNSER Geld. Mir bleibt ein ums andere Mal vor lauter Ekel angesichts dieser Rhetorik der einst Kriegsführenden der Atem stehen – will nicht riechen müssen, wie es mir stinkt.

Diese Selbstgerechtenmentalität, die auf dem „Wirtschaftswunder“ ihren Ersatzmythos gründete, nachdem zuvor sie so unvergleichlich fleissig, diszipliniert und außerordentlich effektiv 6 Millionen Juden und allerlei Schwule, Sinti, Roma, „lebensunwertes Leben“ und sonstige „Asoziale“ und „unnütze Esser“ gleich mit vernichtet hatte. Von all den Leichenbergen bei den Eroberungsfeldzügen in Osteuropa mal abgesehen.

Seit der WM 2006 nunmehr sind sie vollends gesundet und spazieren kraftmeiernd durch Wirtschaftszonen, sie haben ja „ihre Hausaufgaben gemacht“. Exportieren ihre Zucht- und Schulmeisterlichkeit, von verbissenem Sinn getrieben, die eigene Bevölkerung mit Hartz IV erpressend und immer weiter lohndumpend, marschieren durch die Weltgeschichte und genießen diese Rolle des Zurechtweisers und mental gleichgeschalteten Superzöglings wie süße Rache an allem, was ihnen zum Trotze noch lebendig ist und bruchstückhaft nur widersteht.

Vollends aufgeklärt und christlich nächstenlieb im Gegensatz zu all den mittelalterlichen Eselstreibern, den korrupten und faulen „Südländern“ hat die Schöpfungsgeschichte einmal mehr das ewige Leuchten des Stahlgewitters als formidablen Fortschritt zur Entrechtung jedes Einzelnen im deutschen Wesen tief verankert, nur dass sich dieses nun in volkswirtschaftliche Termini verkleidet über die Welt ergießt wie ein Lavastrom.

Und da homoöpathisch man Gleiches mit Gleichem bekämpfen kann, was eklig Anderen abgepresst so triumphal das Lehrbuch schwenkt, sei auf einen hervorragenden Kommentar von Robert von Heusinger heute in der FR verwiesen:

Diese Borniertheit, diese Unfähigkeit zu reflektieren, ja überhaupt die Frage zu stellen, ob nicht auch das Verhalten Deutschlands in den elf Jahren des Euro zu den Spannungen in der Währungsunion beigetragen hat, machen klar: Das Problem des Euro ist weniger Griechenland als der vermeintliche Musterknabe Deutschland.

(…)

Eine Aufwertung um rund 30 Prozent gegenüber dem Rest-Euro wäre die Folge. Das wäre zwar ein Überschießen des tatsächlichen Arbeitskostenvorteils hierzulande, aber so ist das nun mal am freien Devisenmarkt: Die Kurse überschießen. Eine Aufwertung um 30 Prozent kommt der Rettung Griechenlands gleich, auf den Inseln würde die Kosten-Nutzen-Funktionen wieder stimmen.

Eine Aufwertung um 30 Prozent würde Frankreichs und Italiens Industrie und genauso derjenigen Belgiens, Hollands und der Slowakei enorme Wettbewerbsvorteile auf den Weltmärkten verschaffen.

Rest-Euroland stünde vor einem wahren Exportboom und könnte endlich von Deutschland befreit wachsen.“

Und vielleicht würde dann hier die Möglichkeit von Freiheit, ihre Ahnung zumindest, mal wieder neu bedacht … jenseits dieses verdinglichenden Intrumentalisierungsapparates, der unter dem Banner der „Wirtschaftlichkeit“ nunmehr als Eurosuperstar den Rest des Kontinents erpresst und so die eigene Wählerschar gleich mit.

Diese möge es doch endlich begreifen, weil bis heute Kästners Diktum gilt: „Was immer auch geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, den Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Nee, Benny, okay ist das nicht!

So einen wie Gentleman aktuell zu promoten, der sagt, gegen Homophobie auf Jamaica zu protestieren sei so, wie Kondomautomaten im Vatikan aufzustellen, das sei halt „deren Kultur“,  und so noch päpstliches Agitieren zumindest nicht kritikwürdig findet, also, so einer hat meiner Ansicht nach im Umfeld des FC St. Pauli aktuell wenig verloren.

Schön: „If a Clash reunion tour were possible, this would be its audience!“

„… hat denn niemand diese kolossale Änderung der Welt gesehen?“ (Klaus Hoffmann)

Doch! Ganz viele sogar. Und konnten es kaum fassen. Da war ein kurzer Moment des Staunens, als Charles Takyi am Freitag das 1:0 geschossen hat. Tolles Tor. Und die Welt war eine andere.

Das ist was ganz Erstaunliches, wie Handlungen die Welt verändern. Was sie bewirken. Rumms, schon fiel das nächste Tor. Na, stimmt nicht ganz. Schuss, Torwart wehrt ab, Tändeln, kein Koblenzer greift an, Naki kann Maß nehmen, drin isser .

Trotzdem eigentlich der so knapp verschossene Elfmeter von Florian Bruns noch viel schöner war, weil Schönheit ja auch von Leid und Tragik lebt. Ewig gut gelaunte Optimisten sehen meistens Scheiße aus. Zu glatt. Da muss sich in individuellen Welten schon Vielschichtiges bewegen, dass Schönheit geboren wird wie die Venus auf Boticellis visuellem Evergreen. Trifft ja auch auf Charles zu: Was haben wir gelästert! Aber die letzten Spiele – grandios!

Lese ja gerade ein wenig in Herrn Zizek rum, und das ist schon dolle, wie er in Auseinandersetzung mit Kant, Heidegger und Hegel jenen Raum erkundet, der im Subjekt selbst als Einheit aus Rezeption und Imagination dem Begrifflichen selbst vorgängig ist. Und wie genau dieser Raum stets Neues begehrt.

„Ein anderes Beispiel mag die Spannung einer im Entstehen begriffenen Liebesbeziehung sein: Wir alle kennen den Charme der Situation, kurz bevor das zauberhafte Schweigen gebrochen wird – beide Partner sind sich ihrer gegenseitigen Attraktion sicher, eine erotische Spannung liegt in der Luft, die ganze Situation scheint „bedeutungsschwanger“, alles drängt und sucht nach dem entscheidenden Wort, das sie benennen soll -, doch genau in dem Augenblick, in dem das Wort ausgesprochen ist, passt es nie genau, erzeugt eher eine Verstimmung, und der Charme der Situation ist dahin (…).“

Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, Frankfurt/M. 2010, S. 84

Das stimmt. Das ist aber beim Tore schießen anders. Der anschließende Torjubel bezeichnet ja gar nicht das Tor, sondern bringt etwas zum Ausdruck. Die Welterfassung des „Juchhu, wir führen!“ Und dass eine ausdrucksadäquate Sprache der Liebenden noch ihrer Erfindung harrt, vom Gedichtwechsel zwischen Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler und vielem von Shakespeare mal abgesehen, das ist ja schlicht so gewollt vom Kapitalismus als solchem.

Aber gerade deshalb ist ja das Millerntor oft einen Schritt voraus, auf dem Wege zum Nicht-Ort der Utopie: Dieser Torjubel ist ein treffender Ausdruck von Liebe, die kurz sogar mal Gräben zuschütten kann.

Zum Fortschreiben dessen, was bei bei den Liebenden in Zizeks Text schief geht, hin zu einem imaginierten Besseren hat man sich dem anzunähern, was in Charles vorgegangen sein muss, kurz bevor er schoss – der hat sich dieses Tor ja nicht begrifflich erwollt. Ja, erwollt. Erarbeitet ist ja nur was für Kapitalisten. Der wollte „das Spiel in die Hand nehmen“, verführen, brillieren, begehrenswert sein, in seiner Rolle als Fussballer, versteht sich, und es ihm ja so prächtig gelungen, dass auf den Rängen durch die handelnde Imagination des Sich-in-Rausch-Versetzens ein großes, philosophisches Problem einmal mehr gelöst wurde: Ausdruck statt Bezeichnung! Und der Rausch auf den Rängen wiederum veränderte das Spiel ….

Und die Welt war eine andere als zuvor – die am Millerntor. So, dass das Spiel surreal erschien, so, als sei der Rausch der Welt selbst in die Glieder gefahren, als sei das ganze Spiel ein imaginierter Ort, einer, wo plötzlich Wunder geschehen, Uhren fließen und Giraffen brennen! Wusch, wieder ein Tor und fast schon der Aufschrei „Nein! Das geht doch nicht! Das kann der doch den Koblenzern nicht antun!“, als der zweite Elfmeter gepfiffen, der dritte geschossen wurde, weil wir doch sowieso schon 5:0 führten.

Gut, das Torverhältnis kann freilich noch entscheidend werden, aber auch die letzte Viertelstunde, die noch irgendwie rumzubringen war, wirkte wie absurdes Theater. Herrlich drum all die „Stani raus!“, „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ und „Wir haben die Schnauze voll Chöre“ beim Stand von 6:1; nach dem heutigen Ergebnis des HSV ja eigentlich noch lustiger.

Und die Welt änderte sich weiter. Das ist ja das Erstaunliche, dass die das ständig tut und alle diesen „Alles fließt!“-Sprüchen jederzeit zustimmen würden, aber zumeist doch auf Erhaltungs- Absicherungsmaßnahmen bauen. Es sei denn, sie werden ausnahmsweise auch mal blockiert. Dann wollen alle rein.  Freie Fahrt für freie Bürger!

Aber nicht immer. Ist ja schon lustig, was für Debatten entbrennen, nur weil jemand in meiner Gegenwart ein Budweiser als „schwul“ bezeichnet. Auch so eine Veränderung von Welt, diese Diskussion danach.

Für diese Prozess sich zu sensibilisieren, für jene, da durch Wahrnehmung, Imagination und Handlung etwas wirklich Neues geschieht, das ist – sah, glaube ich, auch Hannah Arendt so -, der Raum des Politischen. Und Problem ist, dass das in Werbeagenturen, Think Thanks und „Medien“ abgewandert ist und sich als Politik schon gar nicht mehr versteht. Dabei muss man sich doch nur in Charles Takyi versetzen in den Moment, kurz bevor er den Ball im Netz versenkt … wenn das gelingt, dann haben wir noch eine Chance.

Die zum Aufstieg ist ja nun schließlich auch, einst nur imaginiert, ganz eindrucksvoll wahr geworden!

Alles nur ein Generationskonflikt, liebe Domschänkenmitsäufer?

„Leute, die ihr zum Großteil gar nicht kennt, stellen sich für eure Rechte, Menschenrechte, für euren bezahlbaren Wohnraum, für eine bessere Gesellschaft vor gepanzerte Staatsschergen und die Kanonen von Wasserwerfern, mit erhobener Faust, müssen Repressalien fürchten um für Dinge zu kämpfen, die für euch selbstverständlich und von vornherein gegeben sind. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Ist ja auch viel schöner, mit seinem Drink in der an der Route liegenden Galaobar zu stehen und sich an den bunten Blaulichtchen und dem schaurig schönen Schauspiel vorbeiziehender Leute zu erfreuen, die den Mund aufmachen, während ihr auf eurem kleinen Egoplaneten steht und Handyfotos macht.“

Er hat ja recht.

Trotzdem war ich gestern sauer, als mir genau dieser Habitus unterstellt wurde.

Schon auf dem Weg zum Geburtstag eines guten Freundes, im O-Feuer gefeiert, herrschte im Wortsinne eine gespenstische Atmosphäre: Stille lag über der Stadt bis auf die Blaulichter und Sirenen, die massiert auf dem Sieveking-Platz ihr Gewaltpotenzial zelebrierten. Wasserwerfer, zahlreich, Mannschaftswagen und ein empörter Busfahrer, der mich fuhr, weil zwei der „Wannen“ auf der Busspur standen und ihm die Sicht auf die Ampel erschwerten. Mich erstaunte, dass auch dieser so bieder wirkende Herr um die 50 offenkundig tiefen Groll gegen die Polizisten hegte.

Die waren natürlich wie üblich zum Teil ganz schon sexy; überlegte kurz, dem einen, der sich appetitlich in seinem engen T-Shirt räkelte da in seinem grünen Gefährt, zuzuzwinkern, wusste aber nicht, ob der das auch richtig verstehen würde;-) … und erinnerte mich nostalgisch an die Wirren rund um die Alte Flora, damals, ’88 muss das gewesen sein, als ein Bekannter eine Anzeige erhielt, weil er einen Polizisten fragte, ob der mit ihm ficken wolle.

Als wir bereits angesäuselt im O-Feuer Zustände in deutschen Großverlagen diskutierten – nicht, weil ich da arbeiten würde! -, kam der Demonstrationszug vorbei: Ein viel zu kleines Häuflein protestierte gegen die Hamburger Abschiebepolitik. Zwei Selbstmorde in letzter Zeit hatten einmal mehr verdeutlicht, wie widerwärtig in einem Land, das einst Staatenlose produzierte wie kaum ein anderes, genau diese Praxis weiter betrieben wird. Aber wenn man die Ausweisung von Hans-Werner Sinn fordert, ist das Geschrei groß und diktatorische Fantasien werden unterstellt. Verlogen. Bigott. Und so was nennt sich liberal.

Ich war überrascht, wie blutjung viele der Demo-Teilnehmer waren. Stand vor meinem Stammlokal, rauchte eine, und musste mir zurufen lassen, ich würde mich aufregen, wenn irgendwo Autos brennen, Tote in der Abschiebehaft fände ich jedoch nicht weiter schlimm. Gemein. Rief auch „Stimmt doch gar nicht!“, das haben die aber bestimmt falsch verstanden. Kann meine Lebensleistung im Rahmen publizistischer Praktiken im wahren Leben nicht als fernab der politischen Praxis, die eine Demo bedeutet, begreifen. Aber das können die ja nicht wissen.

Weil sie natürlich recht hatten: Drinnen in der netten Runde wurden all die Klischees tatsächlich aufgewärmt. Viele, die da demonstrierten, wüssten doch oft gar nicht wofür oder wogegen und wollten nur Randale. Die aufrechte Empörung, die mir immer lieber sein wird als dieses zynisch-„realistische“ Gewetter gegen „Berufsempörer“, in den Gesichtern der Youngster ganz vorne in dem Zug sprach deutlich vernehmbar anderes. Weil sie sich noch die so oft für ach so lustig befundene Betroffenheit im Wortsinne bewahrt haben, wenn Menschen sich unter Zwangsbedingungen  umbringen, ja, Walter Benjamin; die Fähigkeit zur Emphatie, die all die „Realisten“ sich ausgtrieben haben bis zur Versteinerung. Erstaunlicher war insofern, dass jene, die in der netten Runde zwar bestens wussten, was in Demonstrantenhirnen vor sich geht, von den Zuständen in der Abschiebehaft nichts mitbekommen hatten. Musste ich denen erst mal erzählen.

Thema sonst waren aber die Kahlschläge in den Großverlagen. Einer arbeitete da, der Kollege, der am Schreibtisch lange Zeit ihm gegenüber saß, war gerade „freigestellt“ worden. Die Zusammenlegung zu Zentralredaktionen, in denen weiter „saniert“ wird, ist ja Alltag im noch bezahlten Journalismus, und das Heer der Freien wächst.

Wie üblich war für mich unverständlich, dass sich in so großen Organisationen die Leute nicht zusammen tuen. Ob er denn im DJV wäre. Nee, da doch lieber private Rechtsschutzversicherung. Ach so. Den Geschäftsführer des Hamburger DJV kenne ich zufällig ein wenig persönlich; imposant, wie der sich aufreibt für genau die, die lieber eine private Rechtsschutzversicherung abschließen. Irgendwann habe man halt Familie, wolle die ernähren, und mit dem Protestieren käme das dann halt nicht mehr so gut. Und erreichen würde man eh nix. Die nackte Angst. Man sei halt froh, wenn man nicht zu den „Freigestellten“ gehöre. Der Freiberufler neben mir äußert Verständnis – ob ich denn wisse, wie man als Freiberufler lebe? Ja, weiß ich, bin ich nunmehr auch. Die Festangestellte mir gegenüber, ebenfalls in einer Großorganisation tätig, sagt, sie habe auch keine Lust mehr, sich ständig aufzureiben, aber könne sich das als unbefristet Festangestellte wenigstens leisten.

All die Diskussionen mit unseren liberalen Weggefährten, ich nenne das mal trotz allem so, man hat ja auch dann viel Zeit miteinander verbracht, wenn die Fetzen flogen und man sich wechselseitig an die Gurgel gehen wollte und kann sich so bei Twitter auch problemlos Jokes wechselseitig rüber schieben: All das, genau das, haben sie ständig abgestritten. Diese Erpressung und instituionalsierte Angst, die in der „Arbeitsagentur“ ihr Pendant findet.

Wieso nur fiel mir bei diesem ganzen Geschehen die Wallküre beim Einlass zur „Nord“ am Freitag wieder ein? Nein, ich habe nicht generell was gegen blonde Frauen! Auch nicht, wenn sie groß und schwer sind, schwarz gerandete Pseudo-Designer-Brillen tragen und schulterlange, blondierte Dauerwellen. Auch nicht, wenn kleine, dicke, grauhaarige Typen mit Kurt-Beck-Bart und Army-Jacke, die selber aussehen, als wären sie bei einer Gewerkschaft fest angestellt, mit ihnen Empörung teilen.

Nicht etwa über Abschiebehafthaft. Nö. Über die Ultras, USP. Und sie, während wir alle drängelten und endlich rein wollten, obgleich wir doch gar nicht wussten, was uns das Großartiges erwarten würde, ergingen sie sich in Sätzen wie „Die sollen doch ihr Maul nicht so aufreißen“ „Die sollen doch schön brav sein!“ „Die sollen ihren Rand halten!“ Ganz, als hätten sie gerade federführend ein paar Redakteure im Großverlag frei zu stellen …

Wie hieß es noch bei Janis Joplin? „Freedom’s just another word for nothing left to loose“. Wenn die Leute doch nur mal wieder schnallen würden, dass das längst schon wieder wahr ist …