Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 28, 2010

Souveränität, Disziplin, Sicherheit: Wie man Zwangsmaßnahmen internalisiert

„All dies zusammenfassend können wir sagen, daß, während die Souveränität ein Territorium kapitalisiert und das Hauptproblem des Regierungssitzes aufwirft, während die Disziplin einen Raum architektonisch gestaltet und sich das wesentliche Problem einer hierarchischen und funktionellen Aufteilung der Elemente stellt, wird die Sicherheit versuchen, ein Milieu im Zusammenhang mit Ereignissen oder Serien von Ereignissen oder möglichen Elementen zu gestalten, Serien, die in einem multivalenten und transformierbaren Rahmen reguliert werden müssen.“

Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, Frankfurt/M. 2006, S. 39-40

Vielleicht zunächst mal Glückwunsch an eine Adresse, bei der mir das in diesem Leben nicht wieder passieren wird: Dass die Rostocker Suptras es tatsächlich geschafft haben, mit einer hübschen Fotomontage einen derartigen Aufruhr bei der Besatzungsmacht auszulösen, das ist schon gelungen. Weiträumige Sicherheitszonen, 800 Polizisten, die auf dem Dom abgestellt fast flehend guckten, man möge ihnen wenigstens Zuckerwatte an die Uniform schmieren, damit sie ein wenig Wut darüber ablassen können, Sonntags St. Pauli-Fans wie Unterworfene anstieren zu müssen – das ist schon dolle. So macht man solche freilich mächtig – also die Suptras, nicht die Polizisten. An der Ostsee muss es Massenwixen gegeben haben, und es sei gegönnt.

Dass nun leicht stotternd auf N3 dieser schnieke Polizeisprecher den Sachverhalt, dass es friedlich blieb, auf eben diese völlig überblähten Gegenmaßnahmen zurück führte, das ist schon unverfroren. Wer Friedhofsruhe durchsetzt, der wird natürlich weniger Konflikte erleben. Würde man flächendeckend Geschlechtertrennung durchsetzen, dann gäbe es jenseits halbjährlich durchzuführender Deckrituale auch keine Gewalt in der Ehe mehr.

Herrlich am obigen Foucault-Zitat ist ja nicht nur die These der Durchsetzung der Disziplinen mittels funktionaler, hierarchischer, architektonischer Ordnung – darum geht es schließlich bei dem Wunsch, Stehplätze in Stadien am liebsten gleich abzuschaffen, und die Verlogung (von Loge) entspricht dem Bedürfnis, die Souveränität zu erzeugen, indem der Regierungssitz der ökonomisch Herrschenden deutlich wird ganz wie im Falle der Balkone der Monarchen -, nicht minder zutreffend ist auch die Produktionstheorie des Milieus zu Zwecken der Sicherheit. Diese völlig übersteigerte Produktion eines kriminellen Milieus im Falle von Pyros in Stadien (ja, auch ich finde die Verletzungen schrecklich, das war aber ein Unfall, keine intendierte Gewaltausübung) ist da geradezu ein Klassiker; bei Drogen wurde das schon immer so gehandhabt: Durch Rechtsetzung erzeuge man erst die delinquenten Milieus, die es sonst gar nicht gäbe. Klar gäbe es Drogen und deren Konsum, aber Delinquenz nicht, und schon gar nicht komplexe, kriminalisierte Subkulturen, die sich um das Verbot gruppieren.

Ganz gruselig wird es, wenn diese Machtmechanismen und Zwangsmaßnahmen internalisiert werden oder der Widerstand die Mittelwahl der Herrschenden kopiert. Haben wir heute beides gehabt: Jene, die die Zugänge zur Südkurve blockierten, reproduzierten die Mittel der Polizei und erzeugen sogar Milieus im Sinne der Sicherheit im obigen Zitat. „Eventlutscher“, die, die nicht die ganze Zeit einschläfernd singen und so das Motto „Leistung muss sich wieder lohnen!“ konterkarrieren, weil eben die ja nun wirklich beeindruckenden Choreo-Leistungen zu Privilegien führen sollen. Das ist schon beeindruckend, wie in immer neuen Verlautbarungen das „Andere“ der Ultras konstituiert wird. Medium und Form, System und Umwelt.

Nicht minder gruselig freilich die Antworten auf den „Wir bestimmen, wer wann das Stadion betritt“-Unfug: Wenn ich jetzt im Forum die ganze Palette möglicher, rechtlicher Antworten darauf von Anzeigen wegen Nötigung, Körperverletzung, Stadionverbot lese, dann ist es Leuten wie dem Polizeisprecher tatsächlich gelungen, dass die Zwangsmaßnahmen auch noch als richtig internalisiert werden. Identifikation mit dem Aggressor, sozusagen – auch das Kind hält es besser aus, wenn Stubenarrest und Arsch versohlen als korrekt rationalisiert werden. Oder das „Warum ich?“ des Gewaltopfers  die Antwort nach sich zieht, es habe sich falsch verhalten, weil das die Möglichkeit von Freiheit suggeriert.

Insofern fand ich die „Ihr seid doof!“-Rufe und die Pfiffe gegen die Süd-Aktion u.a. bei uns auf der Nord tatsächlich erschütternd, wenn sie denn der Aktion als solcher galten und nicht der Blockade der Zugänge zur Süd, dann hätten sie ja recht gehabt. Wenn Disziplinierte ihre eigene Disziplinierung fordern, indem sie dem Aussperren der Rostocker zustimmen, weil sie dem Sicherheitsparadigma und der Verlautbarung polizeilich konstituierter Milieus folgen, mittels derer sie anschließend wutschnaubend in Selbstgerechtigkeit sich ihrer eigenen „Anständigkeit“ und „Sittsamkeit“ vergewissern,  dann ist tatsächlich ein kleiner Schritt in Richtung Totalitarismus unternommen.

Nee, wenn sich das nun auch beim FC St. Pauli durchsetzt, dann werden bald wieder Biedermänner Brandstifter – und dass nun ausgerechnet jene, die sich zu recht für Fanrechte gerade im Fall des Hassgegners stark machten, dazu durch ihr Blockieren noch beitrugen, macht hoffnungslos und traurig.

Insofern freuen wir uns doch einfach mal wieder über die Mannschaft; dieses ekligen „Alle auf einen“, den Ballführer, der Rostocker hat ja zunächst in Halbzeit 1 gut funktioniert. War aber klar, dass die das niemals 90 Minuten durchhalten. Und auch wenn J. neben mir Naki als „überheblichen Nichtsnutz“ bezeichnete, was er später in einen „unerheblichen Taugenichts“ umwandelte, auch wenn das nur wegen den Sprachwitzes erwähnenswert ist: Ich fand das schon recht klasse heute. Auch Naki.

Völlig unverständlich, warum das Spiel zum „Sicherheitsspiel“ deklariert wurde, mit Bier hätte das noch viel mehr Spaß gemacht. Dass Typen wie dieser Retov offenkundig ihren Job verfehlt haben, Kopfstöße kann nur Zidane mit Würde und Klasse durchführen, sei ergänzend erwähnt, insofern war die Rote für Boll selbstverständlich eine Frechheit.

Was meine Freude über den Sieg trotz alledem nicht trüben kann – hoffen wir mal, dass das „Nie mehr Hansa Rostock!“ tatsächlich in Erfüllung geht und wir die nächsten Jahre lieber in verschiedenen Spielklassen spielen. Und dass Augsburg die heute begonnene Serie fort setzt …

PS. Nach der Stellungnahme von USP ist das „faschistoid“ raus redigiert; ich entschuldige mich hiermit dafür.