Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 20, 2010

Jens Jessen bedroht Homosexuelle – nur durch die rhetorische Form, aber schlimm genug

„Der Versuch Guido Westerwelles, die Kritik an seiner Auswahl weiterer Reisebegleiter abzuwehren, indem er den Kritikern andeutungsweise Homophobie unterstellte, ist nicht nur haltlos – denn niemand hat seiner Reisegesellschaft vorgeworfen, sie sei unter erotischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Die Unterstellung ist vor allem höchst riskant. Sie ruft etwas wieder auf, was der größte Teil der Gesellschaft überwunden hat, aber womöglich, mit der Nase darauf gestoßen, wiederentdecken könnte. Dazu gehört das Klischee des larmoyanten Schwulen, der auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf sein Außenseitertum reagiert.“

Mir fehlen hier gerade ein wenig die Worte – klar, als Klischee wird diese Frechheit vorsichtshalber gekennzeichnet. Im Kontext des Antisemitismus wäre der berechtigte Konter eines Broder, das Perfideste und Gefährlichste sei, den Juden selbst als Grund des Antisemitismus anzuführen. Zu recht regte die Nation sich auf, als Herr Möllemann verlauten ließ, dass ein Michel Friedmann und dessen so „typisch jüdische“ Art doch Grund für Judenfeindschaft sei. Herr Jessen macht hier doch das gleiche? Er würde Juden vermutlich empfehlen, sich davor zu hüten, antisemitischen Klischees zu entsprechen.

Dass nun allerorten meiner Ansicht nach offen Homophobe wie Jens Jessen die Deutungshoheit über Homophobie erheben, das ist wirklich eine Unverfrorenheit selbst dann, wenn man den Praktizierenden eine Kenntnis des Praxis nicht absprechen kann. Am Ende des Textes macht er nämlich genau das für Homophobe typische, was er zu Beginn des Textes als ach so großen Fortschritt feiert, dass es nicht mehr stattfinden würde: Für ihn sind Pädophilie und Beziehungen unter Erwachsenen Ausprägungen ein und desselben Triebs, worin sich eben die Homophobie des Herrn Jessen zeigt:

„Heute kann Homosexualität keinen moralischen Verdacht mehr begründen. Indes taugt sie auch zur Entlastung nicht, wie die Missbrauchsdebatte zeigte, die keinen Gedanken auf sexuelle Zwänge der Erzieher verschwendete. Schwule werden nicht mehr als Opfer ihrer Triebstruktur, sondern als moralische Subjekte gesehen, die wie alle anderen Menschen frei darüber entscheiden können und müssen, wann und wo sie ihrem erotischen Begehren nachgeben dürfen.“

Ist das ein widerlicher, heteronormativer Dreck. Hetzer. Für ihn mag das ja so sein, dass er auf die Freundinnen seiner minderjährigen Tochter in selber Weise scharf ist wie auf seine Frau, wenn er denn beides hat, keine Ahnung, ob das so ist. Falls es so ist, ist es aber trotzdem nicht nett, das auf Andere zu projizieren.

Der drohende Unterton des ganzen Textes, in dem ein Heterosexueller Homosexuellen wie immer schon Verhaltensvorschriften macht, wohl, weil er das so gewohnt ist, lässt mich „Wir können auch anders, ihr Tunten“ spüren, dieses „Passt auf, WIR tolerieren! Das können wir auch entziehen!“. Zudem meines Wissens der §175 1969 eingeschränkt und erst zu Beginn der 90er abgeschafft wurde, weiß jetzt nicht, wie Jessen auf 1973 kommt.

Und immer diese groteske Vorstellung, Homosexualität sei je ein Grund gewesen, wen auch immer zu „entlasten“ – die Konstruktion dieses ach so wesenhaften und identitätsstiftenden Begehrens hat allenfalls dazu geführt, dass man Leute von ihren Eiern „entlastet“ hat. ALLE historischen Fälle, die Jessen nennt, führten ja nun gerade nicht zu einer „Entlastung“, und mir ist von Wilde bis Westerwelle auch kein einziger Fall bekannt, bei dem das so gewesen wäre. Wie kommt der auf diesen Quatsch?

„Sie sollten nun aber nicht wie Guido Westerwelle darüber klagen, wenn sie genauso streng wie Heterosexuelle beurteilt werden.“

Wo werden denn Heterosexuelle ALS Heterosexuelle „streng beurteilt“ und mit irgendwelche Klischees von „Weinerlichkeit“ belegt? Und wann jemals galt irgendeine besonders nachlässige Sonderperspektive für Schwule? Nie. Nirgends. Diese krasse Verlogenheit spitzt sich noch zu im folgenden Passus:

„Bei der Mehrheit von Deutschen stoßen Gewalt gegen Schwule, auch schon Schimpfworte und hässliche Witze inzwischen auf sichere Ablehnung. Diskriminierung wird erkannt und geächtet.“

Woher weiß der das? Dass der Jessen-Text veröffentlicht wird, das ist doch an sich schon ein Beleg dafür, dass das nicht stimmt. Ganze Fankurven singen gegen „schwule Hamburger“, solche, in denen, so berichtete mir ein Grieche, übrigens kaum ein „Immigrant“ sich aufhält, zumindest kaum einer, dem man das ansähe; bei offenkundigen Fehlern unseres FC St. Pauli-Präsidenten taucht unvermittelt das Wort „Schwuchtel“als Antwort in Foren auf. Herr Jessen kann ja mal das Wort „schwul“ bei Youtube eingeben, das sind keine Liebesgeschichten oder Pornos, die dann aufploppen. Und kaum eine Wendung ist im Alltag häufiger zu hören als „das ist mir zu schwul“. Herr Jessen dirigiert das weg und delegiert das Ganze wie üblich an die „Reingeschmeckten“ (Kewil):

„Wie solche Vorurteile damals Hass produzierten, kann man auch heute leider noch beobachten: nämlich an den gewalttätigen Übergriffen jugendlicher Immigranten, in deren Herkunftsländern Homosexualität weiterhin verachtet oder strafrechtlich verfolgt wird.“

War ja klar, dass der gute Arier mit seiner ach so überlegenen Kultur sich davon befreit hat, während sich noch bei Deutschtürken der 3. Generation das Herkunftsland tradiert – ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht von „Immigranten“ angegangen worden, war aber mit welchen im Bett, sondern habe Homophobie am massivsten bei „deutschen“ Mittelklasse-Bewohnern erfahren in allen Varianten, die eine Grenze ihrer „Toleranz“ lautstark definierten. Und am wenigsten tolerieren sie, wenn man sie trotz ihrer ach so überlegenen Kultur auf Homophobie hinweist. Das ist bei Rassismus ja nicht anders.

Ganz wie Herr Jessen in diesem Text. Weil ich ja als larmoyanter Schwuler hier auch auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf mein Außenseitertum reagiere.

Hätten Sie nicht wenigstens „Halt’s Maul, Tunte, was Du alltäglich erfährst, das bestimme ich?“ schreiben können, Herr Jessen? Denn genau darin liegt die Drohung: Wer Ungerechtigkeit beklagt, verweist nur weinerlich auf Außenseitertum. Weil Ungerechtigkeit ja nur vermeindlich ist.