Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 14, 2010

Idee, Begriff und Wirklichkeit: Die glaue FES-Position

Ich weiß nicht, wie ich bei Netbitch kommentieren kann, deshalb mal kurz hier.

Genova hat ja nun eine Diskussion für sich entdeckt, die man normalerweise mit Liberalen führt, also solchen, die die Leitideologie formulieren, die dafür sorgt, dass in afrikanischen Minen Menschen sterben und in China unter Bedingungen produziert und geherrscht wird, dass man sich nur wundern kann, dass genau die gleichen Leute einen Menschenrechtsdiskurs führen. Manchmal, wenn es nicht gerade um Hartz IV geht.

Damit ist man auch mitten im Thema, Genova merkt das aber gar nicht. Warum? Weil, wenn man ihm was über Ideologiekritik erzählt, in elitäre Zirkel verwiesen wird.

Er glaubt vielmehr, eine Frage entdeckt zu haben, die niemand zuvor je stellte:

„Sondern mein Ausgangspunkt war, wie DIE linke Idee so umstandslos zu einem der größten historischen Desaster führen konnte, und zwar fast 100 Jahre lang, in linkem Namen, in unzähligen Ländern der Welt.“

Man kann sich nun den Mund fusselig reden und die Tastatur fransig schreiben, auf diverse Antworten diesbezüglich verweisen, die seit mehr als einem Jahrhundert formuliert werden, ihn über Kronstadt aufklären und massenhaft auf großer Bühne geführte Debatten z.B. in Frankreich zitieren –  das nimmt der gar nicht zur Kenntnis, wie auch eigentlich nix, was man schreibt. Das ist alles elitär.

Was für eine Antwort erwartet man aber auf so einen Einwurf:

„Ihr seid alle viel zu wenig selbstkritisch, eitle Linke, die ihr Projekt vor sich hertragen. Versiert in der Kritik des politischen Gegners, aber zu Eigenkritik in politischer Sache nicht fähig. Das bedeutet natürlich nicht, dass man nicht den linken Nachbarn zum Todfeind erklären kann (Beispiel R. Kurz), aber eine generelle selbstreflexive Kritik kommt euch nicht in die Tüte. Aber immer schön Adorno hochhalten. Eigentlich unfassbar.“

Ich meine, was soll man denn da sagen? „Ja, Du hast so recht? Ich bin eitel und geblendet, unfähig zur Selbstkritik, und lese auch nie wieder Adorn0?“ Dessen Thema war ja nun gerade, dass man unter Bedingungen des totalen Verblendungszusammenhangs keine linke Programmatik formulieren kann, weil die ins Unheil führen würde, unter Bedingungen der instrumentellen Vernunft umgesetzt, wie man ja bei Stalin gesehen habe.

Oder: „Auch ich trage den Stalinismus in mir und bekämpfe ihn wie das Böse, das von meiner Seele Besitz ergreifen könnte?“ Das ist das Motiv der Erbsünde.  Ich habe meinerseits nun nicht im Gulag gepeitscht und niemanden dort erschossen. Was denn nun für eine Selbstkritik? „Ich werde nie wieder Marx zitieren?“ „Ich bin gegen die Linkspartei“? Ich habe zu der eine eher differenzierte Position, aber das darf ich ja nicht schreiben, weil ich damit das Unheil, das linke Ideen über die Welt brachten, negiere.

Ich stimme dem auch ausdrücklich nicht zu:

„Das historische Projekt der marxistisch-leninistischen Arbeiterbewegung in der UdSSR, ja, aber das war ja so extrem einflussreich weltweit, das war zum größtenteil die Linke, faktisch, ob Euch das passt oder nicht.“

Weil das historisch nicht stimmt, dass NUR das und GRÖßTENTEILS das nun die historisch-reale Linke ausmacht. Alleine die antikolonialen Bestrebungen in Afrika sind wirklich ein Thema für ein ganzes Studium. Verweist man auf die Besserung der Lebensbedingungen der Landbevölkerung auf Kuba, darf man das nicht sagen, weil man ja damit die grausame Verletzung der Menschenrechte dort irgnorieren würde. Es ist ein wenig gewagt, sich wie Genova dann auf Empirie zu berufen – man kann ja auch das eine gut, das andere Scheiße finden.

Man kann freilich auch wie die Liberalen jeden Versuch, die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern, unter Totalitarismus-Verdacht stellen. Klar kann man das, vielleicht stimmt das sogar. Man kann aber nicht Empirie fordern, um dann mit begrifflichen Normativismus zu kontern, wenn jemand empirisch und differenziert antwortet.

Die spezifische Lage in Maos China noch mal ein weiteres Thema, und wenig war grausamer als die dortige Kulturrevoltion, die sich über Elitäres ereiferte. Bitte darauf einlassen und nicht gleich irgendwelche Bekenntnisse fordern, dann kriegt man nämlich nix mit.

Das ist eine der „großen Erzählungen“ (Lyotard), die Genova verbreitet, die mit Empirie nun rein gar nix zu tun hat, weil sie den Stalismus ignoriert durch die Problemstellung.

Und wenn man ernst nimmt, was Genova noch schreibt:

„Ihr dann steht Ihr alleine da mit Euren Splittergruppen. Es geht hier jedoch nicht um ein avantgardistisches Hobby, sondern um die Masse, um deren Emanzipation, Solidarität, Freiheit etc.“

dann verstehe ich ja sein Entsetzen darüber, dass diese Ideale von Ulbricht instrumentalisiert wurden. Es ist ja auch so, dass es eine Tradition gibt, die glaubt, man müsse erst im Rahmen einer Diktatur die ökonomischen Verhältnisse ändern, dann würde ein bessseres Bewusstsein bei den Leuten automatisch entstehen. Das meinte ich doch mit der „Temporalisierung mittels Geschichtsphilosophie“, auf die ich ständig sektierisch verwiesen habe. Guckt man wenigstens mal ins „Kommunistische Manifest“, dann kann man auch gut nachvollziehen, wie das passieren konnte. Aber solche Hinweise sind ja elitär, auch wenn das „Kommunistische Manifest“ höhere Auflagen als die Bibel hatte, und das „Kommunistische Manifest“ ist eben nicht „Das Kapital“, welches für DDR-Veröffentlichungen redigiert wurde.

Solche Binnendifferenzierungen sind allerdings reines Sektierertum und Symptom der mangelnden Selbstkritik.

Abgesehen davon, dass ich wenig Probleme habe, alleine da zu stehen, wird das ja schnell selbstwidersprüchlich, was Genova schreibt – wenn man „Emanzipation, Solidarität, Freiheit usw.“ als linke Ideale, Zielvorstellungen etc. begreift, dann war der Stalinismus in seinen Spielarten nicht links, weil er sich an diesen Idealen empirisch nicht orientiert hat und auch nicht zu deren Verwirklichung beigetragen hat.

Oder man lässt die begriffliche Ebene ganz bleiben, dann ist Freiheit, Emanzipation und Solidarität eben nicht links, weil nur Stalin und Castro das waren, und dann vertrete ich von mir aus auch eine glaue FES-Position.

Oder man macht es so wie manche Formen der liberalen Kritik, verzichtet auf alle Ideale, die umzusetzen seien, Hauptsache, der Markt ist entfesselt, schon gar auf Freiheit (die meinen damit ja was anderes als ich, sollten die dann aber auch umbenennen, wenn ich schon glaue FES-Positionen vertrete, oder wie lösen wir das Problem jetzt?), weil die eh nur in den Totalitarismus führe, immer, und lässt weiter Menschen in Koltan-Minen verrecken, damit wir mit dem Handy telefonieren können.

Das schlimme ist ja, dass, wenn ich Genova nun wieder auf eine mehr als ein Jahrhundert währende Diskussion verweise, eigentlich noch länger, in der es genau darum geht, wie man denn Ideale, also Begriffliches, empirisch-real werden lässt oder wieso man das bleiben lassen sollte, wird ja wieder mit dem Elitären gekontert, dabei könnte ich da ein Buch drüber schreiben und habe einige genannt.

Und wieder fragt man sich: Was will der eigentlich?

Das System ist korrupt, nicht nur das Individuum

„Dieter Hundt: Wir haben in geringem Umfang auch schon Spenden an örtliche Parteien gegeben.

abendblatt.de: Und? Hat es gewirkt?

Hundt: Solche Spenden beeinflussen niemanden. Sie stärken die demokratischen Parteien. Das ist im Sinne des Gemeinwohles sinnvoll.“

Demokratisch wären Mitgliedsbeiträge, nicht so was. Wäre mal interessant zu prüfen, ob es Korrelationen zwischen dem Ansteigen von Parteispenden der Hundts dieser Welt und Mitgliederschwund in den Parteien und Gewerkschaften wie auch einem Sinken der Wahlbeteiligung gibt, oder ob es einfach immer schon so assymetrisch zu ging und die Leute vor ’68 einfach zu tief in altem, obrigkeitsstaatlichem Denken verhaftet – buchstäblich – waren.

Das ist das gleiche, wie es unserer Haupttribüne derzeit widerfährt: Die „normalen“ Sitzplatzreihen werden zugunsten eines Mehr an Logen zusammen geschoben, weil so die Hälfte der Tilgung der Kosten für den Neubau bereits aufgebracht sein könnte. Aber mal ehrlich: Wollen wir so neofeudal leben????

Dass Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ einer der Impulse für die Studentenrevolte war, das sei so noch mal am Rande erwähnt. Ebenso, dass der Flick- und der Neue Heimat-Skandal als Zäsuren in der bundesrepublikanischen Geschichte vielleicht unterschätzt werden und solche Strukturen wie jene beim Bau der Haupttribüne eben Marktförmigkeit darstellen. Der bringt Pyramiden hervor, uralte Erkenntnis, und die Konzentration auf formalisierten Tausch in dessen Beschreibung ist reine Ablenkung.

Das System ist korrupt, nicht nur das Individuum Guido Westerwelle, dessen Konter aktuell nur noch zum Fremdschämen animieren. Irgendwie tut es weh, wenn der Feind sich so dermaßen lächerlich macht, dass noch nicht mal Komik aus der Tragik erwächst..

Die FDP ist einfach nur das eindeutigste Symptom für ein Wirtschaftssystem, das sowieso auch da, wo reine Ökonomie wirkt, mit Begriffen wie Prostitution, Korruption und Machtmissbrauch im ganz legalen Sinne sich definieren lässt.

Als Kunstwerk betrachtet, Literatur, die die Ästhetik des Hässlichen, Lächerlichen und Absurden verwurstet und auf den schönen Schein verzichtet, pointieren die „Liberalen“ derzeit besser als manch Meisterwerk der Literaturgeschichte …