Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 12, 2010

Noch eins drauf: Die analytische Schärfe von Susanne Höll aus Berlin

„Der Vorwurf aber ist unangemessen und unlauter. Weder der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier noch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles oder van Essens sozialdemokratischer Kollege Thomas Oppermann haben jemals Anlass zu dem Verdacht geliefert, sie seien schwulenfeindlich, offen oder unterschwellig.

Auf die Frage nach den Reisemotiven des Unternehmers Mronz geben Koch-Mehrin und van Essen keine Antwort. Statt dessen diskriminieren sie Kritiker als Diskriminierer. Folgt man diesem Argument, dürfte man den Außenminister überhaupt nie in Frage stellen. Gegen die Unterstellung, man bringe aus niedrigen Motiven Westerwelles sexuelle Orientierung in die politische Debatte, kann sich keiner wehren.“

Wo ist denn da das Argument? Irgendwann ist ja immer das erste Mal, auch bei Frau Nahles und Herrn Steinmeier, der ja selbst erzählte, dass er seine Frau gerne mit genommen hat, wenn sie denn Zeit hatte. Und immerhin wird Westerwelle, mein politischer Lieblingsfeind, dafür angegangen, dass er seinen Mann mit auf Reisen nimmt. Vielleicht hat Michelle Obama auch die Charité besucht? Da fragt doch auch keiner, warum die mit Obama tourt, die Yellow Press zeigt begeistert Tänze und Kleider – bemerkenswerterweise war Hillary Clinton Konservativen auch stets ein Dorn im Auge. Natürlich kann man Westerwelle wegen allem Möglichen ganztägig kritisieren, es sei noch einmal betont: Er wird dafür kritisiert, mit seinem Gatten an der Seite Südamerika zu bereisen.

Wie kommt Susanne Höll aus Berlin auf das generelle Immunisierungsargument? Würde man jetzt Frau Merkel dafür kritisieren, dass sie keine Kinder hat, ich wette darauf, dass das in konservativen Kreisen geschieht, dann bewegt sich die Argumentation auf einem frauenfeindlichen Feld. Oder die Unterstellung an Herrn Schäuble einst, er würde nur aufgrund eines posttraumatisches Stress-Syndroms seine Überwachungs- und Polizeistaatlichkeit weiter forcieren. Es käme doch kein Schwein darauf, im Gegenzug Homophobie vorzuwerfen, greift man die Schneeschippvisionen Westerwelles an.

Ich persönlich finde das zudem politisch äußerst bedeutsam, wenn ein deutscher Spitzenpolitiker samt Gatte durch die Welt reist. Perfide und unlauter ist , wenn angesichts von Hinrichtungen im Iran, höchst homophober Gesetzgebung inmitten der EU, in Litauen, krassem Homo-Hass in Polen und Schwulenhatz auf Jamaica das Thema dergestalt entpolitisiert wird von Susanne Höll aus Berlin. „Sexuelle Orientierung als Pseudo-Problem“, soso.

Das perfideste und unlauterste an dieser Litanei von Susanne Höll aus Berlin ist jedoch, dass sie das Umkehrungsargument aus der „Politcally Incorrect“-Ecke übernimmt: Natürlich sind es die Schwarzen, die Weiße diskriminieren, die Homos, die Heterosexuelle diskriminieren und die feministischen Frauen, die immer schon nur Männer diskriminieren wollten. Ganz alter Hut aus der Ecke der politischen Rechten. Ganz zu schweigen von diesen schweineteuren Privilegien, die Behinderte für sich in Anspruch nehmen – und wo soll ich dann parken? Hä?

Susanne Höll aus Berlin will vermutlich damit lediglich all jenen, die Rassismus, Homophobie, Frauenverachtung und Behindertenfeindlichkeit attackieren, das Maul stopfen und macht somit allenfalls selbst das, was sie zu kritisieren vorgibt. Weil sie falschen Verallgemeinerungen erliegt in der Verve des Opfers politischer Korrektheit und zumindest in diesem Fall das Spezifische schon gar nicht wahrzunehmen vermag. So die Lust derer anstachelt, die ganztägig am allerliebsten Schwarze und Schwule kritisieren, weil die sich ja nicht immunisieren dürften.

Ist ja auch ein Trend bei denen, die sich inmitten der Dominanzkultur so verdammt scheißsicher fühlen – bald wird wahrscheinlich niemand mehr kritisiert außer Schwarzen, Schwulen,Behinderten, Muslimen und Frauen, allein schon wegen deren Immuniserungsstragegien und diesem penetranten Beleidigtsein, und dann ist das Ziel wohl erreicht, Susanne Höll aus Berlin.

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