Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Danke, Ernst Tugendhat!

Ich saß im Park und quälte mich lustvoll mit Textverstehen. Weil ich spürte: Da ist was, das mir anders als manch Merve-Bändchen über coole Killer und Zeichenaufstände Gründlichkeit und intellektuelle Redlichkeit zeigen will. Da ist jemand, der auf die große Geste und den Knalleffekt verzichtet und ganz bescheiden, aber gerade deshalb so eindringlich und nachvollziehbar denkt.

Ich hielt das Reclam-Bändchen mit dem Titel „Probleme der Ethik“ von Ernst Tugendhat in den Händen, erstmals 1983 erschienen – mir wurde es 1989 geschenkt, vom Schicksal, sozusagen, weil es in einem Seminar von der tollen Anke Thyen auf der Literaturliste stand.

Ich bin bis heute sehr dankbar für diese Begegnung, weil sie so viel von dem mich lehrte, was Philosophie bedeutet: So zum Beispiel, dass es sich beim Philosophieren auch, wenn auch nicht nur um einen kritischen Dialog mit Texten handelt, die man auf Sinn und Unsinn hin überprüft. Was so banal sich liest, hat Tugendhat mit Brillianz, mit unvergleichlicher Klarheit und vor allem im Vollzug eines wahrlich kritischen Verhältnisses zum eigenen Denken vorgeführt.

Da stieß ich auf einen Autor, der nicht recht behalten, sondern nachvollziehbar sprechen und schreiben wollte und dabei die Resultate dieses Denkens mit stets glasklar offen gelegten Kriterien zur Disposition stellte. Als Studiums-Frischling war ich sogleich in große Schulstreitigkeiten geraten, in Foucault-Seminaren, in denen der Geist von Habermas als Gegenpol gewissermaßen mit lief – nun ging hier jemand zu den Sätzen selbst und lud dazu ein, ihn und seinen Umgang mit diesen sogleich zu hinterfragen.

Das mich zunächst verwirrende an diesem Bändchen zu den „Problemen der Ethik“ war, dass der Aufsatz „Retraktationen“, S. 131 ff., das zuvor in den „Drei Vorlesungen über Probleme der Ethik“, S.57 ff., entworfene Programm auseinander nahm. Tugendhat reagierte auf die Kritik seiner Kollegin  Ursula Wolf und ließ diese Selbstkritik gleich mit abdrucken. Für seine moralphilosophischen Texte ist das typisch, immer neue Anläufe ließen den jeweils zuletzt formulierten Ansatz ihm ungenügend erscheinen. Nach den von Bersarin völlig zu recht gerühmten „Vorlesungen über Ethik“ erschien mit „Dialog in Letica“ ein erneuter Anlauf. Ein fiktiver Dialog in gut platonischer Tradition – „Der alte Herr aus Santa Domingo und das Gespräch sind mehr oder weniger erfunden, der Ort nicht“ –

„“Mit meinem letzten Buch „Vorlesungen über Ethik“ (1993)“, sagte ich, „hatte ich gemeint, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, aber schon bald nach der Veröffentlichung befielen mich Zweifel, daß mir gerade in der Hauptsache – der Begründungsfrage – Fehler unterlaufen sind.“

„Es ist doch merkwürdig“, sagte er, „daß du in der Moraltheorie dauernd Rückzüge gemacht hast. Deine Schriften seit den Retraktationen1983 machen den Eindruck, als ob Du nur jeweils die Schwierigkeit der vorausgegangenen Position zu flicken versuchst.“

Ernst Tugendhat, Dialog in Leticia, Frankfurt/M. 1997, S. 7

Ich schluckte kurz, nachdem doch sein Argument „Nicht Gleichheit als einfachste Teilungsregel ist begründungsbedürftig, sondern Ungleichheit“ mein Lieblingsargument geworden war und sein „Instrumentalisiere niemanden“ mein Leitspruch, ohne dass ich diesem je wirklich gerecht worden wäre. Auch die relationale Begründung – wir verfügen nicht mehr über ewige, transzendente Wahrheiten, also kann das eigene Moralkonzept sich nur in Relation zu anderen Konzepten als das überzeugendere erweisen – schien mir , ja, eben überzeugend, setzt man sie zugleich in Relation zur historischen Situation. Und dann so was. So mochte ich ihn nur um so mehr. Hier bewahrte sich jemand die Skepsis gegenüber dem eigenen Denken, und wenn das nicht selbst eine moralisch vorbildliche Praxis ist, was denn dann?

Ich saß im Park, wie gesagt, Jahre vor Erscheinen der „Vorlesungen über Ethik“. Nicht, weil ich wollte. Ich bekam damals die Probleme im Zusammenwohnen mit meiner Mitbewohnerin nicht in den Griff und war auf der Flucht. Mochte nicht zu Hause sein. Das zerfletterte Reclam-Heftchen hielt ich soeben noch mal in den Händen: Telefonnummern sind darauf geschmiert, ein Herzchen in schwarzer Tinte, und auch „Helma, Mo 13-19“ – ein be- und gelebtes Büchlein. „Helma“, das war mein Job in der Behindertenarbeit. Tugendhat war für mich immer ein Autor, der genau das zu kommentieren wusste: Den unmittelbaren Alltag und seine verflixten Chancen und Probleme. So hat er das Erbe der Phänomenologie mit Mitteln der Sprachanalyse bewahrt. Der kann sogar Wittgensteins Privatsprachenargument referieren oder Heidegger dessen „Zahlen Sie Kleingeld!“ zurück rufen und dabei hochabstrakt über Prädikation schreiben: Man fühlt sich bei ihm wohl und zu Hause auch dann, wenn man im Park sitzt. Man kann sich auch über ihn ärgern, wenn die Motivation zur Moral als Gemochtwerdenwollen erläutert, was bei psychisch sich über Trotz konstituierenden Menschen wie mir nur zunächst nur Widerwillen auslöst, „Schleimer“, oder wenn er in ganz bewußt negativ konnotierten und altbackenen Begrifflichkeiten wie „Billigen/Mißbilligen“ und „Scham“ operiert und so den Konservativen spielt, der Höflichkeitsregeln als moralisch fundiert behandelt. Aber er könnte ja mit alledem recht haben, und er nötigt nie auf. Sondern schreibt einfach, was er denkt, und zeigt so auf, WIE man denken kann, wenn man sich wirklich Mühe gibt.

Er hat die sprachanalytische Philosophie in Deutschland der ihr gemäßen Bedeutung zugeführt und mit ihrer Hilfe radikal Traditionen entzaubert – immer höflich. Das Werk, das mir am meisten gab und mein Denken wohl am tiefsten prägte, ist „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“; für das, was ich draus machte und wie ich es verstand, dafür kann er freilich wenig.

Die ungeheure Wucht sprachanalytischen Philosophierens, die so schlicht daher kommt, dass man ihre Ausführungen sehr genau lesen muss, sonst entgehen die Pointen, die wurde mir in diesem Buch vorgeführt auf einem durch Sartre wohl vertrauten Terrain. Berühmt wurde vor allem „Der Abstieg vom Ich zum ich“: Die These, das „Ich“ gar nichts identifiziert, sondern dass man allenfalls als raumzeitlich situierte Person sich identifizierbar macht. „Ich“ würde analog zu deiktischen Ausdrücken wie „hier“ und „jetzt“ verwendet – „Wer will ein Eis?“ – „Ich!“. Da muss man schon hin schauen, um die Raumzeitstelle zu finden, an der „ich“ sich aufhält, will man das Eis überreichen.

Diese so nachhaltig sitzende Attacke auf alles, was als „das Ich!“, Selbst oder dergleichen Diskurse und Selbstverständnisse bevölkert, die ist unhintergehbar, und jeder, der sich mit solchen Sujets befasst, wird sie nicht ignorieren dürfen. Die kleinste, sinnvolle Einheit ist eh der Satz, Wittgenstein, und Basis von allem, was zu „ich“ sich sagen läßt, ist das „unmittelbare epistemische Selbstbewußtsein“, das in Sätzen über körperliche, sinnliche und emotionale Erlebnisse, „ich weiß, dass ich p“, zum Ausdruck kommt. Wie gewaltige diese These ist, das habe ich zunächst mal gar nicht begriffen – dass ich also in dem Satz „Ich habe Schmerzen!“ etwas zum Ausdruck bringe, keine synthetische oder Erkenntnisleistung vollbringe, indem ich „ich“ und „Schmerz“ und „haben“ irgendwie zusammen denke, das ist nicht trivial.

Reflexive Konstituionsweisen der je eigenen Personalität wie jene, in denen ich aufgewachsen bin, operieren nämlich anders: Sie nehmen Gefühle als Indikator für eine depressive Persönlichkeitsstruktur, zum Beispiel, Riemann, Du Arschloch. Der „Ausdruck von“ hingegen ist gegen solche Manipulation immun. Ich fühle das jetzt, basta! Und ich fühle mich nicht „homosexuell“, sondern begehre ganz akut den da, und dass das so ist, sieht man im besten Fall an meinem Verhalten! Macht vielleicht den Hintergrund mancher Auseinandersetzung hier im Blog klarer. „Selbstbewußtsein“ meint, dass ich weiß, und zwar unmittelbar, dass ich mich in diesem oder jenem Zustand befinde (propositionale Struktur).

Nicht minder mich beeindruckend ist die Rekonstruktion des Selbstverhältnisses aus Heideggers „Sein und Zeit“ im zweiten Teil von „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“.  Tugendhat begreift es als „praktisches sich-zu-seinem-zu-sein-Verhalten“ – handelnd verhält man sich schlicht zu der Tatsache, dass man eben ist, zu sein hat, wenn man nicht den finalen Schritt vollzieht, und versucht so selbstbestimmt, also rational im besten Fall, das Wie dieses „zu seins“ zu beeinflussen. Das ist eine Präzisierung dieser so berühmten und gewichtigen Denkfigur Heideggers, das Dasein, die Person, sei jenes Sein, dem es in seinem Sein um das Sein selbst geht. Sein ist hier nicht das Seiende, aber das führt jetzt zu weit 😉 …

Auch das ist in der Auseinandersetzung mit der Tradition nicht trivial, aus „Erkenne Dich selbst!“ wird „Handele, dann bist Du, und wie Du Dich dabei fühlst und das mit einem umfassenden Lebensentwurf verbindest, das ist Ziel des überlegten Wollens“. Und bevor berechtigte Einwände, dass man darauf doch nur sehr eingeschränkt Einfluss habe, weil: die Gesellschaft, der Kapitalismus, der Konsum als Ersatzerlebnis, erhoben werden: Genau das ist Teil der Analyse, dass das überlegte Wollen eben „in Situation“ stattfindet und Selbstbestimmung werde, weil sie möglich ist.

Das ist eine Antwort auf all die Theorien, z.B. jene Sartres, in der ein Subjekt sich zum Objekt macht: Das scheitert, wie auch Sartre wusste, und löst sich auf in Praxis. Das genau diesen Übergang vom Subjekt der Selbsterkenntnis zum Subjekt der Praxis der Sorge um sich auch der späte Foucault vollzog, wohl auch von Heidegger inspiriert, als er sich vom Machtgeschehen der Moderne in die Antike begab, das sei am Rande erwähnt. Diese Theoreme bieten eine vortreffliche Entgegnung zu allen identitären Konzepten von Deutschsein, Schwulsein, Linkssein, Liberalsein und gipfeln in der so sympathischen Erkenntnis, dass Liebe kein Gefühl, sondern eine Praxis ist.

So weit, so rein aus der Erinnerung referiert, ist ja nun auch, na, 15 Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe. Insofern alles unter Vorbehalt. Ich dachte nur: Wie kann man einem Denker besser danken, als dass man darüber schreibt, wie seine Gedanken einen über Jahrzehnte als Erlebnis, ja, Ereignis und Erkenntnis zugleich begleitet haben? Und diesem so großen Lehrer und Philosophen gebührt einfach Dank, heute, an seinem 80. Geburtstag. Ohne dessen Werk wäre ich dümmer geblieben, und mein bisheriges Leben wäre ärmer und hilfloser gewesen.

PS: Ein toller Glückwunsch und gewohnt klarer Überblick über die Entwicklung des Denkens von Ernst Tugendhat auch von Martin Seel in DIE ZEIT, und Jürgen Kaube findet in der FAZ die so wundervollen Worte:

Man kann keinen seiner Aufsätze lesen, ohne danach klüger zu sein.“

Wohl wahr.

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23 Antworten zu “Danke, Ernst Tugendhat!

  1. Pingback: Philosophische Schnipsel » Ernst Tugendhat, der Streiter wider philosophischen Pseudotiefsinn, ist 80 geworden

  2. Bersarin März 9, 2010 um 9:27 pm

    Danke für Deinen Essay, der bei mir die Lust (am Text) erzeugte, einmal wieder Tugendhat zu lesen. Ich weiß nur noch nicht wann, weil die Benjamin-Lektüre ja auch nicht nebenher läuft. Ich habe trotzdem ein wenig in „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“ hineingelesen und sogleich bemerkt, warum ich mit diesen Buch damals nicht so recht vertraut wurde. (Anders als es Dir erging.)

    Als ein Beispiel dafür mag Folgendes dienen: Bei einem Satz wie „Wenn sich bei der Beschreibung eines Phänomens Paradoxien ergeben, müssen wir annehmen, daß die Beschreibung von unangemessenen Prämissen ausgeht, daß sie sich inadäquater kategorialer Mittel bedient.“ (S. 11) Tugendhat schreibt dies im Zusammenhang mit dem Selbstbewußtsein und seiner Konzeption durch die von ihm so genannte „Heidelberger Schule“ (Henrich, Cramer Pothast)

    Zwar ist mir klar, was Tugendhat mit diesem Satz ausdrücken möchte und worauf er hinaus will, doch für jemanden, der von der Kritischen Theorie Adornoscher Prägung herkommt, zeigt sich in solchen Sätzen zugleich etwas Problematisches oder zumindest nicht Ausreichendes, wenn es um die Beschreibung von Phänomenen/Objekten geht. Denn Paradoxien müssen nicht der Ausdruck unzureichender oder falscher Mittel sein, sondern können als Abdruck der Falschheit der Sache einstehen. Denn nicht verum, sondern falsum index veri. Nun meint Tugendhat seinen Satz sicher im logischen Sinne und nicht in einem gesellschaftstheoretisch-soziologischen Kontext. Dennoch: Widersprüche oder Paradoxien im Denken können durchaus solche der Sache sein. Dies gilt es auch erkenntnistheoretisch festzuhalten. Insofern sind jene Paradoxien nicht zu tilgen, sondern ins Denken aufzunehmen.

    Wobei ich hier nichts gegen Tugendhat insgesamt sagen möchte, seine „Vorlesungen über Ethik“ haben bei mir durchaus stark gewirkt. Es zeigt sich hier aber doch wieder die großen Differenzen zwischen sprachanalytischer Philosophie und Kritischer Theorie resp. dialektischer Philosophie.

    Eigentlich ist diese Passage aber nur ein kleiner Einschub, weil mir hier meine kritische Anstreichung von einst so ins Auge stach. Dein Text zumindest ermuntert dazu, sich einmal wieder mit Tugendhat zu beschäftigen, und er hat mir gut gefallen. „Dialog in Letica“ zumindest steht auf der Lektüreliste, wenn ich mich einmal wieder dem Thema „Adorno und die Frage zur Ethik“ widmen sollte.

  3. che2001 März 9, 2010 um 9:48 pm

    Mir fällt dazu Bourdieus Modell der Allodoxia ein: Ein scheinbares Paradoxon, das dadurch entsteht, dass es außer den beiden paradoxen Komponenten noch eine unsichtbare dritte gibt, die den Gesamtzusammenhang beeinflusst, so dass ein Trugbild entsteht. Bourdieu hält das für die öffentliche Wahrnehmung komplexer gesellschaftlicher Prozesse für konstituierend.

  4. momorulez März 9, 2010 um 10:42 pm

    @Bersarin:

    Zu dem dialektischen Universum steht Tugendhat dann im Gegensatz, wenn man sich auf dem Terrain des Logischen und der präzisen Begriffsverwendung bewegt, ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob das dann noch zutrifft, wenn man temporalisiert in Fragen der Praxis.

    Insofern sollte man die Bezüge und Gegensätze auch gar nicht primär nur im theoretischen, sondern im praktischen Teil aufsuchen, und da sehe ich Adorno auch als kein großes Licht. Gar nicht hinsichtlich der Unmöglichkeit politischer Praxis in einer verblendeten Welt, sondern im ganz Alltäglichen.

    Auch vom „Wissenschaftstypus“ her würde Tugendhat aus adornitischer Perspektive schlicht Positivist sein. Die Theoreme über das Indentfizieren oder identifzierbar machen habe ich ja extra aus dem Grunde zitiert 😉 … Adorno, also der spätere, will den Begriff in Bewegung halten, um den Dingen keine Gewalt anzutun, Tugendhat will sinnvolle Verwendungsweisen rekonstruieren und so zu den Strukturen menschlichens Verstehens überhaupt vordringen.

    Da ist man ganz schnell in dem Problembereich der „semantizistischen Metaethik“ angelangt, die ja auch alles einfach nur lässt, wie es ist (Wittgenstein), also de facto-Moral rekonstruiert, aber Probleme bekommt, wenn es darum geht, etwas wirklich zu fordern. Da hat Habermas in seinen Einwänden aus intersubjektivistisch-praktischer Perspektive gegen Tugendhat schon recht.

    Adorno bringt das Denken und die Begriffe in Bewegung, indem er Phänomene aufspaltet und so „innere Widersprüche“ dynamisiert, was eine ethisch gehaltvoll Praxis ist, Adorno ist ja deshalb auch ein Normativist, wie er im Buche steht. Meine Erachtens ist das aber oft eine Bewegung und des Denkens und nicht des Gegenstands, und ob der Widersprch nun im Phänomen schon drinsteckt oder hinein getragen wird, who knows?

    Tugendhat analysiert Bezugnahmen auf Gegenstände in der Relation Satz/Sachverhalt; das ist was ganz anderes.

    Ich wüßte jetzt aber auch gar nicht, wieso man das in Konkurrenz zueinander sehen sollte. Für mich hat sich das immer ergänzt – Tugendhat ist die Propädeutik, Adorno treibt darüber hinaus. So habe ich die Relation für mich immer gesehen. Tugendhat nötigt zur Präzision, Adorno auch, aber nur, um diese ins Schwingen zu bringen.

    Aber das Großthema Dialektik, da bist Du Dir eh sicherer als ich. Für mich ist das nach all den Jahren noch völlig unklar. Ich würde aber immer mit Tugendhat anfangen und mit anderen dann weiter machen.

    @Che:

    Das sind insofern noch zwei paar Schuhe, weil es Tugendhat um Logik der Sprache geht, und da sagst Du halt nix, wenn Du Dir widersprichst. Bourdieu geht es um soziale Realität, das ist was anderes.

    Und Adorno würde ich immer den Vorwurf machen, dass er in gesellschaftlichen Verhältnis ein direktes Abbild der von ihm kritisierten Rationalitäten wittert, was ich für falsch halte. Die Ausführungen in der ND, wo er den kantischen Schematismus gesellschaftlich realisiert sieht, solche gibt es auch in der DdA, halte ich für eine Vermengung von Erkenntniskritik und Gesellschaftskritik, Methode und Wirklichkeit. Deren Einheit zu behaupten habe ich immer für eine riesigen Fehler schon bei Marx gehalten, und in der älteren Kritischen Theorie wird das teilweise absurd. Natürlich sind das keine unvermittelbaren Bereiche, aber das so kurzuschließen ist einfach Faulheit in Sachen Empirie.

    Sind aber die ganz großen Themen und Thesen, die ich hier mal eben so raus haue, insofern lasse ich mich jetzt gerne prügeln und widerspreche mir dann morgen 😉 …

  5. Bersarin März 9, 2010 um 11:56 pm

    Kurz nur vorm Zu-Bett-Gehen: ich möchte Tugendhat und Adorno keinesfalls als Konkurrenz verstehen und lesen. Es ist ein Verhältnis der (produktiven) Ergänzung. (Und vielleicht sollte man die alte Opposition Analytische Sprachphilosophie und Dialektische/Kritische Theorie nicht zu stark setzen, weil man sich da der guten Dinge berauben könnte. Insofern hat Habermas hier in der Tat Wichtiges getan, auch wenn ich mich zuweilen über ihn ärgere. Und recht hast Du natürlich, Momorulez, als Du an anderer Stelle schriebst, daß Habermas für das, was sich momentan abspielt, in der ThdK ein gelungenes Modell entwickelte.

    Zur Vermengung von Gesellschafts- und Erkenntniskritik: Du hast den Namen ja bereits genannt: Anke Thyen kritisiert diese Vermischung in ihrer (sehr instruktiven, sehr wichtigen) Dissertation zu Adorno (in Anlehnung sicher an Schnädelbach/Habermas.) Viel stärker noch als Adorno haben dies wohl Sohn-Rethel und Alfred Schmidt betrieben.

    Ches Hinweis finde ich aber sehr interessant. (Über eine Stellenangabe würde ich mich freuen, um das nachzulesen, da meine Bourdieu-Kenntnisse eher spärlich ausgeprägt sind.)

    Ich denke schon, daß sich in gesellschaftlichen Verhältnissen unsere Rationalität abdrückt. Das muß freilich nicht heißen, es gäbe keine andere als die instrumentelle Vernunft. (Thyen hat ja anhand der ND gut gezeigt, wie sich eine plurale Vernunft konzipieren läßt, und Seel rekonstruierte dies dann im Hinblick auf die Ästhetik.)

    Nur mal so kurz herausgeschrieben, als frecher Widerspruch zur Mitternacht hin. Man müßte das wohl zu einer etwas besseren Stunde diskutieren. Ich denke, daß dieser Zusammenhang auch gar nicht so einfach ist. Auf keinen Fall sollten Gesellschaftlich und Erkenntnistheorie unmittelbar eins zu eins gesetzt werden, da dürften wir uns einig sein.

  6. Bersarin März 9, 2010 um 11:59 pm

    Text-Korrektur:

    Zweite Zeile von unten: Dort muß es heißen: „Gesellschaft“

  7. momorulez März 10, 2010 um 12:30 am

    Kurze Antwort kurz nach Mitternacht: Ich bekenne hiermit, die Dissertation von Anke Thyen nie gelesen zu haben, und schäme mich somit öffentlich dafür. Weil die Seminare bei ihr wirklich toll, erfrischend, erhellend, lehrreich, optimal waren. Sehr beeindruckende Frau. Schnädelbach hat oft auf die Dissertation Bezug genommen, aber das reicht ja nicht.

    „Ich denke schon, daß sich in gesellschaftlichen Verhältnissen unsere Rationalität abdrückt.“

    Ja, definitiv. Aber nicht so 1 zu 1, wie das bei Adorno manchmal wirkt, wie Du ja auch schreibst, ich wollte es meinerseits noch mal betonen – wobei ich mich hoffentlich auch in meinem dahin gerotzten Kommentar deutlich genug vor ihm verbeugt habe.

    Und über Habermas ärgere ich mich auch ständig, bei jedem zweiten Satz; aktuell imponiert er mir trotzdem noch mal wahnsinnig nach der Re-Lektüre, weil genau zu diesem Thema, Gesellschaft und Erkenntnis, er ja höchst plausible Verrenkungen anstellt – bei denen dann nur leider zu viel auf der Strecke bleibt, großartig sind die trotzdem, weil er Antworten und Vermittlungen sucht und auch findet. Der Schritt, den er da vollzogen hat, ist schon gewaltig in der ThdKH. Ohne freilich die Faszination eines Adorno oder Heidegger zu entfalten.

    Aber ich glaube anders als Rorty nicht, das sich das ausschließt, sondern zusammen passt.

  8. che2001 März 10, 2010 um 2:51 pm

    @“Die Ausführungen in der ND, wo er den kantischen Schematismus gesellschaftlich realisiert sieht, solche gibt es auch in der DdA, halte ich für eine Vermengung von Erkenntniskritik und Gesellschaftskritik, Methode und Wirklichkeit. Deren Einheit zu behaupten habe ich immer für eine riesigen Fehler schon bei Marx gehalten, und in der älteren Kritischen Theorie wird das teilweise absurd. Natürlich sind das keine unvermittelbaren Bereiche, aber das so kurzuschließen ist einfach Faulheit in Sachen Empirie.“ —-

    Das fängt ja alles bei Hegels zu sich selbst kommendem Weltgeist an, den ich als säkularisierten Gottesbegriff wahrnehme, zugleich aber auch als große Abstraktion, um Zeitalter in ihren historischen Haupttendenzen (der Begriff wiederum ist erst von Trotzkij, ich klaue ihn aber mal frecherweise, die Bolschewiki achteten ja auch kein Eigentum) überhaupt erklären zu können. Schon die Frage, ob Hegel sich diese Abstraktion selber glaubte, kann nur noch dialektisch beantwortet werden. Und das setzt sich bei den Nachfolgern fort. Ich habe mir da angewöhnt, nichts wörtlich zu nehmen, sondern alles nur als schematisierende Annäherungen zu betrachten, die lediglich Fluchtpunkte für das Denken aufzeigen.

  9. momorulez März 10, 2010 um 3:20 pm

    Ich habe ja auch eine Aversion gegen Hegelianismen, bin mir aber in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob diese auch Hegel selbst gilt, den ich halt primär vermittelt kenne, wenn überhaupt, was man von mir aus als Skandal empfinden kann bei einem Examinierten. Diese Anerkennungstheoreme, die habe ich ja übernommen in ihrer vermittelten Form, aber sonst war der für mich immer was Totalitäres, wohl zu Unrecht. Bin aber deshalb immer ganz gespannt auf das, was Bersarin aus ihm machen könnte, auch, um mich eines Besseren belehren zu lassen.

    Bin ja, wenn man das sortieren wollen würde, eher Kantianer in einem sehr weit verstandenen Sinne.

  10. che2001 März 10, 2010 um 3:47 pm

    Und ich halte es eben für ein großes Missverständnis, Hegels große Würfe wörtlich zu nehmen und nicht als abstrahierendes Arbeitsmodell. Der zu sich kommende Weltgeist ist in meinem Verständnis viel eher die historisch dominante Grundtendenz einer bestimmten Epoche. So war für Hegel Napoleon „Der Weltgeist zu Pferde“.

  11. momorulez März 10, 2010 um 4:24 pm

    Die Frage ist ja weniger, ob man nun „wörtlich nimmt“ oder von „abstrahierenden Arbeitsmodellen“ ausgeht, sondern wie man diese auf Wirklichkeit bezieht und ob sie zutreffen. Und da ist ja der Napoleon eher ein Beispiel, wie man es vielleicht nicht machen sollte. Und einfach als Symptom einer Epoche würde ich Hegel auch nicht sehen wollen, der reagiert ja auf die ganze Tradition und versucht eine Antwort auf Kant und dessen „Trenungen“, die über historische Situiertheit deutlich hinaus geht, auch wenn sie ihre eigene Historizität reflektiert.

    Ich glaube schon auch, dass es eine eher „poetisch-schöpferische“ und eine rekonstruktive oder auch diagnostisch-explikative Form des Philosophierens gibt und dass man auf streng argumentative Formen das nicht reduzieren sollte – man dann aber trotzdem genau hingucken muss, wann einfach nur Schwachsinn und unseriöser Mist wie bei Sloterdijk dabei raus kommt und wann irgendwas anderes. Ein schöner Text genau dazu findet sich heute in der FAZ von Manfred Frank, „Die spätgriechische Dekadenz“, wo er allerdings klar auf das dialogisch-argumentative setzt. Und eine Argumentation ist ja kein Raster oder Modell. Das ist ein ziemlich spannender Punkt,das zu diskutieren, auch dann, wenn ich unrecht habe.

    Ich bin mir nur nicht so sicher, ob Hegel zu den Poetisch-Schöpferischen zu zählen ist. Und was bei Adorno gerade in seinen späteren Ausführungen zur Gesellschaftsheorie Bestand hat und was nicht doch eher als „reine Philosophie“ zu rezipieren wäre, das muss man sich bei dem wirklich von Fall zu Fall anzuschauen. Gerade in der ND wechselt das von unübertroffener Brillianz zur allzu großen These von Seite zu Seite geradezu.

  12. che2001 März 10, 2010 um 5:18 pm

    „Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmslos, samt der dringlichen Kritik daran, ist nichts als der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönen soll. Jegliche Kultur nach Auschwitz ist Müll.“ ist so ein Beispiel. Wunderbare kraftvolle Poesie, auch eine suinnvolle und historisch richtige Kritik zu verstehen, aber als totalisierende Beschreibung realer Zustände unbrauchbar.

  13. Bersarin März 10, 2010 um 8:25 pm

    Was Thyen betrifft: mir hat das Buch im Hinblick auf Adorno einige wichtige Perspektiven geöffnet. Das ist halt bei der Sekundärliteratur immer die Frage, wie tief man einsteigen will. Es läßt sich einfach nicht alles lesen, so sehr man es auch möchte.

    Ansonsten werden hier in der Diskussion einige Dinge angesprochen, die ganz interessant sind. Zustimmen möchte ich Momorulez, daß es darauf ankommt, die Texte, die Textpassagen von Fall zu Fall zu betrachten. Im Grunde muß man (ob bei Adorno oder Hegel) die Textstellen analysierend durchgehen, Satz für Satz etwa die Einleitung der ND oder die „Meditationen“ lesen, sich fragen, was da genau gemeint ist. Und insofern ist der Satz von Adorno, den Che zitiert, ganz interessant. Dazu später mehr.

    Zu Hegel (von dem ich in der Tat herkomme): Nein Hegel zählt, so wie ich das lese auf keinen Fall zu den Poetisch-schöpferischen, wenngleich seine Sprache teils poetisch wirken mag und er die eine oder andere Wendung gebraucht, die metaphorisch angereichert ist. So etwa das Ende der „Phänomenologie des Geistes“, die er mit einem Zitat von Schiller beendet. Oder das bekannte Bild vom Flug der Eule bzw. von der Rose im Kreuz der Gegenwart.(Den Aspekt, Philosophie als Literatur zu lesen lasse ich zunächst mal beiseite.) Auch hier muß man unbedingt Satz für Satz lesen. Hegel zählt dennoch zu den streng analysierenden Denkern. Das romantische Gären war im ein Greul. Doch wird das Gebäude des Gedankens auf eine sehr spezielle Weise errichtet: In der Bewegung des Textes bewegt sich zugleich die Sache. Wenn ich es mit einer gewissen Emphase sagen darf: es ist dem Text nichts äußerlich. Und natürlich steht Hegel (wie Adorno auch) inmitten einer Tradition, baut auf sie auf, benutzt und verwendet sie, spielt an, verweist, manchmal ohne Namen zu nennen. Gewissermaßen sind es Zwerge, die auf dem Rücken von Riesen stehen und eben deshalb über die Riesen hinaussehen können., wie man so schön sagt.

    Sicher: man kann bei Hegel diese Tendenz des Abschlußhaften, Totalisierenden herauslesen, was daran liegt, daß der Gang der Gedanken und das Verhältnis desselben zur Objektivität einer stringenten Bewegung folgt, die die der Sache ist und die teleologisch terminiert. (Gegen dieses Moment des Telos kann man sicher opponieren. Hier setzt ja auch die Kritik an einer bestimmten Form des Marxismus an.) Die Schritte erfolgen bei Hegel mit Notwendigkeit. Aber ich denke, das man hier gleichfalls eine Gegenlektüre ansetzten kann, in der den differenztheoretischen Momenten bei Hegel eine größere Bedeutung zukommt. Dies müßte man möglicherweise auch noch einmal gegen Adorno denken. Andererseits sollte man freilich vorsichtig sein, die unaufhebare Differenz in ein Schema zu spannen, hier läßt sich von Adornos ND wiederum lernen: „Zur Rationalität des Nichtidentischen“, welches einen erweiterten Modus von Rationalität eröffnet. Aufpassen muß man nur, daß solches nicht zur unmittelbaren Reparaturleistung einer im Grunde vollständig deformierten Gesellschaft verkommt.

    Als Abstraktionen würde ich die Texte Hegels und die Figuren seiner Philosophie allerdings nicht lesen. Ganz im Gegenteil. Es ist aufs äußerste konkret. Ich verweise hier auf den Text „Wer denkt abstrakt?“ (GS 2 S. 575 ff.), der zudem ausgesprochen gut lesbar ist. (Obwohl dies freilich kein Kriterium für einen gelungenen Text in der Philosophie sein kann.) Dieser Text taxiert das Verhältnis und die Bedeutung beider Begriffe sehr gut und anschaulich aus. In gewissem Sinne ist dieser Text dann abstrakt.

    @ Che
    Ich würde diesen Satz Adornos nicht als Poesie lesen. Natürlich ist der Satz starker Tobak, selbst wenn man ihn aus der Zeit heraus versteht, in der er geschrieben wurde ( etwa drei Jahre nach dem Beginn der Auschwitz-Prozesse.) Natürlich stimmt es, daß man diesen Satz einerseits nicht totalisierend lesen darf. Andererseits aber muß man es doch. Denn es geht in der Passage wie folgt weiter: „Indem sie (die Kultur) sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“ (ND, S. 359 f.)

    Es spielen in diesen Satz zahlreiche Motive herein. Von einer Kritik der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft bis hin zu einer Kritik des Idealismus. Es steht hier ein aporetisches Bedingungsverhältnis, das es auszuhalten gilt, solange diese Gesellschaft so organisiert ist, wie sie organisiert ist. Insofern ist der Satz durchaus real zu nehmen, auch wenn es einem den Atem abschnürt, und gerade für die, welche handeln und etwas tun möchten und nicht, wie ich, auf billige Weise selbstgefällig im Grandhotel Abgrund ein Abonnement haben, um mit bösem rotweingetränktem Blick zu zeigen, was alles nicht geht. Die Aporetiker sind aber trotzdem nötig. Zumindest als kritisches Korrektiv.

    Ich glaube ich habe jetzt doch ein wenig zu viel geschrieben. Es sind sozusagen die Pferde mit mir durchgegangen. Und es steht hier auch alles ein wenig durcheinander und ungeordnet.

  14. momorulez März 10, 2010 um 8:47 pm

    Nö, war gar nicht zu viel! Danke für die Ausführungen zu Hegel insbesondere.

  15. che2001 März 10, 2010 um 10:23 pm

    Auch ich habe zu danken. Toller Beitrag!

    @“Hegel zählt dennoch zu den streng analysierenden Denkern. Das romantische Gären war im ein Greuel“ —- Im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Schopenhauer, der das Hegelsche Denken als „unsinnigen Gallimatthias“ geißelte und auf den wiederum Nietzsche aufbaute. Die Linie Hegel – Feuerbach – Bauer – Marx und die Linie Schopenhauer – Nietzsche – Wagner bzw. Schopenhauer – Husserl – Heidegger begegnen sich dann wieder bei Adorno. Gibt es gute Literatur zu diesen Querverbindungen? Ich kenne sie nicht.

  16. momorulez März 10, 2010 um 10:54 pm

    http://www.amazon.de/Philosophie-Deutschland-1831-Herbert-Schnädelbach/dp/3518280015

    Der geht da thematisch gegliedert ran, auch stark auf Dilthey und solche ein, die heute kaum noch jemand kennt, die aber prägend waren.

    Ansonsten ist die Konstruktion, der Nachvollzug, wieauchimmer dieser Linien ja selbst immer ein Stück produktiven Philosophierens, deshalb gibt es da unzählige Versionen und Tausende Buchtipps.

    Fehlen tut ja auch die ganze Linie Frege-Russell-Wittgenstein-Wiener Kreis-Ryle (bei dem Adorno paradoxerweise promovierte (?) in den ersten Jahren des „3. Reiches“, als er zwischen Oxford und Deutschland pendelte)-Quine-Davidson; der „Wiener Kreis“ bzw. logische Positivismus ist für Adorno, obwohl er die nie ernsthaft rezipiert hat, ungemein wichtig gewesen (und für Popper übrigens auch), weil er sie halt als Gegner gesehen hat – „Die ganze Welt ein riesiges, analytisches Urteil, ibäh“, was aber sogar mit dem Gleichgewichtstheorem der Neoklassik zusammen passt, diese Diagnose Adornos.

    Tugendhat, also der Sprachanalytiker, inwiefern er das noch ist bei den „Vorlesungen über Ethik“ ist, die er mit der Analyse von „gut“ beginnt, das sei dahin gestellt, steht methodisch ja klar in dieser Tradition.

    Das Schnädelbach-Buch bietet aber einen guten Überblick über allerlei Diskussionslagen nach dem „Zusammenbruch des Hegelschen Systems“. Und Lukasczszcsccczsssz muss man immer mit erwähnen, wenn man Linien bis zu Adorno ziehen möchte, weil die ganze Verdinglichungsthematik über diesen vermittelt aus der „Lebensphilosophie“ importiert wurde und dann historisch-dialektisch dynamisiert und mit Freud fusioniert wurde.

    Irgendjemand wird jetzt auch einwerfen, dass man das so nicht sagen könne, dass sich das alles sich bei Adorno träfe, also vor allem Nietzsche/Heidegger/Husserl und natürlich auch Kierkegaard, die er ja allesamt seiner Ansicht nach einer Kritik unterzogen hat, Nietzsche noch am wenigsten. Aber ob das so ist oder nicht, also ob er diese Autoren kritisierte oder nicht vielmehr ein polemisches Gegenbild zum eigenen Denken gleich mit erschaffen hat, das ist ja ein philosophisches Schlachtfeld noch in den 80ern gewesen; mittlerweile scheint mir die Philosophie zu Unrecht zu bescheiden geworden zu sein, um solche Schlachten noch zu schlagen. Schade.

  17. che2001 März 10, 2010 um 11:26 pm

    Ja, wirklich schade. Mir fällt da noch Althusser ein, den ich aber auch nicht wirklich einordnen kann. Danke aber für die Erläuterungen.

  18. momorulez März 11, 2010 um 12:04 am

    Das ist ja noch mal ’ne andere Linie 😉 – auch Hegel hat in Frankreich über Kojève vermittelt anders gewirkt als hier.

    Das ist die de Saussure-Linie, die zu Lèvy-Strauss, Derrida, Lacan, Barthes, Foucault etc.. führte (Poststrukturalismus heißt ja simplifiziert einfach eine Dynamisierung der Struktur, Strukturen werden variabel, während Lévy-Strauss noch Universalien wie das Inzest-Tabu suchte) und die man über den Strukturfunktionalismus hierzulande, wenn man denn will, zu Luhmann ziehen könnte, das wird aber schon kompliziert, weil da Parsons, Malinowski, heißt der so?, und solche eine Rolle spielen und weil Husserl z.B. bei Luhmann ganz nachhaltig nachwirkt, es da also auch ein phänomenologisches Erbe gibt. Und natürlich zur Diskursanalyse, zu semiologischen Ansätzen in den Medien- und Kulturwissenschaften, zum Beispiel.

    Und die de Saussure-Linie ist fusionierbar ist z.B. mit Marx, wie bei Althusser, und hat oft kritisch auf die Hegel-Husserl-Heidegger-Linie reagiert, die französische Phänomenologie, Sartre, Merleau-Ponty, auch Levinas in einer bestimmten Hinsicht, die ebenfalls mit Marx fusionierte, aber anders. Den Strang hat es so in Deutschland eher nicht gegeben, von Marcuse teilweise abgesehen, der ja heideggerianische Wurzeln hatte. Hier waren noch Namen wie Gadamer ungemein wichtig, die eher von Heidegger kamen.

    Und wie in alledem nun z.B. ein Spinoza mit drin hängt, das müssen größere und kompetentere Leute als ich erläutern, auch Pascal und solche, Descartes ist da klarer zu verorten (Kant – Husserl – Sartre, zum Beispiel).

    Nietzsche hat im Grunde genommen überall mit gemischt, würde ich mal behaupten. Und Max Weber auch. Der Typ ist doch ungemein wichtig, auch und gerade für die DdA, aber auch für einen Foucault, und für Habermas sowieso.

  19. Bersarin März 11, 2010 um 8:35 am

    Sehr tolle, sehr spannende Bezüge und Wechselwirkungen. Ich will versuchen, heute abend noch etwas dazu zu schreiben, wenn es denn zeitlich funktioniert.

    Hegel/Nietzsche udn Frankreich: das ist noch einmal so eine ganz eigene Geschichte, die zu verfolgen ist. Aber eigentlich kann ich Momorulez Bezügen kaum noch etwas hinzufügen.

    (Vor allem freut es mich, daß Gadamer und Weber erwähnt wurden.)

    Danke auch für das Lob, welches mich inspiriert, vielleicht und demnächst bei mir auf meinem Blog etwas zu schreiben.

  20. momorulez März 11, 2010 um 10:15 am

    Gerade auf Deine Hegel-Interpretation bin ich enorm gespannt; auch, weil ich Derrida, den ich ja eher flüchtig kenne, in die Reihe der Anti-Hegelianer wie z.B. auch Foucault eingereiht hätte. Da hattest Du aber mal geschrieben, dass Du den durchaus in dessen Tradition sehen würdest, das deutest Du oben ja mit Differenzphilosophie an.

    Außerdem steckt ja oft in denen, die am outesten sind, am meisten drin, will man Aktualität diagnostizieren, weil es zumeist Gründe gibt, sie so auszugrenzen. Da war neulich ein ganz kurzer Text von Christian Schlüter in der FR, der, glaube ich, auch in in Schnädelbach-Seminaren saß, in dem er aufgrund der Wiedererscheinung eines Buches über Hegel Ähnliches geschrieben hat. Da liegt was in der Luft 😉 … merke ich doch an mir selbst, selbst Honneths „Kampf um Anerkennung“ habe ich einst zunächst mit spitzen Fingern angefasst, und das, obwohl Jessica Benjamins „Die Fesseln der Liebe“ zu den für mich biographisch wichtigsten Büchern zählte. Aber immer nur die Anerkennungstheoreme, das ist ja auch ein bißchen wenig. Und in letzter Zeit habe ich doch eine annähernd körperlich spürbare Offenheit für den Hegel entdeckt …

    PS: Was mich ja immer wieder freut, ist, dass jene, die ja eher zufällig meine Lehrer wurden, wohl nicht nur subjektiv recht gute waren. Du kennst die ja alle: Thyen, Schnädelbach, Seel, Taureck. Miller war für mich noch wichtig, aber bei den Soziologen. Und er ist der einzige, der noch hier an der Uni lehrt, was wirklich ein Desaster ist, der Kahlschlag, der hier stattgefunden hat. Da habe ich wohl zum Glück noch den letzten Höhepunkt erlebt, und als ich Examen machte, Ende ’95, war auch Seel schon in Gießen, und Schnädelbach ist ja schon ’92 oder so nach Berlin gegangen. Schlimm, was in dieser Stadt so passierte – mittlerweile würde ich jeden, der das studieren will, nach Berlin oder Frankfurt schicken … und das bei meinem so ausgeprägten Lokalpatriotismus.

  21. momorulez März 11, 2010 um 10:56 am

    PS: Dass ich den Rousseau hier außen vor lasse, das ist ist Absicht 😉 …

  22. bersarin März 11, 2010 um 9:01 pm

    @ Momorulez
    Ja Schädelbach ist 1992 nach Berlin gegangen. 😉 Ich kann allerdings nachfühlen, wie schlimm das ist, wenn ein wichtiger Lehrer geht. Seine Texte sind für mich auch heute noch wichtig (er war ja auch Adorno-Schüler, aber kein orthodoxer.)

    Wenn die Lehre dieser genannten Personen so gut und so wichtig ist wie ihre Bücher, dann bist Du in der Tat zu beneiden. Mein Lehrer war niemand, wobei ganz aus der Odyssee gesprochen, niemand leider kein Eigenname ist. Zu Taureck: da möchte, nein muß ich noch sein Buch zur Französischen Philosophie im 20 Jhd. hinzufügen und empfehlen, falls Du es nicht sowieso schon kennst. Sehr gut, sehr lehrreich damals für mich, sehr gut gemacht.

    [Wußte gar nicht, daß Alice Miller in Hamburg lehrt ;-)]

    Ja, die Philosophie läßt sich momentan wohl nur gut in diesen beiden Städten studieren, aber ich bin aus den akademischen Dingen schon viel zu lange heraus. Intuitiv würde ich sagen, daß manchmal auch die kleineren Namen einiges hergeben können. In meiner Reihe der wichtigen Personen fehlen freilich noch Peter Bürger und Albrecht Wellmer, der Lehrer von Seel war, seinerzeit in Konstanz. (Konstanzer Schule). Na ja, es lassen sich noch so viele Namen nennen, Volker Gerhardt etwa in bezug auf Kant und Nietzsche. (Auch wenn man seine Positionen nicht teil, ein sehr angenehmer Mensch.)

    Ich hoffe, ich bekomme demnächst noch etwas zu Hegel (und Derrida) hin. Heute fällt alles aus wegen einer ungeheuren Müdigkeit und da ich seit 4.30 Uhr im Einsatz bin.

  23. momorulez März 11, 2010 um 10:51 pm

    Dann mal gute Erholung!

    Und als Schnädelbach ging, das war schon erschütternd – das war ja fast ein Pop-Event, wenn der Vorlesungen hielt.

    Und es war Max Miller 😉 – der hat sich zwar nie durch besondere Veröffentlichungen hervor getan, mal ab von seinem Ansatz zum Kollektiven Lernen und kürzlich dem Dissens-Buch, aber als Lehrenden fand ich den super. Thyen, Seel und Schnädelbach waren didaktisch top, wirklich, wobei diese Energie und Leidenschaft von Schnädelbach schon einzigartig ist, der konnte ja mit reißen, und da flogen auch immer wieder die Fetzen – Taureck war superknuffig, da wurde das Ganze nur manchmal etwas wirr.

    Bürger und Wellmer: Ja, klar. Waren für mich nie sooo wichtige Kommunkationspartner, aber als Namen auch immer mit dabei.

    Ich groove mich ja gerade wieder ein in das Akademische, drück mir mal die Daumen.Und auf Hegel/Derrida freue ich mich.

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