Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 8, 2010

Danke, Ernst Tugendhat!

Ich saß im Park und quälte mich lustvoll mit Textverstehen. Weil ich spürte: Da ist was, das mir anders als manch Merve-Bändchen über coole Killer und Zeichenaufstände Gründlichkeit und intellektuelle Redlichkeit zeigen will. Da ist jemand, der auf die große Geste und den Knalleffekt verzichtet und ganz bescheiden, aber gerade deshalb so eindringlich und nachvollziehbar denkt.

Ich hielt das Reclam-Bändchen mit dem Titel „Probleme der Ethik“ von Ernst Tugendhat in den Händen, erstmals 1983 erschienen – mir wurde es 1989 geschenkt, vom Schicksal, sozusagen, weil es in einem Seminar von der tollen Anke Thyen auf der Literaturliste stand.

Ich bin bis heute sehr dankbar für diese Begegnung, weil sie so viel von dem mich lehrte, was Philosophie bedeutet: So zum Beispiel, dass es sich beim Philosophieren auch, wenn auch nicht nur um einen kritischen Dialog mit Texten handelt, die man auf Sinn und Unsinn hin überprüft. Was so banal sich liest, hat Tugendhat mit Brillianz, mit unvergleichlicher Klarheit und vor allem im Vollzug eines wahrlich kritischen Verhältnisses zum eigenen Denken vorgeführt.

Da stieß ich auf einen Autor, der nicht recht behalten, sondern nachvollziehbar sprechen und schreiben wollte und dabei die Resultate dieses Denkens mit stets glasklar offen gelegten Kriterien zur Disposition stellte. Als Studiums-Frischling war ich sogleich in große Schulstreitigkeiten geraten, in Foucault-Seminaren, in denen der Geist von Habermas als Gegenpol gewissermaßen mit lief – nun ging hier jemand zu den Sätzen selbst und lud dazu ein, ihn und seinen Umgang mit diesen sogleich zu hinterfragen.

Das mich zunächst verwirrende an diesem Bändchen zu den „Problemen der Ethik“ war, dass der Aufsatz „Retraktationen“, S. 131 ff., das zuvor in den „Drei Vorlesungen über Probleme der Ethik“, S.57 ff., entworfene Programm auseinander nahm. Tugendhat reagierte auf die Kritik seiner Kollegin  Ursula Wolf und ließ diese Selbstkritik gleich mit abdrucken. Für seine moralphilosophischen Texte ist das typisch, immer neue Anläufe ließen den jeweils zuletzt formulierten Ansatz ihm ungenügend erscheinen. Nach den von Bersarin völlig zu recht gerühmten „Vorlesungen über Ethik“ erschien mit „Dialog in Letica“ ein erneuter Anlauf. Ein fiktiver Dialog in gut platonischer Tradition – „Der alte Herr aus Santa Domingo und das Gespräch sind mehr oder weniger erfunden, der Ort nicht“ –

„“Mit meinem letzten Buch „Vorlesungen über Ethik“ (1993)“, sagte ich, „hatte ich gemeint, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, aber schon bald nach der Veröffentlichung befielen mich Zweifel, daß mir gerade in der Hauptsache – der Begründungsfrage – Fehler unterlaufen sind.“

„Es ist doch merkwürdig“, sagte er, „daß du in der Moraltheorie dauernd Rückzüge gemacht hast. Deine Schriften seit den Retraktationen1983 machen den Eindruck, als ob Du nur jeweils die Schwierigkeit der vorausgegangenen Position zu flicken versuchst.“

Ernst Tugendhat, Dialog in Leticia, Frankfurt/M. 1997, S. 7

Ich schluckte kurz, nachdem doch sein Argument „Nicht Gleichheit als einfachste Teilungsregel ist begründungsbedürftig, sondern Ungleichheit“ mein Lieblingsargument geworden war und sein „Instrumentalisiere niemanden“ mein Leitspruch, ohne dass ich diesem je wirklich gerecht worden wäre. Auch die relationale Begründung – wir verfügen nicht mehr über ewige, transzendente Wahrheiten, also kann das eigene Moralkonzept sich nur in Relation zu anderen Konzepten als das überzeugendere erweisen – schien mir , ja, eben überzeugend, setzt man sie zugleich in Relation zur historischen Situation. Und dann so was. So mochte ich ihn nur um so mehr. Hier bewahrte sich jemand die Skepsis gegenüber dem eigenen Denken, und wenn das nicht selbst eine moralisch vorbildliche Praxis ist, was denn dann?

Ich saß im Park, wie gesagt, Jahre vor Erscheinen der „Vorlesungen über Ethik“. Nicht, weil ich wollte. Ich bekam damals die Probleme im Zusammenwohnen mit meiner Mitbewohnerin nicht in den Griff und war auf der Flucht. Mochte nicht zu Hause sein. Das zerfletterte Reclam-Heftchen hielt ich soeben noch mal in den Händen: Telefonnummern sind darauf geschmiert, ein Herzchen in schwarzer Tinte, und auch „Helma, Mo 13-19“ – ein be- und gelebtes Büchlein. „Helma“, das war mein Job in der Behindertenarbeit. Tugendhat war für mich immer ein Autor, der genau das zu kommentieren wusste: Den unmittelbaren Alltag und seine verflixten Chancen und Probleme. So hat er das Erbe der Phänomenologie mit Mitteln der Sprachanalyse bewahrt. Der kann sogar Wittgensteins Privatsprachenargument referieren oder Heidegger dessen „Zahlen Sie Kleingeld!“ zurück rufen und dabei hochabstrakt über Prädikation schreiben: Man fühlt sich bei ihm wohl und zu Hause auch dann, wenn man im Park sitzt. Man kann sich auch über ihn ärgern, wenn die Motivation zur Moral als Gemochtwerdenwollen erläutert, was bei psychisch sich über Trotz konstituierenden Menschen wie mir nur zunächst nur Widerwillen auslöst, „Schleimer“, oder wenn er in ganz bewußt negativ konnotierten und altbackenen Begrifflichkeiten wie „Billigen/Mißbilligen“ und „Scham“ operiert und so den Konservativen spielt, der Höflichkeitsregeln als moralisch fundiert behandelt. Aber er könnte ja mit alledem recht haben, und er nötigt nie auf. Sondern schreibt einfach, was er denkt, und zeigt so auf, WIE man denken kann, wenn man sich wirklich Mühe gibt.

Er hat die sprachanalytische Philosophie in Deutschland der ihr gemäßen Bedeutung zugeführt und mit ihrer Hilfe radikal Traditionen entzaubert – immer höflich. Das Werk, das mir am meisten gab und mein Denken wohl am tiefsten prägte, ist „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“; für das, was ich draus machte und wie ich es verstand, dafür kann er freilich wenig.

Die ungeheure Wucht sprachanalytischen Philosophierens, die so schlicht daher kommt, dass man ihre Ausführungen sehr genau lesen muss, sonst entgehen die Pointen, die wurde mir in diesem Buch vorgeführt auf einem durch Sartre wohl vertrauten Terrain. Berühmt wurde vor allem „Der Abstieg vom Ich zum ich“: Die These, das „Ich“ gar nichts identifiziert, sondern dass man allenfalls als raumzeitlich situierte Person sich identifizierbar macht. „Ich“ würde analog zu deiktischen Ausdrücken wie „hier“ und „jetzt“ verwendet – „Wer will ein Eis?“ – „Ich!“. Da muss man schon hin schauen, um die Raumzeitstelle zu finden, an der „ich“ sich aufhält, will man das Eis überreichen.

Diese so nachhaltig sitzende Attacke auf alles, was als „das Ich!“, Selbst oder dergleichen Diskurse und Selbstverständnisse bevölkert, die ist unhintergehbar, und jeder, der sich mit solchen Sujets befasst, wird sie nicht ignorieren dürfen. Die kleinste, sinnvolle Einheit ist eh der Satz, Wittgenstein, und Basis von allem, was zu „ich“ sich sagen läßt, ist das „unmittelbare epistemische Selbstbewußtsein“, das in Sätzen über körperliche, sinnliche und emotionale Erlebnisse, „ich weiß, dass ich p“, zum Ausdruck kommt. Wie gewaltige diese These ist, das habe ich zunächst mal gar nicht begriffen – dass ich also in dem Satz „Ich habe Schmerzen!“ etwas zum Ausdruck bringe, keine synthetische oder Erkenntnisleistung vollbringe, indem ich „ich“ und „Schmerz“ und „haben“ irgendwie zusammen denke, das ist nicht trivial.

Reflexive Konstituionsweisen der je eigenen Personalität wie jene, in denen ich aufgewachsen bin, operieren nämlich anders: Sie nehmen Gefühle als Indikator für eine depressive Persönlichkeitsstruktur, zum Beispiel, Riemann, Du Arschloch. Der „Ausdruck von“ hingegen ist gegen solche Manipulation immun. Ich fühle das jetzt, basta! Und ich fühle mich nicht „homosexuell“, sondern begehre ganz akut den da, und dass das so ist, sieht man im besten Fall an meinem Verhalten! Macht vielleicht den Hintergrund mancher Auseinandersetzung hier im Blog klarer. „Selbstbewußtsein“ meint, dass ich weiß, und zwar unmittelbar, dass ich mich in diesem oder jenem Zustand befinde (propositionale Struktur).

Nicht minder mich beeindruckend ist die Rekonstruktion des Selbstverhältnisses aus Heideggers „Sein und Zeit“ im zweiten Teil von „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“.  Tugendhat begreift es als „praktisches sich-zu-seinem-zu-sein-Verhalten“ – handelnd verhält man sich schlicht zu der Tatsache, dass man eben ist, zu sein hat, wenn man nicht den finalen Schritt vollzieht, und versucht so selbstbestimmt, also rational im besten Fall, das Wie dieses „zu seins“ zu beeinflussen. Das ist eine Präzisierung dieser so berühmten und gewichtigen Denkfigur Heideggers, das Dasein, die Person, sei jenes Sein, dem es in seinem Sein um das Sein selbst geht. Sein ist hier nicht das Seiende, aber das führt jetzt zu weit 😉 …

Auch das ist in der Auseinandersetzung mit der Tradition nicht trivial, aus „Erkenne Dich selbst!“ wird „Handele, dann bist Du, und wie Du Dich dabei fühlst und das mit einem umfassenden Lebensentwurf verbindest, das ist Ziel des überlegten Wollens“. Und bevor berechtigte Einwände, dass man darauf doch nur sehr eingeschränkt Einfluss habe, weil: die Gesellschaft, der Kapitalismus, der Konsum als Ersatzerlebnis, erhoben werden: Genau das ist Teil der Analyse, dass das überlegte Wollen eben „in Situation“ stattfindet und Selbstbestimmung werde, weil sie möglich ist.

Das ist eine Antwort auf all die Theorien, z.B. jene Sartres, in der ein Subjekt sich zum Objekt macht: Das scheitert, wie auch Sartre wusste, und löst sich auf in Praxis. Das genau diesen Übergang vom Subjekt der Selbsterkenntnis zum Subjekt der Praxis der Sorge um sich auch der späte Foucault vollzog, wohl auch von Heidegger inspiriert, als er sich vom Machtgeschehen der Moderne in die Antike begab, das sei am Rande erwähnt. Diese Theoreme bieten eine vortreffliche Entgegnung zu allen identitären Konzepten von Deutschsein, Schwulsein, Linkssein, Liberalsein und gipfeln in der so sympathischen Erkenntnis, dass Liebe kein Gefühl, sondern eine Praxis ist.

So weit, so rein aus der Erinnerung referiert, ist ja nun auch, na, 15 Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe. Insofern alles unter Vorbehalt. Ich dachte nur: Wie kann man einem Denker besser danken, als dass man darüber schreibt, wie seine Gedanken einen über Jahrzehnte als Erlebnis, ja, Ereignis und Erkenntnis zugleich begleitet haben? Und diesem so großen Lehrer und Philosophen gebührt einfach Dank, heute, an seinem 80. Geburtstag. Ohne dessen Werk wäre ich dümmer geblieben, und mein bisheriges Leben wäre ärmer und hilfloser gewesen.

PS: Ein toller Glückwunsch und gewohnt klarer Überblick über die Entwicklung des Denkens von Ernst Tugendhat auch von Martin Seel in DIE ZEIT, und Jürgen Kaube findet in der FAZ die so wundervollen Worte:

Man kann keinen seiner Aufsätze lesen, ohne danach klüger zu sein.“

Wohl wahr.