Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wir sind alle Islandgriechen!

Aktuell überlege ich ja fast, ob ich nicht die griechische Staatsbürgerschaft beantragen sollte. Dieser aktuell sich transformierende D-Mark-Nationalismus, immer schon dem Selbstverständnis des Freiers geschuldet, der selbst linke Zeitgenossen vor Selbstgerechtigkeit ranzig triefen lässt,während sie sich über Korruption ereifern, deren Erwähnung ihnen im Falle afrikanischer Staaten – womit ich nicht sagen will, dass es die dort mehr gibt als hier – die antirassistische Wut ins Gesicht treibt, ist gänzlich unerträglich.

Bei diese ganzen zwanghaften Charakteren, in deren analer Phase beim Scheißen wohl was schief ging, zeigt sich eine fast an überkommene Sexualmoral erinnernde Zurechtweisung – lese ich bei SpOn-Kommentatoren von „staatsbürgerlicher Verkommenheit“ als Erklärung der Prozesse in Griechenland, frage ich mich ja doch, was solche Hanswürste beim Heckenschneiden fantasieren. Wieder fragt man sich, wie man in Deutschland wohl Deutschland boykottieren könnte. Da würgt sich eine Haltung aus, die die mails von Kempter – süß, solche würde ich auch gerne bekommen! – inflationär als „unappetitlich“ geißelt, bis ins St. Pauli-Forum hinein. Erziehung zum Ekelempfinden in Geldfragen muss das sein – wer keines hat, ist nackt und somit unsittlich und liederlich. Aber wir lachen ja alle gemeinsam über Bully Herwig, toll, so was können die Griechen doch gar nicht! Die brauchen ja erst ’nen Rehhagel, damit sie die EM gewinnen können!

Also nur noch griechische und isische und spanische und portugiesische Produkte kaufen, so weit die deutschen Profiteure der EU da nicht längst alle Märkte platt konkurriert haben.

Man sehnt sich nach Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“, stattdessen sind Neo-Nationalismen bis ins Feuilleton von DIE ZEIT auferstanden: Herr Jessen, glaube ich, weist den Griechen die Existenzweise eines „ganz normalen Balkanstaates“ im Kampf ums Dasein der Schicksalsgemeinschaften zu. Das sind bekanntlich Länder, die man im Zweifel wegen Auschwitz bombardiert. Er erregt sich über die „Idealisierung“ Griechenlands hierzulande, während die Franzosen sich „immer schon“ als die Fortsetzung Roms mit anderen Mitteln verstanden hätten, ja, kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen, lieber Asterix, der Blubberaufwand ist groß, von Ökonomie abzulenken und stattdessen Volksseelen aufmarschieren zu lassen wie Wiedergänger aus der Zeit vor 1914. Wissen wir ja, was da auf dem Balkan los war.

Genug des Kotzens, die Junge Welt sei zitiert:

„Die sozialdemokratische Regierung der PASOK ließ am Donnerstag und Freitag das jüngste »Sparpaket« über weitere 4,8 Milliarden Euro, das fast ausschließlich von den Lohnabhängigen zu bezahlen ist, im Parlament beschließen.“

SpOn ebenfalls – nunmehr Island:

„Und nun noch das Icesave-Gesetz. Viele halten es für den Gipfel der Unverschämtheit. Das Gesetz ist ein mühsam verhandeltes Abkommen zwischen Island, den Niederlanden und Großbritannien. Es macht die ohnehin stark gebeutelten Bürger haftbar für 3,8 Milliarden Euro, die verantwortungslose isländische Bankiers arglosen Sparern im Ausland abgenommen hatten. Erst lockten die Manager die Anleger mit enormen Zinsversprechen – dann verzockten sie das Geld an der Börse.“

Ja, alles freilich nur Populismus, mit dem heuristischen Wert der Marxschen Theorie hat das alles rein gar nix zu tun. Lasst uns lieber die islamische Gefahr beschwören! Als hätte die gegen die Erben der Neoklassik irgendeine Chance:

„Für Skidelsky tragen Banken, Hedgefonds und Spekulanten eine große Mitverantwortung an der aktuellen Krise, aber die Hauptverantwortung trifft nicht diese Akteure, sondern die Wirtschaftswissenschaft, deren Lehren die Akteure gleichsam schulbuchmäßig befolgt haben.“

Wahrscheinlich haben sich die Griechen bisher wohl nur erfolgreich gegen deren Doktrinen gewehrt, und das zu recht … also, statt an Sozialetats herum zu kürzen, lasst uns doch zunächst mal die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten schließen, wenn denn gespart werden muss! Und stattdessen mal wieder fragen, wie wir leben wollen, statt theoretische Ersatzökologie naturwüchsiger Märkte und deren Bestandsschutz staatlich zu subventionieren – und lasst uns vor allem fragen, warum wir leben wollen. Bestimmt nicht, um den Elbchaussee- und Hafencitybewohnern weiter Angenehmlichkeitsmaximierung, polizeilich flankiert, zu ermöglichen … und Herr Sinn darf dort auch mal auf ’nen Kaffee vorbei schauen, während man gemeinsam über die Griechen und Isen lacht. Stürmt  V.I.P.-Areas. Gewaltfrei, versteht sich. Dafür gibt’s ja Politik.

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42 Antworten zu “Wir sind alle Islandgriechen!

  1. Nörgler März 6, 2010 um 3:47 pm

    Einer Deiner stärksten Texte!

  2. Loellie März 6, 2010 um 4:12 pm

    Na da ist wohl jemand seine Frühstückslektüre nicht bekommen.

    „Wahrscheinlich haben sich die Griechen bisher wohl nur erfolgreich gegen deren Doktrinen gewehrt“ … so in etwa. Wer nicht spurt, wird weggeputscht.
    Und bei den Kommentaren auf SPON weiss man mittlerweile ja woher die kommen.

  3. momorulez März 6, 2010 um 4:40 pm

    @Nörgler:

    Dankeschön!

    Habe da aber viel von Dir gelernt, was Marxverständnis betrifft. Und wenn dann allerorten wieder die klassischen Lohnempfänger für alles und jedes in Haftung genommen werden können, dann ist das wohl nur möglich, wenn er recht hatte.

    @Loellie:

    Das gärt seit Tagen in mir – fast jedes Mal, wenn man jemandem, auch ganz aufgeklärten Leuten, grob die Thesen aus dem Interview mit UNO-Typen skizziert, gucken die einen mit Empörung an, als hätte man sie Pygmäe geschimpft (als sei das eine Beschimpfung). „Wie, WIR unterdumpen die armen Eseltreiber da unten, diese Olivenbauern? WIR auf UNSEREM ach so hohen Niveau?“

    Von wegen hohes Niveau. Und diese Leute haben dann tatsächlich die gleiche Fresse wie früher die „Wir bringen die Mark, sei demütig!“-Ärsche, denen fast einer abging, wenn sie dem tschechischen Zimmermädchen im Prager Hotel die Nylonstrumpfhose als Trinkgeld da ließen.

  4. che2001 März 6, 2010 um 4:41 pm

    Ich finde an den griechischen Eliten und ihrer haarsträubenden Vetternwirtschaft (gegen die in Griechenland seit November 2008 täglich demonstriert) nun ja doch Einges zum Kotzen und würde schon sagen, dass ein Großteil der griechischen Krise durchaus hausgemacht ist. Dafür müssten dann aber konsequenterweise auch die griechischen Bonzen bezahlen und nicht Dimitri und Helena Mesohellene. Der wohlstandsrassistische Populismus, mit dem hingegen die deutsche Presselandschaft dieses Land betrachtet ist unerträglich. Und daher ist dieses Posting auch wirklich notwendig und ein Topp-Beitrag. Chapeau!

  5. momorulez März 6, 2010 um 4:48 pm

    Na, was haben wir denn auch hier für eine Vetternwirtschaft? Hier ist halt Korruption institutionalisiert in Handelskammern und im Kanzleramt, wenn Angie von den Bankern Kaffee kochen geschickt wird, und es alles ein wenig unüberschaubarer, hier wohnen halt ein paar mehr Leute.

    Zudem ich an das „Hausgemachte“ auch nach langen Lektüren nicht recht glauben mag. Und wenn, dann auch nur im Rahmen international gültiger Parameter – wenn es jetzt heißt, die Lohnstückkosten seien da zu hoch, dann heißt „Krise hausgemacht“ eben auch, sich nicht im selbe Sinn wie hier an der Nase herumführen und niederdumpen zu lassen wie hier.

    In Griechenland reproduziert sich die vermeindliche „Elite“ lediglich etwas offenkundiger, und dass das dort auffällt, spricht für die Griechen. Die Beamtenkaste hier ist doch eher noch dominanter und unverschämter und machtbewußter.

  6. che2001 März 6, 2010 um 5:13 pm

    Dass Deutschland weniger korrupt sei habe ich gar nicht behauptet. Der Kölner U-Bahn-Skandal spricht da Bände. Aber in Griechenland sind seit 1980 fortlaufend EU-Kredite und Zuschüsse, die für den Bau von Eisenbahnen, Straßen, Brücken und Krankenhäuser bestimmt waren für den privaten Konsum von Politikern verwendet worden, die sich davon Yachten, Luxusautos und sogar private Inseln gekauft haben. Nach jeder Wahl werden, ohne dass da nachweisbarer Bedarf wäre zehntausende von Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen, um die treuen Wählen in Jobs zu bringen. Das führt zu regelrechtem Stimmenkauf: Man wählt einen Politiker, weil man von dem einen Job bekommt. Griechenland ist meines Wissens der einzige europäische Staat, wo Grundbesitz der Kirche immer noch steuerfrei ist. Das wird von Baulöwen oder auch dem Staat genutzt, in dem sie ihre Grundstücke und Liegenschaften formell der Kirche überschreiben und so weiter nutzen können, ohne dafür zu zahlen. Der Staatsanwalt, der bei formellem 8Stundentag 3 Stunden am Gericht sich aufhällt und ansonsten in seiner Arbeitszeit ein Reisebüro unterhält ist dort ganz normal. Gab, als es vor über einem Jahr in Griechenland knallte an recht unverdächtiger Stelle, nämlich in Le Monde Diplomatique einen sehr umfangreichen Hintergrundbericht zu dem Thema, und das deckt sich auch mit dem, was mir griechische Berkannte berichtet haben.

  7. momorulez März 6, 2010 um 5:23 pm

    „Nach jeder Wahl werden, ohne dass da nachweisbarer Bedarf wäre zehntausende von Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen, um die treuen Wählen in Jobs zu bringen.“

    Ist doch cool 😉 – auch ein Weg in Richtung Sozialismus! Besser als Zwangsschneeschippen.

    Oder auch nur das, was Herr Niebel in seinem Ministerium macht, weniger cool.

    Und ob nun staatliche erhobene Kirchensteuer in dem Wissen, dass die Kirchen Sozialabbau kompensieren, oder keine Grundsteuer für Kirchen und die Möglichkeit, denen zu spenden, oder jüdische Vermächstnisse in Hessen – so what?

    Mir scheint es ein wenig so, als liefe Korruption da wenigstens so, dass nicht etwa die Vermögenden die Politiker kaufen, sondern diese das Volk, in dem sie EU-Gelder umleiten, und ist das nicht im Verhältnis sogar demokratischer?

    Staatsanwälte, die nebenher Reisebüros betreiben, könnten diesem Land auch mal ganz gut tun, dann wären die vielleicht nicht ganz so wilhelminisch und verbittert und verbiestert und bösartig.

    Finde das eigentümlich, was für Maßstäbe Du in der Bewertung anlegst … ich könnte gut auf Wohlstand verzichten, wenn das Leben dafür mal etwas lockerer und geselliger würde.

  8. che2001 März 6, 2010 um 6:20 pm

    Ich bin in der Hinsicht noch in anderer Weise parteiisch. Als Ende 2008 die Athener Innenstadt entglast wurde, geschah das zwar als Reaktion auf die Erschießung eines Demonstranten durch die Polizei, die hatte aber auch ihre Vorgeschichte: Eine bereits monatelange Welle von Demonstrationen und Streiks, die von der radikalen Linken und der undogmatischen Partei Synopsysmos getragen wurde. Im Gegensatz zu Deutschland ist die radikale Linke nicht eine überwiegend von jungen Leuten aus der oberen Mittelschicht getragene Bewegung, sondern eine des jüngeren Prekariats, „Generation 400 Euro“, wie man sie dort nennt. Gut ausgebildet, oft studiert, aber mit 400-Euro-Jobs als Hilfskellner, Strandwächter, Rettungsschwimmer, Zimmermädchen ohne Arbeitsvertrag und ohne Aussicht, jemals einen besseren Job zu bekommen. Die damaligen Proteste richteten sich gegen die Weltwirtschaftskrise und die Drohung, darauf mit Sozialabbau zu reagieren, aber auch gegen den Filz der griechischen Eliten, gegen die dynastische Vergabe von Parteiämtern (Griechenland wird immer abwechselnd von zwei Familien regiert, den Papandreus und den Karamanlis), gegen eine Milliardenschenkung für die Mönchsrepublik Athos auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise und enthielten außerdem die Forderung nach besseren sozialen Standards und nach einem freien, von Parteibüchern unabhängigen Zugang zu Jobs. Das waren durchaus Klassenkämpfe, und mit denen sehe ich mich solidarisch.

  9. Loellie März 6, 2010 um 6:27 pm

    Aber das hat doch alles nix mit den Lohnstückkosten zu tun, wenn ein Akademiker als Bademeister zu 400€ arbeiten muss.
    Verbrannte EU-Kredite auch nicht und die Stellen im öffentlichen Dienst sind Konjunktur fördernd.

    Milliardenschenkungen sind ein Argument pro Staatsbankrott.

  10. che2001 März 6, 2010 um 6:41 pm

    Ein anderer Punkt ist der, dass es kein europäisches Land gibt, in dem so umfangreich von den Reichen Steuern hinterzogen werden wie in Griechenland und zugleich die unteren Bevölkerungsschichten brav ihre Steuern zahlen. Das führt dazu, dass die weitaus meisten Chefärzte, Professoren, Reeder und Hotelbesitzer weniger Steuern zahlen als Arbeiter oder Krankenschwestern.

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  12. che2001 März 6, 2010 um 6:51 pm

    @“die Stellen im öffentlichen Dienst sind Konjunktur fördernd.“ —- Ja, aber die bekommt nur, wer ein sozialistisches oder konservatives Parteibuch hat. Linke, Grüne, Liberale oder parteilose kriegen die nicht. Selbst eine Schankgenehmigung kriegt man in sehr vielen Fällen nur mit dem richtigen Parteibuch. Die Proteste haben nicht nur mit den ökonomischen Ursachen der Krise, sondern mit der Frage der Gerechtigkeit und Fairness zu tun.

  13. momorulez März 6, 2010 um 6:57 pm

    @Che:

    Wenn Deine primäre Solidarität Akademikern, die mehr Geld haben wollen, gilt, glaubste, da hast Du die linke Theorie richtig verstanden? 😉

    Jetzt eine Binnensolidarität gegen die andere ausspielen fand ich ja noch nie so dolle.

    Ansonsten ist das ja nun alles auch gar kein Gegensatz zu dem, was ich hier die ganze Zeit schreibe, nur dass hier halt Unternehmerdynastien regieren.

    Außer, dass Du das offenkundig okay findest, dass junge Leute ältere aus ihren Jobs boxen. Hatten wir gerade bei der „Südkurve“, dass die Nachrücker die Überalterung beklagten.

    Und ich kriege doch hier gerade mit, wie wenig Steuern ich auf einmal zahle, das ist doch hier genau so, nur dass man keine Steuern hinterziehen braucht, weil man gar keine mehr zu zahlen braucht, wenn die Verquickung von privat und geschäftlich wie in meinem Fall sowieso gegeben ist.

    Dieses moralische Aufladen von Steuern zahlen oder auch nicht ist mir auch zu sehr Steinbrück. Immobilien sozialisieren fände ich z.B. zweckmäßiger, auf dass der Anteil dessen, was für Miete weg geht, zumindest in Metropolen mal wieder ein vernünftiger wird. So auf hier bezogen.

  14. momorulez März 6, 2010 um 6:58 pm

    @Che:

    Wart’s ab, wer hier gleich kommt und Dir zujubelt 😀 …

  15. momorulez März 6, 2010 um 7:05 pm

    … abgesehen davon können doch einfach alle in die sozialistischen und konservativen Parteien eintreten, diese von innen aufmischen, und so hat man Vollbeschäftigung! Und kann nebenbei sogar noch fischen und jagen gehen oder ein Reisebüro betreiben! Da träum ich von – Sockelfinanzierung und dazu ergänzend das, was ich jetzt auch mache. Dafür würde ich auch in sozialistische Parteien eintreten.

  16. che2001 März 6, 2010 um 7:12 pm

    @“Ansonsten ist das ja nun alles auch gar kein Gegensatz zu dem, was ich hier die ganze Zeit schreibe, nur dass hier halt Unternehmerdynastien regieren.“ —- nööö, war ja gar nicht meine Absicht, Dir zu widersprechen, sondern im Gegenteil, Deinem Posting zuzujubeln. Ich wollte nur das Augenmerk auf die Feinheiten des griechischen Modells und die binnenökonomischen und politischen Hintergründe der Krise im Lande lenken. Und man kann auch Klassenkämpfe nicht fassen, ohne etwas über die Zusammensetzung der Klasse zu wissen. Das genannte Prekariat besteht übrigens nicht nur aus Akademikern, da sind auch Leute wie Loellie dabei. Was die miteinander verbindet, ist die Armut, nicht die Frage, was sie für eine Ausbildung haben. Die Frage, wer welchen Job bekommt, entscheidet überhaupt nicht die Qualifikation, sondern das Parteibuch oder die Verwandtschaft.

  17. che2001 März 6, 2010 um 7:15 pm

    Und MR, bei Deiner zuletzt eingenommenen Argumentation kommen wir sehr schnell dahin, dass der Feudalismus hinsichtlich der Planbarkeit von Lebenswegen seine Vorteile gehabt hätte.

  18. momorulez März 6, 2010 um 7:57 pm

    Da wirst Du in der liberalen Blogosphäre viele Fans finden für diese zweite Antwort 😉 … die verwechseln ja politische Parteien auch immer mit Lehnsherrschaft, Leibeigenschaft und so was.

  19. che2001 März 6, 2010 um 9:29 pm

    @“Jetzt eine Binnensolidarität gegen die andere ausspielen fand ich ja noch nie so dolle.

    Außer, dass Du das offenkundig okay findest, dass junge Leute ältere aus ihren Jobs boxen. “ — Häääh? Tue ich doch gar nicht. Finde schon sehr sonderbar, dass man mir eine derartige Partikularrinteressen-Haltung überhaupt zutraut. Die Generation-400-Euro-Leute demonstrieren ja nicht dafür, dass die Staatsbediensteten ihre Jobs verlieren, sondern dafür, dass man ihnen selber Zugang zu Jobs gibt, der ihnen bisher verwehrt wird. Die wollen Gleichheit der Voraussetzungen statt Klientelwirtschaft. Eigentlich eine urdemokratische Forderung. Im Augenblick ziehen die sowieso eher an einem Strang mit den streikenden und demonstrierenden Staatsdienern, und bei denen ist die Treue der Parteibuchleute gegenüber ihren bisherigen Patronen am Erodieren. Das ganze Klientelsystem bröckelt. Einig ist man sich auch total in der Feindschaft gegenüber EU-Sparauflagen. Das hat jetzt wirklich den Charakter der alten Anti-IWF-Brotpreisrevolten. Mein Fluchtpunkt ist die Frage, ob da eine soziale Revolte ims Haus steht.

  20. che2001 März 6, 2010 um 9:31 pm

    … und unter diesem Gesichtspunkt betrachte ich die ganze Angelegenheit ja seit November 2008, wie allgemein bekannt.

  21. Loellie März 6, 2010 um 10:01 pm

    Och Che, oben sagst du, dass die Gyroskrise zum grossen Teil hausgemacht ist, um dann zahlreiche Gründe anzuführen, die aber alle mit Verteilungsgerechtigkeit zu tun haben.
    Der nimmt dich doch bloss mal wieder auf den Arm.

    Aber vllt sollten wir einfach mal eine Homopartei gründen! Ich führ dann die Eignungstest durch und kann, bei Bedarf, entsprechende Umschwulungen anbieten. Vette Wirtschaften können wir ja eh.
    Wär doch mal ne Abwechslung, anstatt im Untergrund immer nur verschwörologisch die Unterjochung der Restwelt unter die schwule Idiotologie voran zu treiben. Cumming Out!

  22. che2001 März 6, 2010 um 10:04 pm

    Ich sage nicht, dass diese Krise zum großen Teil hausgemacht ist, sondern, dass es hausgemachte Komponenten gibt und beschreibe die innergriechische Anatomie des Prozesses. Scheint aber niemand zu interessieren, wie die Verhältnisse im Lande sind.

  23. che2001 März 6, 2010 um 10:05 pm

    Und was das mit schwul oder hetero zu tun haben soll vermag ich auch nicht zu erkennen, außer, dass die griechischen Bullen Demonstranten, die sie zusammenschlagen als „schwule Albaner“ bezeichnen.

  24. momorulez März 6, 2010 um 10:24 pm

    „Scheint aber niemand zu interessieren, wie die Verhältnisse im Lande sind.“

    Wie meinen? Die Zeitungen sind voll davon, und noch die „schwulen Albaner“, also die Polizeigewalt inclusive Beschimpfung, würden aktuell wirtschaftsfeindlichen, sozialistischen und korrupten Traditionen zugeschrieben … wobei das, nur nebenbei, doch immer wieder bezeichnend ist, dass jeder Hete vorsichtshalber als erstes schwule Gewaltopfer in den Sinn kommen. Das beruhigt offenkundig irgendwas.

  25. che2001 März 6, 2010 um 10:41 pm

    Ich habe mich mit den Eigenheiten der griechischen Gesellschaft recht gründlich auseinandergesetzt, schon im Studium, als mittelbarer Poulantzas-Schüler und hier wiedergegeben, wie ich das wahrnehme. Ich habe dargestellt, wie ich die Konfliktlinien innerhalb der aktuellen Auseinandersetzungen und Proteste wahrnehme und meinen eigenen Standpunkt dazu geäußert -lernt man als Politikwissenschaftler so – und eine Position der allgemeinen Solidarität mit den Protesten an sich, aber insbesondere mit den Prekariats-DemonstrantInnen und mit Synapsysmos eingenommen. Dann habe ich die Homophobie erwähnt, die bei griechischen Prügelbullen verbreitet ist und indirekt gesagt, dass ich außer diesem Aspekt keinen Sinn im letzten Statement von Loellie erkennen kann. Und ob jemand homo- hetero- bi- metrosexuell oder sonstwas ist, interessiert mich erst in dem Augenblick, wenn dieser Jemand sich sexuell für mich interessiert. Dass Schwulendiskrimierung einen Hauptfaktor in der griechischen Krise darstelle vermag ich nicht zu erkennen.

  26. momorulez März 7, 2010 um 1:01 am

    „Und ob jemand homo- hetero- bi- metrosexuell oder sonstwas ist, interessiert mich erst in dem Augenblick, wenn dieser Jemand sich sexuell für mich interessiert.“

    Na, dann …

  27. Loellie März 7, 2010 um 10:05 am

    Was soll denn dieses unsägliche gezicke auf einmal. Che, du schreibst oben wörtlich dass ein „Grossteil“ der Krise hausgemacht sei.
    Momo stellt das in Frage, wobei ich ihm recht gebe, dann begründest du das ‚hausgemacht‘ nahezu ausschlieslich mit Punkten die sich um Verteilungsgrerechtigkeit drehen. Das ist doch alles richtig und interessant was du schreibst, hat doch aber nix mit dem drohenden Staatsbankrott zu tun. Die Proteste, die es schon vorher gab, sind doch erst durch die Krise eskaliert und wenn da 10.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden, ist es doch aus sicht des Haushalts vollkommen egal wer die Jobs bekommt.
    EU-Kredite dito. Wenn da unten 50 Mio €, anstatt Schulen zu sanieren ins Bordell getragen werden, ist das auch wumpe, weil der einzige negative Effekt dieser Unterschlagung „nur“ darin besteht, dass die Kids nochmal 30 Jahre in maroden Gebäuden mit mangelhafter Ausstattung sitzen uswusf.
    Du bekommst erst dann ein Problem, wenn du dein Kreditfinanziertes Grosskraftwerk nicht fertig baust und keinen Umsatz damit machst, oder der IWF oderwas anruft uns sagt „ey alder, wir nehmen für den Mia-Kredit ab dem nächsten Quartal statt der 2% jetzt lieber 8%.

    Griechenland bekommt jetzt ein fettes Rettungspaket, dafür müssen die ihren Haushalt radikal zusammenstreichen und eine Deregulierungsorgie durchziehen damit, sobald die Akademiker trotz explodierter Preise bei 200€ angekommen sind, nun endlich die Infanterie des Pentagon, NED und FNS, über Athen bunte T-Shirts abwirft.
    Die von schwulen gequälte Dominanzkultur wird dann frohen Mutes, mit Kochtöpfen bewaffnet, das für die Verschärfung der Krise verantwortliche Sozialistenpack in der Athener Bucht versenken, um nun endlich den Weg für die überfälligen und selbstverständlich alternativlosen Reformen frei zu machen.
    Der Euro wackelt, der Dollar stabilisiert sich und Obama, als Repräsentant der Wallstreet, schwenkt auf der Akropolis ein Banner mit der Aufschrifft „Mission Accomplished!“

    Zu guter letzt, mein Fräulein, lasse ich mir weder vorschreiben, was für eine Partei ich zu gründen habe, noch wieviele Parteibücher ich verteilen darf und erst recht lasse ich mir nicht reinquatschen, wenn es darum geht, knackige griechische Jungbullen umzuschwulen. Mit dieser Motivation, wird das nix mit dem Ministerposten.

  28. momorulez März 7, 2010 um 10:36 am

    Kleine Ergänzung: Ohne ausgebeutete Lohnarbeit läuft nix im totalitären Kapitalismus, das ist doch meine These hier. Dann können sich auch keine Blasen bilden, Finanzkrisen können nicht im Sinne der Profiteure eskalieren usw. Und die Basis, Lohnarbeit sinnvoll ausbeuten zu können, ist immer noch das Modell der kleinbürgerlichen Kleinfamilie, weil dann die Konsumwunschmaschine läuft, für Reproduktion gesorgt, Überbevölkerung aber unwahrscheinlich ist, die Leute sich in einem gewissen Rahmen selbst disziplinieren usw. – deshalb wird ja großflächig von Evangikalen bis hin zu NRW-SPD-SpitzenkandidatInnen und Westerwelle sowieso alles angegriffen, was sich nicht wenigstens homovereht diesem Modell fügt. Und alles, was deviant sich zeigt, seien es komasaufende Kids, nicht lediglich konsumierende Fussballfans, Hartz IVler, alleinerziehende Mütter, promiske Tunten, „männliche“ Frauen“ oder bisexuelle Schiedsrichter, wird als Gegenbild verzerrt und attackiert.

    Das ist gewissermaßen der ökonomische Motor dafür, dass die „Happy Few“ sich ein schönes Leben machen.

    Deshalb finde ich es auch haarsträubend, wenn nun sogar Linke, die sich diesem Modell nicht fügen, solche Basics vergessen haben und die Homo- und Lesbenfrage entpolitisieren und zur Lifestyle-Frage umdeuteln mit dem Gestus liberal-repressiver Toleranz.

    Das ist das gleiche Argument, das noch mal zitierte, dass sich die Schwatten immer anhören müssen, wenn man deren spezifisch schwarze Erfahrung als irrelevant abtut – „ist mir doch egal, ob der schwarz ist oder nicht, Leistung zählt!“. Is‘ nich‘.

  29. che2001 März 7, 2010 um 11:16 am

    Wenn Du das anstehende EU-Diktat gegenüber Griechenland als Normalisierungsangriff deutest bin ich ja ganz bei Dir, aber so, wie Du und Loellie das machen, kommt bei mir rüber „halt die Klappe, wir wollen von den Verwerfungen innerhalb der griechischen Gesellschaft nichts hören“. Und als ich vor über einem Jahr über die griechische Krise diskutieren wollte, war das mit einer der Gründe füpr Dich, SR zu verlassen.
    Ich bin dannmal weg.

  30. momorulez März 7, 2010 um 12:11 pm

    „Und als ich vor über einem Jahr über die griechische Krise diskutieren wollte, war das mit einer der Gründe füpr Dich, SR zu verlassen.“

    Quatsch. Hauptgrund war der Hartmann-Text, den ich auch weiterhin reaktionär finde, und dass ich das Gefühl hatte, Du wolltest ständig Diskussionen in Dir genehme Richtungen drängen, so dass alle Denkräume verklebt wurden. Machst Du hier ja gerade wieder.

    „kommt bei mir rüber “halt die Klappe, wir wollen von den Verwerfungen innerhalb der griechischen Gesellschaft nichts hören”.“

    Na ja, was rüber kommt, ist ja nun auch Rezipientensache … und jetzt wieder beleidigt sein, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, was jemand geschrieben hat, ist doch auch einfach nur typisch Mann.

  31. Loellie März 7, 2010 um 1:57 pm

    Ja was mach ich denn jetzt schon wieder…

    Korrupte Südländer mit Lederjacke, Schnauzbart, offenem Hemd, Goldkettchen und Sonnenbrille, 0% Steuern, Akademikerlöhne von 400€ … ja warum tanzt die internationale Produktion da unten nicht Massenpogo. Im Neewspeak nennt man das was du als Verwerfungen beschreibst klare Standortvorteile, aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, lassen sich Investoren und Unternehmer offensichtlich lieber von allmächtigen deutschen Gewerkschaften terrorisieren um die höchsten Löhne und Steuern der Welt zahlend, dem undankbaren Pöbel römische Dekadenz zu ermöglichen.
    Da stimmt doch was nicht!

    Und meinen Pessimismus dahingehend, dass auch in Griechenland die Bürgerliche Front, die heimelige, vorrevolutionäre Stimmung zu ihren Gunsten nutzen wird, könnt ihr mir ja erstmal ausreden.

    Das alles vor dem Hintergrund, das mittlerweile selbst in völlig unverdächtigen Ecken, ob Internet oder Gesellschaft allgemein, inflationär mit homophob-rassistischen Motiven hantiert wird, soweit, dass ein geisteskrankes Rudel schweizer Lesben offen tumben Rassismuss mit Emanzipation verwechselt und die Vorstuffe ihrer eigenen Abschaffung in die Verfassung schreibt.

  32. momorulez März 7, 2010 um 3:20 pm

    Was mich ja parallel ärgert, ist, dass die Anatomie Griechenlands den isischen Aspekt mal eben so aus der Diskussion gekegelt hat, weil Che wieder Beifall für Referate haben wollte – welches, also Island, man korrigiere mich, ja deshalb spannend ist, weil die versucht hatten, ähnlich wie das jetzt wieder wackelnde Großbritannien, vor allem auf Finanzmarkt statt Produktion zu setzen. Aber gegen das Gesetz, dass den einzelnen Staatsbürgern die Schulden aufbürdet, haben sie jetzt auch gestimmt, was ja super ist. Bin gespannt, was da jetzt kommt.

    „Das alles vor dem Hintergrund, das mittlerweile selbst in völlig unverdächtigen Ecken, ob Internet oder Gesellschaft allgemein, inflationär mit homophob-rassistischen Motiven hantiert wird“

    Ja. Kann man ja hier wieder nachvollziehen: Dass diese blöden Schwuppen sich ständig aufregen, obgleich sie im emanzipatorischen Diskurs doch nur der Zuckerguss, die Kunst am Bau, aber eigentlich irrelevant sind, dass das nicht gut ankommt, wenn man da insistiert, das erleben wir hier ja gerade nicht zum ersten Mal.

    Die Linke ist theoretisch wie politisch aber so was von abgefuckt, nicht erst seitdem so Nasen wie Hartmann zitiert werden, das ist wirklich erschreckend. Und ich will hier gerade niemanden „auf den Arm nehmen“, ich bin von dem Diskussionsverlauf hier gerade einigermaßen entsetzt.

  33. che2001 März 7, 2010 um 4:18 pm

    Ich entschuldige mich in aller Form. Da ist bei mir etwas geplatzt, was damit zusammenhängt, dass ich seit November 2008 Diskussionen zum Thema Klassenlage in Griechenland anfangen will und es zu keiner Diskussion kommt. Ansonsten gehe ich erstmal auf Abstand.

  34. momorulez März 8, 2010 um 10:05 am

    Tu, was Du nicht lassen kannst, aber das Problem wirst Du ja dadurch nicht los. Und das besteht meiner Ansicht nach darin, dass wir allesamt außer dem Nörgler, aber mit 80 Millionen anderen Bekloppten seit Jahrzehnten wie ein Karnickel auf die Schlange auf die ganzen aus der Neoklassik abgeleiteten Theoreme glotzen, Herr Schröder dank derer als Todesstoß für Demokratie in die Geschichte eingehen wird, und außer keynesianischem Interventionismus und „Regulieren“ und staatlichem Umverteilen niemandem irgendeine Antwort auf der Linken einfällt.

    Und dann wahlweise auf Riots hoffen – die Typen, die hier idiotischerweise die Polizeiwache gestürmt haben, haben sich ja im Bekennerschreiben auf diesen erschossenen Griechen berufen – oder aber hausgemachte Probleme in Griechenland beschwören, die sich lesen, als würde in liberalen Blogs über afrikanische Staaten geschrieben, Vetternwirtschaft, Korruption etc., dass kann doch keine ernstzunehmende Antwort sein (die, da hat Loellie ja recht, im Falle afrikanischer Staaten unseren FDP-Sponsoren bestens in den Kram passen würden, wenn es da auszubeutende Rohstoffe gäbe). Wenn linke Politik sozusagen persönlich gegen „die Herrschenden“ wurde, war sie schlecht, sie muss strukturell denken.

    Zudem das „Wir wollen hier rein, haben aber keine Chance“ nun auch kein griechisches Spezifikum ist; ob nun Ultras in Stadien, komasaufende Kids oder der hohe Prozentsatz junger Hartz IV-Empfänger, ob die Pariser Banlieues oder ein Land wie England, wo jenseits der Boni-City alles verelendet, das sind sind ja alles Symptome von ein und demselben, der Gleichzeitigkeit von Wut, von zunehmender Überwachungsstaalichkeit und Chancenlosigkeit – Freiheits- und Sinnverlust hieß das bei Max Weber. Und mir ist seit Habermas‘ „Theorie des Kommunikativen Handelns“ kein ernstzunehmender Versuch bekannt, das wenigstens diagnostisch in den Begriff zu bekommen,

    Die Frage, ob’s dann knallt oder nicht, finde ich nicht halb so erheblich wie die, worin denn nun eine linke Antwort bestehen könnte. Doch nicht in der Diagnostik von Steuerhinterziehung, ich bitte Dich.

    Aber nimm mal Abstand von solchen Fragen, dann lebt es sich ja auch leichter …

  35. che2001 März 8, 2010 um 10:27 am

    Die Frage des „Was tun“ eint uns ja. Insofern lässt sich dieser kurze Zusammenprall ja vielleicht auch produktiv nach vorne drehen. Denn genau das war ja mein ursprüngliches Anliegen: Welche Perspektive müsste die Linke jetzt einnehmen?

  36. momorulez März 8, 2010 um 11:16 am

    Na, wenn Du das als mein „eigentliches Thema“ hier gerade annimmst und keine persönliche Anmache vermutest, dann ist das schon mal ein sehr produktiver Schritt 😉 …

    Ich wäre ja aktuell für ein globales Verbot aller Finanzmarktsgeschäfte abgesehen vom klassischen Aktienhandel, also Unternehmensanteile, das Erlassen aller globalen Staatsschulden und einer kompletten Legalisierung des Drogenhandels. Zudem eine Stärkung der kommunalen Ebene weltweit. Nicht, dass das durchsetzbar wäre, trotzdem. Fände ich spannend, was dann passieren würde 😉 … und beim Mindestlohn und einer bedingslosen Grundsicherung kann Deutschland ja Avantgarde spielen.

  37. che2001 März 8, 2010 um 3:20 pm

    IN Satz 2 sprichst Du den Pferdefuß ja deutlichst an: Schon werden wieder Derivate geschmiedet, bei denen es sich um nichts Anderes handelt als „Wetten“ auf den griechischen Staatsbankrott. Dass ich so sehr in der Anatomie der Krise festhänge hat aber noch einen speziellen Grund: Materialien für einen Neuen Antiimperialismus, Arranca und vorher die Autonomie haben solche Konflikte immer gut und detailreich analysiert, und auch in Griechenland geht es ja um einen tertiären Wirtschaftssektor, der nicht im eigentliche Sinne produktiv ist, sondern eher so eine Art Subsistenz auf hohem Niveau. Und Rationalisierungsdiktate von EU und IWF haben noch immer die gewaltsame Zerschlagung solcher Strukturen und Massenverelendung bedeutet, siehe Brotpreisaufstände, siehe Jugoslawien. Mir stellt sich dräuend die Frage nach einer Alternative, und insbesondere: Wie kommt man aus der Analyse des Bestehenden plus moralischer Solidarität mit den Betroffenen zu einer Lösung? Und insofern sind Deine Ideen ja nicht schlecht.

  38. momorulez März 8, 2010 um 3:50 pm

    „auch in Griechenland geht es ja um einen tertiären Wirtschaftssektor, der nicht im eigentliche Sinne produktiv ist, sondern eher so eine Art Subsistenz auf hohem Niveau. Und Rationalisierungsdiktate von EU und IWF haben noch immer die gewaltsame Zerschlagung solcher Strukturen und Massenverelendung bedeutet, siehe Brotpreisaufstände, siehe Jugoslawien.“

    So was finde ich ja auch wieder sehr spannend dann. Weil mir das ja auch so vor kommt, als würde wirklich alles dafür getan, immer mehr Kapital frei zu setzen, auf dass Wenige ihren Schabernack damit treiben können – und diesen Derivate-Handel, durch den ja offenkundig weder Wiwis noch die, die ihn betrieben haben,wirklich durchblicken. Das ist widerlich.

    Was umgekehrt nur heißen kann, dass es eben durch tertiäre Sektoren zu binden wäre, und welche das sein könnten anstelle zentralstaalicher oder supranationaler Einheiten wie IWF oder EU, das wäre eigentlich die spannend Frage. Und da ist der erste Schritt eine Solidarisierung mit den Griechen und Isen und Spaniern, zunächst mals europäisch, weil das ja global alles noch viel finsterer ist.

    Wobei mir da in meiner Naivität immer wieder in den Sinn kommt, wie mein Vater als Bürgermeister einer 50.000-Einwohner-Stadt ein Netz von Städtepartscherschaften aufgebaut hat, was eben auch viel dezentralen Austausch international bedeutete. Bei ihm liefen ja ständig Ghananer, Tschechen, Polen, Brasilianer usw. herum. Da hat er auch das gemacht, was Benny bei Viva con Agua de St. Pauli macht, nämlich indischen Dörfern Wasserleitungen bauen. Solche Networks sind doch viel cooler als ein Entwicklungshilfeministerium, in dem Herr Niebel seine Buddies unterbringt, die sich in Wehrmachtstradition verorten.

    Warum nicht wieder mehr kommunal-genossenschaftlich organisieren, z.B.? Das ist hier ein Element des Wohnungsmarktes, das meines Wissens ganz gut funktioniert, und in der Landwirtschaft, hat das da nicht auch Tradition? Z.B. bei Renten/Pensionen müsste das doch möglich sein, damit nicht die ganze private Altersvorsorge irgendwelche Private-Equity-Fonds aufbläht. So wird aber nur gefördert,was dann über die Allianz und ähnliche doch wieder in irgendwelche Spekulationsblasen gepumpt wird, um die Aktionäre zu pleasen.

    Das sind ja alles noch gar keine konkreten Ideen, auch das oben Hingeschriebene noch nicht, aber das könnte – ganz eventuell – die Diskussionslage anders gestalten.

  39. momorulez März 8, 2010 um 5:00 pm

    http://www.diw.de/de/diw_01.c.100399.de/ueber_uns/vereinigung_der_freunde/der_vorstand/der_vorstand.html

    Nur mal so eine paar Leute, die als „Vereinigung der Freunde“ des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ agieren – ein Institut, das nach Eigenauskunft gemeinnützig ist und keinen Interessen verpflichtet sei, somit primär aus öffentlichen Geldern finanziert sei. Und der Herr Professor Zimmermann von dort wird dann von SpOn angerufen, um als Ökonom, was zweifelsohne formal richtig ist, zusammen mit dem Commerzbank-Chefvolkswirt, einer Institution also, die gerade prophetisch agierte in der „Finanzkrise“ und auch die Übernahme der Dresdener Bank total reibungsfrei auf die Bühne brachte, Pläne der Bundesregierung zu kommentieren.

  40. che2001 März 8, 2010 um 5:34 pm

    Und unsereins musste sich für die Einschätzung, die Grundlinien der deutschen Politik würden von Think-Tanks aus Lobbyisten, Bankiers, Unternehmen und Spindoctors gemacht „Verschwörungstheorie“ und „strukturellen Antisemitismus“ anhören.

  41. momorulez März 8, 2010 um 5:41 pm

    Dass sich die Politik Experten hinzu zieht, das ist ja an sich in Ordnung. Aber der Experte für Hartz IV ist immer noch der Empfänger und nicht solche Heinis, die politische Zielsetzungen ja äußerst abstrakt behandeln. Gute Freunde kann niemand trennen, harharhar …

  42. che2001 März 8, 2010 um 6:17 pm

    Ich muss da immer an Bourdius Feine Unterschiede denken. Die Experten haben fast alle einen Stallgeruch, der jedenfalls nicht der des allergrößten Teils der Bevölkerung ist. Es gibt dafür auch den Begriff „Mandarinentum“, was es ganz gut trifft. Nein, ich meine damit kein Obst…

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