Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 6, 2010

Wir sind alle Islandgriechen!

Aktuell überlege ich ja fast, ob ich nicht die griechische Staatsbürgerschaft beantragen sollte. Dieser aktuell sich transformierende D-Mark-Nationalismus, immer schon dem Selbstverständnis des Freiers geschuldet, der selbst linke Zeitgenossen vor Selbstgerechtigkeit ranzig triefen lässt,während sie sich über Korruption ereifern, deren Erwähnung ihnen im Falle afrikanischer Staaten – womit ich nicht sagen will, dass es die dort mehr gibt als hier – die antirassistische Wut ins Gesicht treibt, ist gänzlich unerträglich.

Bei diese ganzen zwanghaften Charakteren, in deren analer Phase beim Scheißen wohl was schief ging, zeigt sich eine fast an überkommene Sexualmoral erinnernde Zurechtweisung – lese ich bei SpOn-Kommentatoren von „staatsbürgerlicher Verkommenheit“ als Erklärung der Prozesse in Griechenland, frage ich mich ja doch, was solche Hanswürste beim Heckenschneiden fantasieren. Wieder fragt man sich, wie man in Deutschland wohl Deutschland boykottieren könnte. Da würgt sich eine Haltung aus, die die mails von Kempter – süß, solche würde ich auch gerne bekommen! – inflationär als „unappetitlich“ geißelt, bis ins St. Pauli-Forum hinein. Erziehung zum Ekelempfinden in Geldfragen muss das sein – wer keines hat, ist nackt und somit unsittlich und liederlich. Aber wir lachen ja alle gemeinsam über Bully Herwig, toll, so was können die Griechen doch gar nicht! Die brauchen ja erst ’nen Rehhagel, damit sie die EM gewinnen können!

Also nur noch griechische und isische und spanische und portugiesische Produkte kaufen, so weit die deutschen Profiteure der EU da nicht längst alle Märkte platt konkurriert haben.

Man sehnt sich nach Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“, stattdessen sind Neo-Nationalismen bis ins Feuilleton von DIE ZEIT auferstanden: Herr Jessen, glaube ich, weist den Griechen die Existenzweise eines „ganz normalen Balkanstaates“ im Kampf ums Dasein der Schicksalsgemeinschaften zu. Das sind bekanntlich Länder, die man im Zweifel wegen Auschwitz bombardiert. Er erregt sich über die „Idealisierung“ Griechenlands hierzulande, während die Franzosen sich „immer schon“ als die Fortsetzung Roms mit anderen Mitteln verstanden hätten, ja, kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen, lieber Asterix, der Blubberaufwand ist groß, von Ökonomie abzulenken und stattdessen Volksseelen aufmarschieren zu lassen wie Wiedergänger aus der Zeit vor 1914. Wissen wir ja, was da auf dem Balkan los war.

Genug des Kotzens, die Junge Welt sei zitiert:

„Die sozialdemokratische Regierung der PASOK ließ am Donnerstag und Freitag das jüngste »Sparpaket« über weitere 4,8 Milliarden Euro, das fast ausschließlich von den Lohnabhängigen zu bezahlen ist, im Parlament beschließen.“

SpOn ebenfalls – nunmehr Island:

„Und nun noch das Icesave-Gesetz. Viele halten es für den Gipfel der Unverschämtheit. Das Gesetz ist ein mühsam verhandeltes Abkommen zwischen Island, den Niederlanden und Großbritannien. Es macht die ohnehin stark gebeutelten Bürger haftbar für 3,8 Milliarden Euro, die verantwortungslose isländische Bankiers arglosen Sparern im Ausland abgenommen hatten. Erst lockten die Manager die Anleger mit enormen Zinsversprechen – dann verzockten sie das Geld an der Börse.“

Ja, alles freilich nur Populismus, mit dem heuristischen Wert der Marxschen Theorie hat das alles rein gar nix zu tun. Lasst uns lieber die islamische Gefahr beschwören! Als hätte die gegen die Erben der Neoklassik irgendeine Chance:

„Für Skidelsky tragen Banken, Hedgefonds und Spekulanten eine große Mitverantwortung an der aktuellen Krise, aber die Hauptverantwortung trifft nicht diese Akteure, sondern die Wirtschaftswissenschaft, deren Lehren die Akteure gleichsam schulbuchmäßig befolgt haben.“

Wahrscheinlich haben sich die Griechen bisher wohl nur erfolgreich gegen deren Doktrinen gewehrt, und das zu recht … also, statt an Sozialetats herum zu kürzen, lasst uns doch zunächst mal die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten schließen, wenn denn gespart werden muss! Und stattdessen mal wieder fragen, wie wir leben wollen, statt theoretische Ersatzökologie naturwüchsiger Märkte und deren Bestandsschutz staatlich zu subventionieren – und lasst uns vor allem fragen, warum wir leben wollen. Bestimmt nicht, um den Elbchaussee- und Hafencitybewohnern weiter Angenehmlichkeitsmaximierung, polizeilich flankiert, zu ermöglichen … und Herr Sinn darf dort auch mal auf ’nen Kaffee vorbei schauen, während man gemeinsam über die Griechen und Isen lacht. Stürmt  V.I.P.-Areas. Gewaltfrei, versteht sich. Dafür gibt’s ja Politik.