Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: März 1, 2010

Gleichgewicht/Ungleichgewicht des Marktes: Das Ende der Neoklassik

Heute gleich zwei Mal die FR verlinken und zitieren; ich hoffe, ich darf das, ich hab die auch doppelt abonniert (einmal als Dauergeschenk für die Schwester – total irrational, was ist denn da der Anreiz? Die liebt mich auch ohne Abo … ). Trotz dieses Sport-Heinis, der gerade so eklig über den Fall Amarell berichtet.

In einem längeren Text widmet sich heute Robert Heusinger einem Papier des IWF-Chefvolkswirts Blanchard, der sich gegen die so lange in der volkswirtschaftlichen Theoriebildung dominierenden Grundannahmen der Neoklassik richtet. Auch als grobe Einführung lohnt die Lektüre, die Grundannahmen dieses Paradigmas bezüglich des gesellschaftlichen Basis-Systems „Wirtschaft“ und die der Kritiker der Neoklassik fasst Heusinger zusammen:

Handelt es sich um ein System, das ins Gleichgewicht strebt, dessen Märkte ganz allein für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgen?

Oder ist der Kapitalismus ein System, in dem das Ungleichgewicht dominiert, das Instabilität und Krisen kennt? Für die Neoklassik ist es ein Gleichgewichtssystem, in dem der Staat mit seinen Eingriffen immer Wohlfahrtsverluste produziert. Deshalb lautete bis zuletzt die Losung: Deregulierung.

Für Blanchard und viele Kritiker der Neoklassik dagegen ist der Fall umgekehrt: Der Markt tendiert nicht zum Gleichgewicht, sondern neigt zur Instabilität. Deshalb muss der Staat eingreifen, um die Wohlfahrt zu steigern respektive Wohlfahrtsverluste zu minimieren. Hier heißt die Losung Re-Regulierung.

Ich gebe ja zu, dass ich meine erste „Einführung in die Volkswirtschaft“ zur Seite legte, als ich auf das Theorem des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts stieß, weil es mir zu primitiv, zu unspezifisch und zu platt erschien: Einfach so weit abstrahieren, bis man gegenstandsunabhängig irgendeinen Kram behaupten kann, das war mir zu blöd. Da war ich seit Kant und Foucault anderes gewöhnt. Spirituell ist das schön und treffend, wenn man im I Ging blättert und sich mit Ying und Yang beschäftigt, zum Beispiel. Aber bei einer Theorie, die gesellschaftliche Verhältnisse beschreibt? Nee.

Dass da schon ein rhethorischer Trick in den Annahmen der Gleichgewichtsbefürworter steckt, ist ja offenkundig – ganz wie im Heimatfilm oder beim FC St. Pauli (den Witz hat unten ja wieder keiner verstanden) kann alles, was schief läuft, ganz grundsätzlich und sowieso IMMER mit externen Eingriffen in eine an sich intakte, gute Welt erklärt werden. In diesem Falle staatlicher Reglementierung. Ich sag’s ja: Es ist der Plot, die narrative Struktur, die jede noch so abgehobene Wissenschaft erst konstituiert.

Und es macht faul, wenn die immer gleiche Plot-Struktur reproduziert erzählt wird, die Wissenschaftler halt, bis auch sie nur noch kalt duschen dürfen. Denn der laut Text äußerst einflussreiche Blanchard schlägt sich wohl massiv auf die Seite derer, die Re-Regulierung befürworten. Und Heusinger höhnt gegen die Kollegen, die das Gleichgewichtsheorem vertreten:

„Für Kritiker der Neoklassik ist es kein Wunder, dass die Neoklassik scheitern muss. Und zwar immer wieder. Das Sonderbare ist nur, dass sie sich nach der Pleite in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts berappeln konnte. Denn die Neoklassiker verstehen den Kapitalismus als Tauschwirtschaft, in der jeder Mensch freiwillig knappe Güter tauscht.

Die Güter, also Äpfelchen oder Birnchen, hat er von Beginn an. Wem das Tauschverhältnis nicht genehm ist, der tauscht nicht. Alles ist wunderbar freiwillig, alles ist sonderbar surreal.

Geld spielt in der Neoklassik keine eigenständige Rolle, Wachstum braucht es nicht, Unternehmensgewinne sind im Mittel auch keine vorhanden. All diese theoretischen Ergebnisse kontrastieren erheblich mit der täglichen Wahrnehmung unseres Wirtschaftssystems.“

Ist das so, dass Geld da keine eigenständige Rolle spielt? Meines Wissens ist es doch gerade die Geldmengenpolitik, jene des „billigen Geldes“, die laut neoliberaler Publikationsagitation der teuflische Schurke war, der in die heile Welt dörflicher Idylle mit Wochenmarkt voll praller Äpfel einbrach?

Von folgendem Passus fühle ich mich freilich hinsichtlich einer Diskussion weiter unten mit Rayson bestätigt:

„Warum ist die Neoklassik überhaupt so erfolgreich geworden? Weil sie für die Besitzenden eine angenehme Theorie ist? Diesen Verdacht hegt der unorthodoxe Ökonom Hans Christoph Binswanger.

Der St. Gallener Professor und Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermanns glaubt, dass die Neoklassik als radikale Abkehr von der Klassik konzipiert und unterstützt worden ist, um die Marxschen Analysen zu verdrängen, die ja weitgehend auf der Klassik fußten. Bei der Annahme des freiwilligen Tauschs kann es keine Ausbeutung geben. Jeder bekommt am Markt, was seinem Grenzertrag entspricht.“

Zurück zu Marx will – bedauerlicherweise – Herr Blanchard doch nicht; er hat vermutlich in Blogs gelesen und wurde von der jähen Erkenntnis geradezu überrumpelt, dass automatisch Stalin die Folge wäre. Also doch hin zu Keynes, mit einer Conclusio, die mich zugleich bestätigt und doch skeptisch macht:

„Unsicherheit ist die fundamentale Kategorie im Kapitalismus, und deshalb ist das System niemals stabil. Unsicherheit resultiert daraus, dass bei jeder Investitionsentscheidung jedem Unternehmer oder Finanzinvestor klar ist, dass niemand weiß, ob sie jemals die erwünschte Rendite bringen wird.

Deshalb ist Vertrauen so wichtig, denn die Menschen orientieren sich an sozialen Institutionen und unterliegen dem Herdentrieb. Entweder das System boomt, weil alle optimistisch sind, oder es zieht sich zusammen, je nach Gefühlsschwankungen der Menschen, den „animal spirits“ wie Keynes sie nannte.

Die Antwort auf diese Gefühlsschwankungen gibt Blanchard. Der Staat muss dafür sorgen, dass der Optimismus wohltemperiert ist, nicht himmelhochjauchzend, aber auch nicht zu Tode betrübt. Und wie macht der Staat das?

Indem er antizyklisch in die Wirtschaft eingreift.“

Da stecken zwei Pointen drin, wenngleich die erste in der zweiten aufgehoben scheint: Ein Staat, der für die psychische Verfassung seiner wirtschaftenden Bürger verantwortlich sein soll, meine Güte, das ließe ja die ganzen von Agenturen erdachten Kampagnen ins Unermeßliche ausufern – eine blöde, antizyklische Investition. Was eine Vorstellung, dass die gesammelten Paternalisten von Westerwelle bis Rüttgers sich dies als Einsicht zu eigen machten als Rhetorik!

Insofern sei auf die Handlungsanweisung verwiesen: Sicherheit schaffen durch antizyklische, staatliche Investition. Höre ich seit meiner Schulzeit, kommt wieder auf den Tisch und wurde mit Abwrackprämie und „Konjukturpaket“ auch schon praktiziert. Dumm nur, wenn so viel Kohle in die Banken flösse, dass für die richtige Wirtschaft nix mehr übrig bliebe …

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