Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2010

Die Sportschau erklärt Afrika

Gedächtnisprotokoll „Sportschau“: WM in Südafrika! Tiere spielen Fussball in toller Serengeti-Landschaft: Löwen, Affen, Elefanten! Schnitt auf die Architektur der neuen Stadien. Kein Mensch weit und breit. Schnitt auf weiße FIFA-Funktionäre mit Anzug und Krawatte. Dann Stadtaufsicht Johannesburg: Off-Text berichtet über massenhaftes Morden und unzählige Vergewaltigungen täglich. Nun sieht man auch Schwarze im Überwachungskameralook, die sich prügeln und nur leicht bekleidet sind. Danach FIFA-Funktionäre bei einer Pressekonferenz, die sagen, dass es dort „sicher“ sei. Schnitt auf das Tafelberg-Panorama, kein Mensch weit und breit: Off-Text berichtet vom Tourismus und dass zu Zeiten der WM dort ja nur Winter sei, nachts nur 4 Grad, tags 17 – ganz schön frisch für den Winter. Gucke aus dem Fenster, sehe Schnee. Schnitt: Werbeaktionen an deutschen Flughäfen für den Ticket-Kauf werden gezeigt: Ein Schwarzer mit Trikot, überdimensionierter, gelber Brille und grotesker, entfernt „Stammeskopfschmuck“ nachempfundener Kopfbedeckung macht alberne Faxen, daneben wirbt ganz souverän und ohne Faxen ein Weißer mit Anzug und Krawatte für Geschäfte. Und alternde HSV-Fans mit ekliger Rautenmütze äußern abschließend in der „Straßenumfrage“ ihre Bedenken, in solch ein Land zu reisen …

Eben beim Griechen

Lege beim Bezahlen „Wozu Systeme?“ von Dirk Baecker auf den Tresen, um das Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen, und 3 der bezaubernden Servicekräfte rufen fast zeitgleich aus „Gute Frage!“ „Ja, wozu eigentlich?“, „Wir wollen frei sein von allen Systemen!“.

Ich glaube, der Zeitpunkt für die Revolution ist nah!

Best of Steinmetz

Und da sage noch jemand, es gäbe keine Systemlogiken:

„Nein, aber die Politiker haben die Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte vorangetrieben. Mitarbeiter, Kunden und Gesellschaft standen nicht mehr gleichberechtigt neben den Interessen der Aktionäre.“

„Leider haben wir in unserer Wirtschaft eine Kultur, in der Querdenker und kritische Stimmen nicht goutiert werden, ja nicht mal gewollt sind.“

„Ja. Und das lag auch daran, dass bei den Stabsabteilungen für Finanzen, Recht oder Risikomanagement massiv gespart wurde. Denn sie verursachten nur Kosten, erwirtschafteten aber keine Erträge.“

Die Kombination aus Gewinnmaximierung und den Pathologien, ja, dann doch, die enstehen, wenn Menschen in großen Organisationen arbeiten – es lebe Stromberg! – bringt genau das hervor.  Nicht nur in Banken.  Genau solche Prozesse schafft, wer „wirtschaftliche Freiheit“ fordert, ob er will oder nicht. Diese wirtschaftsliberale Propaganda hat noch nicht mal die Begrifflichkeiten, auch nur zu erahnen, wie so was funktioniert, weil sie vor lauter „Rational Choice“ komplexe Strukturen systematisch ignoriert.

Bürger und Politik als Umwelt: Systemische Schließung, die Logik der Exekutive und Polizeigewalt

Die Untiefen der CDU?

Geht gerade bei Twitter um. Bestätigt vieles, was man ahnte.

Auch ’ne Methode, perspektivisch „Zwangsehen“ einzuführen

Ist ja eh schon lange mein Verdacht, dass diese vermeindliche „Islamkritik“ eigentlich den verheimlichten Neid Konservativer tarnt: Die bekämpfen ihre uneingestandenen Wünsche anhand des Stellvertreter-Bashings. Und dass sie kaum verborgen darunter leiden, die einst mal liberalen Ideen ständig konservativ, also kulturalistisch deuten zu müssen und damit ihre finster-verdinglichten Triebregungen unaufhörlich mit Rationalität konfrontiert zu sehen, des Leben ist hart in der Moderne – so richtig die Sau raus lassen wäre viel schöner, siehe „Herdprämie“.

Aber wofür gibt es die mythische, mediale Figur des „Ökonomen“. Das ist so was wie der Trickster, der weise, alte Mann, die böse Königin oder der „Hüter der Schwelle“ in den C.G. Jung adaptierenden Drehbuchseminaren im Falle der veröffentlichten Meinung: Ein Symbolbündel auf dem „Weg des Helden“ – solche, die den „Ruf“ formulieren. Braucht man nur „Stars Wars“ gucken, das ist anhand dessen gebaut.

Wer das ist, die „Ökonomen“, die gerade wieder mal etwas von Anderen fordern, weil ihnen einen Kompetenz zugestanden wird, die auch Honecker in sich verwirklicht sah, um das heraus zu finden muss man, wenn überhaupt die Quelle angegeben wird, manchmal erst lange suchen – beim „Forschungsinstitut  zur Zukunft der Arbeit“ oder so ähnlich, einer echten Visionärveranstaltung, „Yes, you can, aber ich will so bleiben, wie ich bin“ könnte deren Motto sein, eine gemeinnützige GmbH, von der DEUTSCHEN Post gesponsort oder deren Stiftung oder irgendwas dergleichen, kann ja jeder selbst nachlesen, da ist das zum Beispiel Klaus Zumwinkel. Und dessen Bande – das Motto „Bildet Banden!“ wurde eh nie von Straßenkämpfern, sondern eher von jenen Zirkeln, die die Republik beherrschen, so Leuten wie Zumwinkel halt, ernst genommen – hat ja jüngst, wenn ich mich nicht verlesen habe, mal wieder das Lohnabstandsgebot proklamiert. Also Hartz IV für zu hoch befunden, weil man, wenn man arbeitet, ja eher weniger verdiene. Das ist ein guter Trick, die staatliche „Stütze“ auf O zu senken, weil man die Löhne so immer weiter drücken kann. Hat ja schon beim Maschsee in Hannover funktioniert, da haben sich die Arbeitsdienste noch selbst die Spitzhacke gekauft, mit der sie los buddelten.

Weiterer Trend unter „Ökonomen“ und ihnen folgender Publizistik ist neuerdings das „Hartz IV-Baby“.  Sarrazin und Heinsohn haben vorgewühlt, und ein verkappter Konservatismus, als „Ökonomen“ getarnt, legt heute in der FAZ nach, den „Hätschelkindern“, in diesem Fall verlotterte Hartz IV-Mütter, mal was von der Härte des Kruppstahls, ganz nüchtern, zu berichten:

Ökonomen sehen die Sache nüchterner und sprechen von einer „perversen Anreizstruktur“. Zu Deutsch: Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin wäre nicht nur dumm, sich offiziell wieder einen Partner zuzulegen. Es wäre auch unklug, wenn sie einen regulären Job annähme. Das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Klaus Schrader, einer der Verfasser, rechnet vor: Eine Mutter mit zwei Kindern erhält 1500 Euro staatlicher Unterstützung. Im Dienstleistungssektor könnte sie entsprechend ihrer Qualifikation nur ein Einkommen von 1493 Euro erzielen. „Warum sollte sie sich der Strapaze unterziehen?“, fragt Schrader.

Besser ist es, sie geht auf 400-Euro-Basis ein paar Stunden arbeiten. Dann erhöht sich ihr Transfereinkommen auf 1660 Euro. In Ostdeutschland, wo die meisten Alleinerziehenden leben, sind die finanziellen Vorteile von Hartz IV noch erheblich größer.“

Da sieht man mal wieder, wie 40 Jahre Sozialismus die Sitten verkommen ließen: Bindungslose Weiber ruhen sich auf ihren Kindern aus, anstatt sich vom Ernährer ohne Widerrede weiter ficken zu lassen, ihm die Hemden zu bügeln und dafür ein Taschengeld zu erhalten, wie das früher einmal war. Pervers. Klar, ist nur der nächste Schritt. Zunächst mal gehören sie in den Dienstleistungssektor, wenn sie schon außerehelich vögeln, diese Sozialstaatsnutten, und aus deren Nissen werden später Läuse im Wohlfahrtsstaatsmantel des Volkskörpers. Ganz nüchtern betrachtet.

Man versteht einmal mehr, wieso die aktuelle Rechtsregierung auf einmal Wert darauf legt, „christlich-liberal“ statt „schwarz-gelb“ genannt zu werden.

Wenn zweite Halbzeiten sich den Witterungsbedingungen anpassen …

Echtes FDP-Wetter: Arschkalt, nix könnte wachsen und gedeihen. Selbst wenn es wollte: Keine Chance. Weil Wetter eben nicht die Ressourcen hat, Regierungen zu bestechen. Und der Wille, er kann so schnell erlahmen, wenn Minusgrade tranquilizen. Doch dazu später mehr. Das war ja erst in der zweiten Halbzeit. In der ersten Halbzeit war Kruse nach traumhafter Vorbereitung von Bruns noch ganz Opposition und hat einfach mal so das 1:0 geschossen. Am anderen Ende des Stadions war das, wie im Grunde genommen das ganze Spiel dort stattfand. Bei uns im Norden war’s denen wohl zu kalt – ganz so kalt wie in St. Peter Ording einst. Sylvester, ihr wisst schon. Wegen der Hunde, weil es da nicht so knallt und keine Irren Krieg spielen wollen. Das war das letzte Mal, dass ich lange Unterhosen trug. Habe ich heute bleiben gelassen. Dachte, die stören beim Pinkeln, dieses Rumwurtscheln in mehreren Schichten Stoff und Lack und Leder und Chastity oder wie das heißt, was der mir da wieder, aber lassen wir das, also stören würde, wenn wieder irgendwelche Schwuchteln mir an die Eier wollen, das ist ja so mit denen in Duschkabinen und auf öffentlichen Toiletten, deswegen muss man ja mit dem Arsch zur Wand pinkeln, harharhar. Und niemals die Seife fallen lassen, höhöhö.  Da aber die Bierleitungen eingefroren waren, hätte das auch nix gemacht mit meinen erprobten Latexklamotten unten drunter. Noch geht’s ja mit der Prostata, wenn ich nicht gerade willenlos Bier nachschütte, weil wieder irgendwer ’ne Runde schmeißt. Das war ein Fehler, einfach so mit meinen wohl geformten Beinen in der Jeans herum zu sitzen. Damals in St. Peter Ording, den Winden und dem Eisnebel auf der glatten Strandplatte ausgesetzt und Erbarmungslosigkeit erahnend, da war ich schlauer. Anschließend nach langen Gängen am Strand blätterte ich in der Ferienwohnung in alten Chroniken. Las von Hungerwintern auf dem platten Land vergangener Jahrhunderte und spürte diesen Schmerz, den kalter Wind beinahe Dich greifend verursachen kann, noch mal ganz anders. Lief ja mit gut gefülltem Magen über den Deich – doch der Blick auf die leblosen Felder, von Gräben zertrennt, weckte Einfühlen in die Suche inmitten eines Nichts nach Nahrung, nachdem die Vorräte erschöpft zur Neige gingen. Die Vorstellung tat sehr weh.

Verglichen damit freilich sind zweieinhalb Stunden auf der Nordtribüne des Millerntor-Stadions ein Glühweinschlecken. Zugegeben. Trotzdem: Als der Wind, vom Gulag flüsternd, zum umgreifenden Angriff auf Wangen, Ohren, Füße, Nase ansetzte, da hatte ich sie wieder im Ohr, diese Geschichten der Großväter von Freunden einst: „Damals in Stalingrad sind uns die Finger im Schnee stecken geblieben!“ Was jenseits des Anekdotischen und dem Wissen darum, dass selbst diese, heutige zweite Halbzeit irgendwann ein Ende haben würde und keine blutrünstigen und endlos bösen Stalin-Truppen unsere ach so gütigen Vorväter hinter Stacheldraht und inmitten von Ruinen und endlosen, tödlichen Weiten verrecken lassen würden – ja, ich war schon auch froh, in einem Stadion zu sitzen, wo der Stadionsprecher Gedenkveranstaltungen zur Befreiuung von Auschwitz ankündigt, anstatt wie die Dresdener Fans einst, U-Bahnen dorthin bauen zu wollen. Wo Staatsanwaltschaften in Dresden ja, so wurde getwittert, Nazifrei-Seiten sperren wollen würden. Passt schon. Dafür haben die Russen ja Auschwitz befreit: Um Meinungsfreiheit für Neonazis durchzusetzen und dafür denen, die ihre nutzen, um Nazis nicht zu laut werden zu lassen, diese eben aufgrund vermeindlicher Aufrufe zu Gewalt wieder abzuerkennen!

Als sei so was wie Kälte nicht schon unangenehm genug, nein, die Menschheit ist so blöd, das Wetter auch noch durch Vernichtungslager, Kulturrevolutionen, Stalingrade zu ergänzen. Muss man ja auch mal so schreiben dürfen, ganz naiv. Herr Koch will ja auch schon wieder neue Maschseen ausheben lassen. Torf ist ja hierzulande abgestochen, vermute ich.

Was einem so alles durch den Kopf geht, während man da sitzt und zittert, während diese zweite Halbzeit sich dahin schleppte, Wind von links, Wind von unten, Kälte überall, und trotz all der Schichten Anziehsachen obenrum liegt doch die Seele nach einiger Zeit nackt und bloß in Minusgraden und will einfach nur nach Hause, wo die Heizung wohnt. Die ist ja aktuell meine liebste Mitbewohnerin.

Und doch, inmitten des Erstarrens, plötzlich ein Moment der Utopie: Das Stadion tanzte! In der Halbzeitpause war das, als alle noch hofften, die zweite Halbzeit würde statt allmählichem Einfrieren des Spiels der St. Paulianer – hätten die Aachener überhaupt ein Tor geschossen, wenn KEIN EINZIGER St. Paulianer auf dem Platz gestanden hätte? Vermutlich nicht. Da muss irgendein Eisheiligen-Zauber deren Chancen mitten im Vollzug schockgefroren haben, und sie zerbröselten auf der Stelle und hinterließen das Nichts – einen herzerwärmenden Torreigen mit sich bringen. So zappelten und hampelten zunächst allesamt surreal vor sich hin, wie von Anfällen einer bis dato noch unbekannten Krankheit durchzuckt, um dank der Bewegung zu einem auch nur halbwegs lebendigen Körpergefühl zurück zu finden und den sich ausbreitenden Zombie aus den Gliedern zu schütteln. Doch dann hatten die in warmer Kabine sitzenden Herren der Beschallung doch eine zündende Idee und spielten statt Werbung Musik!

Und plötzlich groovete es auf Sitz- wie Stehplatzrängen, nicht so ein albernes uniformes Gehüpfe wie sonst manchmal, dieses doofe „Wir sind viele und so mächtig!“ Auf und Ab, nein, Hüften schwangen sinnlich, den Frost bannend. Der guckte wie hypnotisiert und wich ganz kurz zurück, es wirkte wie, ja, Zukunft! Frühling!, Erwachen!, wurde dann ja auch gerufen zu Stanis Empörung, „Aufwachen!“ – na ja, aber die zweite Halbzeit haben wir trotzdem überstanden, auch wenn da keiner mehr tanzte. Es ging gut aus, nur noch ein Punkt bis zur Region, Glückwunsch an Ahlen.

Und zum allersten Mal in meiner St. Pauli-Laufbahn bin ich vor der Ehrenrunde der Mannschaft nach einem Sieg nach Hause geeilt, vor dem FDP-Wetter flüchtend und mich von Gazprom beglücken lassend. Immerhin ein Sieg. Ganz ohne Tote, Stalinorgel und zerbombte Häuser. Geht doch.

Adorno auf der Südtribüne

Na, das ist doch mal eine ganz andere Verortung eines der Haus- und Hofphilosophen dieses Blogs – anders auch als diese geschwätzige Axiomatik vermeindlicher „Ästhetiker“, eigentlich aber Hermeneutiker andernorts, bei denen Adorno immer wieder missbraucht wird :

„Der von Köster als Frankfurt-Ultrà eingeführte Adorno sagte halt noch ein bisschen mehr, als über die Unmöglichkeit des Richtigen im Falschen. Entmündigt vor dem Chaos stehen, ein bisschen rumsudern und so tun, als wäre das in den eigenen Zeiten anders gewesen sei ist sicher keine Alternative. Widerstand und Aufklärung, rütteln an den Gesamtverhältnissen, die aktuelle Situation erträglich machen, das sind die Folgerungen.
Vor allem wäre Adorno natürlich USP-Mitglied und würde gerade Texte für die Gazzetta schreiben (Nein, er würde den Fußball und dessen Fans vollkommen zu recht hassen. Träumen dürfen wir aber trotzdem noch, oder?).“

Für die Externen: USP = Ultras St. Pauli. Der Kontext ist freilich für eine zeitdiagnostische Lektüre der Dialektik der Aufklärung recht spannend und sowieso für uns alte Säcke, die wir uns in Kommentarsektionen aus unserer „Früher waren wir so engagiert!“-Jugend berichten – auch wenn der Gazetta-Autor natürlich recht hat, dass Adorno einigermaßen entsetzt im Millerntor-Stadion gestanden hätte. Obwohl, wer weiß? Das Kindische wusste er durchaus zu schätzen. Ich auch.

Was ja gut ist, diese mal andere Verortung. Sitze ja gerne zwischen Rentnern, wenn auch nicht gerne auf der Nordtribüne. Aber das kann ja nicht alles gewesen sein … machen die nicht eigentlich Performance Art bei uns im Stadion, die diese spießbürgerliche Senatspolitikfortsetzung der „Kreativen Stadt“ im Gängeviertel konterkarriert?  Hätten die Jungs aus dem PIK AS (Obdachlosenasyl auf der anderen Seite der Straße mit sehr viel „Stolpersteinen“ vor der Tür) die Bauten besetzt, Frau von Welck hätte wohl kaum ihr Engagement im Schatten der Elbphilharmonie entdeckt …

Eigentlich nur konsequent für Marktpopulisten …

auch Politik eben als Markt zu begreifen. So erscheint’s zumindest, wesensmäßig wird da ganz anderes dahinter stecken. Wird in anderen Parteien auch nicht anders laufen.

„Denaturiert“

Von manchem Rechtsblogger wurde das nationalistische Identitätsgesülze derzeit in Frankreich ja als vorbildlich selbsterkundende Wesensschau gepriesen. Was bei raus kommt, berichtet heute die Süddeutsche:

„Nein, findet Sarkozy und bescheinigt aller Vorwürfe zum Trotz Franzosen und Europäern pauschal die Toleranz als Wesenszug – nur wollten sie eben weder in ihrer Denk-, noch in ihrer Lebensweise und nicht zuletzt in ihren sozialen Beziehungen „denaturiert“, sprich verdorben werden. Um so viel Verständnis gegen völkische „Denaturierung“ wirbt sonst nur Jean-Marie Le Pen und sein rechtsextremer Front National. Und wahrscheinlich kommt genau hier wieder Sarkozys politischer Instinkt ins Spiel. Vielleicht ist dem Präsidenten die Debatte gar nicht aus dem Ruder gelaufen – und es ging ihm gar nie um Ernest Renan und die Frage, was eine Nation ausmacht. Vielleicht ging es Sarkozy schlicht ums politische Kalkül. Sprich, die Mobilisierung der Rechtsbürgerlichen vor den Regionalwahlen im kommenden Frühjahr.“

Wohl nur eine Frage der Zeit, bis dergleichen auch hier massiver voran getrieben wird angesichts des Fehlstarts der aktuellen Rechtsregierung.

Ist übrigens auch eine ziemlich eklige hamburgische Tradition: Einst haben geifernde, protestantische Pfarrer regelmäßig die Juden aus der Stadt vertrieben – oft fanden die dann im toleranteren Altona Unterschlupf. Juden durften eh nur durch das Millerntor hinein, ein Grund, warum in der armen Neustadt mit ihren Gängevierteln die frühen, jüdischen Viertel waren und sie dort u.a. mit Lumpen handelten. Die erste Synagoge versteckte man im Hinterhof, heute steht da ein „Deutscher Ring“-Hochhaus – oder so ähnlich heißt das. Vielleicht ist das ein Grund, dass das Millerntor noch heute so ein einzigartiger Ort ist, an der Naht zwischen zwei Städten verortet, wo es nicht umsonst auch die große und die kleine Freiheit gibt   … und  wo man so oft die Baseballkappe rückwärts trägt, zum Glück. Nur in Sachen Verlan haben es die Franzosen uns deutlich voraus. Da muss dringend dran gearbeitet werden.