Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der FC St. Pauli ohne die alte Haupttribüne ist Scheiße!

Ja, bin ich. Und ich will Revanche!

Gut, selber zwar nur dort geboren, wo später Yul Brunner und Miss Ellie sich gegen Krebs behandeln ließen mit Blick auf den Silbersee und nicht in einer Baracke im Flüchtlingslager, aber Muttern ist noch in einem Verschlag auf dem Finanzamtsdachboden aufgewachsen. Und der Großmutter haben wir Wolfgang Borchert auf den Grabstein meißeln lassen:

„Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind,
für Dorsch und Stint
und jedes Boot –
und bin doch selbst:
Ein Schiff in Not!“

weil’s zu ihr passte, wie sie war, und weil sie so viel Stabilität sich schaffen wollte nach der Flucht, was ihr nie gelang, da genau die ihr den Atem nahm – und die Deppen in ihrer niedersächsischen Kleinstadt fragten danach angesichts der letzten Ruhestätte immer, ob sie denn zur See gefahren sei.

Meine Tante erzählte eindrucksvoll, wie im damaligen Stargard die Kinder mit den Totenschädeln Fussball spielten, als auf dem Friedhof die Schützengräben ausgehoben wurden – bei uns trägt man die heute wohl als Reminiszenz an diese Szene auf dem T-Shirt, und so geschmacklos es ist (und deshalb gut 😉 ), Flüchtlingsschicksale anzusprechen, während man doch nur die Hauptribühnenbänke unter dem Arsch weggerissen bekam und sich weit oben über „der Nord“ wieder fand, in der Fremde, im Exil, im Abseits, so weh tut es, wenn Erlebnisqualität durch so was wie dort ersetzt wird. Freiwillig hätte ich den Platz da nie gewählt.

Wo ist sie hin, die Intensität, die Nähe zum Spiel? Das ist tatsächlich nicht mehr mein FC St. Pauli. Die Leidenschaft, die man verspüren konnte, während man Florian Bruns auf seinen so einzigartigen Arsch gucken konnte, das Erlauschen der Flüche der Einwerfenden, ja, das Gefühl, sich ducken zu müssen, wenn einer auf den Platz rotzte: Alles weg.

Stattdessen eine Aufsicht auf sich bewegende Miniaturen, man sieht lauter Fehler im Spielaufbau und Patzer, die einem sonst nie aufgefallen wären, damals, als man noch auf Augenhöhe mit den Boys in Brown, den Helden, mitten im Spiel sich wähnte, und muss auch noch erleben, wie ein Spiel, das problemlos 7:0 für uns hätte enden können, lediglich mit 3:0 nach Hause gebracht wurde gegen den wohl schwächsten Gegner seit Jahren am Millerntor: Deren Abwehr nur eine Karrikatur dessen, was man mit dem Wort sinnvoll meinen könnte, und der Sturm ein Synonym für Ziellosigkeit.

Wie kommt diese Truppe denn bitte auf Platz 5? Das ganzes Gehype um diese Hauptstadtrandgewächse ging mir eh schon im Vorfeld auf den Geist, sogar Astra wurde verleugnet in vorauseilender Anbiederung an diese Langweiler, was sehne ich mich da nach den Burghausenern und solchen zurück, die wenigstens eindeutig sind und nicht so ein aufgequirlter Brei von Historie, dem schlicht die Mauer und der BFC Dynamo oder wie der hieß abhanden kam.

So wie uns unsere Haupttribüne, gut, der vergleich hinkt komplett, und so weit ist es: Konnte mich heute gar nicht freuen, gewonnen zu haben. Nur über Kalla und dessen Leistung, darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut! Hätten wir die „Eisernern“ (fand ich ja immer schon albern, dieses Prädikat, eiserne Kreuze kommen einem da in den Sinn und diese postnazistischen Radioreportagen aus den 50ern, wo „deutsches Eisen“ gegen „schwedischen Stahl“ spielte) wenigstens noch ordentlich gedemütigt, aber so war das ja noch nicht mal sexy, da auf Stahlgestänge hockend statt auf meiner geliebten Holzbank, während unsere Spieler noch während des Spiel den Spielbetrieb einstellten und diese Luschen, deren Verein sich so nennt wie eine Regierungspartei, daraus auch nichts machen konnten.

Mal gucken, ob ich diese Saison da überhaupt noch hin gehe … ja, ich weiß, immer noch besser, im Taxi zu weinen als im HVV-Bus. Aber zum Stadion gehe ich ja eh zu Fuss.

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15 Antworten zu “Der FC St. Pauli ohne die alte Haupttribüne ist Scheiße!

  1. Nörgler November 30, 2009 um 7:45 am

    Ja richtig, wenn man das Spiel im Stadion sieht, als säße man am TV, wozu dann noch Stadion, wenn es dort sogar schlechter ist als im TV, weil die immerhin Nahaufnahmen bringen.
    Doch damit bin ich bei meinem Thema und sage: Steh‘ auf, wenn Du ein St. Paulianer bist und setze Dich heute abend vor den Fernseher hin und schreie für die so called Region, denn wenn der FCK verliert, verliert St. Pauli den 2. Tabellenplatz.

  2. momorulez November 30, 2009 um 9:20 am

    „Ja richtig, wenn man das Spiel im Stadion sieht, als säße man am TV, wozu dann noch Stadion, wenn es dort sogar schlechter ist als im TV, weil die immerhin Nahaufnahmen bringen.“

    Genau so ging’s mir gestern 😦 … ist wirklich enttäuschend, wenn so ein Spiel, das einen normalerweise 3 Tage freuen und den Kampf mit Giraffen erträglicher machen würde, so seltsam distanziert an einem vorbei zieht. Nicht schön. Ziehe auf der neuen Haupttribüne dann wieder so weit nach unten wie möglich. Aber ganz so intim wird es wohl nie wieder 😦 … da ist schon ein Stück Identität, dieses Dorfverein-Feeling inmitten der Stadt, abgerissen worden.

    Und klar sind wir heute ganz auf der Seite der Region 😉 – zum einen hätten die sich’s wirklich verdient, sich mal abzusetzen, so wie die bisher die Saison gespielt haben. Na, und natürlich auch wegen des Rechnerischen, aber auch, weil die Bielefelder so unsympathische Langweiler sind.

  3. Nörgler November 30, 2009 um 10:02 am

    Wenn St. Pauli und die Region demnächst in der 1. Liga aufeinandertreffen, dann geht’s erst richtig ab!
    (Jetzt bin ich mal gespannt, ob nach ein wenig Werkeln am Rechner mein Pic kommt. Gleich werden wir es sehen …)

  4. momorulez November 30, 2009 um 10:10 am

    Ja, ist da!

    Und an das letzte Erstligaspiel Region gegen St. Pauli auf dem Betzenberg erinnere ich mich bestens – Lincoln brach Amadou (oder war’s Adamu?) das Schienbein, wir fingen uns 5 Tore, und Basler tanzte dann mit Pepita-Hut an der Eckfahne herum … dann traf ich meinen Kumpel Jan mit leuchtenden Augen am nächsten Tag auf dem Firmenflur, der völlig euphorisch ausrief: „Wir haben den Betzenberg gerockt!!!“ Womit er die Dominanz unserer Fan-Gesänge meinte 😉 …

  5. ring2 November 30, 2009 um 11:21 am

    Gestern fragte mich G., weshalb Du so schlechte Laune hast.
    Da habe ich ihr geantwortet, dass Du ein wenig trauerst. Die Phase haben wir ja hinter uns – und riechen von der Süd aus auch Benes Furze. Herrlich. ;(

  6. momorulez November 30, 2009 um 12:19 pm

    Ein wenig trauern ist da echt untertrieben … und zumindest die Sitzplätze auf der Süd sind ja noch schlimmer als die auf der Nord.

  7. Pingback: Freude schöner Fußballzauber am Millerntor (FCSP-Union Berlin) | fussball lebt

  8. rakete November 30, 2009 um 1:48 pm

    hach, ich als ehemalige meckereckensteherin verstehe das gut, das gefühl der heimatlosigkeit, des vertriebenseins. ohne aussicht je wieder in der meckerecke stehen zu können. da haben es die haupttribünler etwas besser, wenn auch tatsächlich die totale nähe zum spielfeld und die unbequemen sitzschalen/holzbänke auc nie wieder kommen werden.

    mein beileid.

  9. momorulez November 30, 2009 um 2:32 pm

    Dankeschön!

    Und glaub’s mir: Ich habe damals ganz solidarisch mit euch mit gelitten. Weil ich’s auch als Noch-Nicht-Betroffener verdammt gut verstehen konnte. Und klar: Haupttribüne wird wieder aufgebaut. Aber die ganze so liebens- und lebenswerte Provinzialität ist dann wech, vermutlich …

    Wobei wir immerhin zu zehnt umgezogen sind, lauter Leute, die außerhalb des Stadions wenig bis nix miteinander zu tun haben (von meinem besten Kumpel mittemang mal abgesehen). Und das ist immerhin toll, dass das geklappt hat und die alle noch da sind, rundherum. Das war dann doch sehr schön!

  10. STP1910 November 30, 2009 um 4:10 pm

    Ach „Eisern, Union“ haben die gerufen. Ich hab immer Eintracht Braunschweig verstanden.

  11. momorulez November 30, 2009 um 4:23 pm

    Ich habe die, unfreiwillig „auf der Nord“ sitzend, kurioserweise gar nicht gehört. Seltsame Akustik durch das Loch. Bezieht sich also auf Hörensagen 😉 …

  12. Rayson November 30, 2009 um 5:15 pm

    Schon mal dran gedacht, dem Bund der Vertriebenen beizutreten? Die brauchen etwas frischen Wind, scheint mir. Und im Gegensatz zu Frau Steinbach wärt ihr ja sogar echt…

    Zu „Eisern Union“: Das soll in den zwanziger Jahren erstmals in einem Spiel ausgerechnet gegen die Hertha erklungen sein. Wikipedia:

    Der Ursprung dieses Ausrufs geht auch auf die Bezeichnung „Schlosserjungs“ zurück, denn so wurden die Spieler aufgrund ihrer blauen Spielkleidung und ihrer überwiegenden Herkunft aus der Arbeiterklasse genannt.

    Soso, auf die Arbeiterklasse hämisch herabblicken 😉

  13. momorulez November 30, 2009 um 6:51 pm

    Na, damals waren wir als FC St. Pauli ja stattdessen auf dem besten Wege, nazistisch durchseucht zu werden 😦 – wobei wir halt dann später auch draus gelernt haben! Heißt ja nicht umsonst nicht mehr nach dem Wilhelm Koch, das Stadion. Und falls da in der nach Arbeiterwohnungsbau getauften „alten Försterei“ auch sonst das Repertoire von Ernst Busch – in der DDR dann ja leider brutalstmöglich zweckentfremdet – Gang und Gäbe ist, dann lasse ich mich auf drauf ein, auf das „eisern“. Habe stattdessen bei Youtube nur die Onkelz als Hintergrundmusik vernommen.

    Des Kunzes Lied, oben verlinkt, war ja damals immer das Gegenlied zum „Bund der Vertriebenen“. Bin ja, wie Du auch, unweit von Schlesiertreffen aufgewachsen, schlimm war das, wie hieß der noch, Hupka?

    Der ja eigentlich wohl verständlichen innerfamiliären Trauer um die verlorene Heimat – kann ja mit dem Begriff durchaus was anfangen – haben diese Leute nun gerade so gar nicht geholfen, wenn die sich auf dem Messegelände rumtrieben. Das hat meinen Großeltern, so gar keine Nazis, wirklich viele Möglichkeiten des Aufarbeitens genommen, weil die immer gleich so übel konnotiert waren. Das nehme ich ja Steinbach und solchen wirklich immer wieder übel, diesen Effekt.

  14. Nörgler November 30, 2009 um 10:43 pm

    Die ersten 60 Minuten wurde die Region streckenweise regelrecht düpiert und vorgeführt. Sippel durfte wieder zeigen, warum er U 21-Nationaltorwart ist. Und dann setzte sich wieder eine dieser Fußball-Uraltweisheiten durch, dass die überlegene Mannschaft, die trotz vieler Chancen kein Tor erzielt, verliert.

  15. momorulez November 30, 2009 um 10:48 pm

    Danke für die Berichterstattung! Konnte das Spiel gerade gar nicht verfolgen, weil ich hier bis eben noch Texte finalisieren musste – Glückwunsch!

    Das liest ein wenig wie unser Spiel gegen Bielefeld auf der Alm selbst, wo wir ja auch saucool gespielt und trotzdem 1:0 verloren haben …

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