Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Oktober 6, 2009

“Formulierungshilfen zur Präzisierung seines eigenen Denkens”

“”1983 beklagte sich Derrida in einem Interview, daß Sartre, wie er nachdrücklich behauptet, die drängendsten Probleme und die wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit entweder ignoriert oder falsch verstanden habe. Eine Frage aufnehmend, die Sartre selbst im Bezug auf Flaubert gestellt hatte, fragte Derrida: “Was für eine Gesellschaft muß die unsrige sein, daß ein Mann (Sartre), der auf seine Art derartig viele theoretische und literarische Ereignisse seiner Zeit – kurz gesagt, die Psychoanalyse , den Marxismus, den Strukturalsimus, Joyce, Artaud, Bataille, Blanchot – entweder abgelehnt oder mißverstanden hat, der über Heidegger und manchmal auch über Husserl die unglaublichsten Mißverständnisse wiederholt und verbreitet hat, derartig die kulturelle Szene dominieren und sogar zu einer Berühmtheit werden kann?””

Douglas Collins, Die Anthropologie des Neuen: Saint Genet, in: Traugott König (Hg.): Sartre. Ein Kongreß, Reinbek bei Hamburg 1988, S. 188; das zitierte Interview ist: “Derrida l’insoumis” in: Le Nouvel Observateur vom 9. September 1983, S. 86

Vielleicht ja auch gerade deshalb? Liest man das Nachwort der Neuübersetzung von “Das Sein und das Nichts”, so erklärt sich manch Missverständnis insbesondere  durch die Übersetzungspraxis von Heidegger-Texten ins Französische: Wo das “Dasein” zur “realité-humaine” wird, Heidegger autorisierte dies, liegt eine Korrektur der autorisierten Übersetzung durch Humanismusbriefe nahe. Kurioserweise unterscheidet Sartre terminologisch nicht im Sinne Heideggers zwischen “Sein” und “Seiendem” in dessen Adaption, so weiß Traugott König zu berichten, um faktisch dieses Differenz durch eine Re-Subjektivierung des Seins doch zu vollziehen und das Seiende als An-Sich auszuweisen: Das ergibt freilich einen Unterschied ums Ganze.

Hegel war auch nur bruchstückhaft im Frankreich jener Tage zugänglich, um so toller, was Sartre dann aus ihm machte! Die legendären Vorlesungen von Alexandre Kojéve zur “Phänomenologie des Geistes” hat er im Gegensatz zu Merleau-Ponty, Lacan und so vielen anderen nicht besucht, und König berichtet amüsiert, dass viele Hegel-Bezüge in “Das Sein und das Nichts” in den Texten des preußischen Staatsphilosophen nur mit Mühe oder gar nicht zu finden seien.

Die Auseinandersetzungen mit dem Surrealismus gehören zu den spannendsten Passagen in “Qu’est-ce que la literature?”, die Polemiken, ausgetauscht mit Bataille, der Herausgeber des Konkurrenzblattes zu den “Temps Modernes”, “Critique”, war, sind schon recht spannend, beide waren zeitweise befreundet;  und es war Sartre, der Bataille durch einen Verriss  erst bekannt machte, dessen Schreibstil durchaus bewundernd. Die ambivalente Haltung zur Psychoanalyse hat mir Sartre immer schon sympathisch gemacht, und sich Faulkner und Dos Passos anzueignen und philosophisch zu praktizieren, was auch Joyce wollte, ist das so schlimm? Marx hätte er vielleicht doch lieber anderen überlassen sollen, die den besser zu deuten wussten; aber sein bis heute bewunderswertes Engagement gegen Kolonialismus und im Algerien-Krieg hätte dann vielleicht gar nicht stattgefunden.

Genau so bewundere ich Sartres frisch-fröhlichen Denk- und Schreibstil, der in Königs Übersetzungen zu fließen beginnt. Dieser “Kaffeehausphilosophenstil”, der zwischen Trivialem und Alltag und großer These, großem Begriff wechselt, der ist mir durchaus unerreichtes Vorbild; noch Marcuse attestierte ihm, hier sei im Gegensatz zu Heideggers eine wirklich konkrete Philosophie möglich geworden. Dieser “Flow” der Texte hat einen Reiz und eine Wucht, die noch so akribisch-dekonstruktive Textauslegungen bei allen zugespitzt großen Thesen halt nicht erreichen können. Dafür sah Derrida aber besser aus als Sartre. Ob Derrida nicht vielleicht der größere Philosoph war, das ist mir schnurz, weil gerade das folgende an Sartres Texten so viel Freude macht:

“Wenn er Autoren zitiert oder paraphrasiert, dann, so tut er das meist aus dem Gedächtnis und (…) in interpretierender Weise. Dieser in Frankreich reich verbreitete unakademische Umgang mit evozierten Texten, der auch Mißverständnisse nicht ausschließt, erwies sich bei Sartre – doch nicht nur bei ihm – als außerordentlich produktiv. Nie geht es ihm um den pedantischen Nachweis einer theoretischen Vorläuferschaft oder einer theoretischen Aporie. Vielmehr benutzt er erinnerte Formulierungen als Formulierungshilfen zur Präzisierung seines eigenen Denkens.”

Traugott König, Zur Neuübersetzung, in: Jean-Paul Sartre, Das sein und das Nichts, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 1087-1088

Das ist wie bei Adorno, nur anders, weil der Gestus, Habitus, die Sprache eine andere ist: Man muss den konkret schreibenden Vollzug des Denkens, diese Praxis als solche mit-vollziehen bei Sartre, darf ihn nicht nur auf die großen Thesen oder gar seine Aneignung der drei “H” reduzieren, um zu erfassen, was er da schreibt – weil das “wie er da schreibt”, wie das Denken sich auf Welt bezieht, immer schon Aussage ist. Ich hab ihn lieb.

Aufklärung versus Humanismus

“Daraus müssen wir nicht schließen, daß alles, was sich jemals auf den Humansimus berief, zurückgewiesen werden muß, sondern, daß die humanistische Thematik in sich selbst zu elastisch ist, zu verschiedenartig, zu inkonsistent ist, um als Reflexionsachse dienen zu können. Und das ist eine Tatsache, daß seit dem 17. Jahrhundert das, was Humanismus genannt worden ist, stets gezwungen war, sich auf bestimmte. von Religion, Wissenschaft oder Politik entlehnte Vorstellungen des Menschen zu stützen. Der Humanismus dient dazu, die Vorstellungen des Menschen auszumalen und zu rechtfertigen, auf die er schließlich selbst angewiesen ist.”


Michel Foucault, Was ist Aufklärung?, in: Erdmann/Forst/Honneth, Ethos der Moderne, Frankfurt/M. – New York, S. 47

Im selben Text begeistert sich Foucault für Kants Schrift “Was ist Aufkärung”, also jenen Text, in dem die berühmte Formulierung des Ausgangs des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit sich findet. Aufklärung begreift er im Gegensatz zum Humanismus als Ethos, als Haltung, der die Aktualität und die historische Situation kritisch befragt.

Gerade in Phasen, da der Homo Oeconomicus flächendendeckend Bevölkerungen aufgezwungen werden soll, ist eine Vorstellung, an die erinnert werden muss: Nimmt doch auch die neoliberale Propaganda seit dem Anfang der 80er Jahre eine “Humanität” für sich in Anspruch – frei ist, wer sich dem Markt unterwirft, und wer nicht mitmacht, wird zur Menschwerdung mittels Hartz IV verdonnert, um das Wesen des Menschen, die “wirtschaftliche Freiheit”, auch realisieren zu dürfen. Dem kann man wohl nur “Ich kenne keinen Markt, nur Individuen” entgegen halten.

Interessant wäre es freilich, das auf Heideggers Seindsdenken nach der “Kehre” zu beziehen. Ich vermute, dass man da einen fundamentalen Unterschied zu seinen  poststrukturalistischen Adepten finden wird – die übernehmen seine Denk-Figuren und wenden sie historisch-kritisch im Sinne Kants. Dass eben der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiuung man aufruft, das Resultat einer Unterwerfung ist, die tiefer ist als er …

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