Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie man Hunde erzieht

„Das ist keine “Unterwerfung”, sondern die simple Akzeptanz der Tatsache, mit Menschen zurechtkommen zu müssen, die andere Ziele und Vorstellungen haben als ich, und denen ich etwas bieten muss, wenn ich etwas von ihnen haben will. Es ist auch eine Güterabwägung. Niemand kann mich kaufen, sondern nur eine Leistung von mir auf Zeit. Ich selbst entscheide letztlich, ob ich die Gegenleistung attraktiv genug finde, andere Unannehmlichkeiten zu verkraften. Die Vorstellung, dass mich irgendeiner meinen Wünschen entsprechend für das bezahlen wird, was ich gerne mache, und dass es ihm völlig egal sein wird, wann und wie ich das tue, ist schon angesichts des Koordinationsbedarfs in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht mehr Science Fiction, sondern eher nur noch Fantasy.“

Das schreiben  jene, die „Freiheit“ im Munde führen wie ein Mantra, obgleich sie doch mit jedem Satz beweisen, dass sie gar nicht wissen, was das ist. Kenne das aus der Hundererziehung: Damit das Vieh pariert, muss es immer erst mal was tun, bevor es was bekommt. Jede Theorie, die mit Begriffen wie „Anreiz“ operiert, beschämt, beschimpft und verfemt bereits, was Freiheit tatsächlich heißen könnte und sollte wohl mit „Der Doktor und das liebe Vieh“ überschrieben sein.

Pfötchen geben, bevor das Futternapf hingestellt wird. Sitz machen, bevor die Tür sich öffnet. Der eine oder andere wird wissen, welcher Roman es ist ist, dessen Titel „Der Gang vor die Hunde“  sein sollte, auch, wann der geschrieben wurde und worum es ging – so wollte der Verleger das Buch aber nicht nennen: Zu pessimistisch. War jener, den man auch fragte „Wo bleibt das Positive?“ – „Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt!“, so seine Antwort, so dass ich ihm selbst das „Ragout fin du siécle“ verziehen habe. Alleine schon, weil er diesen wundervollen Aufsatz „Ist Existentialismus heilbar“ geschrieben hat. Wobei ich diese Gesundheitsmetapher ja gar nicht mag.

Wenn ich mit Menschen mit anderen Vorstellungen und Zielen zurecht kommen muss“ – eine dem totalisierten Eigeninteresse des Rechtsliberalismus ja widersprüchliche Annahme (meint „wirtschaftliche Freiheit“ nicht die Ego-Durchsetzung?), eigentlich stellt sich ihm ja das Problem der Fremdexistenz als Ungelöstes -, muss ich ihnen also was bieten. Heirate ich, so, weil der Partner so schön putzt, so gut verdient, sich widerspruchsfrei ficken lässt und bestens unterhält, fast besser als der Fernseher. Liebe? Sich einigen? Wechselseitige Anerkennung? Alles sekundäre Effekte.  Die Welt ein Deal.

Doch auch in weniger intimen Lebensbereichen: „Ich selbst entscheide letztlich, ob ich die Gegenleistung attraktiv genug finde, andere Unannehmlichkeiten zu verkraften“ – sehr witzig. Ich selbst entscheide also, ob ich mich von Ämtern gängeln lasse oder lieber gleich verhungere oder aber in einem Netz von Institiutionen wie Banken, Kunden (in meinem Fall auch Institutionen), Arbeitgebern usw. immer das schwächste Glied zu sein. Lediglich jene, die mal eine Lebensphase mit Abfindungen und Erbschaften überbrücken konnten, sind mir als in diesem Sinne frei bekannt. Ansonsten wird gegängelt und getrieben. Pfötchen geben. Ganztägig.

Niemand kann mich kaufen, sondern nur eine Leistung von mir auf Zeit.“ Auf was bezieht sich da das „mich“? Was bin ich denn, wenn nicht die Zeit, die ich handelnd, denkend, kommunizierend und wahrnehmend verbringe? Bin ich jetzt gerade wirklich ich und vormittags nicht? 8-12 Stunden Arbeit und Unterwerfung unter die Interessen Anderer, dann noch ein bißchen Hund und Freunde, dann schlafen, wüßte jetzt nicht, was das „mich“ ergänzend bedeuten sollte …
Ach ja, und die „Fantasy“.  Gibt ja ganz plötzlich, wie Pilze sprießen sei, Ort der exklusiven Wahrheit, die sich Strohmännern, Lügen und kurioserweise nun auch noch „Selbstverhetzungen“, was immer das sinnvoll heißen soll, gegenüber stehen sehen und ach so schlecht behandelt wähnen, so als geschändete Opfer in Regierungsverantwortung.

Schlechtere Gewinner als jene, die die Verlierer beschimpfen, habe ich ja selten gelesen – das hat aber einen politischen Grund:  Sätze wie „es gibt kein Recht auf staatlich subventionierte Faulheit!“ sind ja eh schon an die Verlierer gerichtet. Sind ja Leute, die sich viel Zeit dafür nehmen, diese ganz realen Verlierer zu beschimpfen und zu gängeln und zu diskreditieren …  dieses „Looser“ und „Opfer“, das von Schulhöfen tönt, das ist die realgesellschaftliche Quittung. Aber zum Glück ist das ja keine „Fantasy“. Lediglich Freiheit als Ideologie.

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21 Antworten zu “Wie man Hunde erzieht

  1. Michel Oktober 5, 2009 um 9:44 pm

    Kurzzusammenfassung: *Auf den Boden stampf*
    „Ich will aber“

  2. momorulez Oktober 5, 2009 um 10:08 pm

    Ja, ud ihr werdet mir die Flausen schon noch austreiben, gelle?

    Selbst diese Antwort zeigt ja nur, dass sich die Wahrnehmungen mancher doch nur auf die Differnez ziwschen wohlerzogenen Kindern und solche mit dem „Willen“, die was „auf die Brillen bekommen“, erstreckt, was wohl doch die Studien über Autorität und Familie bestätigt und den sozialtechnokratischen Paternalismus bei gleichzeitiger Ignoranz von Vorgängen in Institutionen und Organsiationen bewegt.

    Nee, nee, lieber mein Frust als eure Ignoranz und Regression …

  3. stefanolix Oktober 6, 2009 um 5:11 am

    Seit mir mal ein Dresdner Taxifahrer die Gemeinsamkeiten von Kinder- und Hundeerziehung erklären wollte, bin ich sehr skeptisch, wenn ich solche Vergleiche lese oder höre. Der Hund war vielleicht nicht unbedingt notwendig.

    In Deinem Beitrag klingt ja eher das Sprichwort »Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing« an. Noch nie hat ein Auftraggeber von mir verlangt, dass ich darüber hinaus sein Lied singen soll. Es ist wohl noch auch nie einer von denen auf die Idee gekommen, dass ich sein Brot äße. Ich übrigens auch nicht: denn noch nie habe ich einem Auftraggeber angeboten, dass ich sein Lied singen würde.

    Ich weiß nicht, von wem Dein Eingangszitat stammt. Aber Du kannst meine Meinung in ein paar ganz einfachen Sätzen bekommen: Ich biete Leistungen an. Ich schließe Verträge mit Auftraggebern ab. Ich erfülle meine Verträge. Ich bekomme eine Gegenleistung.

    Das ist nicht rechtsliberal und auch nicht sozialtechnokratisch. Das ist noch der ganz ideologiefreie Grundkurs VWL, auch wenn Du bestreiten wirst, dass es ideologiefreie VWL gibt.

    Ich wünsche Dir trotzdem einen schönen Tag — und wenn er erfolgreich war, bleibt Dir vielleicht mehr Zeit für einen Spaziergang durch Hamburg — mit oder ohne Hund;-)

  4. momorulez Oktober 6, 2009 um 7:45 am

    Na, zu den Hundespaziergängen habe ich ja in der anderen Antwort was geschrieben 😉 – und doch, der Hundevergleich ist deshalb wichtig, weil hinter den „Anreiz“-Theorien ja tatsächlich die gleichen Konditionierungsmodelle stehen wie hinter der Hundeereziehung. Es gibt da ein Buch einer Delphin-Trainerin, „Positiv verstärken“ oder so ähnlich, da wird das überdeutlich. Insofern ist das schon notwendig, darauf auch hinzuweisen, weil es ja avanciertere Handlungs- und Lernmodelle gibt als jene, die z.B. Hartz IV zugrunde liegen. Und vor allem auch viel weitere Vorstellungen und Möglichkeiten von Freiheit.

    „Noch nie hat ein Auftraggeber von mir verlangt, dass ich darüber hinaus sein Lied singen soll. „

    Bei mir schon immer und nur das. Seit 1993. ’97 hing ich dann erstmals zwischen meinem Arbeitgeber, der mich als Sündenbock aufbauen wollte, und einem der größten deutschen Verlage. Ab da folgte ein Machtkampf auf den anderen, wo man immer höllisch aufpassen muss, seine eigene Haut zu retten, sonst ist man ganz schnell weg vom Fenster. Habe bisher noch jeden Machtkampf gewonnen, aber langsam merke ich, wie mein ganzer Körper sich verändert hat in dieser ständig lauernden Abwehrhaltung, um den nächsten Schlag zu antizipieren.

    Die Differenz zu anderen Jobs liegt freilich auch darin, dass ich ja auch Inhalte gestalte, und es ist manchmal schon haarsträubend, wie man dazu gezwungen wird, etwas zu formulieren, was völlig quer zu dem steht, was man wirklich denkt – und dabei Formen zu wählen, die allem zuwiderlaufen, was ich richtig finde. Da baut man dann ständig „U-Boote“ ein, als versteckte Botschaften und abweichende Nuancen, eine Praxis, die Dir aus der DDR noch geläufig sein sollte. Wir haben nebenbei auch noch ein paar Inseln zum Ausweichen, das haben andere nicht, und darüber bin ich sehr glücklich.

    Deshalb stimmt es aber auch nicht, dass ich hier selbstbestätigend für meine „Peer-Group“ schreibe. In abgeschwächter Form erreiche ich damit ja sonst viel mehr Leute – auf den paar Inseln allerdings auch nur.

    „Ich biete Leistungen an. Ich schließe Verträge mit Auftraggebern ab. Ich erfülle meine Verträge. Ich bekomme eine Gegenleistung.“

    Ich produziere immer schon, ohne dass der Vertrag geschlossen ist, und parallel versuchen mir die Kunden Bedingungen in die Verträge zu quatschen, die für mich ökonomisch untragbar sind – und weil sie mächtig sind, kommen sie da relativ weit mit. Man diskutiert dann ewig über die Verträge rum, während man schon sechsstellige Beträge vorfinanziert. Da herrscht viel Willkür, und sie haben auch kein Problem, auf vertragliche Vereinbarungen zu scheißen und zuvor erstellte Kalkulationen zu igniorieren, und weil sie so mächtig sind, wird auch kein Schwein da klagen.

    Klar, das hat auch was mit Quasi-Monopolen zu tun. Ich kenne aber auch kaum jemanden, der über potenziell so breite Kundenstämme verfügen würde, dass er nicht in solchen Abhängigkeitsverhältnissen landen würde.

  5. stefanolix Oktober 6, 2009 um 8:15 am

    Lieber MomoRulez, es gibt hunderte Motivationsbücher mit tollen Titeln und Parolen, die alle etwas gemeinsam haben: man kann sie in die Tonne treten und selbst das ist noch zu schade.

    Ich gestalte in meinem Job zu einem Drittel Inhalt, zu einem Drittel Layout und zu einem Drittel Computerprogramme, oft sind in einem Auftrag alle drei gemischt. Von einigen Auftraggebern bin ich auch (zumindest bis zur Zahlung) eine Zeitlang abhängig. Ich kann also nachfühlen, was Du schreibst. Vielleicht sollten wir uns über unsere Jobs nicht öffentlich unterhalten, damit sich unsere Auftraggeber nicht wiedererkennen. Aber wenn wir sie professionell machen wollen, gehört dazu auch eine gut funktionierende Abgrenzung gegenüber dem Privaten.

    Ich bin der Meinung, dass ich meine Aufträge nur professionell erfüllen kann, wenn ich meine Persönlichkeit heraushalte (und ja, dazu brauchte ich auch einen langen Lernprozess). Ich bin gleichzeitig jeden Tag dankbar, dass ich nicht einen Job der Art habe, wie ihn Tina Turner in »Private Dancer« beschreibt. Und ich finde vor allem, dass das eine Differenzierung wert ist. Ich kenne diese Theorien über »Prostitution« in jedem Beruf und in der Ehe … und nahezu überall, aber ich stehe ihnen sehr distanziert gegenüber.

  6. momorulez Oktober 6, 2009 um 8:36 am

    Das Buch über die „positive Verstärkung“ ist schon mehr als ein Motivationsratgeber- und wenn sie mich wieder erkennen, muss ich langsam mal damit leben.

    Ich arbeite leider zu stark aus meiner Gesamtpersönlichkeit heraus. Die ist sozusagen die „Basis meines Erfolges“. Das macht verwundbarer, klar, aber eben auch kreativer. Und da toppe ich die meisten in unserer Branche …

  7. MartinM Oktober 6, 2009 um 9:22 am

    Ob wirklich jedes „Motivationssystem“, das auf Anreize (positive Verstärkung) hinnausläuft, eine Form der Dressur ist, lasse ich mal dahingestellt sein. Was die „kreativen Berufe“ angeht, bin ich, rein gefühlsmäßig, eher bei stefan als bei momo (tut mir leid momo, das, was du oben schreibst, wirkt auf mich etwas selbstmitleidig).
    Völlig einer Meinung bin ich darin, dass von einer „freien Entscheidung“ keine Rede sein sein, wenn ich selbst nur „entscheiden“ kann, ob ich mich von Ämtern gängeln lasse oder lieber gleich verhungere. Das ist m. E. aber weniger „Hundedressur“, zumal Anreize dabei keine große Rolle spielen, sondern schlichter Zwang.

    Sehr schön finde ich aber die Formulierung: „Schlechtere Gewinner als jene, die die Verlierer beschimpfen, habe ich ja selten gelesen – das hat aber einen politischen Grund: Sätze wie „es gibt kein Recht auf staatlich subventionierte Faulheit!“ sind ja eh schon an die Verlierer gerichtet. “
    Sie sind, denke ich, auch an jene gerichtet, die heimlich Angst haben, morgen selbst zu den Verlierern zu gehören. An jene, die ich vom Lebensstil und Selbwahrnehmung her „Kleinbürger“ nennen will (auch wenn die meisten von ihnen von den ökonimischen Fakten her eher „weiße Kragen Proletarier“ sind). Die, die „oben“ nur Heuschrecken wahrnehmen, und „unten“ nur Sozialschmarotzer. Sätze wie „es gibt kein Recht auf staatlich subventionierte Faulheit“ lassen die Alternative, einfach die Brocken hinzuschmeissen und eine Zeit lang Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen, wenn man sich, egal ob als Angestellter oder Selbstständiger ausgebeutet und unterdrückt fühlt, moralisch unakzeptabel erscheinen.
    Auch die Wahrnehmung der wirtschaftlich Erfolgreichen als „Heuschrecken“ wirkt, vermute ich, stabilisierend. Der Zorn wird kanalisiert, personalisiert. Außerdem gerät auf diese Weise jeder, der erfolgreich aus dem „kleinbürgerlichen“ Lebensmodell ausbricht, in den Verdacht, unmoralisch zu handeln. Wer „unter raus“ fällt, ist „Sozialschmarotzer“, wer aus der „Tretmühle“ aussteigt, steht, selbst wenn er nicht mehr auf dem Konto hat als ein „ehrlich arbeitender“ Angestellter, Facharbeiter, Selbständiger, Kleinunternehmer, als verantwortungsloser Glückritter dar. In jedem Fall darf derr (real von Arbeitslosigkeit und Vermögensverlust bedrohte) „Kleinbürger“ sich „moralisch überlegen“ fühlen.

  8. T. Albert Oktober 6, 2009 um 12:41 pm

    Verstehe ja immer nicht, immer weniger, was das soll, diese Dauermotivierei. Und wer will mich eigentlich motivieren, und warum? Machen wir auch Kinder nur als Beitragszahler, und dazu müssen wir auch motiviert werden?
    Es wird ja dabei davon ausgegangen, dass die Menschen von sich aus nicht motiviert sind, einfach ihre Arbeit zu machen, ausserdem von einem miesen Menschenbild als Nürnbeger Trichter, was sich ja auch sprachlich momentan überall, auch in Schulen und Hochschulen darstellt. Nicht auszuhalten, diese gegen das Individuum gerichtete technizistische Sprache der ganzen Zwangsmotivierer.

    Das war auch nicht immer so. Ich kenne noch Zeiten, wo wir ganz normal arbeiten durften und dafür auch normal bezahlt wurden. Jetzt werden wir dauermotiviert, aber für die motivierte Arbeit immer öfter gar nicht mehr bezahlt, was mit der laufenden Wirtschaftskrise nichts zu tun hat, sondern mit der bewussten Zerstörung von Märkten. Ich kenne etliche Projekte im Kunst- und im Baubereich, die sich die Auftraggeber von den Auftragnehmern haben finanzieren lassen; dass man Handwerker und kleine Architekten einfach pleitegehen lässt, indem geleistete Arbeit und materielle und finanzielle Vorleistung mittels Vorwänden einfach nicht bezahlt werden,ist mittlerweile üblich.
    Mit selbstmitleidigem Getue hat das nichts zu tun.

  9. momorulez Oktober 6, 2009 um 2:43 pm

    @Martin:

    Was heißt denn hier „selbstmitleidig“? Das sind auch immer so Zuschreibungen, mit denen ich tatsächlich ernsthafte Probleme haben. Hat mich Jahre meines Lebens gekostet, überhaupt ernst zu nehmen, was ich da so fühle, vor lauter selbstquälerischem Heroismus. Und der Druck ist eben konstant am Wirken seit 16 Jahren – mein Zahnarzt hat sich ziemlich gewundert über die Abnutzung dank permamenter Verspannung, die für mein Alter eben sehr weit fort geschritten ist.

    Dass es Anderen viel dreckiger geht, das ist mir schon klar.

    Hatte allerdings gerade eben wieder ein sehr, sehr unterstützendes und freundliches Gespräch mit Kunden, dann geht’s ja auch alles wieder 😉 … wo auch tatsächlich im Gegensatz zu dem, was T. Albert schreibt – und was alles völlig richtig ist! – auf die Probleme eines Start Ups deutlichst Rücksicht genommen wurde.

    Was den Rest betrifft, da stimme ich Dir zu. Mal ab vom Einschub zur „Motivation“.

    @T. Albert:

    Ja, eben. Vollste Zustimmung.

  10. Rayson Oktober 7, 2009 um 11:40 pm

    Wenn Ökonomen von „Anreizen“ reden, meinen sie nichts anderes als eine Änderung von relativer Vorteilhaftigkeit. Wenn in der Kantine der Preis für Bratwurst gesenkt wird, hat für mich der Anreiz, Bratwurst zu essen, zugenommen – aber wenn ich Bratwurst nicht mag oder wenn meine Nachfrage nach vegetarischem Essen fast gänzlich preisunelastisch ist, dann werde ich wohl trotzdem keine essen.

    Was Ökonomen wissen, ist, dass Anreize funktionieren, jedenfalls über eine genügend große Zahl von Menschen hinweg. Sie wissen allerdings nicht, bei wem genau. Und manchmal stellt sich erst im Nachhinein bei genauerer Betrachtung heraus, wie der Anreiz eigentlich aussah – siehe z.B. den berühmten „Kobra-Effekt“, wo die Auslobung einer Fangprämie für Kobras deren Bestand erhöhte.

    „Motivation“ von Individuen hingegen ist eher ein Disziplin der Management-Lehre, und zwar eine, die Reinhard K. Sprenger, Insidern auch bekannt als Autor eines libertären Pamphlets, meiner Ansicht nach mit seinem Buch „Mythos Motivation“ zu Recht komplett beerdigt hat. Man kann niemanden von außen motivieren, man kann nur versuchen, eine – wenn auch wahrscheinlich nur zeitweise – Identität der eigenen Zielvorstellung mit der Motivation des anderen herzustellen. Das muss nicht immer klappen: Wenn die Motivation eines Mitarbeiters darin besteht, für möglichst wenig Arbeit möglichst viel zu kassieren, und wenn der sich im Umfeld seiner Arbeit auch nicht entfernt etwas vorstellen kann, das ihm Spaß macht. kann ich als Vorgesetzter meine „Motivationsbemühungen“ komplett in den Wind schreiben. So ein Typ wird die Prämie kassieren, aber trotzdem nicht mehr leisten. Zum Glück für die Mittelmanager dieser Welt sind solche Typen selten (wiewohl ich selbst sie schon erlebt habe…), aber die Krassheit des Beispiels soll ja nur das Problem verdeutlichen…

  11. momorulez Oktober 8, 2009 um 7:56 am

    Na, in diesem „Belohnung“/“Sanktion“-Denken behandelst Du aber nur das Ergebnis einer Debatte über richtig und falsch.

    Und das hängt schon auch mit der Motivationsfrage zusammen – wenn aktuell von FDP-Seite beim „Bürgergeld“ als verschlechtertes Hartz IV ja im Grunde genommen davon ausgeht, dass man nur dafür sorgen muss, dass es den Leuten noch schlechter geht, dann entwickelt sich gewissermaßen die Motivation, auch unterbezahlte Scheiß-Arbeit anzunehmen, ganz von selbst, dann wird zugleich die Frage ignoriert, ob es wünschenswert ist, dass Leute für kaum Geld Geld Scheißarbeiten verrichten.

    Soll heißen: Die Frage, ob der niedrigere Bratwurst-Preis nun gut für die Schweine ist, die man man vespeist, ist ja eine ganz andere, die Du auf der Ebene „Anreiz“ gar nicht diskutieren kannst. Dann ist da aber eine ziemlich gewichtige Lücke in der Wirtschaftstheorie. Weil, WAS man tauscht und WARUM man x tut, das wird gar nicht diskutiert. Wenn ich meinen Hund erziehe, dann darum, dass ich nicht möchte, dass er Leute anfällt, vors Auto läuft, doof rum bellt usw.

    Solche gesellschaftlichen Ziele sind doch völlig aus jeder Diskussion verschwunden. Weil immer so getan wird, als sei z.B. Bildung nur zur ökonomischen Verwertbarkeit gut und Beschäftigung zu nix anderem da, als das „Alimentieren der Unterschichten durch Steuerzahler“, wie es gestern ganz Sloterdijk folgend in DIE WELT stand, endlich zu beenden. Fragen wie jene nach Lebensqualität werden gar nicht mehr gestellt.

    Mich würde zudem wirklich die Antwort auf die Frage nach dem „mich“ oben im Eintrag interessieren.

  12. Pingback: ► Die perfekte Westerwelle nach Neu-Kölln | neutschland

  13. T. Albert Oktober 8, 2009 um 9:21 am

    Das Bratwurst-Beispiel interessiert mich deshalb, weil ich mich beim Einkaufen einerseits so verhalten kann, ich andererseits auch beschliessen kann, die auf Kosten Arbeitender absichtlich herbeigeführten Dauerpreissenkungen, die wir hier in der Schweiz gerade erleben und die politisch ganz offiziell gewollt sind, die verbilligte Wurst eben nicht zu kaufen. Die Löhne sinken gewissermassen nach jeder Preissenkung auch, und zwar schon länger, was auch gewollt ist. Hier wird ja seit Jahren „das Hochlohnland“, „die Hochpreisinsel“ von unseren christlichen und liberalen Wirtschafts- und Finanzministern diskutiert. Meine Miete sinkt aber nie, die privaten und öffentlichen Dienstelstungen werden teurer, ich erhalte so gut wie keine Zinsen.
    Auch aus anderen Gründen ist diese Anreiz-Politik Teil einer Abwärtsbewegung, zu der der Ausschluss gesellschaftlicher Diskussionen gehört, wenn flächendeckend nur noch Steuersenkungen besprochen werden. Ich weiss, dass mein Lohn sinken wird, wenn Steuern gesenkt werden.

  14. momorulez Oktober 8, 2009 um 10:45 am

    Genau das ist ja die Programmatik des „Bürgergeldes“: Das Gesamt-Niveau weiter absenken, damit wenige davon profitieren und hier irgendwann auch wieder so gewirtschaftet werden kann wie in China.

  15. T. Albert Oktober 8, 2009 um 1:38 pm

    Ich mache ja den Fehler, mir immer diese Talk-Shows anzusehen. Und ich muss sagen, dass mich diese ganze Breschnewsche Sprache der Einhämmerung von Formeln langsam auf die Barrikaden treibt. Diese ganzen Idioten scheinen nicht mal zu bemerken, dass es vielen Menschen immer mehr so geht. Ein Verwandter von mir, der mit viel Geld im internationalen Stahlhandel umgeht, meinte kürzlich, so viel Geld wie wir jetzt hat die ganze DDR nicht versenkt. Und das ist das komische, plötzlich denkt man, ja, das ist eben doch auch ein Punkt der Dauerlügen, dass da immer Geld auf diese Weise ideologisiert wurde. Der Verwandte ist übrigens keineswegs der Auffassung, dass das alles nur die Banken zu verantworten haben, sondern die bemitleidete Realwirtschaft eben auch, und zwar schon länger. Das würde eben nicht besprochen, ausser bei Opel.

    Dann dieses ständige Geschwafel von Leuten, die mit viel EInkommen in diesen Talk-Shows sitzen, mit dem sie die Relativität von Armut und dem Begriff Gerechtigkeit erklären. Je öfter ich das höre, umso mehr denke ich, wer mir das ständig zu erklären müssen meint, der wird schon seine Gründe haben. Ausgerechnet da soll es Common Sense nicht geben. Das ist schlicht unerträglich und die Argumentation von Räubern, die ihre Taten mittels stöndiger Umdefinierungen legitimieren.

    Nochmal zu Anreize: Das ist ja zirkulär und selbstreferentiell, wenn ich das mache. Hier gibts eine Schule, die jetzt für jede richtige mathematische Antwort einige Franken an den Schüler bezahlt, um die Schüler zu motivieren.
    In Frankreich sollen Berufsschüler so wieder in die Schule geholt werden.
    Dann würde ich als Berufsschüler in dieser Logik sagen, naja, wenn ihr das nötig habt, dann taugt eurer Produkt wohl nicht so viel, drum komme ich ja auch nicht. Für das Geld, das ihr mir als Quasi-Rabatt auf Lebenszeit gebt, interessiere ich mich aber schon, das kann ich gebrauchen. Klar hocke ich dann ein paar Stunden bei euch rum und lasse mich motivieren.
    Die Hunde-Logik erlebe ich in meinen Lehr-Zusammenhängen immer öfter: Sagen sie mal, wozu muss ich das machen? Ist das studienrelevant? Gibts dafür Noten? Wenns keine Note gibt, dann komm ich nicht, dann geh ich wieder…. usw. . Das ist mittlerweile totalnormal. Ein Riesenproblem, weil die Qualität der Leistungen dabei immer schlechter wird.
    Das auszuklammern als gesellschaftliche Debatte gehört zu der Breschnewschen Stagnationspolitik dazu, oder wir können es uns anders schon gar nicht mehr vorstellen.

  16. T. Albert Oktober 8, 2009 um 1:42 pm

    schlampe ja schön rum hier. bitte um nachsicht, söhnchen, arbeit, compi, kochen – nacheinander geht nicht immer.

  17. momorulez Oktober 8, 2009 um 2:09 pm

    Nö, nicht schlampig, finde ich alles sehr plausibel, was Du schreibst. Das Gefühl der „DDRisierung“ habe ich ja schon länger, diese Einheitspartei halt an der Regierung, die den Rechts-Parolen der Neoliberalen nachplappert und nachagiert und damit immer neue Normalisierungsmuster hervor bringt, die auch immer unverblümter völkisch (kann ja bei den B.L.O.G.s in der Diskussion unter Stefanolix‘ sehr gutem Eintrag nachesen) und homphob (siehe „Webbear“ beim A-Team) werden und als Ideologie über all das dann diesen Quatsch von der „Alimentierung durch den Steuerzahler“ stülpen, der von faulen Türken und anderem arbeitsscheuen Gesindel durch falsche „Anreize“ des Sozialsytems ausgesogen würde. Und das alles im Rahmen einer Totalisierung des Tausch-Prinzips.

    Und natürlich hat die „Realwirtschaft“ mit ihrer Lohmdumping-Politik genau die Gelder frei gesetzt, die in der Finazblase platzten.

    Gucke mir ja die Talkshows gar nicht mehr an – habe nur aus Versehen Sonntag abend ins „Nachtstudio“ geschaltet beim ZDF und habe eine Krise gekriegt, was für ein Schwätzer aus dem Bude geworden ist.

    Habe allerdings gestern abend ein anläßlich des Todes von dem NDR-Kellermeier wiederholtes Interview mit Herbert Wehner gesehen – und bin immer noch von den Socken. Der war ja eine eher ambivalente Figur, bin wahrlich kein Wehner-Fan, aber auf was für einem Niveau und mit was für einer unglaublichen Rhetorik und Aura dieser Mann da redete, unglaublich.

    Das war ein völlig anderer und keineswegs schlechterer Politik-Begriff, in dem der unterwegs war, enorm. Gegen diese Dinosaurier (zu denen ich auch einen Brandt, sogar einen Strauß und ein ganz paar wenige andere zähle) sind die Guidos und Angelas und auch Schröders echt Zwerge.

    Da spürtest Du mit jedem Atemzug, den der tat, Historie und das Wissen um diese und eine ganz andere Formvon erfahrung, zum Teil ja sehr schlimme, der hatte immerhin die Säuberungsaktionen unter Exilanten in Moskau überlebt.

    Während man aktuell das Gefühl hat, dass jeder Realitätsbezug irgendeinem Marketing Light gewichen ist und ausgerechnet die, die gegen anstinken wollen, sich dann den „Sozialromantiker“-Vorwurf anhören müssen. Grotesk.

  18. T. Albert Oktober 8, 2009 um 2:43 pm

    ja, bude, schlimm.

  19. momorulez Oktober 8, 2009 um 2:47 pm

    Zu Wehner und dessen Rolle auch im Moskauer Exil:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,424322,00.html

    Ergänzt so das Überleben in Zeiten von Säuberungsaktionen durch Denunziation …

  20. T. Albert Oktober 8, 2009 um 4:12 pm

    GLÜCKWUNSCH AN HERTHA MÜLLER!, fällt mir dabei ein. Ein Mensch!

  21. momorulez Oktober 8, 2009 um 4:32 pm

    Ich Pop-Hansel kannte die natürlich wieder gar nicht – trotzdem: Glückwunsch auch von mir!

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