Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: September 2009

Klassiker der Blogbattlekultur: „Von Mises – ein echtes Zitat“

Experten?

Lustig, wie jetzt die Anhänger neuen Rechtsregierung den schwulen Außenminister verhindern wollen. ’n bißchen peinlich ist er ihnen ja doch, der Guido. Aber für die Entrechtung großer Bevölkerungsteile läßt er sich ja vielleicht gebrauchen.

Noch lustiger die Relation von Headline und Text im verlinkten WELT-Artikel. Die „Experten“ sind:

– Der Präsident des „Bundes der Steuerzahler“, also eine Exklusionsvereinigung, die explizit weder Hausfrauen noch Hartz IV-Empfänger vertritt.

– Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter – ist Politologie nunmehr die Expertenwissenschaft für Ministeramtsbesetzungen?

– Der Vorsitzende der Ludwig-Erhardt-Stiftung, Hans Babier – für was ist der denn Experte?

– Der Bonner Politologe Gerd Langguth. Nie gehört. Der ist Mehrwert-Experte:

„Der Mehrwert von Guido Westerwelle ist ganz klar die Innenpolitik, nicht die Außenpolitik. Als Superminister, dazu mit seinem Rednertalent, braucht die Kanzlerin Guido Westerwelle viel dringender.“

Auf dass das DDR-Strafrecht hier tatsächlich wieder Wirklichkeit werde? Und was meint er da eigentlich mit „Mehrwert“? Das auf den Guido anzuwenden, das überlasse ich mal der Kommentarsektion …

„Brandt alias Frahm“

Die Rechten jagen, Teil 2

Ich glaube, ich trete in die Berliner SPD ein:

„Besonders scharfe Töne kommen aus dem Berliner Landesverband der SPD. Nach dem historisch schlechten Abschneiden ihrer Partei bei der Bundestagswahl fordern die Sozialdemokraten in der Hauptstadt einen kompletten Neuanfang. Nach Informationen des RBB verlangten die Berliner Sozialdemokraten am Montagabend in einem Schreiben eine personelle Erneuerung auf Bundesebene. Über Parteichef Franz Müntefering und seine Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück heißt es in dem Papier laut Hörfunkbericht, ein glaubwürdiger Neuanfang sei nur ohne sie möglich. Zudem distanzierte sich der erweiterte Landesvorstand demnach von den Reformen der „Agenda 2010“, die unter anderem die „Hartz“-Gesetze regelt.“

Jawollja. Ich war ja tatsächlich am Sonntag abend schon mal so weit, in die SPD eintreten zu wollen. Wenn solche Forderungen sich durchsetzen, dann denke ich da auch weiter drüber nach. Wenn die sich jetzt nicht ganz doof anstellen, tritt eine wirkliche Mobilisierung ein, und Schwarzgelb schafft die 4 Jahre nicht.

Ja, wie sagte Ernst Toller einst? „Wer keine Kraft zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Leben!“ Angesichts der Art seines Todes erst recht eine Mahnung. Bis heute.

Kleine Umfrage an liberale Blogger und Blog-Leser, die hier gerade zahlenmäßig stark vertreten sind: Wer war Ernst Toller? Aber nicht googlen!

Die Rechten jagen: Teil 1

Na, das wäre doch schon mal ein erster Programmpunkt für die „Neue SPD“ – aus Fehlern lernen ist angesagt:

„Da wird schon klarer, was unter dem Satz „Hartz IV ist Strafvollzug“ zu verstehen ist, wie der Unternehmer Götz Werner (dm Drogeriemarkt) die Umverteilungspolitik nennt. Und natürlich wissen das die Parteien und Verantwortlichen genau. Die Zeit und die Finanzlage spielen für das bedingungslose Grundeinkommen. Was jahrzehntelang kritiklos hingenommen wurde – dass sich die Sozialstaatsverwaltung als eigene Macht im Staat am Vermögen der Bürger bediente und sie dabei zusehends schikanierte -, gerät an die Grenzen der Machbarkeit. Das System ist teuer und sinnlos. Das stellen auch immer mehr Mitarbeiter der Sozialbürokratie selbst fest, die am Alltag des Umverteilens und Verordnens verzweifeln. Auch sie sind Opfer der politischen Vorgaben der Gesetzgeber, die seit Jahren Vollbeschäftigung versprechen – und alle bestrafen, die als lebender Gegenbeweis für die Durchhalteparolen der alten Politik stehen.“

Der Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, hat bereits vor drei Jahren eine profunde Berechnung vorgelegt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist demnach finanzierbar – und ohnehin nur noch eine Frage der Zeit: „Ein immer größerer Teil der Bevölkerung wird von Renten und Sozialtransfers abhängig.“ Man möge, so Straubhaars beharrliche Mahnung, sich nun endlich auf die neuen Realitäten einlassen. Auch weil die finanzielle Basis des alten Umverteilungssystems einfach nicht mehr besteht.“

 

Dass ausgerechnet der im Artikel erwähnte Olaf Scholz wieder ein Direktmandat errungen hat, das freilich schmälert die Hoffnung. Genau diese bürokratistisch-pseudopragmatische  „Zwischengeneration“ der Apparatschiks unter der Obhut des versteinerten Münte muss weg. Es ist schlichtweg affig, wie manche „Kommentatoren“ gerade mal wieder „Die 68er“ verabschieden wollen – nee, die Angepassten, die in den bleiernen Kohl-Jahren „Politik“ lernten (Scholz war von ’82-88 stellvertretender Juso-Vorsitzender), die sind schuld.

Bin gerade mit einem Kollegen am Diskutieren – was fehlt, ist tatsächlich einer, der wie einst Lafontaine dem Scharping die Leviten leist und wieder klar macht, worum’s eigentlich geht in der Sozialdemokratie. Glückauf.

Mit dem Zweistimmen-Endergebnis …

… im Wahlbezirk St. Pauli hätte ich ja auch bundesweit gut leben können 😉 :

„GAL 29,8 %
LINKE 24,2 %
SPD 21,4 %
CDU 9,8 %
PIRATEN 6,8 %
FDP 6,5 %
ödp 0,5 %
NPD 0,5 %
RENTNER 0,3 %
MLPD 0,2 %
DVU 0,1 %“

Na, dann mal ran an die Kritik an der neuen Rechtsregierung! Ja!: Im Namen der Freiheit!

Konnte ja angesichts der Ligaergebnisse dieses Wochenendes gar nicht anders ausgehen. Wenn Rostock und der HSV gewinnen und wir ausgerechnet in Bielefeld verlieren, dann ist ein politischer Rechtsruck schlicht die Entsprechung zu dieser Metapher durch’s Fussballspiel.

Eigentlich ist das aber alles ganz gut so. Dass wir ein Rechtsbündnis bekommen würden, das war ja vorher klar. Die Betonung in diversen Phrasen der „Sieger“, dass dies ein „bürgerliches Mitte-Bündnis“ sei und Herr Wulf ausgerechnet mit Blick auf DIE LINKE gar von „Rändern“ spricht, während seine Partei doch mit einem solchen Rand, echten Extremisten, koalieren will, das gehört zur Demagogie halt mit dazu.

Kurz hatte ich gestern noch die Hoffnung, dass es weder für Schwarzgelb noch für die Große Koalition reichen würde, weil die LINKE zu stark würde. War wohl nix, aber so hat die SPD wenigstens dieMöglichkeit, die Ära Schröder endgültig zu beenden. Hoffentlich begreift sie, dass es darum geht, nur darum gehen kann – Herr Steinmeier, Architekt von HARTZ IV, wirkte ja eben geradezu erleichtert, dass die Chance sich bieten wird, den Albtraum, den er mit Schröder als in der Tat totalitäre „Agenda 2010“ in Agitation gegen die eigene Bevölkerung konzipierte, nunmehr hinter sich lassen zu können.

Ansonsten ist das klare Ergebnis dieser Wahl, dass ein Liberalimus, der diesen Namen verdient hätte, in Deutschland keine Chance hat. Die 15% für eine dezidiert freiheitsfeindliche Klientel-Partei, die sich erblödet hat, sich rollig im Regierungswillen per Koalitionswunsch bereits im Vorfeld Frau von der Leyen, Herrn Rüttgers und Herrn Schäuble an den Hals zu schmeißen, die sprechen da klare Worte. Die Freiheitsfeindliche Partei Deutschlands wird wie immer schon alles, was nach Lauschangriff riecht, durchwinken. Die 15% sind ein Indiz für die zutiefst illiberale Einstellung führender Schichten in dieser Republik  – und so lange es gegen ökonomisch Schwächere geht, wird sie  „Hurra“ schreien als ginge es darum, in den 1. Weltkrieg zu ziehen, die „FDP“. Um jenen, die die Propaganda für die späteren Finanzkrisen Jahrzehnt um Jahrzehnt finanzstark unter die Leute bliesen, eben die Steuern zu senken, damit wieder nur alle anderen die Folgen kompensieren sollen und das FDP-Klientel weiter die Champagnerkorken knallen lassen kann. Habe soeben noch nostalgisch in den „Erinnerungen“ des alle überragenden Willy Brandt gelesen. Der verweist dort spitz darauf, dass einer der Hauptgründe für die „Wende“ 1982/83 gewesen sei, dass die SPD sich geweigert habe, ein Amnestie-Gesetz im Bezug auf alle Parteien betreffenden Parteispendenaffären damaliger Jahre mit zu erlassen….

Auch die Stimmen für die Umerziehungspartei DIE GRÜNEN, die in Hamburg jemanden politisch umarmt, der nur durch die Unterstützung von Rechtsradikalen einst ins Amt kam, sind Zeugnis dafür, dass in Deutschland sich viel zu leicht an Lebensformen statt an Grundrechten festgebissen wird und dann eben doch nur das Raucherunterwerfungsgesetz und nicht etwa Grundsicherungmodelle sich durchsetzen. Es ist dieses geradezu eine Umkehrung liberaler Rechtsbegründung, eine Karriaktur der „Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung“, für die CDU, FDP und GRÜNE gleichermaßen stehen; bei der SPD besteht nun wenigstens wieder die Chance, dass sie sich aus dieser Runde verabschiedet und sich in eine starke linke Opposition einreihen wird, die hoffentlich dafür sorgen wird, dass die Verdrehungen und Verhöhnungen der Begründung und Praxis der Freiheit durch die Rechtsparteien auch als Demagogie erkennbar werden.

Das einzig Gute ist, dass wir demnächst wahrscheinlich einen schwulen Außenminster haben. Das finde ich in der internationalen Wirkung gut; für Schwule hierzulande werden wegen dem schwere Zeiten anbrechen – es könnte geglaubt, „die“ wären alle so wie der.

PS: Frau Merkel hat eben ganz verpilchert proklamiert, sie wolle doch Kanzlerin aller Deutschen sein. Nee, sorry – meine bestimmt nicht.

Honneth versus Sloterdijk: „Ernstlosigkeit und Verquatschtheit!“. Zur Kritik der Kritik.

Auf seltsam verschlungenen Wegen treibt mein Sein, also das für mich zuständige, manches Mal an Orte mich, da ich mich wunder, zu den Leuten, die da rum laufen, sogar dazu zu gehören. Gestern war es der „Reeperbahn Campus„, eine an das Reeperbahn-Festival angedockte Panel-Orgie zu den Problem von Musik, Medien und Musikmedien – erschütternd, wie viele dort ich kannte.

Ja, machste einmal einen Fehler, zahlst Du den Rest Deines Lebens dafür – warum habe ich Idiot nicht einfach promoviert, anstatt mich, um das Loch nach dem Examen zu stopfen, in so seltsame Zirkel zu begeben?

Nicht, dass da nicht haufenweise Leute gewesen wären, die ich wirklich (!!!) gerne mag – aber das Adorno-Diktum „Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie“ wurde gar gruseligst von antiutopischen Marketing-Sprech-Effekten, als Personen getarnt, auf Podien reproduziert, die sich vor allem eine Frage stellten: Welches Buisness-Modell bringt profitable Netz-Kommunikation hervor (und Kommunikation darüber hinaus, weil jenseits des Öffentlich-Rechtlichen  alles wie „Internet“ in diesem Sinne gedacht wird)?

Binsenweisheiten wie jene, dass ja keiner Geld für etwas ausgeben wolle, das es überall umsonst gibt, ragten fast als Ausbund analytischer Schärfe aus einem allgemeinen BlaBla hervor – Ex-MTV-Chefs proklamierten die Wiederkehr des Experten mit Gesicht („Man braucht Gesichter, um zu verkaufen“) als Guides durch das Produkt-Geschehen, die nach Jahrzehnten der medienimmanenten Didaktik-Kritik Orientierung bieten könnten, was gut und wertvoll sei und was nicht auf unüberschaubaren Märkten. Telekomm-Vertreter hielten dem „The Wisdom of the Crowd“ entgegen – und bei alledem ging’s um nix anderes, als eben immer neu, imer neu, immer neu zu denken, wie Buisness-Modelle profitabel Kommunikationen erzeugen könnten. Werbung schalten? User zahlen lassen? Investoren bescheißen? Soll ja da Kaffee-Erben in Bremen geben …

WELCHE das sein könnten, welche Inhalte interessieren oder was zu sagen sei, das wurde fröhlich ignoriert. Die Frage der flächendeckendenVerrechtlichung als künstliche Verknappung, um eben zu verhindern, dass es zu viel umsonst gäbe, die wurde allenfalls gestreift – das Bemerkenswerte war, dass all die ollen Marxschen Fragen diskutiert wurden, ohne dass es jemand merkte oder zu formulieren gewagt hätte: Wie nämlich die Produktivkraftentwicklung neue Produktionsverhältnisse hervor bringen könnte und BWLler Hand in Hand mit Juristen damit beschäftigt sind, genau dies zu verhindern. Alles nix Neues, doppelt eklig nur, wie alle sich potenziellen Investoren präsentierten, mit deren Geld sie ihre Buisnesspläne mit Kohle füllen könnten (habe ich ja auch unlängst erfahren dürfen, wie man sich dabei fühlt: Ekelhaft! Dagegen war selbst das Empfinden bei Arbeitsagentur, EIN RECHT auf deren Leistungen zu haben, angenehmer).

Bekanntlich hat genau dieses als Prinzip Meisterdenker Sloterdijk gesamtgesellschaftlich wieder offen gefordert. Wenn Geschichte sich nur als Farce wiederholt, dann ist um so grotesker, wie derzeit doch wieder alle versuchen, New Economy zu spielen. Axel Honneth hat Sloterdijk nun großflächig und doppelseitig in DIE ZEIT geantwortet und fasst dessen  „Knie nieder vor den Herrschern und lutsch ihnen so lange die Eier, bis sie gerne geben!“ folgendermaßen zusammen:

„Unter dunkler Berufung auf Georges Bataille war dort (in Zorn und Zeit, MR) die Rede davon, dass die Reichen und Begüterten nur dann die ihnen kulturell auferlegte „Selbstverachtung“ abschütteln könnten, wenn sie in einer „Ökonomie des Stolzes“ ihr Vermögen in „schönen Handlungen“ der „freiwilligen Beschenkung“ nach unten an de Bedürftigen verteilen würden. Das sollte im Klartext so viel heißen wie, dass jede staatliche Pflicht zur Abgabe vom eigenen Reichtum diesen Besitzern nur eine Kränkung des Gefühls wohlverdienten Erfolgs bereite, während dessen souveräne Verausgabung bei den Mitgliedern jener Schichten eine Empfindung beglückender Großherzigkeit auslöse.“
Axel Honneth, Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe, in DIE ZEIT Nr. 40 2009, S. 61

Auch sonst nimmt Honneth die „geistige“  Entwicklung der aufgeblasenen Nietzsche-, Gehlen und Antike-Verunglimpfungsspracherfindungsmaschinerie des Salbadernden ganz gelungen auseinander, kann ja jeder bei Interesse selbst lesen. Was ihm entgeht, ist, wie die auch hierzulande mittels „liberaler“ Blogs verbreitete, rechtslibertäre und mit Neocon-Inspirationen garnierte US-Schule bei Sloterdijk durchschimmert; einen Hayek-Bezug zitiert er, wobei der nun gerade nicht in Hans-Hermann Hoppes Dünstungen schwitzte, idealtypisch, nicht chronolgisch gesprochen, soweit mir bekannt ist.

Problematischer oder auch gerade nicht ist die Milieu-Verortung jener, die er für Sloterdijk-Fans hält:

„Die Beliebtheit der philosophischen Essays des Peter Sloterdijk hing von Anfang an mit dem Aufstieg eines sozialen Mlieus zusammen, das den kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates  nur Verachtung entgegenbrachte, ohne aber für die politische Gestaltung der Zukunft irgendeine tragfähige Idee zu besitzen. In ihrer akademischen Jugend, die zumeist in die Jahre der Maueröffnung und des Zusammenbruchs der Sowjetunion fiel, hatten die Vertreter dieser neuen Elite die Schriften von Michel Foucault gelesen, waren aufgrund ihrer ungebundenen, elastischen und sprungebreiten Geisteshaltung schnell zu allen erdenklichen Machtpositionen gelangt, wo sie nun saßen, um auf einen Einfall oder ein klärendes Wort zur Signatur unserer Epoche zu warten. In diesem Milieu, den Redktionsstuben der Feuilletons, den Kasinos der Banken, den Architektenbüros und Werbeagenturen, herrschte Einigkeit nur darüber, dass der Wohlfahrtsmentalität des sozialdemokratischen Zeitalters unbedingt ein Ende zu bereiten sei; zu abhängig schienen die Massen, zu sehr nur auf die gebende Hand des Staates erpicht, als dass aus dem Schoß einer derartigen Kultur noch irgendein kraftvoller Gedanke oder Lebensstil hervorgehen könnte.“

Ebd., S. 60

Seufz. Ja, alles wahr; ja, aber eben so doch nicht. Glaube auch nicht, dass Herr Honneth dieses Milieus wirklich kennen gelernt hat.  Zum einen würde ich mit der Machtposition, die Axel Honneth als Leiter der Instituts für Soziaforschung in bestimmten Kontexten genießt, aber sowas von sofort tauschen, so als ehemals leitender Angestellter eines Medienunternehmens, der einst Foucault gelesen hat. Zum zweiten ist Milieukritik eben gerade keine ökonomische Kritik und als politische nur bedingt taugliche. Zum dritten übersieht er als einer jener, die Exzellenzcluster zur Entstehung normativer Ordnungen initiieren, Binnendifferenzen in Realwirtschaft – und das ist Vorstellungen Normativität betreffend ein gravierendes Problem, dass geglaubt wird, man kenne sich aus, wenn man aus McKinsey-Broschüren zitieren kann.

In eben diesen Redaktionsstuben, ja, in Werbeagenturen gar toben ja durchaus Kontroversen, die mit den Mitteln nackter, ökonomischer Macht seit 2 Jahrzehnten unterdrückt werden, Strukturen und sytemische Prozesse, an denen jene sich aufreiben, die noch dagegen anstinken wollen inmitten des Geschehens, während sie von einem befristeten Zeitvertrag bis zum nächsten sich hangeln. Und manche sind so bescheuert, als „digitale Bohéme“ auch noch stolz darauf zu sein.

So wählt man dann wie ich den schrecklichen Weg des „Jungunternehmers“, einfach, um sich nicht mehr mit Chefs rum schlagen zu müssen – um wiederum Banken ausgeliefert zu sein, seine ganze Existenz aufs Spiel zu setzen und ökonomisch keine andere Möglichkeit zu haben, als Leute mit Zeitverträgen auszustatten. Letzteres ein Phänomen, das ja dem akademischen Sektor nur wohlvertraut ist.

Meiner Ansicht nach haben die Sloterdijk-Lektüren da zumindest teilweise eher kompensatorische Funktion, weil abgesehen von BWLern, Juristen und ein paar Wenigen in den Chef-Etagen, die sich auf Kosten der Eigner (was mir egal ist) wechselseitig die Posten zuschieben,  gar niemand mehr wirklich von dem Ganzen profitiert, sondern allesamt in der selben DDR-Wirklichkeit sich wieder finden: Auf dem Panel beim Reeperbahn-Campus in Marketing-Sprech zu verfallen, als würden sie SED-Reden reproduzieren, um hinterher beim Bier genau darüber zu jammern – heimlich und privat. Diese als Milieu-Kritik reformulierte, ressentimentgeladene Kulturkritik von Herrn Honneth hilft da leider so gar nicht weiter.

Um so erstaunlicher (obwohl mir das auch schon passiert ist, wiederholt) ist, dass Honneth gegen Sloterdijk und dessen Forderungen nach dem „antifiskalischen Bürgerkrieg“ ausgerechnet das Leistungsprinzip wendet (S. 61, Spalte ganz rechts) – dass die Vermögenden ja gar nicht aufgrund eigener Arbeit, sondern eben Dank Erbschaft, Herkunft etc. das vor dem Finanzamt zu rettende Vermögen hätten. So übernimmt er Sloterdijks Trennung zwischen Produktiven und Unproduktiven einfach und reproduziert im Grunde genommen dessen Argumente. Das liest sich fast wie „Leistung muss sich wieder lohnen!“ und macht aus strukturell-systemischen Prozessen, die sein Lehrer Habermas doch so vortrefflich zu analysieren wusste, auf einmal einen Diskurs, der denen der Hartz IV-Schließer in den Agenturen analog erscheint: Nur, wer ordentlich Bewerbungen schreibt, kriegt Geld. Da war die Mehrwerttheorie aber pfiffiger.

Intelligenter schon folgende Passagen:

„Nicht besser ist es um Sloterdijks These bestellt, derzufolge moralische Wut und Empörung der sozial Benachteiligten nur mit Motiven eines gegen die Priviligerten gerichteten Ressentiments zu erklären seien; hier fragt man sich, warum der Umweg über eine solche Trivialpschologie genoommen werden muss, wenn doch die politischen Verfassungen westlicher Demokratien die Betroffenen geradezu dazu auffordern, von dem begründeten Anspruch auf rechtliche Geichbehandlung Gebrauch zu machen. Im Kampf gegen soziale Diskriminierung und ökonomische Benachteiligung versuchen die jeweiligen Akteure nur umzusetzen, was ihnen die moralischen Prinzipien des modernen Rechtsstaates versprechen; dazu ist keine Gier nötg, kein Neid und kein Ressentiment.“

Ebd., S. 61

Eben. Ähnlich pariert Honneth Sloterdijks „Gleichheitskritik“, die ebenfalls direkt der liberalen Blogosphäre und deren Vorbildern entnommen scheint: Diese von Sloterdijk kritisierten Gleichheitsforderungen seien in dessen Augen identisch im nationalen wie internationalen Gewande und wären doch, von Intellektuellen, den „Weltgeistlichen des Hasses“, noch angespornt, im selben Sinne nur aus Neid nur gegen die „Eliten“ gerichtet, kein Wunder, dass da Auschwitz bei rausgekommen sei.

Eben die übliche Linksrechts-Gleichung, die zwischen formaler und materialer Gleichheit nicht unterscheiden will und so vorgibt, nicht zu begreifen, dass unter dem Banner der universellen, allen gleichermaßen zustehenden Menschenrechte es sich eben anders segelt als bei einer „Solidarität unter Gleichen“, wie sie im Nationalismus sich zeigt, welcher nur aufgrund von Exklusionen und Abwertungen gedacht werden kann. Dass dem demokratischen Nationalstaat als Garant der Stabilität kapitalistischer Ordnungen – wie jüngst gerade alle  wieder hautnah erleben durften – eben deshlab von Anbeginn an ein Paradox innewohnt, das hat Seyla Benhabib zwar analysiert, aber Honneth läßt es bleiben. Wiederum verreckt die Kritik auf halber Strecke und fällt hinter das zurück, was Marx einst zu denken wusste.

Denn so richtig Honneths Berufung auf die dem Konzept universeller Rechte innewohnende Moral im kantischen Sinne liegt, so klar wird an seiner Replik, dass sie an Sloterdijk-Apologten abprallen wird – weil sie die Verknüpfung mit Kritik der politischen Ökonomie nur noch unter Berufung auf ausgerechnet das „Leistungsprinzip“ zu vollbringen vermag. Das ist dann wohl das aktuelle Elend der Kritischen Theorie.

Da mag Charles Taylor noch so sehr die Oppostion zwischen prinzipiellen Gleichheitsvorstellungen und an Leistung orientierten Modellen der Verteilungsgerechtigkeit analysiert haben – wenn man die prinzipiellen Rechte aller gleichermaßen nicht mehr zu verknüpfen vermag mit der Frage „Ja, aber wie verteilen wir denn nun mal die Güter?“ auf der Ebene der Ökonomie selbst, dann überlässt man eben BWLern und funktional-eigeninteressiert orientierten Juristen das Feld.

Der Pointe von Honneth, bezogen auf Sloterdijk,  ist freilich dennoch zuzustimmen:

„“(…) nur wenige mag es geben, die da nicht in ein Grübeln verfallen, ob unsere demokratische Kultur nicht inzwischen einen Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatschtheit erreicht hat, der ihren eigen Ansprüchen Abbruch tut.“

Ebd., S. 61


Nachtrag: Der Honneth-Text ist jetzt auch online verfügbar.

Und noch einer!

Bremen chancenlos

heute abend im Pokalfight

gegen St. Pauli.

Kruse trifft ins Herz

der Werderaner Meute

auch Bruns und Takyi

zielsicher schießen

sie Trauer an die Weser

das Finale ruft!

Jubelüben neu

macht Sinn und sollte reichen

Siegen = St. Pauli!

Werder mag ich auch

doch heute nicht – wir schaffen

sie ohne Schnee erneut!

Nachtrag: Schade, hat das Positiv-Unken halt nicht geklappt. War mir so sicher heute. Habe mich sogar noch von einem Angestellten, dem das Schicksal widerfuhr, Werder-Fan zu werden,  mit den Worten „Nicht traurig sein morgen!“ verabschiedet. Nun muss ich ihn halt doch feuern …

Noch’n Versuch

Elbebecken ruht .

Splitterfall vom Abendrot

ins Brückenbild.

Der Rücken rumort

will Schlaf will Nacht im Hafen

Lichtschein vom Hotel.

Letzte Abfahrt vor

dem Weg in fiesen Süden

Hafen blickt nicht.

Tosca stürzt tief

Chet Baker bläst ihr leise

das letzte Geleit.

Low Budget Dienst

wird 11 wird 12 imHafen

und Tosca stirbt

seit Stunden. Opfer

wollen immer neu sie tot

ins Wasser fallen seh’n.