Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: August 2009

Einen Satz versteht man, wenn man seine Wahrheitsbedingungen kennt!

Man kann es ja gar nicht wirklich fassen.

Ich kann es wirklich nicht wirklich fassen. Doch es ist wahr

Ausnahmsweise kann man sich sogar auf das „Gerede des Man“ beziehen, ging uns ja eben allen so. Aufspringende Menschen in Kneipen, Chöre, Bier spritzt, Stühle fallen, Johlen, Lachen, Jubeln, das Service-Personal verzweifelt, der Wirt fällt einem von hinten um den Hals und strahlt, strahlt, strahlt …

Wenn was Blödes passiert, dann fühlt man sich ja gerne bestätigt. Ja, klar. War ja klar. Hab’s ja gleich gewußt.

Aber ein 4:0 ins Karlsruhe nach einem 5:0 in Aachen??????

Was haben wir gejammert, gelästert, gelitten in der letzten Saison, bei fast jedem Auswärtsspiel (die in Duisburg, Aachen – und war da noch was? – ausgenommen) … und dann sowas.

Stanislawski, Trainer-Gott.

Sowas Schönes.

Ich meine, das 3:0 und 4:0, das war doch, also, ja, eine Ästhetik des Schönen ist ja tabu, aber in dem Falle wäre es an der Zeit, Tabubruch zu begehen und genau das zu wieder zu vertreten. Was für ein cooler Freistoß auch zum 1:0!

Sowas Souveränes. Die unseren standen meistens richtig, die liefen meistens richtig, und dann sagt der Lehmann noch zu recht: „Wir haben heute nicht so gut gespielt wie die letzten Male …“

O-Feuer-Sportsbar: Heiliger Ort. Hier kann man den Boys in Brown wirklich huldigen, selbst wenn das Klischee vom „Banker neben Punker“ sogar zur Häfte wahr wurde, mein Sparkassen-Sachbearbeiter war nämlich auch da. Obwohl ich doch gar kein Punker bin. Aber der Post-Punk, der war da zu spüren … der dringt durch uns durch. In allen Facetten. Mit Gospel und Soul angereichert. Dann war er immer schon gut. Der FC St. Pauli vibriert. Groovet.

Meine Schwester hat immer gesagt, wenn man von Süden gen Norden fährt, dann ginge hinter Hannover der Himmel auf. Hier in Hamburg war er heute abend ganz weit offen. Die Wolken trieben gemächlich dahin, den Anblick genießend, wie Skulpturen angestrahlt in der Dämmerung, ein Hauch von Rosa in Graublauweiß-Variationen, und Chöre aus dem Stadion „St. Pauli, St. Pauli!!!“ füllten die Viertel rundherum – da spielte nämlich gerade noch unsere „Zweite“ gegen den VfB Lübeck.

Glücksgesättigtes Genießen, nee, kann doch nicht wahr sein, isses aber.

Es ist wahr.

Es ist wirklich wahr … einen Satz versteht man, wenn man seine Wahrheitsbedingungen kennt. Ich kenne die des Satzes  „der FC St. Pauli hat heute 4:0 in Karlsruhe gewonnen“. Und es fühlt sich gut an …

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Engagierte Literatur

Kunstfreiheit 1962

„Es sei alles falsch, die Wirklichkeit sehe ganz anders aus. Ganz sicher tut sie das. Sähen sie die Realität wie Genet, wären sie eben auch Dichter.“

Seltsam. Soeben beim ersten Lesen habe ich den Satz anders encodiert: „Sähe die Realität aus wie bei Genet, so wäre auch sie ein Dichter.“ Was ja eine schöne Vorstellung wäre, morgens als Reim zu existieren in Shakespearschen Sonetten, anstatt profan im Bus zur Arbeit zu fahren. Wollte jedoch nicht Rilkes Panther sein, schon gar nicht Benns „Schöne Jugend“ – dichtet sie vielleicht doch?

Handel und Sozialtransfer: Unterschiede

Handel ist, wenn man im Grenzfall seine Niere auf dem Organmarkt verscherbeln muss.

Sozialtransfer bewirkt, dass man sie behalten kann.

Der Ethos der Autonomie

Was ich nicht verstehe, ist, wieso Richard Rorty in seinem ja wirklich überragenden „Kontingenz, Ironie, Solidarität“ die Fraktion der „Selbsterschaffer“ „Ironiker“ nennt.

Dass er sie „liberale Ironiker“ nennt, das ist aus dem US-Kontext ganz plausibel. Dort hat „liberal“ ja mit Freiheit noch was zu tun und formuliert nicht mal eben eine Priorität des Eigentums vor der Person, um dann alle, die nix haben, als „Volksschädlinge“ auszuweisen, als „parasitäres“  Pack, am „Volkskörper“ saugend. Diese Metaphorik ist ja eher typisch deutsch und gehört in den Kontext des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts.

Wobei ich die aktuelle Masche, nunmehr die Metaphorik des „Schmarotzertums“  auf jene anzuwenden, die meine Einkommens- und Umsatzsteuer nutzen, um ihre Vermögen zu sichern, um dann mit Merkel und Ackermann im Kanzleramt zu feiern, wie ihnen dieser Coup gelungen ist, genau so unheimlich finde.

Habe die Mehrwerttheorie von Marx nie als „Schmarotzertheorie“ gelesen, sondern als eine, die Prinzipien und Logiken, denen Verteilungsfragen folgen, behandelt. Also als eine, die sich ausdrücklich nicht gegen „die Kapitalisten“ wendet, sondern die strukturelle, ja systemische Ungerechtigkeiten und instutionalisierte Menschenverachtung und das Einschränken des Möglichkeitsspielraums von Individuen analysiert. Und die als unausformuliertes Ziel des Freiheit des Einzelnen, die Maximierung des Möglichkeitsspielraums jeder Person gleichermaßen auf der Basis des Gemeinschaftsbesitzes an Produktionsmitteln zum Ziel hat – „morgens fischen, mittags jagen, abends räsonnieren“.   Die berühmte „freie Entfaltung der Persönlichkeit“.

Deshalb verstehe ich auch nicht, dass Rorty keinen systematischen Zusammenhang zwischen eben dieser freien Entfaltung und Theorien der sozialen Gerechtigkeit postuliert. Wie oft geschrieben: Letztere ist Voraussetzung und Bedingung des Ersteren. Und dann kann, wer will, dem folgen, was Rorty so überragend schlüssig und, ja, schön!, herausarbeitet in seiner Behandlung von „Ironismus und Theorie“:

„Das Ziel ironistischer Theorie ist es, den metaphysischen Drang, den Drang zum Theoretisieren, so gut zu verstehen, daß man vollkommen frei von ihm wird. Die ironistische Theorie ist also eine Leiter, die man wegwerfen kann, sobald man herausgefunden hat, was die eigenen Vorgänger zum Theoretisieren getrieben hat. Eine Theorie des Ironismus wäre das letzte, was ironistische Theoretiker wollen oder brauchen. Sie geben sich nicht damit ab, für sich und ihre Mit-Ironiker eine Methode, Plattform oder eine Begründung zu beschaffen. Sie tun nur das, was alle Ironiker tun – sie versuchen sich in Autonomie. Sie bemühen sich, die Kruste ererbter Kontingenzen aufzubrechen und ihre eigenen Kontingenzen zu schaffen. Das Gattungsmerkmal von Ironikern ist das Fehlen der Hoffnung auf eine ihnen überlegene Instanz, die ihnen die Zweifel an ihren abschließenden Vokabularen nehmen könnte. Das heißt: Für sie gibt es nur ein Kriterium, das Zweifel ausräumen kann, nur ein Kriterium für private Vervollkommung – Autonomie, nicht die Affilation an eine Macht außerhalb ihrer selbst. Das einzige Maß, an dem Ironiker Erfolg messen können, ist die Vergangenheit – aber nicht, indem sie ihr Leben nach der Vergangenheit richten, sondern indem sie Vergangenheit neu in ihren eigenen Worten beschreiben und dadurch sagen können: „So wollte ich es.“

Richard Rorty, Kontingenz, Ironie, Solidarität, Frankfurt/M. 1992, S. 163-164

In hiesigen Diskussionskontexten freilich müsste man „Ironiker“ anders nennen, Vorschläge erbeten.

Diese omnipräsente, penetrante Witzelei, dieses kotzbrockenbewehrte „Augenzwinkern“, diese ganze Scheindistanz, das Ausweichen, das Bloßnichtssagen, das seit den 80ern in Feuilleton und Kunst drang, das ist ja alles eher Zynismus als Ironie. Niemand hat das wohl intensiver ausgearbeitet als Broder, bei dessen „Ironie“ der reine Stil übrig bleibt, der im Gehalt des Denkens dann keine Entsprechung mehr findet – traurig im Lande eines Kästner und eines Tucholsky, das solche landserhaften Karrikaturen des Ironischen und Satirischen die Publizistik prägen.

Umgekehrt braucht man nur einmal Diskussionen über Christiana in „liberalen“ Blogs zu lesen, und schon ist offenkundig, gegen was für doktrinäres K-Gruppen-Geschrei dieser Ethos des Ironischen einst gerichtet war. Auch wenn nichts öder scheint, als aktuell Kippenberger heranzuziehen: Das „Lieber Maler, male mir“, da er Plakatmaler buchte, um deren Bilder in einer Ausstellung als seine Werke auszustellen, oder auch das Verbinden vieler Harzer Käse mit Stromleitungen in einer Galerie zusammen mit Albert Oehlen, das verweist selbst hierzulande auf Versuche dessen, was Rorty meinen könnte.

Und das Umschreiben der Vergangenheit hat wohl kaum jemand kühner und konsequenter vollbracht als Michel Foucault. Rorty nennt Nietzsche, Heidegger, Proust und Derrida, und es lohnt sich zu lesen, wie er sie nutzt.

„Das vollkommene Leben wird eines sein, das in der Gewißheit endet, daß jedenfalls das letzte seiner abschließenden Vokabulare ganz das SEINE war.“

Ebd., S. 164

Mal ab vom „besitzanzeigenden Fürwort“, das nervt: Hätten wir doch eine Tradition des Liberalismus in Deutschland, der sowas denken kann.

Wir haben stattdessen Westerwelle, und Dahrendorf und Popper wären als linksradikal verschrien, würden sie heute ihre Karriere starten  …und Habermas als jener, der am konsequentesten die US-Liberals adaptierte und weiter dachte, hat gerade mit dem, was Rorty meint, am allerwenigsten anfangen können. Das muss revidiert werden. Pro Revisionismus!

„Recht auf Stadt“

Passt zur Bourdieu-Diskussion, gerade zu manchem in den Kommentaren, und ebenso zum letzten Eintrag – wie auch zur „Christiana“-Diskussion drüben bei den B.L.O.G.s, wo mancher sich darüber empört, dass man selbst entsetzt ist, wenn „parasitär“ im Falle von Empfängern von Sozialleistungen gänzlich befreit und gereinigt von historischen Dimensionen und dem Gehalt der Metapher wie eine Allerweltsvokabel gebraucht wird und Hand in Hand mit Räumungsforderungen im Falle „Christianas“ auftritt.

Und auch ganz unabhängig von alledem sei das sowieso zitiert:

 

„Kunst war dem Hanseaten noch vor kurzer Zeit „der Große Ungewaschene“, jemand der nicht rechnen kann, bestenfalls ein Sträusschen am Hut.
Das hat sich geändert. Denn Stadtentwicklung ist für die neoliberale Ideologie der „Wachsenden Stadt“ gleichbedeutend mit Standortmarketing.

Und Kunst und Kultur spielen darin eine zentrale Rolle als Imageproduzenten. Dementsprechend umgarnt die Regierung neuerdings die Kreativen der ehemals verachteten und bekämpften Subkulturen.
Die werden nun gebraucht: als Raumpioniere der Gentrifizierung, um Wilhelmsburg für die Mittelschichten belatschbar zu machen, um jene Viertel ins Gerede zu bringen, die noch nicht die erwünschte Rendite erwirtschaften,
oder um die öde Hafencity mit milden Unberechenbarkeiten aufzupeppen. Gerade jene Kunstformen, die „sich dem Markt entziehen“ und nach Subversion riechen,
werden von IBA und Subvision bevorzugt instrumentalisiert – bis der „Kulturinvestor“ die Kündigung ausspricht, die Gentrifizierung in die nächste Phase tritt.
 
Das stinkt vielen „Kreativen“, die neuerdings als treibende Kräfte der Anti-Gentrifizierungsbewegung agieren. Manche sprechen bereits davon,
dass es sich um den Beginn einer neuen Bewegung handelt, die soziale Kämpfe (gegen Abrisse, gegen Mieterhöhung usw.) verknüpft mit einer Politik des Begehrens,
mit der Erfindung neuer Räume kollektiver Leidenschaften. Denn in all diesen Fällen geht es um urbane Möglichkeitsräume – um das „Recht auf Stadt“.“

Tu Gutes in der Nachbarschaft!

Die besten Sachen bekomme ich wieder nicht richtig mit, dabei wohne ich fast um die Ecke.

Das Kind mit dem Bade ausschütten? Der Distinktionsgewinn

Diedrich Diederichsen hat ja zu recht irgendwo, irgendwie, irgendwann  darauf hingewiesen, dass man mit der Diagnostik des Distinktionsgewinns beim Gegenüber eben diesen zu erzielen sucht. Trotzdem sind Bourdieus Analysen der Ungleichverteilung des „kulturellen Kapitals“ immer neu zu diskutieren.

„Paradoxerweise ist den Intellektuellen am ÖKONOMISMUS gelegen, der dadurch, daß er alle – zumal den Austausch betreffenden – sozialen Phänomene auf ihre ökonomische Dimension verkürzt, es ihnen ermöglicht, sich aus dem Spiel zu halten. Deshalb muß die an die Existenz des kulturellen Kapitals erinnert werden und daran, daß dieses Kapital neben direkten Profiten – zunächst einmal natürlich auf dem Bildungsmarkt -, aber auch anderswo – seltsamerweise von den Grenznutzentheoretikern vergessene Distinktionsgewinne verschafft, die sich AUTOMATISCH aus einer Rarität ergeben, das heißt aus der Tatsache, daß es ungleich verteilt ist.

(…) Distinktionsgewinn ist jener Gewinn, den die DIFFERENZ verschafft, der vom Gemeinen trennende Abstand. Zu diesem direkten Gewinn kommt ein weiterer dazu: der Gewinn aus Interesselosigkeit, den erhält, wer sich selbst und den anderen den Eindruck vermittelt, keinen Profit zu suchen, völlig uneigennützig interessefrei zu sein.

(…)

Gegen diesen Trugschluß soll mein Buch daran erinnern, daß der Zugang zum Kunstwerk Instrumente erfordert, die nicht unversell verteilt sind. Und daß folglich die Inhaber dieser Instrumente sich Distinktionsgewine sichern, Gewinne, die um so höher sind, je rarer diese Instrumente sind (wie jene, die man braucht, um sich ein avantgardistisches Werk anzueignen).“

Pierre Bourdieu, Die Kunst, Parolen zu widerstehen, in ders.: Soziologische fragen, Frankfurt/M. 1993, s. 10-11

Dieser suggestive Funktionalismus bringt ja manches ziemlich auf den Punkt.

ABER: Der klassische Einwand gegen diesen Topos Bourdieus ist ebenso triftig – den Gehalt eines Kunstwerkes kann er so nicht erfassen können, wenn er nur die Position im Feld bestimmt, die dann einen Habitus hervorbringt, eine Haltung, die kulturelles Kapital in allen Facetten von der Sprache bis zur altersangemessenen Rasur und dem richtigen Understatement bei der Wahl der Klamotten signalisiert.

Deshalb, um mal so nebenbei eine große These rauszuhauen, halte ich die Gesellschaftstheorie von Habermas – jene bis zur „Theorie des Kommunikativen Handelns“, der Sündenfall dann war „Faktizität und Geltung“ – der Feldforschung Bourdieus um Längen überlegen.

Weil durch die Entgegensetzung von „System“ und „Lebenswelt“ wie auch dem kommunikativen Handeln als Komplementärbegriff zu jenem der Lebenswelt eine in Kommunikationsprozessen fundierte Reflexionsphilosophie von Wahrnehmungsprozessen möglich ist, bei Bourdieu geht das gar nicht. Und zudem eine Verständigung darüber, was denn nun ein Kunstwerk mit mir macht und was es zeigt (oder warum es sich verschließt und dadurch Erfahrungen den Raum verschafft). Um umgekehrt, und genau das wird in der Rezeption ja immer vergessen, durch die Analyse systemisch-strategischer Prozesse eben jene Dimension auch einzufangen, die Bourdieu beschreibt und die Lebenswelt durch und durch strukturriert – um freilich einer rationalen Problematisierung trotzdem zugänglich zu bleiben.

Im Nachhinein fatal, dass Frankfurter Orthodoxe wie Postmoderne und Poststrukturalisten dieses anknüpfungfähige Tableau unkenntlich machten, indem sie einfach nur ein Drittel der Konstruktion zur Kenntnis nahmen. Hat Habermas mit all seinen Schlachten zwar auch zu beigetragen – aber mit ihm kann man Wahrheit und normative Richtigkeit wenigstens noch denken. Zu Kunst wußte er eher angelesen nur etwas zusagen, glaube ich, „Authentizität“ ist so ein sozialpädagogischer Kunstgriff, den er dann als dritten Geltungsanspruch fehl platzierte.

Die Scharniere jedoch sind in der Theorie schon angelegt, um dieses Mobilé, das auch hier sich verheddert hat, mal wieder rekonstruktiv aufzuheben …

„Der Andere ist, was mir erlaubt, mich nicht ins Endlose zu wiederholen“ (Jean Baudrilliard)

„Wir leben in einer Kuiltur, deren Ziel es ist, jedem die Verantwortung für eigenes Lebens aufzuladen. Die von der christlichen Tradition geerbete moralische Verantwortlichkeit hat sich mittels des gesamten modernen Informations – und Kommunikationasapparats verstärkt, um jedermann die Gesamtheit seiner Lebensbedingungen überneheen zu lassen. Das kommt einem Herausreißen des anderen gleich, der in der Programmerfüllung der Existenz vollkommen nutzlos wurde, da jedermann der Autarkie der Zellindividualität zustrebt.

Nun ist das eine Absurdität. Von niemandem wird angenommen, daß er die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt. Diese christliche und moderne Vorstellung ist eine vergebliche und arrogante Vorstellung. Sie ist außerdem eine bodenlose Utopie. Das Individuum müßte sich in den Sklaven seiner identität, seines Willens, seinr Verantwortung verwandeln, in den Sklaven seiner Begierde. Es müßte alle seine Kreisläufe kontrollieren, alle Kreisläufe der der Welt, die sich in seinen Genen kreuzen, seinen Nerven, seinen Gedanken. Knechtschaft ohne Maß.Wieviel menschlicher ist es, sein Schicksal, seine Begierde, sein Wollen in die Hände eines anderen zu legen! Kreislauf der Verantwortung, Beugung des Willens, andauernde Formübertragung.

Mein Leben, weil es sich im anderen abspielt, wird vor sich selbst geheimnisvoll.“

Jean Baudrilliard, Für eine Ethik der Devolution, in: Bernhard H.F. Taureck, Ethikkrise, Krisenethik, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 119

Eben! War gar nicht Charles Takyi, der gestern schuld war an seiner gelb-roten Karte und damit dem Bruch im Spiel. Es war doch der Schiedsrichter, der ihn zuvor zu Freiwild erklärt hatte durch Nicht-Ahnden all der üblen Fouls an unserem Spielmacher. Da musste er sich aus reinem Selbstschutz die beiden Gelben abholen, der Charles, um den Platz halbwegs heil zu verlassen – denn was diese Truppe aus Meiderich da rumholzte, das war nicht schön.

Auch das Foul vor dem 2:1 – was ein Traumtor! – hat er nicht gepfiffen, stimmt schon. Der hatte halt auch den Baudrilliard vorher gelesen und war die ganze Zeit abgelenkt, weil er sich gar nicht entscheiden konnte, wem der 22 Männer auf dem Platz er nun folgen solle, um wieder Zauber in sein Leben zu bringen und sich nicht ins Endlose zu wiederholen. Wirkte etwas verpeilt, der Mann. Orientierungslos. Trotz lauter Hinweise von den Tribünen.

Das fanden sogar die Duisburger Zuschauer, dass die Schiedsrichterleistung eher mau war. Haben sich ja auch einen Elfmeter gefangen. Die waren nett, die nach dem Spiel vor der Domschänke. Genau so, wie man sich Leute aus der Ecke vorstellt -positiv angeprollt, angenehm selbstironisch, freigiebig beim Bier verteilen. Nur diese Arroganz gegenüber den Obernhausenern, die sollten sie sich mal wieder abgewöhnen. RWO ist ist schließlich einzige wirkliche Underdog im deutschen Fussball.

Diese blau geringelte Mannschaft da gestern auf dem Platz hatte solche Fans gar nicht verdient. Ich habe mich zwar im Nachhinein geschämt, in den Chor „Ihr seid ’ne Schauspielertruppe!“ eingestimmt zu haben, weil ich gegen Schauspieler ja gar nichts habe. Aber was gemeint war, das stimmte schon: Lauter tumbe Theatralik, überflüssiges Umfallen, peinliche Posen. Das hätte meinem Vater gar nicht gefallen.  Er wurde geboren in Meiderich und hat noch auf dem Weg zur finalen OP gefragt, wie denn der MSV gespielt hat. Glaube, mein Opa ist noch für die aufgelaufen. Und jetzt so eine unsympathische Mannschaft. Selbst Tiffert, die geile Sau, war angesteckt von dieser Suggestion des Fussballerischen. Hat sich halt bestimmen lassen von Leuten wie diesem Blonden mit dem Stirnband, der den Geknockten gab, als Charles vom Platz musste.

Aber was unsere Manschaft da treibt, in deren Hand ich mich immer mal wieder begebe, angesichts dessen wird mir mein Sein allmählich tatsächlich ganz geheimnisvoll. Unheimlich. Fremd. Schön!

Was eine Truppe!

Bin ja eh schon seit Jahren ganz teeniehaft  in Florian Bruns verliebt, jetzt aber in die ganze Mannschaft. Diese totale Hingabe an den heiligen Geist. Der wohnt ja unter dem Millerntorrasen, deswegen heißt der Platz nebenan „Heiligengeistfeld“. Wie sie ihre Verantwortung ganz an die Magie des FC St. Pauli delegieren, aber sowas von ganz und gar, von ihm diese Eruptionen von Fussballkunst empfangen, die aus ihnen herausplatzen und sich die Bahn in einer Energieleistung noch zu zehnt brechen, dass man aus dem so verursachten, kausal, Jubel gar nicht mehr heraus kommt – ja, wie sie einander folgen und sich vom Pass des Mitspielers besttimmen lassen, ganz den Willen und die Begierde derer auf den Rängen aufsaugend, hallelujah, das erlaubt plötzllich wirklich, mich nicht ins Endlose wiederholen zu müssen bei diesem Sauf- und Guck-Ritual alle zwei Wochen. Ein ganz neues Millerntorgefühl.

Schon dieses Hochgeschwindigkeits-Ballett da in Aachen, wir konnten es nicht fassen, in der neuen O-Feuer-Sportsbar sitzend und „Wir haben keine Gegner mehr – drum bringt uns Barcelona her!“ singend.

Aber auch gestern trotz finalem Unentschieden:  „Es ist nötig zu sagen „Der andere existiert, ich bin ihm gefolgt“. Ja, Herr Baudrilliard, da hamse recht: In einen finalen Jubel ganz von Herzen. Denn das Herz von St. pauli, das ist meine Heimat, in Hamburg, da bin ich zuhaus.

Und auch die Schalparade vor dem Spiel zu „You’ll never walk alone“ als Emphatie-Bekundung an den Schwerverletzten von Aachen: Andere laufen ja weg, wenn man gemeinsam singt – ich fand es richtig und angemessen und sehr, sehr schön.

Ein Anliegen haben ist schon völlig in Ordnung, so lange es um den Anderen geht.

„You are the reason of my laughter and my sorrow …“: Eine hübsche Unordnung von Epizentren

„In seiner Auseinandersetzung mit dem Problem des Undarstellbaren hat der selbstkritische und selbstreflexive Diskurs der Kunst neue Begriffe bildhafter Präsenz erarbeitet: Die Präsenzen, die die Kunst der klassischen und nachklassischen Moderne zeigen, lassen sich weder auf die Identität noch auf die Repräsentation reduzieren, sondern zielen darauf, Prozesse begrifflich uneinholbarer Heterogenität zugänglich zu machen. Bilder von nicht mehr weiter reduzierbarer Elementarität der bildnerischen Mittel kennzeichnen folglich einen radikalen Bruch mit Mimesis und Narration. Entsprechend grenzen sich ästhetische Bildbegriffe, die sich von diesen Bilderfahrungen der Moderne herleiten, in der Regel von Theorien ab, die Bilder als bloße Informationsträger behandeln. Sie stützen sich dabei auf einen Begriff von ästhetischer Erfahrung, in der Bilder eine Gegenwart eröffnen, die im Selbstpräsentwerden von zuvor Ungesehenem besteht.“

Klaus Sachs-Hombach & Eca Schürmann, Philosophie, in: Klaus Sachs-Hombach (Hg.), Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt/M. 2005, S. 119

Soooo habe ich das noch nie gehört: Wissen, Ohren und das Archiv in mir. Also, diese Details in dem „How Deep is your love“ der BeeGees, die waren mir neu. Weil ich meistens das Bild von John Travolta in der New Yorker U-Bahn aus dem Film vor Augen habe, als er liebeskummergebeugt den Sprung von Brooklyn nach Manhattan mittels Frau nicht schafft, wenn ich dies Pop-Kleinod genieße. Und jetzt schiebt sich da plötzlich so ein Steely Danscher Rhythmus ins Lied, ein bißchen klingend wie einprogrammiertes Orgel-ChaChaCha von Entertainern inmitten drittklassiger Animateure auf der Bühne neben der Terasse hinter dem Hotel in Touri-Klitschen an mediteranen Stränden, und akustischer Sternenstaub rieselt so grandios – ein Barpiano mit glockenklarer Textur erhebt sich kurz vor dem Finale, wird vordergründig, und es ist vollbracht.Tusch.

Gucke noch mal nach; ist tatsächlich ein Remix, gar nicht das „Original“. Verschiebungen im Sound-Gefüge akustischer Giganten, die von Zeichenbergen überschüttet manch Omnipotentem in seiner Kraftmeierei sich nur noch als Impotenz erschließen. Ach, was liebe ich Monteverdis Kontra-Tenöre – und John Cage hat ja auch mittels I Ging komponiert.

Die Subjekt-Objekt-Spaltung ist Unsinn, weil es kein Subjekt ohne Objektbewußtsein gibt, schrub Husserl. Über den doppelten Sinn von Sinn des „animal symbolicon“ forschte Ernst Cassirer, und Deleuze verweist in seinem Kino-Buch-Zweiteiler darauf, dass die Semioten, Semiologen und Semiasten beim Bild des Kinos das Entscheidende verfehlten: Dass es sich bewegt.  „In-der-Welt-Sein“, diese Denkfigur Heideggers ist wohl unhintergehbar, aber ist das Zeichen dann ein Bruch, etwas, das sich über andere Dimensionen der Erfahrung lagert? Oder ist Zeichenerfahrung und Handeln mittels derer nicht selbst schon ein Modus des In-der-Welt-Seins neben anderen?
Wir sehen Gestalten, Gesamtheiten, Formen, sagt die Gestaltpsychologie. Erst die Form der Skulptur, dann, was die 3 Affen nicht sehend, nicht hörend, nicht sprechend uns bedeuten wollen, erfassen wir.

Ist nun jede Form ein Zeichen? Ich sehe doch erst den Affen und nicht eine Skulptur, die für 3 Affen steht im Sinne der „Aboutness“.

„Wenn wir beim Lesen nicht Einzelmarkierungen, sondern Konfigurationen und Relationen sehen, so ist zugleich klar, dass wir in einer empirischen Konfiguration etwas Allgemeines sehen. Wir sehen in einem geometrischen Diagramm nicht einfach einen Kreis, sondern DEN Kreis, identifziert als eine mathematische Entität, die mit dem empirisch auftretenden Kreis nie zu Deckung kommen kann.“

Sibylle Krämer, Operative Bildlichkeit. Von der „Grammatologie“ zu einer „Diagrammatologie“? Reflexion über erkennendes Sehen , in: Martin Häßler, Dieter Mersch (Hg.), Logik des Bildlichen, Bielefeld 2009, S. 102

Guter, alter Platon. Mal wieder den Menon lesen. Und was sehe ich, wenn ich mir ein Pollock-Bild angucke? Dem Besonderen Raum verschaffen. Und was bedeutet mir ein Kreis?

Will gar nicht polemisieren gegen Denotation und Konotation und Code und Text als Analyseinstrumentarium; ohne Narrationen lebt man nicht. Aber die Unterscheidung, dass man ein Bild ALS Bild oder das IN IHM sehen kann – „man sieht etwas, man sieht etwas ALS etwas, man sieht etwas IN etwas“, Martin Seel – , wahlweise, die hilft nicht wirklich weiter. Auch nicht Deweys Erkenntnis, dass eine Erfahrung erst eine Erfahrung ist, wenn sie geschlossen, abgeschlossen ist, dann wären Erfahrungen Bilder, die man ins Album des eigenen Lebens abheftet, aber so ist es ja nicht. Dann wäre ein Bild eine Nahtoderfahrung, gibt ja diesen Mythos von den Indianern, die sich nicht fotografieren lassen wollten, weil das ihnen die Seele raubte.

Auch wenn Marc Almond auf seinem epochalen „Torment & Torrereos“-Album mit den Mambas schreibt, dass es ein Wunder sei, dass sie die Aufnahmen überlebt hätten angesichts der Intensität des Auslotens der eigenen Qualen und Untiefen: Diese akustischen Bilder – hähä, sind ja gar keine – leben ja nicht davon, dass sie abgeschlossen sind und die Songs einen Anfang und ein Ende haben. Die Kraft der „Demoiselles d’Avignon“ erhebt sich immer neu beim Betrachten in seiner Unabgeschlossenheit, selbst wen Picasso mit dem Bild eines Tages fertig war. Und ob da nun afrikanische Masken zitiert werden und der Titel auf Nutten im Wirthaus verweist: Das sagt mir nichts über die Erfahrung, die ich immer neu mit diesem Bild machen kann.

Ich verstehe doch auch van Goghs Bilder  nicht, wenn ich an potenziellen Wahnsinn denke oder mir vorstelle, was er gefühlt haben könnte, als er diese Furchen aus Farben hinschlug als Sich-Aufbäumender in ihre Reliefhaftigkeit, diese strukturale Methode ohne Sem und Mem, die eben In-der-Welt-Sein auch mir ermöglichen, das sich verschiebt – und das sein In-der-Welt-Sein im Moment des Malens war.

„And I had to follow you, though you did not want me to“ – singen die BeeGees gerade in ihrem „Blame it on the Nights On Broadway“. Damals dutfte man da ja noch tanzen. Dafür braucht es heute ganz besondere Lizenzen. Wohl, um der Entkunstung der Kunst einen Riegel vorzuschieben.  „Even if it takes forever . Even if it takes a lifetime“, ach, oweh, Chöre, so auf den Punkt, und wer glaubt, die MEINTEN das, was sie singen, der hat sie nicht verstanden. Singt sich halt gut. Stimmung als Modus der Welterschließung: Auch Heidegger.

Ach, oweh, Levinas und Baudrilliard und der Andere, dem man folgt. Die Spur des Anderen lesen in den Sedimenten und Aktualisierungen seiner Erfahrungen, die akustisch, visuell und zeitlich von mir erschlossen sein wollen, wenn er das will. We shall Overstolz.