Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ein Manifest!

So, jetzt ist in meiner kleinen Blog-Schlacht „Ich gegen alle“, eine Rolle, mit der ich mich ja durchaus anfreunden kann, überraschenderweise jenseits der Phrase und rhetorischen Figur drüben doch noch was Spannendes eingeworfen worden. Hole das mal rüber, auch wenn die Diskussionsfreude hier diesbezüglich so groß nicht ist (wahrscheinlich weil alle denken „Jetzt flippt die Diva wieder aus“, Dankeschön!). Ist von Bersarin. Fiel mir bisher noch nicht auf, dessen Blog, beim Überfliegen gibt es aber durchaus Überschneidungen zu den Themen hier.

„Mich interessieren hier auch vielmehr die Auslassungen zum Begriff der Postmoderne bzw. seiner theoretischen Konzeption. Es ist die „Postmoderne“ durchaus ein schillernder, vieldeutiger Begriff. Die Dinge bezüglich ihrer herabgesunkenen Spielart als Micky-Maus-Philosophie kann ich nur voll und ganz unterschreiben. Da ist es wie mit dem Regietheater: Die Originale sind gut; die, welche zum 108. Mal epigonal-lärmend über die Bühne ziehen, sind Langeweile, weil ästhetisch unergiebig und unterkomplex. (Zu dieser Micky-Maus-Philosophie passend dann ja auch der Dixieland von Laurel und Hardy bei den Arbeitslosen. (Nebenbei: Der Titel „Dixie“ ist die offiziell-inoffizielle Hymne der sklavenhaltenden Südstaaten gewesen. Paßt alles ganz gut)

Was den Pop-Diskurs betrifft: Hier begegnet sich sehr Vielschichtiges. Manches Interessante, manches aber auch, das dem Banalen hohe Weihen verpassen will. Ob solche unter diesem Begriff Pop befaßten heterogenen Arten von Musik nun fortschrittlich, rückschrittlich oder was auch immer sein mögen: es ist am Ende meist Unterhaltung (oder wird von den meisten als solche wahrgenommen); man sollte diese Dingen nicht zu hoch hängen. Das Spex-Gelaber der Hypereingeweihten fand ich immer schon abstoßend und nichtssagend, wenn es die Unterhaltung plötzlich mit Politik, Subversion und Umsturz philosophisch würzen wollte. Madonna und Jackson sind nicht subversiv, sondern ihnen kommt am Ende aller Veranstaltung systemstabilisierendes Potential zu. Sonic Youth auch. Sie lassen dies nur nicht so raushängen. (Über die musikalische Qualität dieser drei läßt sich, als binnenästhetisches Phänomen, allerdings streiten oder diskutieren.)

Ich bin bei diesen Dingen, die Pop-Kultur betreffend, sehr skeptisch und möchte Ihnen, momorulez, nun nichts unterstellen, zumal ich Ihre Ausführungen im 10. Posting zur Postmoderne durchaus teile. Aber modisch-beliebt in einer bestimmten „Szene“ ist das ja, aus dem Pop irgend etwas herauszulesen, getarnt als subversiver Diskurs, was eigentlich gar nicht recht vorhanden ist. Da werden dann die Beastie Boys zu den größten Umstürzlern der 80er bzw. 90er erklärt. (Binnenästhetisch sind sie dies gewiß, nur wird dieses Binnenästhetische dann unzulässig verallgemeinert.) Da wird dann zizekmäßig gedreht und gedeichselt: Die Beach Boys hätten dann auf einmal revolutionäres Potential und gelten als Vorläufer irgendeiner California-Punk-Surf-Szene, die wiederum in ihrem Texten brutal gegen die nicht minder brutale Reagan-Ökonomisierungen der 80er ansangen. Die Subversion des Pop ist ein Fetisch, ein Tanz ums goldene Kalb. Allerdings sollte Pop natürlich Gegenstand von Analysen sein. Ob er in der Philosophie gut aufgehoben ist?: Ich denke eher nicht. Ob er (subversiv) Politik betreibt oder betreiben kann, ist mehr als fraglich. Politik wird im System Politik und seinen Subsystemen betrieben. Musik gehört definitiv nicht dazu.

Allerdings kann Pop, in seinen bescheidenen Grenzen natürlich, politisch sein und auch politische Auswirkungen haben. Im guten wie im schlechten: Als Stichwort sei das frühe MTV genannten, das damals ach so groß gefeiert wurde. Ich höre in meinen Ohren die Elogen immer noch. Was das ganze aber in seinem Wesen (immanent und latent) damals schon war und heute auch augenfällig und manifest ist, dies kann man eben bei Adorno und Horkheimer vom Strukturprinzip dieser Mechanismen her gedacht, sehr gut nachlesen. Die Frage des „cui bono?“, die bei solchen Dingen wie MTV oder auch der ästhetisch fragwürdigen Videoclip-Ästhetik, die mittlerweile common sense ist, eigentlich sofort gestellt werden sollte, ist meist ausgeblieben zugunsten unkritisch-überhöhter Affirmation.

„Man durfte auf der love-parade ein bißchen crazy flippen – aber am nächsten Montag war gefälligst wieder Dampf aufzumachen für 30 Knoten Fahrt.“
Sehr guter Satz, genau so ist es, und zwar nicht nur für die Love Parade, sondern auch für das letzte Hip-Hop- oder Punk-Konzert. In sehr großen Teilen ist Pop ein Sedativum. Deshalb sind Adornos Analysen so unendlich viel aktueller als die Aufbretzelungen des Banalen. Es mag Bands wie SPK, Laibach, Half Japanese und ähnliches geben, über die sich zu sprechen und zu denken lohnt. Der überhöhende Gestus ist der Angelegenheit jedoch völlig unangemessen. Und insofern kommt auf meinen Blog Musik in Form des Pop nicht vor.

@Hartmut resp. Mo
Ich würde dieses Wegbrechen der Bezüge, Referenzrahmen, der privaten Konstrukte und Infrastrukturen, welche der Stabilisierung der eigenen Unterhaltungen dienten, aber gar nicht so sehr an den sogenannten „Postmodernen“ festmachen. Es wird nach dieser Krise jeden treffen, der sich im Reich seiner (gesellschaftlichen und privaten) Illusionen bewegt hat. Auch und gerade „unsere“ Generation, (my generation), verallgemeinernd gesprochen, die (zum Glück) niemals die existentielle Tragödie eines Krieges und des damit einhergehenden Umbruches sowie der schuldhaften Verstrickungen erlebt hat. (Die Generation der DDR-Geborenen lasse ich mal außen vor, sie haben immerhin den Zusammenbruch eines Systems und damit ihrer Lebensbezüge und -konstrukte erlebt; sie werden besser gerüstet sein.)
Ich würde also die Postmoderne nur bedingt an Milieus festmachen wollen. Und ich würde eine kulturelle resp. soziale Postmoderne von einer philosophischen Postmoderne unterscheiden wollen, die so heterogene Denker wie Foucault, Derrida oder gar Lacan unter einem Namen vereint. Schon aus diesem Grunde heraus ist der Begriff „Postmoderne“ vielschichtiger als in der flüchtigen Lesart angenommen. Es ist eben ein Begriff, der Strömungen zusammenfassen will, so wie der Begriff „Moderne“, unter den so heterogene Namen wie Carl Schmitt und Habermas, Heidegger und Adorno, Beckett und Brecht usw. fallen.“

Und nun möchte ich noch eine weitere Lanze brechen für die Postmoderne: Die Betonung des (unverbindlichen) Spiels und der Heterogenität der Diskurse gegenüber dem tiefen und heilig-nüchternen Ernst der Pathetiker ist schon (oder: auch) eine fortschrittliche Dimension der Postmoderne. Es ist hier die Vernunft als plurale konzipiert, gepaart mit teils spielerischen Elementen (und der Spielbegriff war ja so neu nicht: siehe Schiller). Der leider etwas in Vergessenheit geratene Lyotard, dem ich allerdings eine Renaissance voraussage, hat diese Pluralität, die sich nicht mehr in das Korsett der Einheit zwängen läßt, in der Auseinandersetzung mit Kant in seinem Buch „Der Widerstreit“ gut gezeigt.“

Zunächst verweise ich mal auf diesen Text, da hatte ich mir zum Thema „Postmoderne“ schon mal Mühe gegeben.

Natürlich muss man auch die Postmoderne gegen ihre Liebhaber verteidigen, also auch gegen mich. Es gab in Feuilleton und Universitäten ziemlich viel Müll damals, habe ich ja in einem der vorherigen Postings auch beschreiben; gab Autoren wie Wolfgang Welsch, wo ich dann bei der Lektüre sofort zum Stalinisten wurde. „Mickey Mouse-Philosophie“ finde ich etwas, na ja, antiamerikanisch?; das ist ja schon ganz schön französisch, die Angelegenheit.

Sitze manchmal in Sitzungen, wie man das so macht, mit ziemlich vielen Franzosen, und muss dann gelegentlich lachen, weil ich mich an die Habermas-Poststrukturalismus-Diskussion erinnert fühle. Weil diese „uns“ dann in der Regel als derbe, unkultiviert, undiplomatisch empfinden, umgekehrt aber viel weniger Probleme haben, einfach mal eben so Macht auszuüben. Während „wir“ in der Regel in unserem Selbstverständnis total verständigungsorientiert sind, uns als viel rationaler erleben und „die“ als unfair, empfinden „die“ unsere Haltung, Klartext reden zu wollen, als brutal, unhöflich, als unlautere Festlegung und Leben jenseits jeder Selbstironie.

Zum Pop-Diskurs: Was mich ursprünglich so aufregte, war diese simple Gleichung „Michael Jackson = sich neu erfinden = neoliberal“, und das auch, aber nicht nur, weil da etwas höher aufgehängt wurde, als man das tun sollte. Neoliberal sind die dahinter stehenden, ökonomischen Strukturen, nicht deren Produkte. Dass diese Flexibilität in menschenverachtender Weise proklamieren (um dann jene, die total flexibel sind, in den Lagern auf Teneriffa aufzufangen), das ist ja unbestritten. Für die Nicht-Boat-People hat Richard Sennett das großartig analysiert.

Trotzdem muss es möglich sein, auch kommerzielle Produkte einer ästhetischen Kritik zu unterziehen, die nicht immer nur auf die dahinter stehende Struktur sich bezieht. Und da ist Michael Jackson einfach ein großartiger Musiker, so weit es Popmusik betrifft. Ich habe auch rein gar nix gegen Unterhaltung, so lange nicht ALLES Unterhatung wird.

Und genau in der Hinsicht habe ich nun tatsächlich „Into The Groove“ und anderes als Befreiuung erlebt: Nicht in jeder Sekunde meines Lebens, bei jedem Genuß, jedem Spaß, jedem Arschgewackel gleich die Systemfrage zu stellen. Natürlich ist Madonna kein Lenin und in der Hinsicht auch „systemstabilisierend“, ich fände es auch unsinnig, das von ihr zu erwarten, nun das ystem zum Einsturz zu bringen. Können wir doch auch nicht. Mein Gott, wer stabilsiert das denn nicht? In der Hinsicht sind wir doch alle Sünder, möchte nicht wissen, wer für das  Silithium oder wie das heißt hier in dem Computer, an dem ich schreibe, so alles in afrikanischen Minen krepiert ist oder bei der Produktion in China.Stimmt nicht: Ich will es wissen, und sogar perspektivisch ändern, dazu muß ich aber nicht allen, die nicht ganztägig in Sack und Asche gehen, den Scarlett Letter ankleben.

Wenn man nun aber auf Michael Jackson einprügelt, lenkt man von dieser Ebenen-Differenz – Ökonomie und dem Rest – gerade ab. Ich halte dieses Allesvermengen für kontraproduktiv: Weil man den Finger DIREKT auf die ökonomischen Wunden legen muss und nicht ständig absurde Stellvertreterkriege führen sollte.

In einer ANDEREN Hinsicht halte ich aber bestimmte Pop-Phänomene für in der Tat für subversiv, nennen wir es „Role Models“ und „ästhetische Umwelten“, die tatsächlich etwas mit mir machen, gemacht haben und das auch mit ziemlich vielen Leuten tun, vermutlich in der Großstadt mehr als in auf dem Lande. Nennen wir es von mir aus auch Lebensstil. Und da ist in der Zeit 1978-1984 sehr viel möglich gewesen, was MIR in meiner persönlichen Sozialisation enorm geholfen hat. Und da es keine rein individuellen Erfahrungen gibt, ging das auch ein paar anderen Leuten so.

Nun kann man als Komplementär des Sozialdarwinismus lesen, wenn Schwarze und Schwule eine Ästhetik, so z.B. im frühen Hip Hop, im Disco-Movement, selbst bei den oberflächlichen New Romantics, nutzten, um Wege jenseits der gesellschaftlichen Stigmatsierung, die’s damals dann irgendwann weniger gab als heute im Falle Schwuler, bei Schwarzen war das anders, zu suchen und zu erfinden – dann habe ich mich da wohl einer Kardinalsünde schuldig gemacht, bei diesem Spiel mit ästhetischen Formen nicht immer gleich die Systemfrage bei jeder Gelegenheit und jeder körperlichen Regung zu stellen, ist mir egal, fuck you.

Genau gegen diesen Gesinnungsterror gerichtet habe ich auch die für mich wichtigen, postmodernen Philosophen gelesen, wobei für mich Foucault da der wichtigste war. Wenn man schon beim Frühstück eine Diskussion wegen „Käse höhlen ist Penisneid“ erlitt, mittags über den „Tod des Märchenprinzen“ diskutierte und abends dann andächtig Erich Fried las, sorry,  als mir dann „Überwachen und Strafen“ und „Sexualität und Wahrheit“ von Foucault über den Weg liefen, da war das ebenso eine Befreiuung wie „Hot Hot Hot“ von The Cure.

Was mich an dieser Szene einst aktuell so fasziniert, der Postpunk-Szene 1978-184, ist, dass sie konsequent schwarz und weiß und hetero und schwul durcheinander brachten und in den hybriden Formen dann neue Wege, mit sich zufrieden zu sein, ermöglichte, die mir weit mehr brachte als die Hermeneutik des Selbst, die ich anpsychoanalysiert bekam zuvor. Und die zudem annähernd allesamt auch noch überzeugte Sozialisten waren.

Ich hatte all das vergessen, nun lief es mir wieder über den Weg – und brachte mich eher zur Teil-Revision der TEMPO-Verdammung, die am Anfang noch was anderes wollte, als sie hinterher bewirkte, und was sie bewirkte, war eine Totalisierung von Stilfragen, die ökonomische Fragen einfach nicht mehr stellt, und da kotze ich dann mit. Aber erst dann und das rückzuprojizeren bis zu Nietzsche in dem dann alles schon angelegt war, halte ich für etwas tollkühn, weil es eben Ökonomie sträflichst ignoriert.

Da erst haben dann die Diagnosten von Finkelstein drüben recht, aber auch wirklich erst da, bei der Loveparade,  und in der Tat ist dieses dämliche „Friede, Freude, Eierkuchen“ der ersten Loveparade, jener Posse, die dann mit Low Spirit etc. sich feierte, die erste Generation gewesen zu sein, die ein Stück vom Kuchen abbekam, einfach nur eine Verarschsung von Politik überhaupt. Loellie wird allerdings vieles aus dem Berliner Underground berichten können, was einfach nur wundervolle Anarchie und eine radikale Infragestellung der Besitzverhältnisse war.

Für mich schüttet man – also! – das Kind mit dem Bade aus, wenn man nun einfach alle Fragen nach Lebensstilen und Subjektivierungsweisen, nach Pluralität und der Möglichkeit, sich stets neu zu erfinden, weil an sich eben NICHT fremdbestimmen lassen will, weder von Monoma noch von McKinsey, unter Ideologieverdacht stellt, und Popmusik wirkt für mich aus dieser Ebene, und das, je nachdem, gut oder schlecht.

Dieser Ebene zugrunde zugrunde liegt immer die Ökonomie, halte ich sogar für eine klassisch materialistische Konstruktion, diesen Ansatz, das ist viel Bourdieu. Und an die Ökonomie kommt man manchmal erst ran, wenn man vorher ein wenig dekonstruiert hat – gerade in Zeiten von Rostock-Lichtenhagen und Hoyersverda kam man sehrweit in Diskussion mit dem postmodernen Analyseapparat, weil es da darum ging, Nationalismen zu dekonstruieren. Auch bei den Auseinandersetzungen mit dem PI-Denken braucht man das, um diese rassistisch unterfütterten Kulturtheorien auseinander zu nehmen. Hatte gerade eine Diskussion diesbzüglich drüben beim Che mit dem Herold, der wurde da immer wütender.

Und was bleibt? Für mich die Frage nach de universell-kantischen Moral. Da bin ich nämlich ganz bei Habermas und würde mit ihm jederzeit die Postmodernen kritsieren. Das war aber Thema meiner Magisterarbeit, das packe ich heute nicht mehr.

PS: So, un nun noch zu konkreten Punkten im obigen Zitat: MTV hat sich zunächst sogar geweigert, Videos schwarzer Künstler zu spielen, und deren Rolle, also die MTVs, halte ich für fatal. Das „Thriller“-Video ist trotzdem toll.

Es ist aber nicht wahr, dass da nun die Affirmation um sich gegriffen hätte – und schon gar nicht, dass Horkdorno da nun alles wichtige zu gesagt hätten. Da ist ein kulturkritischer Diskurs von Anbeginn an Wegbegleiter gewesen, damit kann man Bände füllen, was denn nicht so alles die schnellen Schnitte für ein Uneil anrichten würden (dabei waren die in den 80ern noch langsam). Die eindeutig homophoben Ausfälle us-amerikanischer Rocker in Richtung der britischen „Frisurenbands“, Attacken des Rolling Stone etc. gehören da aber auch mit dazu.

„Es mag Bands wie SPK, Laibach, Half Japanese und ähnliches geben, über die sich zu sprechen und zu denken lohnt.“ Mal ab von den grandiosen Laibach – diese Bands waren und sind für mich das schlimmste Sedativum, weil sie der Illusion erliegen, es gäbe da das formale wahre Leben im falschen. Das ist doch gerade die „unhappy Few“, die sich dann elitär über die Massen erhebt und im spiel bildungsbürgerlicher Distinktionen einen ästhetischen Sozialdarwinismus lebt, der zum Glück nicht ein Millionstel des Unheils des Ökonmoschen anrichten kann. Die Neubauten nehme ich da noch aus, aber da ist ja eine Madonna schon deshalb weiter, weil sie gar nicht mehr vorgibt, nun die Welt aus den Angeln heben zu können. Das ist ehrlich, und gerade dadurch entsteht dann der Raum für Politik, weil man sich fragt: Ja, was denn dann? Im besten Fall.

„Die Betonung des (unverbindlichen) Spiels und der Heterogenität der Diskurse gegenüber dem tiefen und heilig-nüchternen Ernst der Pathetiker ist schon (oder: auch) eine fortschrittliche Dimension der Postmoderne. Es ist hier die Vernunft als plurale konzipiert, gepaart mit teils spielerischen Elementen (und der Spielbegriff war ja so neu nicht: siehe Schiller). Der leider etwas in Vergessenheit geratene Lyotard, dem ich allerdings eine Renaissance voraussage, hat diese Pluralität, die sich nicht mehr in das Korsett der Einheit zwängen läßt, in der Auseinandersetzung mit Kant in seinem Buch „Der Widerstreit“ gut gezeigt.““

Ja, eben. Sag ich doch.

Advertisements

14 Antworten zu “Ein Manifest!

  1. hartmut Juli 10, 2009 um 7:02 am

    nachdem wir uns mit aller Schärfe beharkt haben, will ich einfach nur diesen satz herausgreifen:

    „Ich will es wissen, und sogar perspektivisch ändern, dazu muß ich aber nicht allen, die nicht ganztägig in Sack und Asche gehen, den Scarlett Letter ankleben.“

    Ja, und? Ich sage nix anderes: „Die stalinistische Trischta (öffentliche Kritik und Selbstkritik), also der Versuch, den „neuen Menschen“ gewaltsam zu konstruieren, trieb nur auf die Spitze, womit das progressive Denken seit der französischen Revolution nicht zu Rande kam und worauf es zu häufig nur mit blechernem und strafbereitem Moralismus reagierte; ein Moralismus, dessen Doppelzüngigkeit immer wieder mit allen Händen greifbar ist. Die linke Sauberkeitserziehung – das, was Peter Rühmkorf einmal so herrlich den „linken Rohrstock“ nannte – habe auch ich sehr unangenehm in Erinnerung.“

    Du kritisierst – zu Recht – die Unart, immer gleich (jetzt fällt der pöhse Begriff!) mit der Faschismuskeule loszudreschen – und im nächsten Absatz übst Du das, was Du soeben noch mit guten Gründen kritisiert hast, selber aus. Darum ging es.

    Es geht (mir jedenfalls, Mo muss für sich selber sprechen) auch nicht darum, die Metapher des sich-neu-erfindens per se zu denunzieren. Sondern heirum:
    http://kritik-und-kunst.blog.de/2009/06/28/mo-michael-jackson-6413006/

    „Eine kritische Bemerkung: Mo hat natürlich Recht mit seinem Hinweis auf die Phrase des täglich-sich-neu-erfindens (ganz analog hat Roland Berger ja in naiver Selbstdemaskierung gefordert, wir sollten unser ganzes Leben als „Unternehmen“ sehen), dennoch ist das, was mit dieser Phrase ursprünglich mal verbunden war, bedenkenswert. Denn sie steht – oder stand – ursprünglich für einen offenen, Neues wagenden Umgang mit sich. Der Neoliberalismus hat alle Begriffe, die einmal liebenswert waren (Freiheit, selbstverantwortet leben – ja, wer ist denn dagegen?) restlos auf den ökonomischen Hund gebracht. “

    lg, ich werde ein paar polemische Spitzen gegen Dich löschen

  2. momorulez Juli 10, 2009 um 8:28 am

    Danke so weit, weil hinsichtlich dessen, was Du noch mal zitierst, haben wir keinerlei Dissens.

    Mit Mo sehe ich die Sache noch mal anders, aber da beruhige ich mich ja auch langsam wieder 😉 …

  3. momorulez Juli 10, 2009 um 8:42 am

    PS: Mit dem letzten Zitat hat Du sozusagen sowas wie einen Ausgleich formuliert für einen Konflikt, der damals zu meinem Ausstieg bei Shifting Reality führte. Vielleicht liest Che ja mit.

  4. Bersarin Juli 10, 2009 um 8:51 pm

    Zunächst einmal bedanke ich mich natürlich sehr für die Erwähnung in Ihrem Blog und daß Sie meinen Textes dort darstellten. Nur ein paar unsystematische Bemerkungen meinerseits zu Ihrem Text. (Ich gehe vielleicht noch genauer mit einem gesonderten Beitrag auf meinem Blog dazu ein. Dann taucht also doch Musik und Pop (und Postmoderne) dort auf. Na, mal sehen.)
    Welsch habe ich einmal „live“ auf einem Philosophiekongress erlebt. Da war er ein recht unangenehmer, herablassender Zeitgenosse. (Aber wir sind andererseits ja nicht auf der Welt, um zu gefallen und good guys zu sein.)

    Die Micky-Maus-Philosophie war ein Anzitieren, ich glaube aus dem Beitrag von Mo. Es liegt mir fern, dieses vielschichtige, spannende, schöne Land USA unter einen Begriff zu ordnen. (Und erst recht verabscheue ich es, zu denken, daß da wohl nur kaugummischiebende, oberflächliche Idioten wohnen.) Ich meinte damit auch eher, daß der eine oder die andere aus der Postmoderne so eine Art Quietsche-Entchen-Philosophie gemacht hat. Und insofern vermute ich, daß sich Ihre und meine (und auch Hartmuts) Kritikpunkte hinsichtlich der Postmoderne decken. Die Detailfragen muß man natürlich diskutieren und klären, und da werden, insbesondere zu Hartmut, Unterschiede liegen. (Deshalb, vielleicht, demnächst ein kleiner Essay dazu: Wird wohl Herbst werden.)

    „Was mich ursprünglich so aufregte, war diese simple Gleichung ‚Michael Jackson = sich neu erfinden = neoliberal‘, und das auch, aber nicht nur, weil da etwas höher aufgehängt wurde, als man das tun sollte. Neoliberal sind die dahinter stehenden, ökonomischen Strukturen, nicht deren Produkte.“

    Was Jackson betrifft, gebe ich Ihnen recht, wobei die Produkte von der gesellschaftlichen Tendenz allerdings angefressen oder angefärbt sein können. Diese Möglichkeit würde ich nicht vollkommen ausschließen. Man sollte aber diese Dinge gar nicht so sehr an Personen festmachen oder Gleichsetzungen betreiben. Es sind dies dann genau die von Ihnen genannten Stellvertreterkriege. Allenfalls geben Personen Platzhalter für ein generelles Problem ab, so würde ich jedenfalls Mo verstehen wollen. Ich halte insofern nichts davon, an Systemen zu kritisierende Dinge formal nur an Personen festzumachen. Ich habe aber die Details der Diskussion, wie gesagt, nicht verfolgt und halte mich deshalb da heraus. Wieweit Jackson und die sich in dieser Zeit entwickelnden ökonomischen Tendenzen korrelieren, vermag ich so aus der Hand heraus nicht zu beurteilen. Aber man kann natürlich, gewissermaßen als polemisches Verfahren (hier im griechischen Wortsinne verstanden), so wie es etwa Adorno teils in den „Minima Moralia“ betrieb, die Kleinigkeiten vergrößern, um aus dem Detail das Ganze herauszulesen. Man muß sich natürlich dabei bewußt sein, daß es sich hier um ein rhetorisches Verfahren und nicht um ein klassisch logisches handelt, denn ansonsten wäre der Schluß anfechtbar. Und man muß sowas, dies ist der entscheidende Punkt, halt gut machen. Ansonsten wird es als Abklatsch des Dagewesenen ein wenig schal.

    Die Nennung von Post-Punk und die Formulierungen bezüglich der Sozialisation resp. des Lebensstils sind schön und richtig. (Es scheint in der Tat kollektive Identitäten zu geben. Auch mir hat es geholfen, wenn ich es einmal so formulieren darf. Vor allem, daß ich endlich damit aufhörte, die Rolling Stones, BAP und Marius Müller-Westernhagen gut zu finden) Danke also für diesen mich sentimental stimmenden Hinweis, bei dem ich jetzt, Salonintellektueller, der ich bin oder war, mir heute Abend in dekandent-seliger Erinnerung an eine coole Zeit zwischen Punk und Residenz im „Grandhotel Abgrund“ eine schöne Flasche Rotwein und noch eine zweite vielleicht gönne: Nobody‘s Heroes!!!

    Daß Adorno und Horkheimer in der DA alles zum Komplex Kulturindustrie gesagt haben, ist eine etwas überspitzte Formulierung gewesen. Ich wollte damit eigentlich und vielmehr zeigen, daß hier ein wesentliches Potential steckt, welches nicht vergessen werden sollte. Man darf aber auch hier nicht dogmatisieren und so tun, als wär‘s der Weisheit letzter Schluß. Solche Idolatrie wäre wohl kaum in der Intention von Adorno, zeigen die „Ismen“ doch nur, daß man sich scheut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Allerdings haben Horkheimer und insbesondere Adorno auf der strukturalen Ebene Basales geleistet. Was die Musik betrifft: Nun, Adorno war eine andere Zeit, einer bürgerlichen Gesellschaft entstammend, die es heute nicht mehr gibt. Man sollte insofern die Maßstäbe immer auch innerhalb einer Epoche legen. Sinnlos ist es, Plato und Aristoteles vorzuhalten, daß sie für eine Sklavengesellschaft votierten. [Und da ich nie ein Jazzfreund war (nimmt man John Zorn einmal aus, aber ist das noch Jazz?), haben mir Adornos Aussagen hierzu auch nicht wirklich weh getan. Zudem rangiere ich in Adornos soziologischer Hörertypologie sehr weit unten. Who cares? Hat mich nie abgehalten mit Adorno und zugleich dagegen zu denken.]

    „Und genau in der Hinsicht habe ich nun tatsächlich ‚Into The Groove‘ und anderes als Befreiuung erlebt: Nicht in jeder Sekunde meines Lebens, bei jedem Genuß, jedem Spaß, jedem Arschgewackel gleich die Systemfrage zu stellen.“

    Dem kann ich nur mit großem Beifall zustimmen; es ist natürlich absurd und – vor allem auch – gewalttätig, in jedem Moment und in jeder Regung, in jeder gelebten Intensität die Systemfrage zu stellen oder alles an und in einem geglückten Augenblick zu zerquatschen. (Oder wie sagte es der Papagei bei „Zazie in der Metro“: „Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst.“) Und auch hinterher muß man nicht über alles reden, es zerreden. Man kann, wenn man will, aber man muß nicht. Man sollte halt sehen, wo es paßt und wo nicht; dies herauszufinden bedarf der (bürgerlichen) Kategorie des (auch philosophischen) Taktes. (Eine zentrale Kategorie, nebenbei, für Adorno, ich verweise hier etwas eliptisch auf seinen Iphigenie-Essay in den „Noten zur Literatur“.)

    Es gibt eine, fast würde ich sagen: unhintergehbare „Lust am Text“, eine Lust am Moment, sei es in der Musik, in der Literatur, in der Kunstproduktion, in einer kurzen oder langen Alltagsszene, die sich durch das Theoretisieren nicht intensivieren läßt. Schon gar nicht durch das Stellen der Systemfrage bei jeder, auch der körperlichen Regung. Die dogmatische Linke, ihre Lustfeindlichkeit, ihre strikte Humorlosigkeit, ihr Sektierertum (so wie überhaupt die Sektiererei in aller Coleur und in jedem Lager) war mir immer zuwider, und Adorniten, mit denen man nicht eine Nacht durchsaufen konnte, ohne daß sie um halbzwölfe bereits nach Hause mußten, um zu lernen, bin ich aus dem Weg gegangen. (Am liebsten waren mir immer die weiblichen Adorniten, weil die trinken, rauchen und reden konnten. Und am liebsten waren sie mir in blond.) Hier greift in der Tat die Kategorie der Intensität.

    Zu Deinem Satz bei Hartmut auf „Kritik und Kunst“:
    „Bin ja etwas mit Neid erfüllt, dass Andere die Zeit dafür haben, Essays zur Postmoderne und zu Hannah Arendt zu schreiben 😦 – versteht mich nicht falsch, finde ich toll und bin auf die Ergebnisse sehr gespannt und heilfroh, „dass es sowas noch gibt“.“

    Meine Texte ankündigen, kann ich immer ganz gut. Da fällt mir manches ein. Das Verfassen ist dann aber eine andere Nummer und schwerer. Ich nehme mir dafür viel Zeit, die ich anderswo leider abzwackem muß, zumal ich volle Zeit und volle Kanne arbeite. Insofern wachsen meine Kinder leider in einem Keller eingesperrt und mit beständiger lauter Ramones-Musik auf, da ich wenig Zeit für sie habe. (Achtung, für den ungeneigten Leser: Dies war ein Scherz. Ich habe aus diesem Grunde keine Kinder: Und wenn ich welche hätte, verkaufte ich sie sofort an Organhändler.)

    Zum Schluß noch: SPK tun Sie unrecht, wenngleich ich dunkel ahne, worauf Sie hinauswollen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich meinte nicht, daß man sich im Sinne eines besseren, abgehobenen Bewußtseins – so à la Lukacs, über die Hintertür eingeführt: daß man nun nicht mehr das bessere Klassen-, sondern das richtige elitäre (Diskurs-)Pop-Bewußtsein besitzt – bequem in intellektuell abgefahrener Musik einrichtet. Denn wie wir nun einmal wissen, gibt es eben kein richtiges Leben im falschen. Ich will diesen Adorno-Satz aber nicht als Slogan oder Mantra und Bibelwort dogmatisieren. Der Satz ist schillernd-dialektisch zu verstehen, und er taugt schon gar nicht als auf die Wand gesprühte Parole, auch wenn er wegen seiner sentenzhaften Drastik dazu einladen mag. Danke aber für die Nennung der Neubauten.

    So, nun ist das Posting also doch wieder länger geworden, und wieder einmal habe ich es nicht geschafft, auf meinem eigenen Blog einen Text zu schreiben. Macht aber nichts: Ich denke, daß ich ein wenig verstanden habe, was Sie mit dem Pop meinten. Zumindest haben Sie in dieser Richtung bei mir Überlegungen angeregt, die tatsächlich ein wenig in die Verschüttung gefallen waren.

  5. momorulez Juli 10, 2009 um 10:17 pm

    Lieber Bersarin,

    Sie sind sind ja ein angenehmer Kommentator! Liest sich blöde, ist aber sehr ernst gemeint!

    Man sitzt hier abends, kommt gerade vom St. Pauli-Testspiel, ich war zu feige, mich danach der Demo gegen Polizeigewalt anzuschließen, sitze dann am Computer, lese den Kommentar und fühle mich wohl beim Lesen.

    „Und insofern vermute ich, daß sich Ihre und meine (und auch Hartmuts) Kritikpunkte hinsichtlich der Postmoderne decken.“

    Ja, ich denke das mittlerweile tatsächlich auch.

    Kurioserweise finde sich sogar allerlei Spuren, jede Menge sogar, in Blogs, wo ich ganz ähnliche Dinge vertrete wie zumindest Hartmut oder Sie, diese Pathologisierungswelt Mos ist mir auch weiterhin doch zu fremd geworden, von gelegentlichen Ausnhamen abgesehen.

    Komischerweise treibt es mich aber immer in die Pop-Philosophie- und Postmoderne-Verteidigung, wenn jemand beides angreift.

    Im Grunde genommen zeigt sich sowohl in Hartmuts letzten wie auch in Ihren Antworten, dass sich ja eigentlich alle ziemlich einig sind 😉 … übrigens auch hinsichtlich des Kulturindustrie-Kapitels.

    Ich arbeite ja in einem Zweig derer, und manchmal sitze ich an krisenhaften Tagen in dem ganzen Mist, habe all die Bonmots auf den Lippen „Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit!“ und solche, schreie innerlich „Jawohl! Die haben sooooo recht!““ und möchte mich in eine Mönchszelle zurück ziehen und Bach hören oder lieber wieder Behnidertenrabeit machen oder so.

    An anderen Tagen hingegen, wenn’s so richtig Spaß macht und ich mir sicher bin, gerade meinen Beitrag zur konkreten Emanzipation geleistet zu haben, dann könnte ich diesen Text verdammen und verantwortlich für alles Üble machen. Habe das weiter unten als „genial-fatal“ versucht, auf den Punkt zu bringen – und ich glaube, das liegt nicht nur an mir, sondern auch an dem Text selbst.

    Somit:

    „wobei die Produkte von der gesellschaftlichen Tendenz allerdings angefressen oder angefärbt sein können. Diese Möglichkeit würde ich nicht vollkommen ausschließen.“

    Nein, kann man auch nicht. Wobei das bei Popmusik meines Erachtens schwieriger ist als z.B. beim Film, weil sie anders auf den Körper wirkt, und ich gebe zu, in leichtsinnigen Momenten sogar schon mal Spaß mit „Geronimos Cadillac“ von Modern Talking gehabt zu haben, weil das so herrlich absurd ist, aber natürlich ist es auch kulturell fatal wirkender Mist. Obwohl es da sogar noch Schlimmeres gibt.

    Meine nicht sonderlich originelle Universal-Metapher ist hier mittlerweile Frau Pilcher geworden und deren Verfilmungen im ZDF. Da ist die Stereotypisierung so weit fortgeschritten und die Marktförmigkeit des Produktes so dominant, dass das einfach gar nicht mehr geht. Insofern auch da gar kein grundsätzlicher Dissens.

    „Zumindest haben Sie in dieser Richtung bei mir Überlegungen angeregt, die tatsächlich ein wenig in die Verschüttung gefallen waren.“

    Darüber freue ich mich! Und lese jetzt auch häufiger bei Ihnen!

    Bis denne, und gute Nacht mit Postpunk und Rotwein 😉 … ich freue mich derweil weiter über diesen Passus:

    „und Adorniten, mit denen man nicht eine Nacht durchsaufen konnte, ohne daß sie um halbzwölfe bereits nach Hause mußten, um zu lernen, bin ich aus dem Weg gegangen. (Am liebsten waren mir immer die weiblichen Adorniten, weil die trinken, rauchen und reden konnten. Und am liebsten waren sie mir in blond.) Hier greift in der Tat die Kategorie der Intensität.“

    Und bleib beim Bier 😉 …

  6. Pingback: Hinweis in anderer Sache « AISTHESIS

  7. Loellie Juli 11, 2009 um 12:39 pm

    @ „Mo hat natürlich Recht mit seinem Hinweis auf die Phrase des täglich-sich-neu-erfindens (ganz analog hat Roland Berger ja in naiver Selbstdemaskierung gefordert, wir sollten unser ganzes Leben als “Unternehmen” sehen), dennoch ist das, was mit dieser Phrase ursprünglich mal verbunden war, bedenkenswert.“

    Das Kernproblem bei diesen ganzen Diskussionen der letzten Wochen ist doch, dass monoma, Che, dessen Kumpels und Gott Weiss wer noch alles, nur und ausschliesslich dann recht haben, wenn man Roland Berger die Umdefinition von Begriffen wiederstandslos und unhinterfragt überlässt. Wer macht sich dann durch Unterwerfung zu wessen Vollstrecker?
    .

    Monomas MJ Artikel ist doch nichts anderes, als das wiederaufwärmen und mit upgedateten Begründungen weiterführen dessen, was in den USA der späten 70er als homophob-rassistische Attacke mit „Disco Sucks“ seinen Anfang nahm, um hier in Deutschland, ganz nach dem „Stille Post“ Prinzip, als berechtigte Kommerz- und Kapitalissmuskritk missverstanden diese unseelige Authentizitätsdebatten erst ermöglichte.
    Weil ja nur heterosexuelle weisse Männer richtige Musik für heterosexuelle weisse Männer machen können und schwarze nur und ausschliesslich dann richtige Musik machen, solange sie dass Clischee des versklavten Negers bedienen der im Blues seine Unterdrückung beweint.
    Für diese Generation, die ihre Identität auf in die Hose gestopften Tempotaschentücher aufbaute, musste Disco eine Bedrohung sein, weil das Opfer, mit dem es sich so herrlich zum Zwecke der Selbstüberhöhung solidarisieren liess, plötzlich, aufgbretzelt wie Sarottimohr, über alle soziallen Klassen, Kulturalismen, Ethnisierungen und Genderisierungen hinweg, die Zwangsnormalisierung, die Uniformität dieser heterosexuellen weissen Männer von den Bühnen fegend, die Individuen im Saal zu einer, sich einer kollektiven Erfahrung hingebenden stampfenden Gemeinschafft transformierten.

    Es ist diese Zerstörung patriachaler Machtstrukturen, die explizite Verweigerung dualer Weltsysteme, das Abschaffen von Schwarz/Weiss, Frau/Mann, Homo/Hetero, die monoma bis heute lauthals „Ich, Napoleon, erkläre den Rest der Welt für verrückt“ aus der Irrenanstalt heraus schreien lässt.
    Und mir ist die Begründung gerade sowas von scheissegal mit der er versucht, anstatt Homosexualität als solches, das Sich-Wehren gegen homophobe Gewalt zu pathologisiern.
    Ob er sich dessen bewusst ist, ob es das ist was er will, ist Sein und nicht Mein Problem. Mein Vorrat an „wie hat er denn das schon wieder gemeint“ wurde unlängst von Che restlos erschöpft.

    Sorry alle zusammen, aber was monoma treibt, hat nix mit Kritik in irgendeiner Form zutun, sondern ist nichts anderes als die Instrumentalisierung des „Neoliberalismus“ um endlich, nach vierzig Jahren, mit Stonewall und den Black Panther abzurechnen. Das wird auch nicht vom umsich werfen mit Zitaten toter Männer besser (auch wenn ich euch den Spass an eurer „Philosephenzickerei“ von Herzen gönne).
    Das sich aufm Clo verstecken wollen hat doch nichts mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis zu tun. Das ist mir und Momo aufgezwungene Lebenserfahrung, die beim lesen auf Kunst-und-Kritk auch mir wieder hochkam. Ich kann es nicht an Worten oder Sätzen festmachen, erstrecht nicht mit knackigen Zitaten belegen, aber ich hätte wirklich nicht gewusst, wie ich mich dort in die Diskussion hätte einbringen können, ohne vorher meine Identität aufzugeben, mich selbstverleugnend in der Kategorie „Homosexuell“ auf-zu-lösen.
    Ich als …
    Das, was Linke Blogger vorgeben zu kritisieren, wird plötzlich zur Vorraussetzung des Erlangens von Diskursfähigkeit.
    .

    Ich frage mich jetzt schon seit Wochen was hier los ist, warum Momo und ich simultan an die Decke gegangen sind und vor lauter Dreck keine Chance haben wieder runter zu kommen. Als ich schrub „Homophobie ist wieder im Mainstream angekommen“ dachte ich noch ans eher konservative „Feuilleton“, an die ganzen Familienschützer und Bibelwerfer die uns abschaffen wollen … wie mann sich irren kann

  8. momorulez Juli 11, 2009 um 1:44 pm

    Danke, Lollie, dem habe ich nichts hinzuzufügen!

    Wobei ja Hartmut und Bersarin mittlerweile auch deutlich andere Akzente gesetzt haben. Zu meiner tatsächlich großen Freude.

  9. momorulez Juli 11, 2009 um 8:25 pm

    „heterosexualität als bloße tatsache mit „gesundheit“ zu assoziieren, ist tatsächlich quatsch. soweit konsens. jetzt kommen wir aber zu einem punkt, der eine unüberbrückbare kluft darstellt: jeder schwule und jede lesbe ist das produkt von heterosexualität. diese einfache tatsache sollte endlich einfach registriert werden, und der ständige versuch, sie mittels absurder konstruktionen quasi um die ecke aus der welt zu schaffen, dürfte nicht unmaßgeblich dazu beitragen, dass viele leute – nicht nur sog. „normalos“ – von bestimmten diskursen der schwul-lesbischen szene untergründig ständig genervt sind. bezgl. der reproduktion unserer spezies ist heterosexualität tatsächlich die norm. das ist so, darüber lässt sich nicht diskutieren. alles andere ist freigestellt, aber der versuch, diese norm als quasi repressive konstruktion darzustellen, ist schlicht und einfach albern.“

    Da hast Du’s, Loellie. Also halt die Schnauze.

    Das ist auch schon alles, was dahinter steckt ….

  10. momorulez Juli 11, 2009 um 8:34 pm

    Es sind halt die fleißigen, weißen, christlichen, heterosexuellen Männer, die hier für’s Bruttosozialprodukt sorgen. Und genau die werden diskriminiert! Stand neulich bei PI.

  11. Loellie Juli 11, 2009 um 9:12 pm

    Ich dachte jetzt wirklich dass du da keinen Link gesetzt hast, so aus Rücksichtnahme auf meine zarten Nerven weils dort wo unapetitlich ist …

    Latürnich!

  12. momorulez Juli 11, 2009 um 9:43 pm

    Nee, dahin verlinke ich nunmehr nicht mehr, ich linke ja auch nicht auf Neonazi- oder Homo-Heiler-Seiten. Selbst wenn im konkreten Fall total tolerant Homosexualität nicht pathologisiert wird, ist die Struktur ja die gleiche wie bei Homo-Heilern, weil es völlig willkürlich ist, was man jeweils als „authentisch“ begreift. Bis 1969 war das sogar rechtlich noch „unauthentisch“. In der DDR galrt es bemerkenswerter Weise als „dekadent“.

    Ich fühle mich in annähernd allem, worauf ich zunächst reagiert habe, bestätigt, Du hast das ja noch mal großartig auf den Punkt gebracht. Obwohl die Passagen zu Hartz IV recht gut sind und in anderen Passagen ja einfach noch mal das gleiche geschrieben wird wie in dem, was ich sowieso schon geschrieben habe, bei dem Krebsbeispiel und den Behinderten zum Beispiel.

    Die sich wahnsinnig freuen, wenn man zu ihnen sagt: „Na, dann lauf doch mal die 100 Meter!“ Das ist wieder der Schulhof – gibt doch dieses Lena Valaitis-Lied „Blue Johnny Blue, welche Farbe hat die Sonne?“.

    Als sei das alleiniges Kriterium, dass man äquivalente Fähigkeiten entwickelt. Was war mein geistig behinderter Ole großartig, den ich im Zivildienst zu Schule brachte! Könnte man jetzt auch wortgewaltig als „neoliberal“ bezeichnen, so einen Spruch wie den mit dem 100m-Lauf. Habe mal bei einem Querschnittgelähmten gebarbeitet, der hat den Tag seines Unfalls als „Wiedergeburt“ gefeiert. Fand ich auch etwas, na, mir fehlen die Worte, aber vor ihn gestellt und gesagt: „Komm, Du bist doch einfach nur ein Krüppel, lüg Dir mal nicht in die Tasche“, das hätte ich doch nicht gebracht.

    Auch darin, dass der Verweis auf totalitäre Strukturen und Argumentationsmuster nur noch als „Moralkeule“ da wahrgenommen wird, wo sie formuliert werden, insofern Kritik gar nicht mehr stattfinden darf, weil die ja immer gleich Diffamierung und unverschämt ist, fühle ich mich bestätigt. Perfekt immunisiert allesamt. Das fing an mit der Walser-Rede an damals.

    Das ist bei dieser katholischen Kuh das gleiche gewesen, nur dass die sich auch noch unterdrückt, nicht nur belästigt fühlte. Auch bei den Auseinandersetzungen mit manchen Liberalen hatten wir das ja, dass es eine totale Unverschämtheit war, wenn man Sozialdarwinismus Sozialdarwinismus nannte.

    Das funktioniert perfekt, und in der Tat: Das ist bei vermeindlich Linken so dermaßen tief eingedrungen mittlerweile, da lob ich mir den Nörgler, der konstant darauf verweist, worum’s da eigentlich geht ….

  13. Loellie Juli 12, 2009 um 11:24 am

    Den würd ich jetzt auch nicht mehr verlinken 😦

    Diese Lina geht mir ja glatt am Arsch vorbei mit ihrem Dreck und um PI oder deren gemässigten @ntidemokratischen Flügeln mach ich auch einen Bogen … was ja auch keine Lösung ist, aber da erwarte ich ja nichts anderes weshalb ich mir meine Cholerik dann zum Teil ja selbst delegitimiere, weil ich brauchs ja nicht zu lesen.

    Wenn sowas dann aber aus einer Ecke kommt, der ich Sympathie und Respekt entgegen bringe, oder schlimmer noch, wie in einem anderen Fall, glaubte einen konkreten Verbündeten ausgemacht zu haben, dann tut mir das richtig weh.
    Vorallem die Leichtigkeit und geradezu atemberaubende Geschwindigkeit mit der alle Masken abgeworfen und unverholener Vernichtungswillen artikuliert wird …

    Mich befällt da gerade wirklich eine übermächtige Leere die selbst den Rückgriff auf Fäkalsprache mir verunmöglicht.

    —————

    Was ich noch gesagt haben wollte,

    es lag mir da oben wirklich fern aus Hartmut ein homophobes Arschloch zu basteln, aber ich hatte den Beitrag und die Kommentare nach deiner Verlinkung (oder wars ein Trackback … egal) zuerst gelesen, bevor ich deinen Artikel weiterlas.
    Das war ja eher ein zwischen den Zeilen riechen, das bei mir so ein diffuses Gefühl produzierte „da will mir einer was aufnötigen, bevor ich überhaupt was dazu sagen kann“ … erst danach las ich, dass du dieses Gefühl so schön bildhaft mit dem Clo ausformuliert hast.
    Ich versteh das ja selber nicht, seh nur ein riesen Fragezeichen. Vllt ist dir das ja etwas klarer; schreib ich einfach mal so hin damits hier steht,
    wo mir gerade ehrlich gesagt jede Motivation abhanden gekommen ist, das Thema als ganzes weiter aus zu diskutieren.

    und nochn PS: Natürlich war mir der veränderte Tenor nicht entgangen, aber manchmal komm ich halt wie die Alte Fassenacht hinterher. Es passiert mir auch immer wieder wenn ich wie da oben fast drei Stunden brauch, dass die Diskussion zwischenzeitlich eine Wendung genommen hat.

  14. momorulez Juli 12, 2009 um 12:11 pm

    „Vorallem die Leichtigkeit und geradezu atemberaubende Geschwindigkeit mit der alle Masken abgeworfen und unverholener Vernichtungswillen artikuliert wird …“

    Finde das auch erstaunlich. Vor allem, wenn man mal einfach statt „pathologisch“ „degeniert“ und „entartet“ in die Texte einfügt, dann wird die Sachlage deutlich. Einen vorprädikativen Wahrheitsbegriff hat Heidegger auch vertreten, und da wissen wir ja, was daraus wurde.

    Hatte das Gefühl, dass Bersarins Einwurf aber durchaus klärend war, auch für Harmut, auch für mich; manchmal merken „die“ es auch wirklich nicht, in welchem semantischem Feld sie gerade unterwegs sind.

    Monodingens merkt das aber sehr wohl, der war ja, wenn ich’s richtig verstanden habe, selbst Opfer von Pathologisierungen.

    Bei der ersten Entgegnung habe ich auch gedacht „der dissoziiert jetzt gerade, au weia“, und habe echt ’nen Schreck und eine kurzfristige Beißhemmung bekommen. Bei der zweiten Entgegnung hatte er sich dann wieder gefangen, und das kann seinen Thesen zumindest in einer Hinsicht recht geben – dass durch die wirtschaftlichen Verhältnisse Traumatisierungen entstehen, sich Selbstbilder gruseligst verschieben, da hat er ja recht.

    Und da rettet man sich dann wahrscheinlich – gerade auch bei seinem Background – auf’s vermeindlich Evidente, das – scheinbar – noch nicht Abgeräumte, „ich kann Kinder machen“, „Ehe und Familie schützen“, und da sich kurioserweise Heten so häufig durch andere Lebensformen bedroht fühlen, wahrscheinlich, weil die eigene so fragil ist, geht man das auf’s „sich neu erfinden“ und das Schwule los, weil allein schon die Existenz dessen eben das Bedrohunggefühl noch potenziert, dass eben noch nicht mal mehr die letzten Bastionen der Heimeligkeit selbstverständlich bleiben.

    Das hat Sartre als „Mauvaise foi“, also Selbstbetrug, Angst vor der eigenen Freiheit, beschrieben, und politisch ist das gemeingefährlich. Weil gerade diese Ängste in Zeiten der Modernisierung sowas wie Nationalismus, Islamismus, Rassismus hervorbringen und durchaus maßgeblich einst zum Erfolg der Nazis beigetragen haben. Da wird’s schnell zappenduster.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s