Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juni 2009

Mal kurz eine Liebeserklärung …

… an (nord)-deutsche Kultur: Bei bedecktem Himmel durch den Park streifen, sind wohl um die 18 Grad, es ist angenehm kühl Ende Juni, blickend in Kontemplation versinken im nach all dem Regen so üppig wuchernden Grün – dann am Dammtor „Nordessekrabben“, teure Köstlichkeiten, zu kaufen und mit Spiegelei und getoastetem Graubrot zu verspeisen. All das so schlicht und deftig und weit jenseits von Nouvelle Cuisne und anderem affektierten Schnickschnack verortet, man ahnt Seeluft und Strandspaziergänge auf Nordseeinseln im Nieselregen, das Meer tost – ja, so fühle ich mich zu Hause. Brauche keine Zikaden, keine flirrende Hitze, keine Allgegenwart von Staub und Kakteen und kann im Angesicht des kleines Restes Wallgraben auch gut auf Olivenhaine verzichten. So, darauf einen „Küstennebel“ 😉 …

Villingen nieder ringen und den Ball zum Schwärmen bringen! Schwenningen ganz klar bezwingen und St. Pauli-Lieder singen!

So sind sie!

Also wieder was gelernt. Eben noch in tiefer Ratlosigkeit angesichts der Pokalauslosung versunken, wer , wo, was oder gar warum Villingen sein könnte – ein Blick ins Forum, und schon überwältigt mich Wissen:

„Hier mal ein paar Daten über uns:

Der FC 08 Villingen ist in der Doppelstadt Villingen-Schwenningen beheimatet, und hier im Umkreis der erfolgreichste Verein.
Bereits vor 2 Jahren war der FC 08 im DFB Pokal vertreten, damasls ein knappes 1:3 gegen den SC Freiburg, und 2005 zwang man Hansa Rostock nach einem 2:2 sogar in die Verlängerung.
Im Südbadischen Pokal waren die grössten Konkurenten der SC Freiburg2 und der SC Pfullendorf aus der Regionaliga.
Die Stadt Villingen-Schwenningen ist das Oberzentrum im Schwarzwald mit ca. 83.000 Einwohnern, und ist daher vielleicht sogar ein paar Leuten auch hoch im Norden bekannt.
Zu unserer Fanszene, normalerweise sind bei üblichen Oberliga-Spielen ca. 30 aktive Mann im Block, zu besonderen Spielen wie eben DFB Pokal oder der Grund warum wir hier sind, das SBFV-Pokal Finale gegen den Offenburger FV sind es auch mal an die 200 aktiven Fans, der Rest sind wenn ich es mal so nennen darf, normale Fussballfans.
Es bestehen momentan 3 aktive Fanclubs, diese sind der Fan Club Black and White, die Szene VS (www.szene-vs.de) und die Ultra-Orientierten Fans, die Wilden-Jungs-Villingen ( www.wilde-jungs-villingen.de

Der Hauptinternetauftritt ist aber das offizielle Fanforum des FC 08 Villingen welches unter http://fanforumfc08.xtremeservers.at/index.php zu erreichen ist, würde mich freuen, wenn sich der ein oder andere von euch dort finden würde.“

Schwarzwald ist ja eigentlich was Hübsches, da hat der Kippenberger schließlich auch gewerkelt und immer laut den „Bodyguard“-Soundtrack mitgesungen. Die Chancen, dass wir uns da blamieren, stehen ja leider ziemlich gut. Näher dran als Weissrussland ist der Schwarzwald sogar auch. Hatte Heidegger da nicht auch seine Skihütte? Dann gibt’s da bestimmt viel Gestelle, Lichtungen des Seins voller Hirten desselben, und man spricht im Dasein (Bewußtsein gibt’s ja nicht bei Heidegger), dass man seiend darin wohnen könnte, weil die Sprache ja das Haus des Seins ist (ich wollte die Differenz zwischen Sein und Seiendem jetzt nicht aber nicht einebnen).

Kenne den ja eigentlich nur vom Vorbeifahren, den Schwarzwald, im Zug im Rheintal sitzend – das war aber schön, auf dem Weg zum Lago Maggiore morgens im Nachtzug aufzustehen, in den Bistro-Wagen zu schlurfen, um da eine zu rauchen, damals durfte man das noch , und hinterm Schwarzwald die Sonne aufgehen zu sehen. Das Bild werte ich jetzt mal als gutes Omen für den Pokal, erste Runde, da unser neu formiertes Traum-Mittelfeld den wilden Jungs hoffentlich Traumfussball vorführt, damit die nicht immer so tief in Decoltés gucken müssen, sondern auch mal auf dem Platz was geboten bekommen  …

Manchmal – gar nicht so selten – macht das Bundesverfassungsgericht ja Freude …

Trauer um Jacko, den „King of Pop“

Seltsam. Da bloggt man, noch immer trauernd, zum 25. Todestag von Michel Foucault, und fast zeitgleich stirbt Michael Jackson. Einer, der das Motto „Sich neu erfinden“ wohl am radikalsten mißverstanden hat. Eine Jahrhundert-Künstler, ein unübertroffener Musiker und Entertainer, ein Gigant. Wahrscheinlich ist ihm der Schock über Zensursulas Gesetzgebung so in die Glieder gefahren, hat ein weiteres Opfer gefordert – ja, ich weiß, ist geschmacklos, an solchen Tagen solche Witze zu reißen. Weil die Tragödie dieses Genies ja so offenkundig ist und weltweit so schmerzhaft und zäh zelebriert wurde wie eine auf Jahre ausgedehnte Wurzelkanalbehandlung. Weil er selbst sowas wie ein multiples Mißbrauchsopfer war, erst des Ehrgeizes seines Vaters, dann der Unterhaltungsindustrie als solcher. Der Mann wurde wirklich zu Tode amüsiert.

Jon Bon Jovi, ansonsten keiner meiner Favorites, hat Elvis Presley mal als „First Prisoner of Rock’n’Roll“ bezeichnet – Michael Jackson saß tief im Hochsicherheitstrakt des Pop-Systems und ist nun darin ganz wie Elvis tragisch umgekommen.  Jacko hat schon als Kind „Ain’t no sunshine“ so gesungen, als sei er als Untoter Jahrtausende durch’s Universum geirrt als Bündel reinen Gefühls ohne Erfüllung. Der hat so viele Menschen, ganz trivial und doch durchgreifend wahr, so glücklich gemacht mit seiner Musik, dem gebührt ein Ehrenplatz im kollektiven Gedächtnis – gleich neben James Dean und Marilyn, Janis und Jimi, Kurt Cobain und Montgomery Clift.  Und natürlich Elvis. Ich trauer.

Ja, ich vermiss ihn auch immer noch!

Obwohl er mir in seinen Büchern und den so wundervollen Interviews wie auch in meinen Gedanken ja doch noch immer sehr nahe ist.

Was war das ein Schock, dieses Denken! Was hat das ausgehebelt, in Frage gestellt, mich aus dem freudomarxistischen Schlummer gelöst – und doch geradezu eine psychische Krise verursacht, aus der ich mich zunächst gar nicht mehr erholen konnte, jeden gedankliche Boden unter meinen Füßen hat er abgeräumt, der war weg.

Was habe ich gerade deshalb seine Texte verschlungen, aufgesogen wie ein Süchtiger seinen Stoff – obgleich ich doch zunächst gar nichts verstand.

Bei annäherend jeder Diskussion hier im Blog, in der gravierende Missverständnisse entstehen, sitzt er mit in der Kommentarsektion herum und feixt sich einen. Weil eben nicht jeder bereit ist, diesem Weg zu folgen,  das Vertraute so nachhaltig zu unterminieren, dass nur Kritik, jedoch keine Meinung mehr überbleibt – ich ja auch nicht, nicht nur in der Hinsicht bin ich ein schlechter Schüler.

Obgleich mir immer tröstlich war, wie der späte Foucault dann doch noch, in recht jungen Jahren noch fast schon altersweise, sich über Selbstpraktiken ausliess und so aus einem gigantischen Universum aus Dispositiven, Disziplinen, gemarterten Körpern, Macht, Praktiken und Diskursen, Epistemen und historischem A Priori, Wahnsinn und Gesellschaft (rückwärts aufbereitet) sich dann ganz plötzlich so etwas wie Möglichkeit subjektiven Erlebens, die Möglichkeit von Erfahrung erhob, ja, ja!, jetzt werde ich kitischig, wie ein Sonnenaufgang hinter Alpen, während man auf den See des Klosters Seeon blickt und Nebelschwaden über dessen Fläche schweben. Die Möglichkeit von Erfahrungen,wie Foucault selbst sie in den Saunen San Franciscos suchte, ebenso und nicht minder intensiv und grenzenlos  in den Untiefen und abseitigsten Regionen verborgener Archive, in denen er die europäische Geschichte aufmischte und neu zusammen stellte.

„Foucaults intellektuell-journalistische Ambitionen, Foucault, als Denker der Aktualität – eben daran ist heute zu erinnern und vor allem dies ist heute auch zu vermissen. Heute, an seinem 25. Todestag.“

Ja, Herr Schlüter. Ich bin mir ziemlich sicher, korrigieren Sie mich, dass Sie sogar dabei waren, damals zu Zeiten meiner Initiation. Meine, dass Sie sich aufhielten im selben, überfüllten Seminarraum im 10. Stock des Hamburger Phil-Turmes, von dem aus man einen so herrlichen Blick über die Dächer der Statdt hatte und in den hinein am frühen Abend die Sonne so heftig brutzelte wie unsere Gedanken. Völlig hilflos und verängstigt fast saß ich verstörter Zweitsemester (im ersten wurde gestreikt) in der vielfältigen Masse, die das Schnädelbach-Semniar zu Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ besuchte. Ein Hochspannungsseminar, dominiert von einigen „Experten“, denen man lauschte.  Ich meine mich sogar zu erinnern, dass Sie das Referat zum Begriff der Repräsentation im Zeitalter der Klassik hielten, vielleicht irre ich, wir kurz darauf – sehr diletantisch – als Arbeitsgruppe jenes zum Sprachviereck in der selben Ära.

Ich brauchte 7 Jahre, bis ich auch nur Ansätze jenes Wissens halbwegs versammelt hatte, die dieses Buch erst wirklich verständlich machte, das war mir Ansporn. Weil Foucault zugleich bei weiteren Lektüren mir half, der Seele, dem Gefängnis des Körpers, der Seele, die in dem Menschen wohnt, zu dessen Befreiung man aufruft und dessen Unterwerfung doch tiefer ist als er, diesem humanwissenschaftlichtlich erfaßten und normalisierten Menschen  der „Psychologie“ und „Psychoanalyse“ Freudscher Prägung, zu entrinnen, um stattdessen lieber gleich undiszipliniert körperlich zu sein, und sei’s beim Tanz zu Barry White (der läuft hier gerade)  – und nach all dem Infragestellen, und sei es für Minuten nur, jenen Raum zu finden, in dem man frei und somit erst sein kann, statt geworden zu werden.

Foucault war eines der ersten prominenten AIDS-Opfer, obgleich dies zunächst verschwiegen werden sollte. Hervé Guibert hat die Szene beschrieben, in der Foucault zum ersten Mal von der Krankheit hörte und fast vom Sofa fiel vor Lachen,  sinngemäß „Was? Ein Krebs, der nur Schwule trifft? Das hätten die wohl gerne! Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein!“ prustend ausrief – um final selbst der Krankheit zu erliegen.

Auch ich trauer heute. Am Todestag von Michel Foucault. Danke. Danke für alles und für so viel mehr …

Mehr Demokratie wagen!

Das ist aber wirklich spannend, was der Rayson da ausgebuddelt hat. Wer oder was Jörg Tauss ist, was ihm vorgeworfen wurde und wie er auf die Zensurgesetze in Sachen Internet reagiert hat, das das kann ja jeder selbst nachgooglen. Hier seine Beschreibungen von Vorgängen rund um Gesetzgebungsverfahren:

„Kein (SPD-) MdB kaeme z.B. auf die Idee, zum Gespraech auf einen Bauernhof zu fahren, ohne sich vorher etwas ueber die Milchquote oder dergl. anzulesen oder wenigstens aufschreiben zu lassen. Unter „Internet“ koennen sich aber eben viele immer noch weniger vorstellen als unter einer Kuh. Ein weiterer Teil hat sich daher auf die Aussagen von „Fachleuten“ wie Martin Doermann verlassen, der in der Fraktion von einem „guten Kompromiss“ und „Verhandlungserfolg“ gegen die Union sprach. Dass sich Stasi 2.0 die Haende reibt weiss er nicht, will er nicht wissen, weil es ihm weder die Bundesnetzagentur noch sein Referent so aufgeschrieben haben und nur ueble Lobbyisten das Gegenteil behaupten. Er glaubt denen daher auch nicht, glaubt vielmehr den von ihm verbreiteten Unfug selbst und ist beleidigt, dass ihm die gleichfalls boese „Szene“ wiederspricht und „sein“ Werk nicht auch noch lobt. Er hat mich beim Parteitag sogar noch gebeten, zu helfen, die „Szene“ mal richtig zu informieren.“

Der Reflex von Rayson, dann im Gegenzug den „Staatsgott“ (auch eine Form von Gottesstaat also) zu vergötzen, indem er ihn negativ verabsolutiert, ist ja auch nicht anderes als eine rhetorische Abschaffung der Gewaltenteilung, also eben das, was den Gesetzgebern allerorten vorgeworfen wird: Deren Gewaltenteilung voranzutreiben und somit die Architektur des Grundgesetzes zum Einsturz zu bringen.

Finde vielmehr 4 andere Punkte auffällig: Dass Kreise der Union Tauss zufolge mit China liebäugeln, das ist ja schon lange meine Prognose – dass das Motto  „Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht, und Politik ist dazu da, Folgeschäden autoritär zu beseitigen, wegzusperren, zu unterdrücken oder in Verhältnisse zu zwingen, in denen keiner sein will (und ggf. in Wirtschaftskrisen dann ordentlich Kohle in sie hineinzupumpen)“ sich perspektivisch durchsetzen wird.

Da können nun gerade die Apologeten der Deregulierung nicht so tun, als habe das mit ihren Praxen und Diskursen nix zu tun, die Mentalität ist das Resultat wirtschaftlicher Umbrüche, die sie selbst diskursiv flankiert haben  – wenn auch im konkreten Fall maximale Einigkeit herrscht hinsichtlich der Kritik der antidemokratischen Unverfrorenheit, mit der von der großen regierenden Einheitspartei Bürgerrechte abgeräumt werden. Hartz IV und Zensursula sind da einfach zwei Seiten der gleichen Medaille.

Zweiter auffälliger Punkt ist die Angst vor der BILD. Dass die eifrig mit regiert, das war ein Grund von Herrn Bucerius von DIE ZEIT, einst die 68er finanziell zu unterstützen; nun ist es einigermaßen inkonsequent, „Scheiß Staat“ zu rufen, wenn Mechanismen in privatwirtschaftlichen Medien dazu führen, dass Politik so und nicht anders gemacht wird.

Da gibt es aktuell keine Lösung, weil die Staatsnähe der öffentlich-rechtlichen Medien dazu führt, dass ein Gegengewicht nicht wirklich sich formiert. Das ist aber genau der Ansatzpunkt: Die Reformbedürftigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems eben nicht auf Quotendiskussionen, Qualitätsdebatten und Zwangsgebühren zu reduzieren, sondern an den internen Entscheidungsstrukturen, die dazu führen, dass sie ihre Rolle als „4. Gewalt“, die unabhängig sein SOLLTE, gar nicht mehr wahr nehmen. Und im Gegenzug sich klar zu machen, dass es gerade die Privatisierung von Funk und Fernsehen war, die den zwangsläufigen Populismus der Massenmedien noch forcierte.

Dritter Aspekt ist mein Lieblingsthema: Die dem Subsystem Politik innewohnende Eigendynamik. Wenn der Verhandlungserfolg mit der CDU dem Verhandlungsergebnis und dessen Inhalten gegenüber prioritär ist, ist ja eine Abkopplung von Wählerinteressen und Bürgerrechten geradezu die notwendige Folge. Und das leitet über zum vierten Apekt:

Neulich in der FR beklagte ein Kommentator, dass meckern ja auch einfach sei, wenn keiner mehr bereit sei, sich in der Politik zu engagieren. So sei es ja kein Wunder, dass aus ihr das geworden ist, was sie wurde.

Und in der Tat ist ja erstaunlich, wie Herr Tauss die Weltfremdheit der Abgeordneten beschreibt. Dass nur ganz bestimmte Personengruppen, Juristen, Lehrer und sonstige Beamte, sich im Bundestag tummeln, das ist ja ein Problem, das sich daraus ergibt, das Leute wie wir sich lieber mit anderen Sachen beschäftigen.

Und das hat meiner Ansicht nach sehr viel mit der Regierungszeit Helmut Kohls zu tun, wo alles platt gesessen und trivialisiert wurde, auch damit, wie die Wiedervereinigung durchgesetzt wurde, nämlich als ein Abräumen der Ziele der DDR-Bürgerbewegung, als auch mit der Regierungszeit von rot-grün, wo entgegen allen Vorstellungen und Wünschen, die man mit ihr zunächst verband, dann Kriege geführt und soziale Rechte abgeräumt wurden.

Umgekehrt sollte man sich gerade jetzt an den „Marsch durch die Institutionen“ der ’68er wie auch jene Phase, in der DIE GRÜNEN sich formierten, erinnern. Auch wenn’s schlim ist, was aus denen nun geworden, erziehungsberechtige, konservative Besserverdiener, so ist es ja ein unglaublicher Erfolg für die Demokratie gewesen, dass eine ganze Szene in die Parlamente einzog und dort neue Perspektiven und Wahrnehmungen eröffnete.

Die Piraten machen mir da sogar Hoffnung. Ich glaube, ich trete dort ein.

Das Sein und das Nichts und die Negativ-Form

„Dreißig Speichen treffen sich in einer Narbe: auf dem Nichts daran (dem leeren Raum) beruht das Wissen der Brauchbarkeit.

Man bildet Ton und daraus einGefäße: Aus dem Nichts daran (seiner Leere) beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.

Man durchbricht die Wand mit Türen und Fenstern, damit ein Haus entstehe: Auf dem Nichts daran beruht die  Brauchbarkeit.

Darum: Das Sein gibt Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit.“

Laotse

Sag es mit Watzlawick! Grundfehler des Neoliberalismus I

Heute: „Mehr desselben – wenn die Lösung zum Problem wird!“

Einer der Grundfehler der aktuellen Kritiker wie auch der Befürworter neoliberaler Programme ist es, in der Staats/Wirtschafts-Dichotomie zu denken. Das sind ja keine realen Gegebenheiten, sondern Typisierungen, die vereinfachen, was ziemlich kompliziert ist. Natürlich gibt es die Steuerfahndung, das Strafgericht, den Gemüse-Türken und Lohnarbeit, aber es macht keinen Sinn, diese dann im Rahmen dieser Oppositionspaarbildung zu diskutieren, da in der realen Welt vielfältige Verschlingungen aufzufinden sind, und man sich so immer nur wahlweise auf das eine oder andere Bein stellt und irgendwann umfällt. Eigentlich ein Grundgedanke des Ordoliberalismus, den einst man ja auch Neoliberalismus nannte; wäre ja gut, wenn die Leute ihre Klassiker mal ernst nehmen würden.

Folgeproblem ist, dass, wenn man diesen neoliberalen Vorgaben auch in deren Kritik folgt, dass es auf eine „Mehr deselben!“-Logik hinausläuft – wahlweise Staat, also mehr Regulierung, Bürgschaft, Steuer – oder aber auch „Mehr Privatisierung!“. Und wenn dann weiter Probleme bestehen, dann ist es einfach alles immer noch nicht genug gewesen. Und keiner fragt, ob nicht die Lösung zum Problem wurde … also z.B. das „Sozialversicherngsbeiträge senken, immer weiter senken, immer mehr private Versicherungen einführen“ nicht dazu beitrug, dass jene Gelder frei gesetzt wurden, die dann in der Finanzkrise implodierten. Auch bei Verschuldung gilt das ja generell: Immer mehr Schulden machen, um das Schuldenproblem zu lösen, kann auch in Finanzkrisen führen.

Paul Watzlawick und seine Mitstreiter John H. Weakland und Richard Fisch haben in dem wohl lustigsten Psychologiebuch der Geschichte  des Faches diesen und andere Mechanismen auseinander genommen, sie seien hier nach und nach referiert. Auch,weil die Beispiele so lustig und tragisch zugleich sind, auch wenn sie an politischen Welten eher kratzen.

Hier mal ein Zitat, Kindererziehung betreffend:

„Dieses Kommunikationsmuster läßt sich am häufugsten in Familien beobachten, in denen die Eltern der Ansicht sind, ein richtig erzogenes Kind müsse ein fröhliches Kind sein, daß sie in den alltäglichsten, unbedeutendsten Launen ihres Kindes eine stumme Anklage elterlichen Verhaltens sehen. Oft klagen sie dann ihrerseits an, etwa: „Nach allem, was wir für dich getan haben, solltest Du keine Probleme haben.“ Und die Anweisung: „Geh auf Dein Zimmer und komm mir nicht heraus, bis Du wieder guter Laune bist!“ ist dann nur einer von vielen ähnlichen elterlichen Lösungsversuchen. Diese Lösung erzeugt aber im Kind nicht nur ein Schuldbewußstein dafür, nicht die Gefühle zu haben, die es haben „sollte“, um liebenswert zu sein, sondern vermutlich auch hilflosen Zorn, was ihm angetan wird; zwei weitere Gefühle, die die Eltern dann auf die Liste derer setzen können, die es nicht haben sollte. Wenn sich einmal dieser Teufelskreis der Fehllösung einer relativ harmlosen Schwierigkeit herausgebildet hat und dann damit zur gewohnheitsmäßigen Erwartung wurde, bleibt er dann auch ohne weitere Verstärkungen von außen (im vorliegenden Beispiel die elterlichen Lösungsversuche) bestehen.“

Watzlawick/Weakland/Fisch, Lösungen – Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern – Stuttgart – Wien 1974, S. 54 – 55

Die Anwendung des Prinzips „Mehr deselben – wenn die Lösung zum Problem wird“ auf andere als Eltern-Kind-Relationen überlasse ich mal der Diskussion ….

Endlich wieder ein richtiger, vollwertiger Mensch!

Gerade die neue Dauerkarte gekauft. Motto: Auf der Haupttribüne sitzen bleiben, so lange es noch geht! Werde schon wieder unausglichen, die neue Saison kann gerne anfangen …

Assoziationen zum Iran

„Am 28. November 2000 verbot ein iranisches Gericht zum Beispiel die Zeitschrift „Irana Javan“. In einem Beitrag über das Kino hatte das Jugendmagazin mit der höchsten Auflage ein paar nichts sagende Fotos aus einem Hollywood-Blockbuster veröffentlicht, die in den Augen des Gerichts obszön waren“.

Nasrin Alavi, Wir sind Iran – Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weblog-Szene, Köln 2005,  S. 238

Von solchen Instrumenten träumt Frau von der Leyen wahrscheinlich auch gerade. In dem Buch, dass mir eine Weile vor den aktuellen Vorgängen im Iran geschenkt wurde, steht als Widmung „Ich bin ab heute ein großer Adorno-Fan“, was einer gewissen Komik nicht entbehrt – hat doch keiner die „Westliche Popkultur“ nachhaltiger gegeißelt als Adorno, die jetzt zu dem beiträgt, was im Iran vor sich geht. Die Zeile steht dort als Widmung, weil ich neulich einen deutsch-iranischen Kumpel im Vorfeld etwas beraten habe, als er seine Diplomarbeit über die aktuelle, persische Musikszene verfasst hat. Das Buch war das Dankeschön.

Und jetzt sitze ich hier, noch immer spuken seine Recherchen in meinem Kopf herum, ich habe Angst vor dem „Platz des himmlischen Friedens“ und hoffe doch so sehr, dass sie die Mullahs endlich vom Thron stoßen.

Durch jenen deutschiranischen Kumpel habe ich von aktuellen Lebenswelten  in Teheran etwas mehr mitbekommen als aus anderen Regionen dieser Erde; erstaunlich ist nicht, was dort gerade passiert, wenn ich mir all diese Berichte über den Lebens- und Erlebnishunger der jungen Bevölkerung ins Gedächtnis rufe. Habe im Rahmen meiner publizistischen Tätigkeit auch recht gewichtige Einblicke zusammen mit jenem Kumpel in die Welt gesetzt, bemerkenswerterweise hat sich noch vor 2 Jahren kein Schwein dafür interessiert, wurde ein Flop. Offenkundig wollten die Leute entweder Berichte von Steinigungen auf dem Lande, durchgeknallten Schiiten im Blutrausch,  die wüst gegen Juden und die USA hetzen, oder aber von gefolterten Regimegegnern frei Haus geliefert haben. Wir berichteten stattdessen von einer ausgefächerten Kulturszene im Kampf mit den Zensurbehörden, ohne auch nur irgendetwas zu verniedlichen, was dieses Regime so furchtbar macht. War der sich auf Muslime einschießenden Bevölkerung hierzulande schon zu viel und zu nah, wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Klar sollte werden, dass die Modernisierung im Iran längst und vor allem sehr lange schon angekommen ist, vielfältig und kreativ – und dass sie sich unter spezifischen Systembedingungen ähnliche Pfade sucht wie die Kunst- und Musikszenen in der DDR einst.

Leidenschaftliche Diskussionen führten wir darüber, dass es zu simpel sei, nun z.B. die Kritik an der haarsträubenden Unterordnung von Frauen dort als „Islamophobie“ zu deuten, zu solchen Reflexen neigte mein Kumpel aus guten Gründen, wurde ihm doch gelegentlich aus vorbeifahrenden Autos von den Lesern jener Blogs, die jetzt für die iranische Opposition bloggen und demonstrieren wollen, ein „Geh doch in den Busch, wo Du herkommst“ hinterher gerufen. So dass er manchmal Tendenzen hatte, plötzlich das Zerrbild sich anzuziehen, das hierzulande Menschen von seinesgleichen zeichneten, aus reiner Gegenwehr. Aber nur ganz manchmal. Denn kaum saß er irgendwo am Tisch, hatte er auch schon eine Homophobie-Debatte am Hals, unweit des „Jesus-Centers“, dabei hat nie zuvor jemand meine Avancen – süßer Kerl – so elegant und charmant abgewehrt wie er. Soll jetzt Homo-Hatz im Iran keineswegs wegdiskutieren, was mich ja wunderte, darum geht’s mir,  ist, wie schnell all jene, die noch vor kurzem Leute wie meinen Kumpel und seine Freunde in Teheran als kleine Satans zum Teufel geschrieben haben, ihnen  nunmehr zujubeln.
Ich jubel da aber gerne mit. Diese junge, kreative Masse im Iran, die ist nun offen kritisch geworden, ich fürchte und fieber mit ihnen. Es passt zu allem, was ich in den letzten Jahren von dort erfuhr, und der Crossover aus Tradition und Moderne, der kulturell in Avantgarden längst sich vollzogen hat, ist spannend, ist aufregend, ist bereichernd. Und,  so trivial sich das liest: Bin da voll und ganz solidarisch und wünsche alles Gute. Im Wortsinne. Warum nur sind solche Formulierungen so diskrediert?