Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Mai 2009

Schön wär’s ja, …

… wenn all die so eifrigen Kämpfer „Gegen Links“  in all den Blogs gegenüber und rechts davon das und das hier mal zusammen denken würden. Wer „Gegen links“ votiert und böswillig, mit Herrschaftsabsicht und eifrig vor sich hin klitternd Geschichte umschreibt , hat auch keine Argumente gegen so perfide Unterstellungen und wüste Autoritarismus-Sehnsüchte, wie in der FAZ sie sich finden – weil er antiautoritäre Bestrebungen delegitimiert, ganz einfach.

Demokratie, Recht und Sprachanalyse

„Unter den Buhrufen von über 1.000 Demonstranten, die sich vor das Gerichtsgebäude postierten, hat die Mehrheit einen Verfassungsartikel aufrechterhalten, der die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau definiert.“

 

Das ist ja nicht so weit weg von der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes, das sich einer solchen Definition anschließt, jedoch ausdrücklich klar stellte, dass das alternative Rechts-Instituionen nicht ausschließen würde – wenn ich das jetzt richtig erinnere.

Verzwickt ist freilich eine andere Frage, die Grundsätzliches bezüglich demokratischer Prozesse berührt: Gegen „Proposition 8“ hat meines Wissens der US-Justizminister – völlig zu Recht – angeführt, dass es im Rahmen einer Recht beschließenden Demokratie nicht ginge, dass per Mehrheitsentscheid Minderheiten Rechte aberkannt würden. Sonst könnte ja auch die weibliche, bundesdeutsche Mehrheit Männern das Wahlrecht aberkennen oder die Ossis den Bayern die Lederhosen verbieten wollen (um etwas qualitativ Ähnliches handelt es sich bei den Agitatoren gegen Homo-Ehe-Modelle, ähnlich, aber doch weit weniger gravierend, weil Lederhosen alleine noch keine Lebensform ausmachen).

Ohne nun Genaueres zum Urteil zu wissen, das über den queer.de-Artikel hinaus wiese,  ist da ein Ausweichen ins Definitorische eben ein ziemlich billiger Trick – Verwendungsweisen von Begriffen sind eben doch historisch variabel, Wittgenstein hat die Sprachtentwicklung mit jener einer Stadt verglichen, und im Grunde genommen ist das ein Votum gegen die Weiterentwicklung von Sprache, somit Zensur.

Und jene, die in solchen Fragen von „Natur“ reden, sollten genau deshalb sich besinnen – die Verwendung des Begriffs „Natur“ ist ja im selben Sinne dem Wandel unterworfen. Und Innovationen gibt’s sowieso immer und überall … und ich wette, dass ein Quantenphysiker, ein Mikro-Biologe, ein Kunstmaler und katholischer Inquisitor sich in ihren Verwendungsweise doch deutlichst unterschieden …

Kultur und Kino

Habe gerade eine Rose mit dem dämlichen Namen „Sweet Pretty“ auf meinen Balkon gestellt: Ein Traum aus Aura und Ausstrahlungskraft. Ungefüllte Blüten in zartem Rosa mit bläulichem Unterton, jede wie eine kunstvolle Brosche gestaltet, mit Staubgefäßen, die den Blütenblattfall überdauern und dann wie kleine Goldfäden aus dem dunklen Laub hervorspitzeln, neckisch und flirtend. Souverän und stolz überragt als Hochstamm sie die wüste und jeden Tag mit ihrem warmen Ton gute Laune verbreitende Grace, deren Wuchs so wild ist, dass sie überhängt und sich verbreitet, ganz ungebremst in Lebenslust, und rechts davon die strikten sich reckenden und enorm robusten Gebrüder Grimm, deren aufrechte T-Hybriden-Gestalt, bleibt sie ungestützt, auseinanderfällt und Bögen bildet, so dass eine etwas skurrile Skulptur entsteht, während sie von einem die ganze Straße erleuchtenden, warmen Orange, mit Gelb durchsetzt, zu einem zarten, fast durchscheinenden Pink sich wandelt. Hat immer was von „Viva Espana“, diese Rose, von 70er-Jahre-Schlager und Tri Top, aber genau diese schrille Note hebt sie so dramatisch und fast schon selbstironisch grinsend, mit massivsten Einsatz farblicher Mittel verführen wollend, hervor aus dem nostalgischen Pastell-Blütenreigen drumherum, der eher in sanften Gelb und kühlen Weiß-, Rosa- und Lila-Tönen sich über den Balkon ausbreitet wie ein frisches Laken über potenziellen Liebhabern in Griechenland-Urlauben, durchsonnt und lockend, wenn die Hitze weicht und Esel schreien.

Ein Leben ohne diese Bilder, jeden Morgen, jeden Abend neu, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Ebenso wenig eines ohne die Gänge durch „Planten & Blomen“, eine Parklandschaft, in ehemaligen Wallanlagen, Friedhöfen, einem Zoo und einem Botanischen Garten errichtet, die deshalb so süchtig macht, weil sie auf relativ kleinem Raum eine Anzahl von Eindrucken sammelt wie kaum ein anderes Feld Kultur. Von den Stauden-Beeten zwischen Zivilgerichtsgebäude und Springbrunnen hin zu den englisch anmutenden Wiesen, auf den fast zynisch schon die Untersuchungshäftlinge Ausblick haben – dann hinein in den letzten Rest des Wallgrabens, aus dem Karpfen aufspringen, fett und rot, hohe Bäume Schatten werfen und seltsame Beton-Arkaden im dunklem Grün den Bogen des Gewässers nähren – vorbei am „Narzissenhügel“ auf die „Mittelmeerterassen“, wo Erinnerungen an tief im Hirn versunkene Hotel-Parkanlagen in Jugoslawien-Urlauben, damals, sich neu erheben und mit dem Sonnenbaden in schweren, weißen Holzstühlen zu reiner Wohligkeit verschmelzen  … den Rest des Rundgangs erspare ich, kann ja jeder selbst ablaufen und genießen. Will ja auf ganz anderes hinaus: Ein Interview mit Alexander Kluge in der SZ, das vor Aphorismen nur so strotzt und fast schon eine Welt entwirft, weil es Perspektiven schafft, die Wohlvertrautes ganz botanisch neu arrangieren und ihm so seinen Zauber zurück geben:

„Ja, die Idee des Gartens, das Bedürfnis nach Parks – das ist eine schöne Gewohnheit der Menschen, von den Gärten der Semiramis bis zum Central Park in New York. Das ist nichts, wo man arbeitet, da gehe ich umher, habe Luft, kann verschiedene Pflanzen sehen. Ich bin nicht im Dschungel, nicht auf einem Acker. Ich bin in einer zivilisierten Natur. Und das gefiel uns, weil alle bewegten Bilder eigentlich nur zu genießen sind als Garten, zum Umhergehen. Natürlich würde ich vor einem Kino nie eine Gartenanlage machen – das Kino braucht das gar nicht. Das ist eine wunderbare Höhlenlandschaft, eine Grotte von Natur aus. Wenn Äneas Dido trifft, in einer Grotte, genauso ist das im Kino. Während das Online-System ein sehr offenes Gelände ist, wo jeder sich tummelt.“

 

Toll. Ja, völlig richtig: Erlöst die Tatsachen von der menschlichen Gleichgültigkeit!

Ach, schön, da dazu zu gehören!

Gepflegter Sommer-Kick, zwei schöne Tore, Wechselgesänge mit der Mannschaft zum Saisonfinale, das „Funktionsteam“, Streber-Stani und die anderen, drehen ’ne eigene Ehrenrunde mitsamt Welle,  allesamt harren aus auf den Rängen, singen und keiner will gehen noch lange nach Abpriff: Ganz ehrlich, immer noch lieber mit dem FC St. Pauli Achter in der zweiten Liga werden als mit Wolfsburg Meister.

Balkonien versus „Naturzweckhaftigkeit“: Klappe halten beim Anblick der Balkonpflanzen aus dem Gartencenter (zufällig gerade meine „Ästhetische Theorie“ auf dem Küchenregal wiederentdeckt)

„“Wird nach bürgerlicher Sitte Menschen als Verdienst angerechnet, daß sie so viel Sinn für Natur hätten – meist ist er ihnen bereis zur moralisch-narzißtischen Befriedigung geworden: wie gut müsse man sein, um so dankbar sich freuen zu können – , so ist kein Halten mehr bis zum Sinn für alles Schöne aus den Heiratsannoncen, als den Zeugnissen armselig geschrumpfter Erfahrung. Schwerlich ist etwas von ihr im organisierten Tourismus übrig. Natur zu fühlen, ihre Stille zumal, wurde zum seltenen Privileg und es wiederum kommerziell verwertbar. Damit jedoch ist die Kategorie des Naturschönen nicht einfach verurteilt. Die Abneigung, von ihm zu reden, ist dort am stärksten, wo Liebe zu ihr überlebt. Das Wort „wie schön“ in einer Landschaft erletzt deren stumme Sprache und mindert die Schönheit; erscheinde Natur will Schweigen, während es jenen, der ihrer Erfahrung fähig ist, zum Worte drängt, das von der monadologischen Gefangenschaft für Augenblicke befreit. Das Bild von Natur überlebt, weil seine vollkommene Negation im Artefakt, welche dies Bild errettet, notwendig gegen das sich verblendet, was jenseits der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Arbeit und Waren wäre.“

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt 1995, S. 108

Adorno und Homophobie – 1.) Minima Moralia

„Ein zähes Nachleben sollte dieses Stereotyp und die Idee eines inneren Zusammenhangs zwischen Nationalsozialismus und Homosexualität in den von psychoanalytischen Ansätzen beeinflußten linken Theorien haben. Der Literaturwissenschaftler Andrew Hewitt arbeitet in seiner Untersuchung „Political Inversions – Homosexuality, Fascism an the Moderbist Imaginary heraus, dass die „Homosexualisierung des Faschismus“  – die in Adornos Diktum „Totalitarismus und Homosexualität gehören zusammen“ in „Minima Moralia“ gipfelte – in den Theorien der Frankfurter Schule eine zentrale Rolle gespielt hat.“

Homosexualität und Staatsräson: Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900-1945
Von Susanne Zur Nieden
Veröffentlicht von Campus Verlag, 2005, S. 43

Na, wo jetzt Benno Ohnesorg von der Stasi erschossen wurde, können wir ja ruhig wieder den §175 einführen. Weil: Vor ’68 war die Welt ja völlig in Ordnung und spießig schon mal gar nicht. Das kam alles erst dann. Die Nazis ware die Anti-Spießer mit ihrem Gehorsam, ihren Uniformen,  ihren Mütterkreuzen und ihren Keulen schwingenden BDM-Mädchen mit deren langen, blonden Zöpfen, und danach war wieder alles gut, aber nicht spießig. Weil’s  im Adenauer-Deutschland Privileg Adornos war, homophob zu intrigieren; dass dies möglich war, überhaupt durch derartige Anspielungen Professuren zu verhindern, hat die damals schon gültige Herrschaft der Kritischen Theorie im akademischen Kontext bewirkt (Heideggerianer prusten bitte: Jetzt!).

Konservative und Christen fochten derweil fröhlich und libertär  für die Homo-Ehe, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau vom Manne, retteten masssenhaft unehelich Schwangere vor dem Freitod, schubsten Arbeiterkinder in Universitäten,  und vollbrachten – so Guido Knopp – eine gigantische Integrationsleistung durch Wiedereingliederung der Nazis in Behörden, Staatssekretariate und Justiz, was dann eigentlich nichts anderes war als ein Versuch, Homosexuellen den roten, sorry, war nicht so gemeint,  Teppich im neuen Staat auszurollen.

Doch dann kam der Mief in Gestalt von Dutschke und Konsorten über uns wie das Unheil in die Heide, und die Orgie war vorbei. Ist ja eh bei jeder Lektüre von Gaywest zum Beispiel offenkundig, dass Schwulenfeindlichkeit ein linkes Projekt ist seit des „Apostel“ Paulus Zeiten, dieser olle Sozi mit seiner Sympathie für das griechisch-heidnische Erbe im Zuge des Jüdisch-Christliche-Traditionen-Begründens, die Aufklärung von langer Hand vorbereitend: Das ist Europa!

Kenne Frau Zur Nieden nicht und habe googlend eben nur jene Passage ihres Werks gelesen; diese Theorie ist in der Tat mir persönlich aus feministischen Zirkeln zu Ohren gekommen in den 80ern, an allerhand Spuren dieser Topoi in Schriften zum Faschismus von Adorno und seinem Umfeld meine ich mich zu erinnern – aber wie unten in der Kommentarsektion bereits gesagt: Recherchiere ich noch.

Ansonsten kenne ich das eher aus der BILD, die zu Beginn des neuen Jahrtausends eine Biographie zitierend Hitler für schwul erklärte – bei Erich Fromm galt der noch als nekrophil -; auch von Kommentaren Konservativer in diversen Blogs, die der These, das „3. Reich“ sei ein schwules Projket gewesen, nur allzu willig folgen, um zugleich wutrot sich zu erregen, dass es eine Frechheit von den Arschfickern sei, sich mit Juden auf eine Opfer-Stufe zu stellen, die Perversen seien ja noch nicht mal in richtigen KZs gewesen und sollten gefälligst ihre Klappe halten, wo da eh meistens ein Schwanz drin steckt.

Nun reibt man sich angesichts diesen Adorno-Zitates oben im Text zunächst erschrocken die Augen, blättert nach – in der Stelle, die soeben ich fand, steht: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen.“ Vielleicht steht das Zitat oben ja woanders.  Ist von Adorno vermutlich auch nicht freundlich gemeint, aber dann doch was anderes, oder irre ich?

Er ereifert sich über „Tough Guys“, die im Smoking Whiskey-Soda trinken und ihre Unabhängigkeit demonstrieren, während allein sie abends in die Wohnung selbstzufrieden zurück kehren, diese Isolationisten ohne Weib, verdächtig,  um dann – ich stückel jetzt – sich weiter hin zum Folgenden zu assoziieren:

„Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whiskey (Nörgler, Du bist gemeint!), jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert. Die He-Männer wären also ihrer eigenen Verfassung nach, als was sie die Filmhandlung meist präsentiert, Masochisten. Die Lüge steckt in ihrem Sadismus, und als Lügner erst werden sie wahrhaft zu Sadisten, Agenten der Repression. Jene Lüge aber ist ist keine andere, als daß verdrängte Homosexualität als einzig approbierte Gestalt des Heterosexuellen auftritt. (…) Am Ende sind die tough guys die eigentlich Effiminierten, die der Weichlinge als ihrer Opfer bedürfen, um nicht zuzugestehen, daß sie ihnen gleichen. Totalität und Homosexualität gehören zusammen. Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist (das kenne ich aus liberalen Blogs). Die Gegensätze des starken Mannes und des folgsamen Jünglings verfließen in einer Ordnung, die das männliche Prinzip der Herrschaft rein durchsetzt. Indem es ohne Ausnahme, auch die vermeintlichen Subjekte, zu seinen Objekten macht, schlägt es in die totale Passivität, virtuell ins Weibliche um.“

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, S. 72-73, Frankfurt/M. 1951

Wozu braucht der denn da eigentlich die Homosexualität? Für seine dialektischen Schlenker? Und wieso ist das Weibliche passiv? Er meint wohl, in den Augen der He-Men sei das so, und man kann ja doch froh sein, das es mittlerweile auch Frau Schwarzer und Frau Butler gab, wenn man das liest. Und  hätte Adorno sich mal mit Frau de Beauvoir und Herrn Sartre ernsthaft beschäftigt, anstatt den Existentialismus sich über angeklebte Bärte zu erschließen,  dann hätte die Passage doch eigentlich die Chance gehabt, gar nicht so blöd zu sein – wenn man diese Albernheiten über das, was der Herr sich unter Homosexualität vorstellte (und wie mancher sie zu seiner Zeit wohl auch leben mußte, der Teddy  konnte ja nicht mal eben in der Wunderbar oder von mir aus auch im „Tom’s“ vorbeischauen, schade, die Texte wären ein Spaß geworden, die dabei rausgekommen wären!,  und kannte vermutlich auch all die damaligen Treffpunkte nicht, sondern nur Golo und Thomas Mann) und den dämlichen Satz mit der Totalität streicht, dann kann ich mit dem Gedankengang schon was anfangen …

Schade!

Na, ein Fussballfest war das ja nicht eben gerade. Hätte es Werder soooooo gegönnt, nachdem sie stellvertretend für uns den HSV so wundervoll geärgert haben. Mit Diego wäre das nicht passiert …

Ja, ja, wer zu spät kommt …

… also ich bei Lektüre von Lysis und überhaupt der Thematisierung des Falls Horkdorno/Golo Mann (genaueres einfach drüben lesen). Hätte ich hier früher zur Diskussion stellen müssen, war mir auch über den Weg gelaufen, weil das Thema „Adorno und Homophobie“ ja auch ein systematisches sein kann, dass sich nicht nur persönlichen Ängsten, sondern auch einer bestimmten Rezeption der Psychoanalyse Freuds verdanken könnte.

Aber selbst wenn das so ist – ist das Grund genug für den folgenden Kommentar? Dann müßte man ja auch Marx ächten, weil Honecker sich auf ihn berufen hat …

 

„Ja, und mir geht’s darum, diese Säulenheiligen (Adorno, momorulez) zu stürzen, weil ich die autoritäre Idolatrie, die sie in der „anti“deutschen Linken erfahren, nicht ertragen kann. Ein Personenkult, wie er hier vorliegt, muss so lange verletzt und gekränkt werden, bis die Reflexion wieder einsetzt.“

 

Zur Vertiefung und Begründung kann man ja ebenfalls drüben den Kommentarstrang lesen …

Finanzkrise? Viel schlimmer ist die Petunienkrise!

Als Innenstadtbewohner hat man nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Speckgürtel-Mäuse (nördlich von Hamburg auf der Lobbyisten-Armutskarte übrigens tiefgrün). Riesige Gartencenter gibt’s hier nicht, aber ich liebe den Stand auf meinem Wochenmarkt (welches Integral und Differential da wohl zutrifft?) mit all den wundervollen Pflanzen, und auch bei „Kögel“ an der Schanzenstraße, da bin ich im Frühjahr Stammkunde. 

Doch dieses Jahr ist’s wie verhext: Petunien nur in kleiner Auswahl, und die tiefgründig scheinenden dunkelvioletten, die so dramatisch mit rosa und gelben Rosen konstrastieren, die finde ich einfach nirgends. Schrecklich. Sonst gab’s die immer schon überall Ende April. Jetzt schenken die „Gebrüder Grimm“ und „Grace“ mir erste Blüten,  mein rosa Hochstamm steht in voller Blüte, duftet intensiv und geheimnisvoll,  anmutig hängen die Blüten und neigen sich dem Kasten für die Sommerblumen zu – und der ist leer. Fast Ende Mai, und er ist immer noch leer. Jeden Morgen dies Gefühl der Leere beim Blick auf den Balkon … um mich in diesem Blog endlich mal wieder den wirklich großen Themen zuzuwenden. Wer nur quantifziert, der wird ihn nie erleben, den Zauber der dunkelvioletten Petunie 😉 …

„Das Imaginäre“ – Fantasie an die Macht?

Gibt ja von Sartre das Buch „Das Imaginäre“ – habe nie verstanden, was er mir da erzählen wollte, und frag mich trotzdem, was das heißt, „imaginär“.

In Sartres  Heidegger mißverstehenden Minimal-Anthropologie hingegegen ist „Der Entwurf“, also die Vorstellung, wie man werden wollen könnte (nicht was), indem man grübelt, was man tun will, konstitutiv für die Freiheit des „Für-sich-Seienden“, des Individuums. Genau dieser Entwurf vollbringt jene Negation, die Personen nicht im qualitativen So-oder-So-Sein verharren läßt, die Wandlung erst ermöglicht.

Jeder Hollywood-Film folgt dieser Denke, die genuin auch gar nicht sartrisch ist:  „Die Heldenreise“ wird da proklamiert ganz wie in der Jungianischen Psychoanalyse. Ein Ruf erfolgt (doch noch mal den Mount Everest zu besteigen, ein Raumschiff zu retten, nach Phobos zu fliegen und gegen Aliens zu kämpfen), der Noch-Nicht-Held zaudert,  legt dann doch los und wächst an seinen Aufgaben, und DASS er wachsen kann, DAS macht ihn frei, nicht die Partizipation am Markte – so wird er vom zögerlichen Weichei zum Helden,  beflügelt  diverse Fantasien in Zuschauerhirnen, die insbesondere zu pubertären Zeiten solche Bilder nutzen, sich selbst zu entwerfen. Aber sind Hollywoods Helden nicht, ja, alter Topos, ganz schön stereotyp geworden?

Auffällig freilich ist, was im Gefolge pubertären Fantasien, das heißt wohl „erwachsen werden“, alles zusammen bricht, während man in Giro-Konten und Arbeitgeberbefehle gezwängt im Hamsterrad läuft, und These, vielleicht liegt darin ja auch „die Krise“ begründet? Daß außer einem „MEHR!“ und „WEITER!“ in einer Richtung, nämlich der Mehrung des Geldes, der Blick sich wendet und aus dieser kriterienlosen Selbstbezüglichkeit des Kapitals dann statt toller neuer Internetze nur Finanzmarktprodukte entstanden sind? Na gut, das i-phone auch ich hasse es.

Auch im Umgang mit sich selbst zeigt sich das bei manchen, bei vielen? – neulich im Aufsatz über Schülerjungensgruppen, unten zitiert, fiel auf die totale Verarmung des Fantasielebens der Kids, der Autorin und mir auch: Dass hinsichtlich der eigenen Zukunft lediglich die Kombination aus „Ernährer“ und „Penetrierer“ die Jungs sich vorzustellen vermochten, und, natürlich, ganz wie im Sport im Job im Zukunft eben konkurrieren zu wollen, nicht etwa: Schöpferisch tätig zu sein, sich zu verwirklichen und wie all diese Slogans damals eben lauteten. Vorstellungen diesbezüglich liegen wohl mittlerweile brach in Heten-Hirnen und jenen, die sich einüben, welche werden zu wollen.

Verwandte Begriffe wie „ideenreich“, „trickreich“ oder „kreativ“ vermögen das Wundervolle und ggf. auch Schreckliche des Fantasierens gar nicht zu erfassen. Es kann so wundervoll, so schrecklich sein – Hypochonder, der ich bin, kann ich gar nicht bei Zahnschmerz zum Zahnarzt gehen, ohne mich vorsichtshalber auf eine Krebsdiagnose einzustellen, weil sich bestimmt was Fieses im Kiefer gebildet hat. Sie blieb aus, die böse Diagnose, uff!, hatte schon wieder mit dem Leben abgeschlossen, aber da die Zahnärztin als ganzheitlich sich verstand und so großartigerweise viel Wert auf Kommunikation legte, hat sie mir dann jedes Röntgenbild und Sinn und Zweck jeder Attacke mit dem Bohrer in Kiefertiefen ganz genau erklärt: Wie Kalk sich bildet rund um Nerven, um Karies abzuwehren, z.B., eigentlich ja auch ganz fantasievoll vom Zahn. Fand ich gut, diese Erläuterungen,  half meine überbordenden Vorstellungen zu regulieren. Um ein ganz lebensnahes Beispiel über die Wechselwirkung von Realitätsprinzip und wuchernden Fantasien anzuführen.

Nun gibt es auch Mord- und Selbstmordfanatsien, miese Pornographie fantasiert über Vergewaltigung, wobei z.B die Fantasie, übermächtigt zu werden, mir selbst so fremd auch nicht ist als erotische: Was ist das für ein Spiel, dieses Fantasieren, eigentlich? Und wieso scheint, dass mir trotz all des Wissens um das Destruktive, das Fantasieren anrichten kann – die 9/11-Flieger hatte solche ja durchaus auch –  , dass so grausam nüchtern diese Welt geworden ist? Wieder was nicht mitbekommen?

Vielleicht ist’s Verklärung alter Kinderreiche, dieser Welt voll mit Roncalli, Postpunk, The Cure, Boy George und Peter Greenaway, Tuxedomoon, David Cronenburgs  „Die Unzertrennlichen“, morbide wundervoll bis zum Ende fantasiert,  und selbst das wundervolle „Dschungelbuch“ – kann es sein, dass durch eine völlige Unterwerfung aller Fantasie diese Reiche längst eingeebnet sind, und selbst Kino-Spektakel wie „Der Herr der Ringe“, als „Fantasy“ gelabelt, faszinieren doch eher durch Technik und Optik als durch eine Treiben der Bilder, Figuren und Gedanken, bei Harry Potter mag das anders sein. Und bestimmt ist eine Menge los z.B. in der Spiele-Industrie, was mir entgeht.

Trotzdem: Irre ich, oder ist der Fantasiespielraum nicht viel weiter aus den Lebenswelten verdrängt, wegformatiert und in klare Lebenslinien verbannt, als das noch in den frühen 80ern war? Nein, ich will hier nicht neoliberaler „Flexibilität“ hinterher reden, ganz im Gegenteil, dieser Druck von außen treibt Fantasie ja gerade aus, wo ich Ermöglichung ersehne. Ist das so, weil Angst vor Weltfremdheit, Versagen, Moral und Effizienz sie  eingestampft hat in einer Wüste aus Volkshochschul-Realismus und Marktförmigkeit? Vielleicht sollte statt Ritalin und SSRI-Wiederaufnahmehemmern doch wieder LSD trendy werden? Weil’s doch eigentlich Ziel eines jeden Konservatismus ist, die Fantasie uns auszutreiben – Neo Rauch malt deshalb Rätsel. Das ist was anderes.