Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: April 2009

Homophobe sind Psychopathen

„Sie schreiben: “…Man ist homophob oder schwulenfeindlich wie man blond oder braunhaarig ist…” Nein, dem ist nicht so. Wie sehr seriöse wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, ist homophob sein oder gar Lesben hassen eher zu vergleichen mit einer Grippe- oder Krebserkrankung, je nach Grad der Schwere. Therapeuten haben immer öfter gute Erfahrungen bei der Veränderung von Homophoben zu eigentlich ganz umgänglichen und vor allem selbstzufriedenen Menschen gemacht.“

Ging ja durch allerlei Blogs, dieses hier modifizierte und mittlerweile dort gelöschte Zitat aus einem CDU-Forum, bei Somlu ausgiebig zitiert. Hat mich wirklich ergreifende Reaktionen provoziert – ich hätte zu Schulzeiten nie gewagt, offen zuzugeben, wen oder was ich gerade liebe und begehre. Flüsterte es engsten Freundinnen (!!!) zu, der Schwester auch, zögerlich dann der Mutter – die legte sich psychoanalytische Ratgeber zu, die Probleme in der Mutterbeziehung als „Ursache“ konstatierten. Von da an hatte sie dann Schuldgefühle und ließ es mich spüren – dass Schuldgefühle ein Akt der Autoaggression sind, der sich ggf. auch gegen andere richten kann, das erfuhr ich so einmal mehr. Wer über bestimmte Varianten der „christlichen Kultur“ schreibt und diese dahingehend beschwört, dass sie uns doch alle prägte, der sollte genau das mit bedenken, denn in der Hinsicht könnte er Recht haben. Jesus hätte das so vermutlich nicht gewollt und würde leiden unter dem, was in seinem Namen getrieben und proklamiert wird.

Nicht zufällig äußert sich Homophobie allerorten in Gewaltandrohungen und ganz realer Gewaltanwendung, ganz, wie sie ihm angetan wurde; noch die Massaker-Jungs vor 10 Jahren in der Columbine-Highschool riefen aus „God is gay!“, bevor sie ein Opfer mit Schusswaffen, ja, abspritzen!, schwer verletzten, das sich zu ihm bekannte. Und das, nachdem sie jahrelang als „Faggots“ von den coolen Sportlern ihrer Schule beschimpft wurden – das zerrspiegelten sie widerlichst, sich als „Outcasts“ feiernd und doch nur brutalstmöglich den Mainstream bedienend.

Auch kein Zufall, dass einer der beiden, Eric Harris, auf Air Force-Bases aufgewachsen ist. So geschah’s, dass er später Killerspiele wie „Doom“ so gerne spielte. Sein Vater äußerte spontan bei dem ersten Polizeibesuch, nachdem sein Sohn und dessen Kumpel 13 Menschen killten, dann sich selbst,  nachdem sie sehr viele schwerst verletzten, dass es doch nicht erstaunlich sei, dass ein Junge, der zu den Marines wollte, sich für Bomben und Explosionen interessierte. Es war  nämlich herausgekommen, dass bereits zuvor die Eltern Rohrbomben, wie später sie in der Columbine Highschool die Täter um sich warfen, bei dem Jungen im Zimmer gefunden hatten.

Liest man anschließend, dass Obamas Initiative, offen schwule Karrieren  beim US-Militär auch zu ermöglichen, als Reaktion hoher Militärs die Angst vor Wehrkraftzersetzung nach sich zog, dann fragt man sich ernsthaft, ob die Propagierung von offener Homosexualität nicht der direkte Weg zum Weltfrieden wäre. Make love not war!

So ein Denken ist out, erstaunlicherweise. Noch die „Tuntenbewegung“ in den 70er Jahren fand es selbstverständlich, sich mit den patriachalen Männerbildern und der ihnen inhärenten Gewalt auseinanderzusetzen. Daraus geworden ist, dass das allgegenwärtige „Voll schwul, ey!“ vor allem feminin Konnotiertes bzw. Kodiertes bei Männern benennt. Finden aber alle „normal“. Bis auf Alice Schwarzer, die ich zwar noch nie ausstehen konnte, die aber deshalb so großartig ist, weil sie so wenig fürchtet, auch zunächst nur ganz schlicht und platt  Erscheinendes eben auch zu schreiben und dabei Recht zu behalten:

„(…) um die Ungeheuerlichkeit der Normalität klarzumachen: Die Norm ist, dass Männer Frauen ermorden (in 90 Prozent aller Mordfälle zwischen den Geschlechtern). Weibliche Amokläufer sind (bisher) quasi inexistent. Nicht etwa, weil Frauen die besseren Menschen wären. Nein, weil Frustration und Aggression sich bei Frauen traditionell anders Bahn brechen als bei Männern, nämlich weniger nach außen und mehr nach innen, weniger physisch und eher psychisch.

Reden wir also nicht länger drum herum, und warten wir nicht auf die Erkenntnisse von Ermittlern, die sich die zentralen Fragen noch nicht einmal stellen. Selbstverständlich hat die Tat von Tim K., dem Mädchenmörder, etwas mit seinem Verhältnis zu Frauen zu tun! Genauer: etwas mit seiner Art, ein Mann werden zu wollen, woran er gescheitert ist.

In der Genderforschung spricht man bei diesen gewalttätigen pubertierenden Jungen von einer »Konstruktion« der Männlichkeit. Denn die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt hat eine jahrhunderte-, ja jahrtausendealte Tradition. Und schon lange warnen Studien, vor allem aus den USA: Die Männergewalt eskaliert bei sich verändernden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern.“

Was Frau Schwarzer dabei freilich ignoriert, ist, dass jenseits von Winnenden, wo in der Tat erstaunlich ist, wie weggedrückt wurde, dass Tim ein Mädchenmörder war, Männergewalt gegen Männer so unüblich auch nicht ist – und das freilich aufgrund der gleichen Rollenkonstruktion.

Jene Rollenkonstruktion ist es auch, These, die hinter der Homophobie steckt und die alle Sphären gesellschaftlicher Gefüge durchdringt. Homophobie bei Männern  ist eine Form von Gewalt und eine drastische Form Psychopathologie zudem, weil sie sich letztlich gegen die eigenen, „weiblichen“ Seiten richtet, sie insofern eine Form der Autoaggression darstellt. Wer sie fordert oder fördert, ist schlicht ein potenzieller Gewalttäter, der sich und andere gefährdet.

Was ich jetzt einfach mal loswerden mußte …  um ansonsten zu fordern, dass man sich lieber mal wieder verstärkt den Ursachen von Homophobie und Frauenfeindlichkeit zuwenden sollte als jenen, warum denn Individuen Individuen lieben und begehren. Ich hoffe ja, dass noch die finstersten Homophoben nicht heterosexuell lieben und begehren, sondern ihre Frau. Falls sie das können.

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Kunst = Verknappung, Popkultur = sofortige Bedürfnisbefriedigung?

Stand ungefähr so in der aktuellen Spex, die These in der Überschrift. Wäre sie wahr, dann wären die meisten Blogs, auch die, die sich „literarisch“ geben, Popkultur – ist aber wohl eher eine Vermarktungsfrage, die These in der Überschrift, und nicht eine Aussage über die Qualität, soll heißen: Eigenschaft von X.

Für mich ist Popkultur ja eher dann gut, und sie ist sehr gut abgehangen, diese Meinung, wenn ein und dasselbe Werk immer wieder neu auch neue Bedürfnisse befriedigt, man immer Neues in ihm zu entdecken vermag. Das gibt’s.  Wenn noch beim hundersten Hören eines Albums etwas auffällt, was die Welt im anderen Lichte erscheinen läßt.

Oder aber wenn sie campy-trashig kurz mal Spaß macht. Ist ja auch nix gegen einzuwenden.

Blog-Einträge sind in den meisten Fällen wohl eher letzteres. Hab’s zumindest meinerseits versucht, die Flüchtigkeit auch einzufangen, Tippfehler und Füllwörter stehen zu lassen, um das Prinzip  „mal eben loswerden“ noch zu betonen. In der Hoffnung, dass es gerade die Spontanität ist, die dieser Nebenbeschäftigung Sinn gibt.

Wichtig war’s mir, so lange ich unter dem Joch des Angestelltendaseins ächzte, die Emotion, die Antrieb war, auch zu zeigen – gerade in politischen Diskussionen, und gerade weil die Sujets, in die ich mich einmischte, sich eben diesem Druck (und ähnlichem Druck) sehr oft verdankten. Was mir als Argument erscheint, nicht als sachfremd – zeitweise war’s wichtig für meinen Gefühlshaushalt, das Bloggen mir als Ventil zu erhalten. Hat sich alles ein wenig verändert, seit keine dumpfen Chefs mehr mir das Leben schwer machen.

Dimensionen des Bloggens, die im folgenden SpOn-Interview anders sortiert ihren Ausdruck finden:  

„Einen Roman zu schreiben, bedeutet, sich Dinge zu notieren und wegzulegen. Irgendwann wachsen sie zu etwas heran, was Literatur wird, was sich ins große Ganze fügt. Wenn man sich aber diese kleinen Geschichten selbst wegnimmt und sie sofort publiziert, weil da dieser Drang ist, die Leser zu füttern – dann sind die Leser irgendwann satt. Das ist wie mit einer Schauspielerin, die in jeder blöden Talkshow rumsitzt, in jeder kleinen Serie mitspielt, bis die Leute sagen: „Ach, diese Lara Maria Schießmichtot schon wieder“.“

 

Kann ich einerseits verstehen, und doch auch gar nicht – habe das Loswerden und die Debatten hier und andernorts eher als inspirierend für medialen Output im wahren Leben, durchaus mit Werk-Charakter, erlebt. Da fand sich vieles wieder. Das Bloggen verstand ich so eher als Testing-Field für Argumente, und am wichtigsten erschien mir oft die Gegenpositionen – weil ich hier ganz gnadenlos subjektiv drauflosbrettern kann, in den Werken im wahren Leben geht das nicht, weil zumindest ein „einerseits – andererseits“ vollzogen werden muß, und das muß man sich dann halt erst mal anhören. Na, meistens gilt dieser Differenzierungen suggerierende Blick. Gibt da allerdings auch ’ne Emotionalität, die Anspruch auf objektive Gültigkeit erhebt in manchen Produktionen, aber das ist ein weites Feld …

Nun empfand ich im Zuge des Bloggens die so gute, alte und wichtige Trennung zwischen Literatur und „Sachtexten“ zunehmend unerheblicher,  weil gerade in diesem virtuellen Raum sowieso alles Literatur ist, weil jeder als Blogger eine Figur ist, die etwas will und dabei auf antagonistische Kräfte stößt, und Zack, ist sie da, die Standard-Dramartugie. Auch weil das Spannende am Bloggen der Dialog sein kann, nicht muß, der folgt (kann auch das Nervtötende sein) – und am stärksten tritt die genuin literarische Struktur wohl in jenen Texten, die als sachliche Erörterung sich geben, hervor, weil sie dem Chaos des Erlebens eine reine Wunscherfüllung entgegen setzen, somit Fiktion.

Nun ist Literatur nur dann gut, wenn sie Selbstausdruck- und Darstellung auch transzendiert, und vielleicht liegt ja da die Pointe, die die verlinkte Frau Autorin meint. Und bemerkenswert ist, dass eine Frau sie formuliert, nicht umsonst sind Status-Fragen meist Männersache, und deshalb gibt es gerade in der politischen Blogosphäre so viel sauschlechte Literatur. Weil sich da halt vor allem Männer tummeln.

Und in der Tat: Dieses Gefühl, sich nur zu reproduzieren und dann zum hundersten Mal die altbekannte Position zu formulieren und auch noch selbst gewählte Rolle zu spielen, ganz wie die Talkshowgäste – das trifft schon, das Bild, das sie wählt. Nur kann man gerade dann, wenn es um Politik geht, auch nicht ständig neue Positionen suchen, nur um sich nicht mit sich selbst zu langweilen – weil die, die man vertreten hat, ja nicht von heute auf morgen falsch werden. Das ist fatal als Mechanismus, weil’s mitten hinein ragt in’s politische Geschäft.

Nun isses mir erstmals passiert, dass mir ein Thema über den Weg lief, das so komplex, so verstörend und so vielschichtig ist, dass ich hier glatt verstummt bin. Ist völlig egal, welches das ist, saß aber alltäglich da und dachte: „Komm, nun schreib mal drüber“, ging nicht, weil das Sujet jeden einfachen Zugang verbietet und erst mal Denken sprengt.

Aber vielleicht isses das, was den Grundwiderspruch des Bloggens offenbart: Dass ja ständig – in der politischen Blogosphäre – die gaaaaaanz großen Themen diskutiert werden, aber aufgrund der Struktur der Medialität des Bloggens selbst – Tagebuch – diese Form des Textes völlig unangebracht ist, sie zu thematisieren, weil eben gerade Vielschichtigkeit, Verdichtung und Unauflöslichkeit die Qualität eines Textes ausmachen dann, wenn er die Erfahrung des Sujets formuliert. Was ja als These so gar nicht neu ist, aber mir vielleicht selbst begreiflich macht, warum ich hier immer öfter verstumme.

Vielleicht gründet trotzdem darin die ganze Interblog-Empörerei, weil alles auf moralische Grundsatzfragen verkürzt wird, am stärksten von jenen, die Moralisieren geißeln mit zumeist hohem moralischen Anspruch – und wenn das so ist, ist Bloggen wohl die optimale Methode, sich selbst die Welt vom Leibe zu halten. Am schlimmsten bei jenen, die der „Popliteratur“ der 90er folgen und fortwährend gestelzt „Alltagsbeobachtungen“ formulieren, um möglichst keine Alltagserfahrungen machen zu müssen.

Weil man nicht kompostieren kann, wenn man gleich raushaut. Was die verlinkte Frau Autorin ja auch genau so sieht. Ich glaube, ich stimme ihr zu.

Der FC St. Pauli klar vor den Bayern!

1 FC Barcelona 3,70 111
2 Atletico Madrid 3,60 108
3 FC St. Pauli 3,59 97
4 FC Bayern München 3,48 94

 

Was eine Tabelle! Großartig! Im Gegensatz zur Darstellung im „Dorfpunks“-Film lebt der Punkrock halt doch noch weiter. Aber wahrscheinlich haben die Spieler der drei Erstplatzierten einfach das ADHS-Syndrom …

Wie Normalisierung funktioniert

Kann nicht mal jemand die Foucaultschen Analysen der Disziplinargesellschaft konsequent auf diesen ganzen Quatsch rund um ADHS anwenden? Das dahinter stehende Menschenbild ist ja geradezu grausam:

 

„Probleme im Alltag mit Impulsivität und Hyperaktivität

 

  • Häufig leiden Erwachsene unter ihrer inneren Unruhe mit der Unfähigkeit, sich zu entspannen. Sie fühlen sich bei ihren Tätigkeiten oft wie von einem inneren Motor angetrieben und erscheinen deshalb nach außen sehr umtriebig. Sie versuchen häufig, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, hasten von Arbeit zu Arbeit, ohne eine der Aufgaben wirklich zu Ende zu bringen.
  •  

    Gab mal Zeiten, da galt „Impulsivität = Spontanität = Freiheit“. Aber seitdem Menschheitssujets wie „Freiheit“ sich an „Entitäten“ wie „Markt“ aufhängen, also Suizid begehen, gilt wohl doch wieder all das, was die „Dialektik der Aufklärung“ diagnostiziert … funktionieret und mehret euch.

    „Dorfpunks“ oder Die Banalisierung der eigenen Biographie aus reiner Feigheit angesichts verdrängter Lust und Wut

    War ja alles gar nicht so wichtig. Man darf die Rolle halt nicht überschätzen – jene der Popkultur. Doppelschwurbel: Tilge das Soziale der 70er und entwerte den Ästhetizismus der 80er, so stößt Du auf die nichtige Provinz und feierst froh den Sinn-Verzicht, die Banalität des Alltags. Dagegen ist jede „Bianca“-Tele-Novela geradezu subversiv. Horkheimer und Adorno hatten schon recht, dass das Kino auf die Verdoppelung des Alltags hinaus läuft, auch wenn sie das eigentlich anders meinten.  Die eigene Bedeutungslosigkeit bedeutungschwängern: Alberner Trick. Wie wasche ich Hände in Unschuld und lasse Lust und Wut nur noch flackern wie’ne Funzel beim Stamm-Italiener? Man gucke „Dorfpunks“, dann weiß man, wie das geht. Ganz familienfreundlich.

    Weil man die Zeit danach ja auch nicht mochte, verbleibt man in den Achtzigern, behauptet sie als letzte Idylle aufgrund ihrer Langeweile – gut, wie zur Rechtfertigung prügeln auch mal kurz Skins und Rocker, wieder nur Flackern. Zum Einstieg gibt’s Tritte in die Fresse, die stärkste Szene muss ja als Einstieg herhalten, um die Zuschauer hineinzuziehen, gähn. War wohl der Fernseh-Redaktuer, der das forderte.

    Billy Wilder wußte noch, dass man mit einer Explosion einsteigt und dann langsam steigert – dies Prinzip einfach umzudrehen, immer mehr nachzulassen, das ist Trend, weil: Familienfreundlich. Warum auch durch Intensität Fragen stellen? Dass die Anti-Intensiven siegten, ist eben auch Kohlismus, nicht enden wollender.

    Man zelebriere die Ratlosigkeit so nachhaltig, dass doch nur dessen Adenauer-Sehnsucht bleibt: Halbe Halbstarke und ganz viel Landschaft, grün ist die Heide, weit der Norden unweit der Ostsee. Man drehe das Ganze noch in einer Bildästhetik unweit von „Neues aus Büttenwarder“ – klar, kann man legitimieren, ist ja ’ne Provinzgeschichte, spielen wir doch mit den Stilmitteln der N3-Tristesse und deuten Ironie nur an. In der Provinz sind alle weiß und fahren Trecker.

    Plötzliche Einsprengsel von Witz – unter dem Banner „Kulturnacht“ in einer Schulaula entsteht, das Publikum bepöbelnd, des Sängers Erkenntnis, dass das punkigste Punk-Konzert ist, gar nicht erst Musik zu machen. Zwischendurch mal Insider-Witze über Whitesnake und Prefab Sprout eingestreut, und ganz plötzlich liebevoll die Teenie-Fete im Partykeller bis in’s Detail der Zeit da einst, die in „Dorfpunks“ noch nicht mal wirklich karrikiert sich findet, nachinszeniert: Da sitzt der weiße Pulli der Korpulenten, selbstgestrickt und über die Schulter gerutscht, wirklich wie bei der Konfimantenfeier ’81, und die Popper-Frisuren sehen auch genau so aus aus, wie’s war.

    Aber ansonsten:Wie in diesem strunzdämlichen Buch von Jan Off, „Vorkriegsjugend“, eine einzige Kasteiung dessen, dass man den Punk-Trip in der eigenen Jugend überhaupt relevant fand. Beim Kino-Machwerk, auf dem Schamoni-Buch basierend, spürt man zu allem Überfluss ganz wie Zahnschmerz, wie das Lektorat Spuren der Dramatisierung hinein redigiert hat, „fast ertrunken auf der Ostsee, existentielle Krise, Wendepunkt, Junge will nun wirklich Musiker werden, aber seine Freunde machen nicht mit“. Autsch. Wodurch dieser verstaubt-verdrängte Selbsthass der Macher – genau der ist es ja, den sie verschütten unter ihrem Willen zum Banalen – in Form eines Filmes, der trotzdem die Landschaft liebt, endgültig auseinander fällt. Ein Trauerspiel. Nee, legt einfach alte Östro 430-, D.A.F. -, Hans-A-Plast und Goldene Zitronen-Platten auf, dann wißt ihr es: Dieser Film lügt.

    „My Gender is music!“

    Gerade auf ’nem Plakat gesehen Cooler Slogan. Gefällt mir.

    Ja, schreib doch „Gutmensch“, Sven Felix Kellerhoff!

    Was ist denn das für eine krude Weltsicht? Selbst wenn – was allerdings als reine Behauptung da im Artikel rumsteht, das mit der „Unterwanderung“, weiß noch gut, wie ich auf Demos und auch sonst Distanz hielt zu den Pfeiffen aus der DKP damals – der „Krefelder Appell“ von „Moskau und Ost-Berlin“ „vorgegeben“ sein sollte, fand ich ihn ja trotzdem richtig damals, als ich ihn unterzeichnet habe. Wer da Übergewicht an Atomwaffen hatte, das war uns schnurz, wir wollten, daß diese Waffen in Ost wie West verschwinden. Erinner mich noch gut, daß wir immer rumwitzelten, daß nun wirklich egal sei, ob man die Welt 20 oder 50 mal in die Luft sprengen kann. Und daß bis heute ein Demokratieverständnis proklamiert wird, man habe eher in Richtung von Diktaturen anderswo zu demonstrieren bzw. im eigenen Agieren sich an diesen zu orientieren, als friedliche Appelle an die je eigenen Volksvertreter zu richten, das habe ich bis heute nicht verstanden – zudem wir ja gegen Pershing und SS20 gleichermaßen demonstrierten.

    Da muß man schon ein außerordentlich seltsames Verständnis von zu mobilisierenden Massen und von Politik überhaupt haben, wenn man davon ausgeht, mein Verhalten einst sei ein Effekt von „Vorgaben“ grenzdebiler Sowjetführer gewesen. Da glaubt wohl noch jemand an den Führer. In unserer „Selbsorganisation der Kriegsgegner“ damals suchten allenfalls westdeutsche Zivilpolizisten Anschluß, keine Sowjetführer, was übrigens kein Witz ist, sondern wirklich so war, damals, im Gemeindehaus einer Kirchengemeinde.

    Und wie kann man denn ernsthaft behaupten, alle Annahmen der Friedensbewegung damals seien falsch gewesen, wenn man den Artikel mit den folgenden Worten schließt:

    „So orientierte sich der „Berliner Appell“ von Robert Havemann und Rainer Eppelmann teilweise am „Krefelder Appell“, drehte die Stoßrichtung aber um: gegen die sowjetische Aufrüstung. So stärkte die Moskauer Kampagne gegen den Nato-Doppelbeschluss indirekt die Opposition im Ostblock und trug damit wesentlich zur Implosion des Kommunismus bei.“

     

    Ja, eben. Der Schulterschluß mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung im Osten, das war schon ganz außerordentlich beabsichtigt. Ebenso wie die Solidarität mit der Solidarnosc. Noch um ’88 herum setzte man sich mit Heidegger auseinander weil man dachte: „Mönsch, wenn der die Dissidenten Osteuropas beeinflusst, vielleicht ist ja an dem doch was dran?“

    Können diese Triumphheuler sich vielleicht mal mit was anderem beschäftigen als mit Moskauer Akten, wenn sie mein Verhalten erklären wollen? Der Text hat zudem die bittere Pointe, daß es wohl besser gewesen wäre, sich mit der DDR-Opposition lieber nicht zu verbrüdern. Und so ging’s dann ja auch weiter im Laufe der Geschichte …

    Hinsichtlich der Annahmen der Moskauer Führung damals ist das aber recht lesenwert, das Verlinkte.

    Evolutionsfeiertag? Ich hätte auch gerne einen für den kategorischen Imperativ!

    „Und je kooperativer Gesellschaften sind, desto militanter sind die Konflikte, die durch sie geführt werden. Man kann sich dies etwa am islamischen Fundamentalismus veranschaulichen. Nehmen wir Osama bin Laden: Innerhalb seines Systems ist er ein Wohltäter. Man könnte fast Tränen der Rührung vergießen, wenn man liest, was er geschrieben hat. Er erscheint als großer Altruist. Als einer, der für Witwen und Waisen Millionen spendete, der ein Leben im Luxus für seine Gemeinschaft aufgeopfert hat. Selbstverständlich nehmen wir Westler ihn nicht als Wohltäter wahr, sondern als gefährlichen Terroristen, der er für uns ja auch ist, da wir seiner „in-group“ nicht angehören. Osama bin Laden ist insofern ein Musterbeispiel für Doppelmoral, die da lautet: Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen, und wir werden mit Gottes Hilfe über euch triumphieren! Dieses religiöse Konzept hat in der Geschichte große Katastrophen heraufbeschworen, und das bis zum heutigen Tag.“

     

    Das ist ja alles sehr spannend, was Michael Schmidt-Salomon dem Tagespiegel zu erläutern weiß – aber ist das nicht in sich komplett widersprüchlich? Also einerseits den Prozess der nicht-zielgerichteten Evolution gegen den Schöpfergott in’s Feld zu führen, noch die Entstehung dessen, was traditionell man „Seele“ nannte, im Sinne dessen als Ergebnis zu begreifen – und auf eine universelle, letztlich in Rationalität gründende Moral der Menschenrechte zu pochen?

    Und das in Zeiten, wo gerade jene universelle Moral im Sinne einer oben skizzierten Partikularmoral, die gegen „kulturell unterentwickelte“ Personengruppen sich richtet, von vielen verstanden wird?

    Auch als vehementem Verfechter einer universellen Moral, der ich bin, wird mir da ganz schwummerig, genau in diesem Sinne wurden ja nun ganz Völker kolonisiert, entrechtet und verklavt, als Unterentwickelte – wenn man das Ganze jetzt auch noch im naturalistischen Sinne als evolutionären Prozess begreift, die Entfaltung und Entwicklung der Menschenrechtsidee, und zudem dem Mythos folgt, dass diese irgendwas exklusiv „westliches“ seien, was für eine Konsequenz hat denn das bitte für „westliche“ Selbstbilder? Die anderen dann doch die Moral-Affen und wir deren Weiterentwicklung?

    Und: Kann man zudem guten Gewissens behaupten, die Menschenrechte hätten quasi-evolutionär sich durchgesetzt? Sonst könnte es ja sein, wenn dem nicht so wäre und zum Beispiel das „chinesische Modell“ demnächst endgültig siegt, dass sie, die Menschenrechte, es – die Kritiker des „Gutmenschentums“ glauben das ja auch – im Sinne „natürlicher Selektion“ (ein Begriff, den auch die Columbine-Massakerjungs super fanden, die wollten da ein wenig nachhelfen) gar nicht bringen und es langfristig gar keinen Grund mehr gibt, sie noch einzufordern?

    Der Mann betreibt eine gemeingefährliche Diskursvermengung mit seinen „Evolutionsfeiertagen“ und seiner wohlbegründeten Religionskritik, wenn er suggeriert, die Evolutionstheorie und Moral, also Menschenrechte, seien der gleiche Typ von Aussage.

    Totalisieren nennt man ja sowas, wenn also naturwissenschaftliche Diskurse ALLES erklären können sollen, und ein naturalistischer Fehlschluß ist es zudem. Der Glaube an den Schöpfergott ist schlicht auf einer ganz anderen Ebene anzusiedeln als die Frage nach der Evolution, und Herr Schmidt-Salomon macht genau den gleichen Fehler wie die Kirchen, wenn er das ignoriert.

    Ebenso ist einfach offenkundig, dass Papst und Moral nix miteinander gemein haben, weil Herrschaft immer unmoralisch ist; nun hat sich das Christentum als historisches Phänomen und Herrschaft ja auch herausgebildet, wie kann man das dann mit evolutionstheoretischen Argumenten kritsieren?

    Ja, da schließt sich der Kreis, weil Glauben, Wissen, Wollen, für richtig und für wahr und für schön halten sich eben unterscheiden … und es die Universalperspektive, aus der all das dann zu begreifen wäre, nicht gibt: Man muss in eine der Diskursebenen sich hineinbegeben, um die jeweils andere kommentieren zu können. Und wer das nicht berücksichtigt, denkt totalitär.